herzliche einladung

Bildschirmfoto 2012-12-11 um 17.29.26

Was kann Demokratie noch? Ist die repräsentative Demokratie noch zeitgemäß? Welche Maßnahmen bringen mehr Partizipation? Fehlt das Interesse an Politik, weil die RepräsentantInnenin Verruf geraten sind? Oder wenden sich die BürgerInnen mit Grausen ab, weil die Spielräume für die gewählten VertreterInnen so klein sind, dass es kaum mehr einen Unterschied macht, wer auf der Regierungsbank sitzt?

Fragen, denen das 1. Diskussionsforum im 5. Jahrgang der „Wirtschaftspolitischen Akademie“ nachgeht. Die Gästeliste verspricht spannende Perspektiven und eine kontroverse Diskussion: Heide Schmidt, die mit ihrem FPÖ-Austritt und der LIF-Gründung für ein 5-Parteien-Parlament gesorgt hat trifft auf Neos-Parteigründer Matthias Strolz, der mit seiner liberalen Liste ins Parlament einziehen will. Respekt.net-Präsident Martin Winkler versucht mit klassischem Crowdsourcing im Internet Geld für Sozial- und Umweltprojekte aufzustellen, die Politikwissenschafterin Ursula Naue beschäftigt sich mit Inklusion von Menschen mit Behinderung und deren gesellschaftlichen Partzipationsmöglichkeiten. Und ich darf den Abend moderieren, was mich besonders freut.

  • „Demokratiekrise – neue Formen der Partizipation in Österreich“
  • Mittwoch, 12. Dezember, 18:30h
  • Aula der Wirtschaftsuniversität Wien, Augasse 2-6, 1090 Wien

Was ich mitbringe: Ein paar gute Fragen. Ich hab mich in den letzten Tagen durch Eva Maltschnigs Buch „Warum Demokratie Parteien braucht“ gearbeitet. Den Erstling der in der Sektion 8 der SPÖ Alsergrund organisierten Autorin kann man sehr flüssig als Abrechnung mit WutbürgerInnen und mit autoritären BesserwisserInnen lesen – oder aber aufmerksam und dabei auf jeder Seite über einen neuen, spannenden Gedanken stolpern. Direkte Demokratie: Ist das Demokratiedarwinismus? Wer geht da hin, wer kann teilnehmen? Organisieren sich postmaterialistische Mittel- und Oberschichtsangehörige mittels direktdemokratischer Instrumente einen Vorteil im Ressourcenwettbewerb mit den sogenannten peripheren Bildungsschichten? Brauchen wahlwerbende Gruppen ein Vollprogramm? Sind Parteien nicht doch die besten Vehikel, um die Welt nachhaltig zu verändern?

Ich schick’s voraus: Ich zweifle am repräsentativen Zweck des massiven Ausbaus der direktdemokratischen Instrumente. Umso mehr freu mich auf eine spannende Diskussion und natürlich auch über viele BesucherInnen.

chance stronach

Zwischen 15 und 20% sehen ihn letzte Umfragen. Frank Stronachs Erfolgsaussichten sind eine große Gefahr für dieses Land. Und eine noch größere Chance.

Keine Frage: Es ist ein widerliches antipolitisches Projekt, das Frank Stronach gestartet hat. JournalistInnen Forumlare unterschreiben lassen, dass sie vor Abdruck alle Texte vorlegen? Geht’s noch? Sich einen halben Parlamentsklub kaufen? Geht’s noch? Das wird Stronachs Truppe aber nicht schaden. An der Thematisierung dieser skandalösen Dinge führt kein Weg vorbei, keine Frage. Aber der Milliardär ist gegen diese Kritik immunisiert. Der Gegenwind der Etablierten gegen seine Partei passt in die Storyline, die Stronach erzählen will: „Die mieselsüchtige politische Kaste ist gescheitert, ich bin ihnen als positiver Macher gefährlich, deswegen wollen sie mir Steine in den Weg legen.“ Das Establishment kann einem Kandidaten, der sich als Anti-Establishment präsentiert, nichts anhaben. Wir kennen das Haider-Mantra „Sie sind gegen ihn, weil er für euch ist.“ Stronach ist sein Wiedergänger.

Gefahr Stronach. Gefährlich machen Stronach vor allem die anderen Parteien. Wenn rot und schwarz seit jeher darauf verzichtet hätten, sich gegenseitig mittels dritter, antidemokratischer Parteien ausbooten zu wollen, hätte es nie einen Haider gegeben. Wenn sie jetzt darauf verzichten würden, dessen Wiedergänger als Option ins Spiel zu bringen, obwohl er gegen fast alle denkbaren Regeln verstößt, wäre er nicht Königsmacher, sondern komischer rechter Rabauke mit praller Kassa. Die Kanzlerpartei und ihre Koalitionspartnerin glauben, sie hätten mit Stronach einen Trumpf im Ärmel. In Wirklichkeit sagt genau deshalb längst der Milliardär die Farbe an. Berlusconi lässt grüßen.

Ein Land voller Deppen? Roter Faden durch alle meine Diskussionen der letzten Tage: Wie können Leute nur so irre sein, Stronach zu wählen? Der verstößt gegen alle Regeln des politischen Anstands. Und trotzdem ist er der Star der österreichischen Politik geworden. Die Leute sind einfach zu deppert, hör ich da immer wieder. Ich seh’s anders.

WählerInnen haben subjektiv immer recht. HaiderianerInnen und StronachianerInnen für dumm zu erklären, bringt uns nicht weiter. Zu fragen, warum ihnen Anti-Politik lieber ist, als Politik, schon. Politik muss den Menschen ein Angebot machen, sich einzubringen und die Rahmenbedingungen des eigenen Lebens umzugestalten. Für die Menschen, die sich nicht einbringen wollen, muss die Politik das Angebot machen, WählerInnen gut und würdig im Parlament zu vertreten. Das kann man angesichts der real existierenden Verhältnisse schlicht nicht behaupten. Ein Blick in die Lohnabschlüsse, in die Verteilungsstatistik, in die Zahlen über Armut in Österreich und ein Blick in die Zeitungen mit ihren täglichen Skandalmeldungen, hilft, die Anfälligkeit der ÖsterreicherInnen für Anti-Politik besser zu verstehen.

Chance Stronach. Und trotzdem ist Stronachs Kandidatur mehr Chance, als Gefahr. Endlich gibt es in dieser Republik eine Diskussion über Mandatskauf. Endlich gibt es in dieser Republik eine Diskussion über schwerreiche UnternehmerInnen in der Politik – ich erinnere an Martin Bartenstein. Endlich gibt es in diesem Land eine Diskussion über Steuerflucht. Wenn Frankieboy aufgrund eines aufklärerischen öffentlichen Diskurses über diese Themen scheitern sollte, war seine Kandidatur eine gute Sache. Wenn die ÖsterreicherInnen entscheiden, dass PolitikerInnen und nicht UnternehmerInnen das Land am besten führen können, ist das ein wichtiges Signal, das über 2013 hinausgeht.

Stronach ist in vielen der aufgezählten Kritikpunkte der Schüssel-ÖVP sehr ähnlich. Nur, dass er ungenierter agiert und es nicht gewohnt ist, sich vor einer demokratischen Öffentlichkeit rechtfertigen zu müssen. Die beiden Parteien, ÖVP und Stronach werden zusammengehen. So wird die Nationalratswahl 2013 endlich eine Abstimmung über eine Koalition. Schwarz-blau-Stronach ist aufgelegt, gar alles inklusive der Arithmetik (momentan 55-58%) spricht für diese Variante. Ich halte die Tatsache, dass wir die Richtungswahl kriegen, die wir im November 2006 wegen Gusenbauers Feigheit nicht gekriegt haben, für eine Chance.

5 schöne schlüsse aus der wiederwahl

  1. What you call ‚minorities‘ is the new majority

CNN-Landkartenzauberer John King macht normalerweise keine Fehler. Er ist vorsichtig mit Prognosen, hat gestern zwei Stunden lang immer wieder gesagt, dass Florida und damit die Wahl eigentlich für Obama gewonnen sind, ohne Florida zu ‚callen‘, also eine sichere Vorhersage zu machen. Vier Tage vor der Wahl sagt John King ‚if Obama falls below 40 percent of the white vote, there’s hardly any path to 270.‘ Gestern haben laut Wahltagsbefragungen von CNN 61% der „weißen“ AmerikanerInnen Mitt Romney ihre Stimme gegeben, Barack Obama hat die 40%-Hürde 2008 noch leicht genommen, gestern hat er weniger als 40% der „weißen“ Stimmen bekommen. Aber das, was so lässig „Minderheiten“ heißt, ist keine Minderheit mehr. Es gibt eine neue Mehrheit in den USA. Die politische Landkarte ist mit der Wiederwahl Obamas nachhaltig verändert. Der Präsident hat 6 Bush-Staaten zwei Mal hintereinander gewonnen, mitunter mit massiven Stimmenunterschieden weit jenseits der Schwankungsbreiten: Iowa +5, New Hampshire +5, Nevada +6, New Mexico +10. Diese ’new majority‘ hat übrigens ein gemeinsames Programm: Sie tritt für eine staatliche Grundversorgung im Gesundheitsbereich ein. Sie will eine vehemente, aber kooperative Außenpolitik. Die ’new majority‘ will gleiche Chancen für Alle und mehr Steuern für die Reichen. Die Diskreditierung dieser Minderheiten, sie hätten 2008 nur einen aus ihren Reihen wählen wollen und seien eigentlich unpolitisch, funktioniert nicht mehr. Die genannten Programmpunkte verbinden die ’new majority‘ viel mehr, als ethnische Zuschreibungen, die in einem ‚melting pot‘ längst verschwimmen. „There is no black America, no white America, no Latino America, no Asian America. There is the United States of America“, sagt Obama bei seinem ersten großen Auftritt auf der nationalen Bühne vor 8 Jahren. Menschen entlang ihrer Bedürfnisse zu clustern, statt entlang ihrer „Ethnien“ wäre hoch an der Zeit. Alles andere reduziert sie nämlich auf Dinge, die sie nicht beeinflussen können.

  1. Vergewaltigungsverharmloser verlieren

Die beiden republikanischen Senatoren, die im letzten Monat mit Vergewaltigungs-Verharmlosungen auf sich aufmerksam gemacht haben, waren beide klare Favoriten in ihren Senatsrennen. Sie haben beide verloren. Paul Ryan mag noch so jung und fesch sein: Mit menschenverachtendem Frauenhass gewinnt man einen liberalen Bundesstaat nicht, nur weil man von dort kommt. Nicht nur das: Todd Akin und Richard Mourdock haben mit ihren unsäglichen Äußerungen auch dem Präsidenten eine Steilvorlage aufgelegt. Der hat sie perfekt für seinen Kampf um die Stimmen der Frauen genutzt.

  1. Die Momente des Abends

Na klar haben TV-Sender den Wunsch, möglichst lang alles offen darzustellen, was vielleicht schon gar nicht mehr offen ist. Trotzdem: Florida war in den Worten von John King, Gloria Borger und David Gergen schon klar, bevor die Cable Networks Obama wegen der Zahlen aus Ohio zum Sieger ausriefen. Michigan war zehn Minuten nach dem Schluss der dortigen Wahllokale schon von allen TV-Stationen den DemokratInnen zugeschlagen. Das war der erste Moment, der mich sicher machte, dass Obama gewinnen würde. Bis zuletzt hatten die RepublikanerInnen versucht, demokratisches Kernland zu ‚battlegrounds‘ zu erklären. Wenn sie in Michigan so scheiterten, musste das auch für Ohio und Wisconsin aussagekräftig sein. Auch so ein Moment: Die Wahltagsbefragungen in Virginia und Florida. Wenn Obama in denen Kopf an Kopf mit Romney liegt, war klar, dass sich die Umfragen der letzten Tage als richtig herausstellen werden. Das ließ für Ohio nur Gutes erwarten. Und dann gab es diese etwas verwackelten Berichte aus fertig ausgezählten Swing Districts an der Atlantikküste, Fairfax, Cuyahoga und Co. Dort war Obama nach Auswertung aller Stimmen mindestens gleich stark, wie bei seinem Wahlsieg 2008. Auch das ein viel eindeutigerer Indikator, als das spannende, stundenlange, aber essenzlose Verfolgen der Auszählung in Florida mit schwankenden Mehrheiten.

  1. Mein Star des Wahlkampfs

Kein Obama, kein Biden, kein Clinton. Ich hab das Rennen sehr genau verfolgt und mich nach der verhunzten 1. TV-Debatte und Umfragen, die Romney landesweit 7% vorne sahen, immer an einen gehalten, der schließlich einen Triumph feiern sollte. Amerikas größter Statistik-Freak hat schon 2008 49 von 50 Staaten richtig vorhergesagt. Heute sollte er seinen Job an den Nagel hängen. Nate Silver hat alle 50 Staaten richtig prognostiziert.

Und ein Blick auf seine ‚final prediction‘ am Tag vor der Wahl zeigt: Er hat sogar die Abstände antizipiert. Wie der das macht? Mit einer Methode, die Politik-ForscherInnen von beliebigen MeinungsforscherInnen unterscheidet. Seine Zahlen gehen zurück in die 50er-Jahre, seine historischen Vergleiche sind Geschichte-Stunden für geneigte LeserInnen. Ich hab selten soviel über die USA gelernt, wie beim Lesen seiner Blogs.

und schließlich 5) Ist das eine Demokratie?

Ja, amerikanische Wahlen sind geplant wie militärische Operationen, ihnen sind auch die Begriffe ‚battlegrounds‘, ‚ground game‘ und Co., entlehnt. Ohne viel Geld geht das alles nicht. Vieles Versprochene bleibt Versprochenes. Der Pathos ist für mitteleuropäische Verhältnisse unvorstellbar. Und trotzdem: Die diverseste Nation der Welt ist gleichzeitig eines der größten Länder auf der Welt. Sie ist ausgestattet mit Kontrollmechanismen gegen Machtüberschuss auf einer Seite der politischen Lager, wie in keinem zweiten Land der Welt. Sie erlebt aber auch Geschichten, wie kein zweites Land der Welt. ‚Unlikely story‘ nannte Barack Obama die Tatsache, dass er es als früh halbwaiser Sohn eines Kenianers und einer Frau aus Tennessee ganz nach oben kommen würde. Aber er hat es geschafft, das politische System dieser diversen Nation ist durchlässig für sogenannte Minderheiten  geworden. Bobby Jindal, Marco Rubio, Deval Patrick, Nikki Haley, Julian Castro. In seiner Siegesrede in Chicago gestern Nacht formuliert der alte neue Präsident zielsicher, was die Chancen, die Herausforderungen und die Gefahren repräsentativer Demokratie sind. Schöner als hier, könnte man das kaum sagen. „The role of citizens doesn’t end with the vote.“

 

———-

Wer mehr lesen will: Ich hab das ganze Jahr über zu den US-Wahlen gebloggt. Hier gibt’s zusammenfassende Lesetipps.

no matter who you are

America has always done best, when everybody has a fair shot, when everybody’s doing their fair share and when everybody plays by the same rules.“

Nach 10 Jahren soll Anspruch auf die Staatsbürgerschaft haben, wer die folgenden vier Kriterien erfüllt: Unbescholtenheit, Selbsterhaltungsfähigkeit, Sprachkenntnisse auf Mittelschulniveau und erfolgreich absolvierter Staatsbürgerschaftstest. 

In this country the market works best, more businesses are created, more jobs are created, when everybody has a chance to succeed.“

Werte sind wichtig für den Zusammenhalt einer Gesellschaft. In einer Rot-weiß-Rot-Fibel sollen bis Anfang 2013 erstmals die Werte Österreichs definiert werden: Als Werte-Gesetz im Staatsbürgerschaftsrecht, als Österreich-Fibel zur Repräsentation im Ausland, als Werte-Fibel, Lern-Fibel und eigene Fibel für Kinder und Jugendliche.

If you are a citizen by birth, no action on your part is generally required (for example, if you were born in a state or territory of the United States), unless you were born to a U.S. citizen parent or parents overseas, and your birth was not recorded as a birth to U.S. citizens at a U.S. consulate overseas.

Die Staatsbürgerschaft ist ein hohes Gut, und man soll sich anstrengen, wenn man sie bekommen will.“

Make sure that no matter who you are, no matter where you come from, no matter what you look like, no matter what your last name is, no matter who you love – you can make it in America if you try.“

 

Quellen:

Präsident Barack Obama’s Rede in Bristow, Virginia am 4.11.2012

ÖVP-Papier „Integration durch Leistung“, Wien am 28.10.2012

How to become a US citizen„, Immigration Law Center Montgomery, Alabama

 

Disclaimer: Ich weiß, dass Anspruch und Realität in den USA oft auseinanderklaffen. Mir geht’s hier um den Anspruch, um das Wertegerüst, auf das Politik aufbaut. Das schafft nämlich längerfristig auch Realitäten.

mit updates: ein jahr usa-blog

11 Monate hab ich jetzt über die US-Wahlen gebloggt. Dienstag Nacht ist es so weit: Dann wissen wir, ob Barack Obama Präsident bleibt, oder ob Mitt Romney den demokratischen Amtsinhaber überraschend schlagen kann. Mit einer langen Pause zwischen dem absehbaren Ende der republikanischen Vorwahlen und dem Vorgeplänkel vor den großen Nominierungsparteitagen hab ich immer wieder versucht, Einblicke in ein für uns MitteleuropäerInnen so verrückt wirkendes Wahlsystem zu geben.

Hier eine kleine upgedatete Zusammenfassung des Querg’schriebenen mit wahlrelevanten aktuellen Links zu den jeweiligen Themen:

obama vs romney

Warum ohne Ohio Dienstag Nacht gar nichts geht. Der ‚American Prospector‘ hat eine gute Doku über einen der entscheidenden Wahlbezirke.

‚Closing arguments‘ im Vergleich: Darum hat Barack Obama das finale Momentum auf seiner Seite:

Warum Umfrage Momentaufnahmen sind. Und das schwerer zu messende ‚ground game“ entscheidet Pew hat trotzdem untersucht, wer beim ‚canvassing‘ gewinnt.

Nicht die ‚independants‘, sondern die ParteigängerInnen entscheiden 2012. Und wer sie mobilisiert, braucht ‚turncoats‘.

So gewinnt Mitt Romney. Und wie sich die Landkarte verändert, am Beispiel Virginia. Dort ist übrigens das Senats-Rennen genau so spannend, wie das um die Stimmen für den Präsidenten.

Paul Ryan als ‚running mate‘ – ein ‚mispick‚. Ich glaub, ich behalte recht. Auch wenn Favorit Marco Rubio natürlich brav blieb

romney vs santorum vs gingrich

Mitt Romney hinkt aus den ‚dixie primaries‘. Und Rick Santorum treibt ihn nach zwei weiteren Wahlsiegen nach rechts. Der fanatische Christ, Romneys massivster Widersacher in den Vorwahlen, ist übrigens am 22. August das letzte Mal öffentlich aufgetreten.

4. Jänner, nach den ersten Vorwahlen in Iowa. Meine Voraussage, dass Mitt Romney einen Vizepräsidentschaftskandidaten aus der Tea Party braucht, hält.

Vorweihnachtlicher Rückblick und Ausblick: Wie eine rechte Sekte die Grand Old Party übernommen hat. Bis zu Romneys überraschendem Turnaround als bei der ersten Präsidentschaftsdebatte bleibt die Kandidatur des Milliardärs deshalb aussichtslos.

‚Early states‘: was ist das für ein komisches Wahlsystem, wo Kandidaten jahrelang einen Bundesstaat, in dem 1% der Bevölkerung lebt, durchpflügen? Dort treffen Evangelikale und friedensbewegte Hippies aufeinander.

Warum die Frau, die Obama in Ohio, Florida, New Mexico und New Hampshire geschlagen hat, ‚running mate‘ werden sollte. Meine Prognose, dass Hillary Clinton die nächste Vizepräsidentin wird, war falsch. Was nichts daran ändert, dass sie unabhängig vom Wahlausgang am Dienstag ‚frontrunnerin‘ für 2016 ist.

Andreas Khol und Newt Gingrich. Martin Bartenstein und Mitt Romney. Warum das alles gar nicht so verrückt ist, wie es wirkt.

 

ceterum censeo

Ich bin übrigens für Barack Obama. Aber das ist politisch gleichermaßen klar wie aus den Artikeln herauszulesen. We’ve come too far to turn back now. 

von der sammelbewegung zur restpartei

Die ÖVP bröckelt an allen Ecken und Enden. Angefangen hat das alles in Innsbruck. Der Gemeinderat Herwig van Staa wird 1993 wegen wiederholter Kritik an der ÖVP-Stadtführung aus dem Gemeinderatsklub ausgeschlossen. Der Oberösterreicher tritt mit einer Wirtschaftsbund-Sammelliste als „Für Innsbruck“ an, erreicht über 22%, schlägt die alte ÖVP. Damals Nummer eins in Innsbruck – man glaubt es kaum mehr: Die SPÖ mit fast 27% der Stimmen. Herwig van Staa wird Bürgermeister und bis heute regieren in Innsbruck „Für Innsbruck“-BürgermeisterInnen. Jüngst allerdings nicht mehr in einer großen Koalition gemeinsam mit Alt-ÖVP und SPÖ, sondern in einer Ampelregierung mit Grünen und SPÖ.

Der Feind im eigenen Bett

2008 schafft der schwarze Arbeiterkammer-Präsident Fritz Dinkhauser im Frühsommer mit seiner Liste 18% bei den Tiroler Landtagswahlen, die ÖVP landet auf einem historischen Tief von nur mehr 40%. Nach dem Sommer folgt die Nationalratswahl, bei der Jörg Haiders BZÖ auf sensationelle 12% kommt und vor allem bei enttäuschten ÖVPlerInnen fischt. Und 2013? Da treten bei der Nationalratswahl ein neoliberaler Großindustrieller und ein liberaler Wirtschaftsbündler mit eigenen Listen an. Die Industriellenvereinigung fordert regelmäßig Bildungsreformen, ein ehemaliger Landesschulrats-Präsident zieht durch die Landen und wirbt mit der roten Ministerin für moderne Schulpolitik. Die Vorgängerin der Ministerin verabschiedet sich mit 63 Vorzugsstimmen aus dem Amt. Ehemalige Parteigranden von Neisser bis Busek richten der ÖVP-Spitze regelmäßig unfreundliche Grüße aus und geißeln die schwarze Politik. Ein eigener Landesrat wird zum Sargnagel der nunmehrigen Opferbeauftragten, des ersten weiblichen steirischen Landeshauptmanns a.D. Die ehemalige Großpartei muss sich nicht nur mit der roten Koalitionspartnerin herumschlagen, sondern mit Gegenkandidaturen und mit etlichen Gegenstimmen aus dem, was früher einmal die eigenen Reihen waren.

Das Ende der Wende

Was einmal eine Sammelpartei von Wertkonservativen, Wirtschaftsliberalen, dienstbeflissenen BeamtInnen und treuen Gottesfürchtigen war, geht an den immanenten Widersprüchen zu Grunde. Schwarz-Blau war ganz harter Tobak für viele liberale ÖVPlerInnen, die ich kennengelernt habe. Mit Ächzen und Stöhnen konnten sie noch da oder dort ein positives Reförmchen ins Treffen führen. Aber in Summe war klar: da bröckelt was. Wer will schon mit Jörg Haider und Ernst Strasser, mit Peter Westenthaler und Karl-Heinz Grasser in einen Topf geworfen werden? Nach schwarz-blau soll Josef Pröll mit einer Perspektivengruppe die ÖVP wieder verbreitern. Zivilpakt für Homosexuelle, Arbeitsbewilligung für mit ÖsterreicherInnen verheiratete Drittstaatsangehörige, Gratiskindergarten. Dann sagt der unglückliche Willi Molterer „Es reicht“ und verliert die Wahlen gegen Faymann. Der junge Pröll wird zwar Molterers Nachfolger als Vizekanzler, aber seine Papiere verschwinden in der Rundablage. Heute hat Niederösterreichs jähzorniger Landesfürst die ÖVP fester in seiner Hand, als je zuvor.

Warum wir die ÖVP brauchen

Was da nach Schwarz-blau an liberalen Pflänzchen war, ist erstickt worden. Das Ruder haben in der ÖVP nach der Mésalliance mit Jörg Haider die übernommen, die unter Schüssel Karrieresprünge gemacht haben. Die beiden Hannese Missethon und Rauch, Schottermitzi und Betoniererfritz überstrahlen ihre jeweiligen Parteichefs bei Weitem. Und die Politik dieser zweifelhaften Figuren verjagt die Großindustriellen und Liberalen. Ich hab es schon einmal geschrieben: Mir tut es leid um die ÖVP. Mit guten Köpfen an der Spitze hätte die ehemalige Volkspartei nämlich eine Integrationsfunktion wertkonservativer, durch Identitätspolitik ansprechbarer WählerInnen ins politische System diesseits der Wahnsinns-Grenze, die jetzt zu Strache und Stronach rennen.

as ohio goes, so goes the nation

So, das geht jetzt wirklich ganz einfach. Im US-amerikanischen Wahlsystem zählt nicht jede Stimme gleich viel. Wer PräsidentIn wird, entscheiden Delegierte jedes Bundesstaats, die im Electoral College so stimmen, wie die einfache, relative Mehrheit ihrer Bevölkerung. Das heißt: Wer am meisten Stimmen in einem Staat hat, bekommt alle Wahl“männer“. 270 davon braucht man, um PräsidentIn zu werden.

Obama fehlen noch 23 Wahl“männer“

Präsident Obama hat 247 Stimmen fix, es fehlen also 23 zum Sieg am 6. November. Es gibt 7 Staaten, die noch offen sind. Ich nehme das eigentlich demokratische Wisconsin und das eigentlich republikanische North Carolina aus. Die sind in den Umfragen noch nicht außerhalb der Schwankungsbreite. Aber wenn Romney das blaue Wisconsin gewinnt, hat er davor an genug anderen Plätzen Wahl“männer“ gesammelt, um Präsident zu sein. Das gleiche gilt für Obama und North Carolina. Ich halt mich da an die sehr einleuchtende Definition von Bill Clintons Chefstrategen James Carville.

Hier also die Staaten, aus denen Obama insgesamt 23 Stimmen fürs Electoral College braucht.

  • Florida 29
  • Ohio 18
  • Virginia 13
  • Colorado 9
  • Nevada 6
  • Iowa 6
  • New Hampshire 4

Buckeye: Alles andere, Nebensache

Die wahrscheinlichste Variante für den amtierenden Präsidenten ist, dass er mit Ohio und Nevada über die Ziellinie kommt. In beiden Staaten hat Obama die letzten Wochen hindurch knappe, aber stabile Führungen. Verliert Obama die drei verbliebenen großen Staaten Florida, Ohio und Virginia, kann er trotzdem Präsident bleiben, wenn er die vier kleineren gewinnt. Aber wieder gilt: Es ist sehr unwahrscheinlich, einen Staat mit stabilen Führungen (Ohio) zu verlieren und gleichzeitig einen zu gewinnen, der wirklich Spitz auf Knopf steht (Colorado, New Hampshire, Virginia).

Im Klartext: Wenn der Sturm „Sandy“ das Rennen nicht dreht, wird am 20. Jänner derjenige den Amtseid ablegen, der Ohio gewinnt. Alles andere ergibt sich für den Gewinner des Buckeye State von selbst.

___

Fußnote am Rande, weil das noch ein riesengroßes Fragezeichen ist: Der meistgelesene Wahl-Statistiker im Web, Nate Silver, hat 2008 mit komplizierten Algorithmen 49 von 50 Staaten richtig vorausgesagt. Und er schreibt gestern auf seinem Blog, dass seine prognostizierten Gewinner für dem 6. November in allen 50 Staaten die gleichen sind, wie am 7. Juni. Faszinierend, irgendwie.

spielplatzdreck und riesenrutschen: darum brauchen wir parteien

Ich brauch keine Parteien. Ich könnte mir auch ein Studium mit Studiengebühren leisten. Ich brauch keine steuerliche Absetzbarkeit von Spenden. Ich brauch keine Verhütungsmittel auf Krankenschein. Ich brauch auch keinen KonsumentInnenschutz. Ich brauch auch keine Arbeits-Rechtshilfe. Ich werde, sollte ich jemals Kinder haben, keinen Gratis-Kindergartenplatz ab 3 brauchen. Ich brauch keine geförderten Hort-Plätze und keine günstigen städtischen Hallenbäder. Ich brauch kein PendlerInnen-Pauschale und ich geh auch sicher nicht zum Magistrat, um mich impfen zu lassen. Ich bin, wie die meisten meiner FreundInnen qua Geburt in bürgerliche Milieus, gut genug vernetzt und organisiert. Ich kann das alles irgendwie selber machen, was da oben steht. Wenn ich einen Rechtshilfe-Tip brauch, ruf ich meine Freundin, die Juristin an und nicht den ÖGB. Wenn ich mich impfen lassen will, macht das mein Freund, der Arzt. Den etwaigen Kindergartenplatz such ich mir, wie meinen Wohnort, aus.

Dschungel Interessensvertretung

Dass ich keine Parteien brauch, ist natürlich unfair. Und genau da setzt das Prinzip repräsentative Demokratie auf: Die Gewaltenteilung auf Zeit heißt, dass WählerInnen ihre Agenden für eine bestimmte Periode Menschen anvertrauen, die ihnen glaubwürdig vermitteln, dass sie ihre Interessen vertreten. Gleichzeitig sind diese InteressensvertreterInnen, wir nennen sie PolitikerInnen, auch Ansprechpersonen bei Beschwerden über den Dreck am Spielplatz, über zu volle öffentliche Verkehrsmittel oder darüber, dass alles immer teurer wird. PolitikerInnen kümmern sich nicht aus Interesse an einem sauberen Spielplatz um einen sauberen Spielplatz. Sondern, weil sie ihr Mandat gerne behalten wollen und dafür die Stimmen der Menschen brauchen, die der dreckige Spielplatz stört. Die Organisation des gesellschaftlichen Zusammenlebens ist ein riesengroßer Verhandlungsort. Da, wo all diese Wünsche zusammenlaufen, ist eine hochkomplexe Verwaltung. Da kann sich nicht jeder Krankenpfleger, jede IT-Angestellte und jeder Kindergärtner auskennen.

Einer der schwersten Jobs der Welt

Wir haben uns Menschen gewählt, die sich in diesem Dschungel auskennen, manche besser, manche schlechter. Das ist mitunter ein ganz schwerer Job. Weil die Beamtin, die für die Spielplätze zuständig ist, grad auf Urlaub ist. Oder weil die Spielplatz-AufräumerInnen gerade einen anderen Spielplatz sanieren. Oder weil es vier Monate dauert, bis ein zusätzlicher Bus bestellt ist und noch vier Monate, bis die Fahrpläne aufeinander abgestimmt sind, dass das zusätzliche Öffi fahren kann. Weil noch drei andere Grätzel dringend auf einen besseren Öffi-Takt warten. Oder weil eine andere Gruppe den Spielplatz am Abend gern als Ausgeh-Treffpunkt verwendet und sich weigert, den Dreck wieder mitzunehmen. Und wenn die Ausgeh-Truppe auch WählerInnen sind? Und wenn sie mehr sind, als die, die gerne einen sauberen Spielplatz hätten?

Man kann natürlich auch jedes größere Gesetz einer Volksabstimmung unterziehen. Oder nur Direktwahl-Mandate vergeben: Jedem Bezirk sein Mandat. Dass in diesem Partikularismus die besseren Lösungen gefunden werden, bezweifle ich. Hof A und Hof B wollen statt eines sauberen Spielplatzes in Hof C lieber eine größere Rutsche in Hof A und B? Die Volksabstimmung werden sie zusammen gewinnen. Und ihre beiden MandatarInnen werden auch den/die MandatarIn von Hof C überstimmen. Eine Partei kann nicht so einfach dem Mehrheitswillen entsprechende, falsche Entscheidungen treffen. Riesenrutschen da statt sauberer Spielplatz dort kann nämlich auch den FreundInnen von Hof C-BewohnerInnen in Hof D, E und F übel aufstoßen. Die sind für eine Partei, die da wie dort auf Stimmen angewiesen ist, relevant. Für die direkt gewählten VertreterInnen von Hof A und Hof B sind die Stimmen von Hof C, D, E und F schnurzpiepegal.

Brücken baut nur, wer beide Seiten braucht

So absurd ist das Beispiel übrigens nicht: Wir erleben anhand der Parkpickerl-Diskussion gerade genau diese Diskussion. Wer darf über ein Parkpickerl in Wiens Westbezirken abstimmen? Die EinwohnerInnen der Westbezirke? Alle WienerInnen? Alle, die ein Mal in der Woche in einem Westbezirk parken müssen? Und dazu noch die NiederösterreicherInnen mit einem Arbeitsplatz in den West-Bezirken? Nur AutobesitzerInnen in den Westbezirken? Genau, weil diese Frage nicht zu klären ist, haben wir Parteien. Die machen nicht vier bzw. fünf Jahre lang, was sie wollen. Sondern die überlegen sich im Idealfall bei jeder Maßnahme, wie sie die Menschen, denen sie sich verpflichtet haben, am besten vertreten können. Unsere InteressensvertreterInnen kriegen auch dauernd von Medien und Umfragen entweder Orden verliehen oder Watschen ausgeteilt. Das schmerzt, denn sie tragen in einem komplizierten System mit genau definierten Spielregeln die angenommenen Wünsche ihrer WählerInnen weiter. Und zwar nicht nur jene der WählerInnen in den Westbezirken, respektive in Hof A und B aus dem oberen Beispiel, sondern mit Rücksicht auf Interessen, die über dem Bezirkstellerrand liegen. Diese Form des Umgangs mit individuellen Bedürfnissen ist zäh, mühsam, träge und unbefriedigend. Aber sie garantiert am ehesten, dass gleichzeitig die Bedürfnisse aller Menschen berücksichtigt werden und jemand, mit Vertrauen für ein paar Jahre ausgestattet, das Placet hat, an Plänen zu arbeiten, die über hier und heute und dort und morgen hinausgehen. Wer ein Direktmandat aus Hof A hat, muss nicht versuchen, die Menschen aus Hof A, B, C, D, E und F zusammenzubringen und an gemeinsamen Lösungen arbeiten zu lassen. Wer Menschen aus allen Höfen vertritt, muss aus blankem Egoismus daran arbeiten, dass eine für alle akzeptable Lösung herauskommt.

In Kenntnis der Alternativen: Wir brauchen Parteien

Jedes Volk hat die PolitikerInnen, die es verdient. Klingt abgedroschen, ist aber so. Zu jedem korrupten Politiker gehört eine korrumpierbare Chefinnenredaktion einer Zeitung, die einen Deal Inserat gegen Berichterstattung mitmacht. Zu jeder Politikerin, die Steuern hinterzieht, aber trotzdem wiedergewählt wird, gehören zehntausende WählerInnen, die die Steuerhinterzieherin trotzdem noch einmal wählen. Zu jedem Bundeskanzler, der nicht vor dem U-Ausschuss erscheint, gehören ZeitungsleserInnen, denen eigentlich wichtiger ist, was Tiere wählen würden. Wer gegen die Spielregeln verstößt und dabei erwischt wird, muss vom Platz gestellt werden – keine Frage. Aber wer „die PolitikerInnen“ schimpft, anstatt sich für eine andere, bessere Ausgestaltung dieses besten aller schlechten Systeme der Interessensvertretung einzusetzen, muss sich auch dessen bewusst sein, wer an deren Stelle in den Startlöchern scharrt: HeilsversprecherInnen, die für jedes real existierende Problem eine einfache, falsche, nicht umsetzbare Lösung parat haben. Und die Kräfte des Marktes, die mit jeder Diskreditierung der gewählten VertreterInnen ein bißchen mehr Macht zugesprochen bekommen.