wann zur hölle ist „vorkämpferin“ ein schimpfwort geworden?

serena

Man kann von Serena Williams harter Auseinandersetzung mit dem Schiedsrichter, von dem sie sich am Samstag mehrmals ungerecht behandelt und schließlich nach Punkt- und Game-Abzug um ihre Chance auf den US Open gebracht fühlte, halten, was man möchte. Man kann ihren Zorn über die ihrer Meinung nach falsche Unterstellung, sich am Spielfeld coachen haben zu lassen, verstehen oder nicht. Man kann ihr Bemühen um einen guten Verlauf der Siegerinnenehrung sehen oder nicht. Man kann hinhören, wenn Serena Williams bei der Pressekonferenz erklärt, männliche Spieler wären trotz schlimmerer Beschimpfungen eines Schiedsrichters als „Dieb“ nicht bestraft worden. Man könnte sich zur Sicherheit Männer-Spiele wie das Finale heute Nacht anschauen und feststellen, dass Novak Djokovic ununterbrochen und ohne Verwarnungen die Aufschlag-Zeit überschreitet und Blick- und Zeichenkontakt mit seinen Coaches hat.

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wo gibt’s das sonst?

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Screenshot: ORF TVThek, http://bit.ly/2pHD3Wl

Bemerkenswert ist das schon: Die Debatte der SpitzenkandidatInnen für die ÖH-Wahl ist schon lange die einzige Wahl, bei der es bei den stärksten Gruppierungen immer einen ganz hohen Frauenanteil gibt. Gestern standen in der von Armin Wolf moderierten Runde sogar vier Frauen der vier großen Fraktionen vier Männern von kleinen Fraktionen gegenüber.

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nix darf man heut mehr sagen

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„Nix darf man heutzutag mehr sagen“ – das war einst der Brunftschrei der Rechtsextremen und Rechten, die sich ihre Begriffe aus den für sie guten alten Zeiten nicht nehmen lassen wollten. Die Salonrechten Haiderschen Zuschnitts haben das aber auch als vermeintliche Abgrenzung zum Salon verwendet, wenn sie hin und wieder ein bißchen verbal äußerln gegangen sind. Heute beobachte ich das Phänomen immer stärker. Man muss zum äußerln gar nicht mehr raus gehen. Das „das wird man ja wohl noch sagen dürfen“ ist in die politische Mitte gerückt, was mehr über diese vermeintliche Mitte aussagt, als über die laufende Veränderung gesprochener und geschriebener Sprache.

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achter märz: wir müssen reden

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Eine Stunde zappend fernsehen. Sich überlegen, wie die Menschen, über die gerade gesprochen wird, dargestellt werden. Sich vorstellen, man wäre eine/r davon: Es ist eine uralte Übung aus Anti-Diskriminierungs-Workshops, die ich heute wiederholt hab. Ich steig‘ da ganz übel gelaunt aus. Politisch überkorrekt oder übersensibel oder spaßbefreit, ist die Einser-Antwort, wenn man Menschen auf Diskriminierungen aufmerksam macht. Das ist natürlich ein Selbstschutzmechanismus der darauf Hingewiesenen – weil niemand diskriminieren will. Es findet sich ja auch niemand selbst frauenfeindlich oder ausländerInnenfeindlich oder minderheitenfeindlich. Trotzdem: die hegemonialen Späßchen würden ohne Opfer nicht funktionieren. Und die werden, wenn sie sich wehren, mit der „spaßbefreit“-Karte mundtot und lächerlich gemacht.

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#aufschrei bildet

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Rainer Brüderle war mir herzlich gleichgültig und er ist es mir immer noch. Ob der zurücktritt oder nicht: schnurzpiepegal. Dass er es nicht schafft, sich zu entschuldigen: verkehrt und unklug. Aber um das auch ohne die Sexismus-Affäre peinliche Aushängeschild der FDP geht’s in der Debatte nicht. Rainer Brüderles blöder Spruch gegenüber der Stern-Journalistin Laura Himmelreich ist auch tatsächlich ein Sexismus der harmloseren Variante. Das macht die Skandalisierung durch den Arbeitgeber der Journalistin auch so angreifbar, obwohl Brüderles Dirndl-Dekolletée-Äußerung fraglos ein no-go ist.

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suchbild für fortgeschrittene

Darf ich vorstellen? Das sind die Leute, die Österreichs Parteien wahrscheinlich in die richtungsweisende Nationalratswahl 2013 führen werden. Ich stell auch gleich die beiden noch nicht so bekannten vor: Links oben Rodrigo Jorquera von den Piraten, unten rechts zwischen Strache und Spindelegger Matthias Strolz, PR-Berater aus Wien mit Wurzeln in ÖVP und Industriellenvereinigung.

Gut, es ging bei meinem Suchbild also nicht um darum, dass da zweieinhalb neue Gesichter sind. Sondern darum, dass neben den vier Männern, die Parlamentsparteien anführen, noch drei Männer meinen, sie wären geeignete Listenführer einer erfolgreichen Nationalratswahlliste. Und darum, dass es nur eine Frau gibt, die an der Spitze einer Nationalratswahl stehen wird. Boah, fad, schon wieder Genderthema, denkt ihr euch vielleicht?

Schaut euch um in dem, was männlich dominierte Redaktionen als Zivilgesellschaft und als ExpertInnen präsentieren: Peter Filzmaier für politische Analysen, Christian Felber für die Globalisierungskritik, Peter Kleinmann für allerlei Sportliches. Hans Bürger erklärt die Innenpolitik, Karim El-Gawhary den arabischen Raum, Claus Raidl die Wirtschaft. Johannes Voggenhuber als grüner Gottseibeiuns, Erhard Busek als geläuterter ÖVPler, Hannes Androsch als SPÖ-Kopfwäscher. Alle gemeinsam mit Frischenschlager und Neisser für einen Aufbruch in der österreichischen Politik. Armin Thurner interviewt Armin Wolf. Armin Thurner interviewt Michael Fleischhacker. Armin Wolf interviewt die Parteichefs, weil Ingrid Thurner das vermeintlich nicht kann. Hans Rauscher haut Wolfgang Fellner in seinem Kastl, der streitet mit Claus Pandi um den schlimmsten Bösewicht der Redaktionslandschaft. Ich könnt die Liste endlos weiterführen.

Ich will nicht sagen, dass man Eva Glawischnig unterstützen sollte, weil sie eine Frau ist. Aber ich will, dass es aufhört, dass sich Grüne im ganzen Land bei jedem noch so blöden Sommerinterview von einem noch blöderen männlichen Redakteur vorwurfsvoll fragen lassen müssen, ob jetzt nur mehr Frauen die Grünen wählen sollen. Schaut’s euch um, ihr Macker: noch ist das Patriarchat nicht ganz verloren.

lieber standard: zitront euch doch selbst

Es ist ja beinahe ungewollt aufklärerisch, was Österreichs renommierteste Tageszeitung in diesen Tagen zulässt. Die aberwitzige Melange der im „Standard“ veröffentlichten Kommentare zeigt, dass die Errungenschaften der Frauenbewegung und der ArbeiterInnenbewegung nicht sicher sind. Jetzt kann man das natürlich „freie Meinungsäußerung“ nennen, was eine selbsterklärte Antifeministin, die bereitwillig auf Antifeministen-Kongressen referiert, von sich gibt. Bei einer Organisation, deren Logo wir irgendwoher aus der Antifa kennen (siehe Bild). Irgendwer findet sicher auch den Wunsch nach der Wiedereinführung der Kinderarbeit ein lustiges Gedankenspiel.

Aber der „Standard“ ist nicht das Forum der Piratenpartei, in dem Hinz und Kunz sich ohne Zugangsschranken vor sehr speziellem Publikum verbal die Fressen panieren. Der „Standard“ ist eine Qualitätszeitung. Eine Bastion des liberalen Österreichs. Mit einer ganzen Reihe verdienter JournalistInnen aus allen Ressorts, die bei der Auswahl ihrer Artikel nicht den Anschein der Schimäre „Objektivität“ erwecken wollen, sondern regelmäßig auch Partei ergreifen. Mir fällt da an erster Stelle Irene Brickner ein, ohne die ein paar weniger Grauslichkeiten österreichischer Asylpolitik bekannt würden und die in der Auswahl ihrer Artikel und mit den Statements in ihren Kommentaren auch Sprachrohr tausender in diesem Land um die Menschenrechte Engagierter ist.

Genau wie sich Matthias Cremer seine Fotomotive, wie sich Hans Rauscher sein Einserkastl und wie sich Gudrun Harrer den Fokus ihrer Analysen aussuchen, sucht sich auch die LeserInnenbrief-Redaktion aus, welche Schreiben veröffentlicht werden und welche nicht. Soll mir also niemand mit „objektiv“ und „freier Meinungsäußerung“ kommen. Da sitzen RedakteurInnen, die eine Auswahl treffen. Und weil die letzte Standard-Doppelseite das einzige Feuilleton-artige am österreichischen Tageszeitungs-Markt ist, ist sie besonders meinungsbildend. Das ist eine ordentliche Portion Verantwortung auf den Schultern der zuständigen Redakteure (ohne Innen, so weit ich weiß). Die ergreifen auch Partei. Und haben, wie Eva Maltschnig vor kurzem aufgezeigt hat, schon bisher einen sehr speziellen Fokus bei Gender-Themen gehabt. Letztes tristes Highlight: Ein redaktionell veröffentlichter Kommentar, der irgendwo zwischen Jeannee und Franz Weinpolter Platz finden hätte können. Aber nicht in einer Qualitätszeitung. Zitront euch doch selbst.

Und wenn man glaubt, es geht nicht mehr schlimmer, kommt irgendwo ein antisemitischer Jude, eine rassistische Ausländerin, ein homophober Schwuler oder eben eine antifeministische Frau daher. Wenige Tage, nachdem der Atheisten-Aktivist Laizitäts-Befürworter Niko Alm die Haltung der Religionsgemeinschaften in der Debatte um die männliche Beschneidung in der Überschrift „Vergewaltigung“ nennen darf und der „Standard“ das druckt veröffentlicht, erzählt die weibliche Ikone der Maskulistenbewegung die rührende Geschichte von einem armen Mann, dessen Frau einfach so ins Frauenhaus geflohen ist, um ihm das Kind zu entziehen. Und was für ein Mann: Braungebrannt, Flugzeug-Pilot war er gewesen – jetzt ist er mager. Einen Herzinfarkt hat er gehabt. Die Frau und die „lila Keule“ des Feminismus haben ihm zugesetzt. En passant watscht die Autorin des Kommentars noch die Einrichtung von Frauenhäusern an sich. Die letzte Zuflucht für gewaltgeplagte Frauen bringt Monika Ebeling mit „feministischen Kriegshetzerinnen“ in Verbindung. Was für ein Bild: feministische Kriegshetzerinnen in den 70ern, als Vietnam brannte und an den Nebenfronten des Kalten Kriegs Millionen verreckten.

Vorsicht: Ich will nicht bestreiten, dass das Familienrecht nach Reformen schreit. Das Besuchsrecht für Väter ist nicht optimal geregelt. Die automatische gemeinsame Obsorge halte ich für Schmähfuh, aber wir können sie zivilisiert diskutieren. Genau das verunmöglicht aber das redaktionelle Veröffentlichen eines Kommentars wie jenes von Monika Ebeling. Da erzählt uns Eine ernsthaft, Frauenhäuser wären strategische Stationen in Ehestreitigkeiten um Kinder. Da wirft Eine die Themen Gewalt in der Familie, Geschlechterquoten in den ChefInnenetagen und eine Tränendrüsen-Geschichte zusammen, um konsequent ihre Agenda zu verfolgen: eine stringende antifeministische Agenda nämlich. Die kann sie ja ruhig haben, die Frau Ebeling. Aber eine Qualitätszeitung darf so einen Kommentar nicht abdrucken. Man stelle sich einen „Standard“-Kommentar vor, der ähnlich rassistisch ist, wie Ebelings Text antifeministisch. Never gonna happen.