5 schöne schlüsse aus der wiederwahl

  1. What you call ‚minorities‘ is the new majority

CNN-Landkartenzauberer John King macht normalerweise keine Fehler. Er ist vorsichtig mit Prognosen, hat gestern zwei Stunden lang immer wieder gesagt, dass Florida und damit die Wahl eigentlich für Obama gewonnen sind, ohne Florida zu ‚callen‘, also eine sichere Vorhersage zu machen. Vier Tage vor der Wahl sagt John King ‚if Obama falls below 40 percent of the white vote, there’s hardly any path to 270.‘ Gestern haben laut Wahltagsbefragungen von CNN 61% der „weißen“ AmerikanerInnen Mitt Romney ihre Stimme gegeben, Barack Obama hat die 40%-Hürde 2008 noch leicht genommen, gestern hat er weniger als 40% der „weißen“ Stimmen bekommen. Aber das, was so lässig „Minderheiten“ heißt, ist keine Minderheit mehr. Es gibt eine neue Mehrheit in den USA. Die politische Landkarte ist mit der Wiederwahl Obamas nachhaltig verändert. Der Präsident hat 6 Bush-Staaten zwei Mal hintereinander gewonnen, mitunter mit massiven Stimmenunterschieden weit jenseits der Schwankungsbreiten: Iowa +5, New Hampshire +5, Nevada +6, New Mexico +10. Diese ’new majority‘ hat übrigens ein gemeinsames Programm: Sie tritt für eine staatliche Grundversorgung im Gesundheitsbereich ein. Sie will eine vehemente, aber kooperative Außenpolitik. Die ’new majority‘ will gleiche Chancen für Alle und mehr Steuern für die Reichen. Die Diskreditierung dieser Minderheiten, sie hätten 2008 nur einen aus ihren Reihen wählen wollen und seien eigentlich unpolitisch, funktioniert nicht mehr. Die genannten Programmpunkte verbinden die ’new majority‘ viel mehr, als ethnische Zuschreibungen, die in einem ‚melting pot‘ längst verschwimmen. „There is no black America, no white America, no Latino America, no Asian America. There is the United States of America“, sagt Obama bei seinem ersten großen Auftritt auf der nationalen Bühne vor 8 Jahren. Menschen entlang ihrer Bedürfnisse zu clustern, statt entlang ihrer „Ethnien“ wäre hoch an der Zeit. Alles andere reduziert sie nämlich auf Dinge, die sie nicht beeinflussen können.

  1. Vergewaltigungsverharmloser verlieren

Die beiden republikanischen Senatoren, die im letzten Monat mit Vergewaltigungs-Verharmlosungen auf sich aufmerksam gemacht haben, waren beide klare Favoriten in ihren Senatsrennen. Sie haben beide verloren. Paul Ryan mag noch so jung und fesch sein: Mit menschenverachtendem Frauenhass gewinnt man einen liberalen Bundesstaat nicht, nur weil man von dort kommt. Nicht nur das: Todd Akin und Richard Mourdock haben mit ihren unsäglichen Äußerungen auch dem Präsidenten eine Steilvorlage aufgelegt. Der hat sie perfekt für seinen Kampf um die Stimmen der Frauen genutzt.

  1. Die Momente des Abends

Na klar haben TV-Sender den Wunsch, möglichst lang alles offen darzustellen, was vielleicht schon gar nicht mehr offen ist. Trotzdem: Florida war in den Worten von John King, Gloria Borger und David Gergen schon klar, bevor die Cable Networks Obama wegen der Zahlen aus Ohio zum Sieger ausriefen. Michigan war zehn Minuten nach dem Schluss der dortigen Wahllokale schon von allen TV-Stationen den DemokratInnen zugeschlagen. Das war der erste Moment, der mich sicher machte, dass Obama gewinnen würde. Bis zuletzt hatten die RepublikanerInnen versucht, demokratisches Kernland zu ‚battlegrounds‘ zu erklären. Wenn sie in Michigan so scheiterten, musste das auch für Ohio und Wisconsin aussagekräftig sein. Auch so ein Moment: Die Wahltagsbefragungen in Virginia und Florida. Wenn Obama in denen Kopf an Kopf mit Romney liegt, war klar, dass sich die Umfragen der letzten Tage als richtig herausstellen werden. Das ließ für Ohio nur Gutes erwarten. Und dann gab es diese etwas verwackelten Berichte aus fertig ausgezählten Swing Districts an der Atlantikküste, Fairfax, Cuyahoga und Co. Dort war Obama nach Auswertung aller Stimmen mindestens gleich stark, wie bei seinem Wahlsieg 2008. Auch das ein viel eindeutigerer Indikator, als das spannende, stundenlange, aber essenzlose Verfolgen der Auszählung in Florida mit schwankenden Mehrheiten.

  1. Mein Star des Wahlkampfs

Kein Obama, kein Biden, kein Clinton. Ich hab das Rennen sehr genau verfolgt und mich nach der verhunzten 1. TV-Debatte und Umfragen, die Romney landesweit 7% vorne sahen, immer an einen gehalten, der schließlich einen Triumph feiern sollte. Amerikas größter Statistik-Freak hat schon 2008 49 von 50 Staaten richtig vorhergesagt. Heute sollte er seinen Job an den Nagel hängen. Nate Silver hat alle 50 Staaten richtig prognostiziert.

Und ein Blick auf seine ‚final prediction‘ am Tag vor der Wahl zeigt: Er hat sogar die Abstände antizipiert. Wie der das macht? Mit einer Methode, die Politik-ForscherInnen von beliebigen MeinungsforscherInnen unterscheidet. Seine Zahlen gehen zurück in die 50er-Jahre, seine historischen Vergleiche sind Geschichte-Stunden für geneigte LeserInnen. Ich hab selten soviel über die USA gelernt, wie beim Lesen seiner Blogs.

und schließlich 5) Ist das eine Demokratie?

Ja, amerikanische Wahlen sind geplant wie militärische Operationen, ihnen sind auch die Begriffe ‚battlegrounds‘, ‚ground game‘ und Co., entlehnt. Ohne viel Geld geht das alles nicht. Vieles Versprochene bleibt Versprochenes. Der Pathos ist für mitteleuropäische Verhältnisse unvorstellbar. Und trotzdem: Die diverseste Nation der Welt ist gleichzeitig eines der größten Länder auf der Welt. Sie ist ausgestattet mit Kontrollmechanismen gegen Machtüberschuss auf einer Seite der politischen Lager, wie in keinem zweiten Land der Welt. Sie erlebt aber auch Geschichten, wie kein zweites Land der Welt. ‚Unlikely story‘ nannte Barack Obama die Tatsache, dass er es als früh halbwaiser Sohn eines Kenianers und einer Frau aus Tennessee ganz nach oben kommen würde. Aber er hat es geschafft, das politische System dieser diversen Nation ist durchlässig für sogenannte Minderheiten  geworden. Bobby Jindal, Marco Rubio, Deval Patrick, Nikki Haley, Julian Castro. In seiner Siegesrede in Chicago gestern Nacht formuliert der alte neue Präsident zielsicher, was die Chancen, die Herausforderungen und die Gefahren repräsentativer Demokratie sind. Schöner als hier, könnte man das kaum sagen. „The role of citizens doesn’t end with the vote.“

 

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Wer mehr lesen will: Ich hab das ganze Jahr über zu den US-Wahlen gebloggt. Hier gibt’s zusammenfassende Lesetipps.

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2 Gedanken zu „5 schöne schlüsse aus der wiederwahl

  1. danke für die ausgezeichnete zusammenfassung!

    wie du bereits weißt, bin ich auch ziemlich süchtig nach den blogposts von nate silver gewesen (warum macht der jetzt einfach zwei tage pause? gemein!). im senat übrigens hat er sich, wenn ich das richtig sehe, in north dakota (heitkamp) und montana (tester) geirrt.
    was ich schräg find und überhaupt nicht mag: das „callen“. eine wahl ist nicht gewonnen, wenn die stimmen ausgezählt sind, sondern wenn die networks den sieger nennen. das ist jenseits. besonders krass: ohio wurde für obama „gecallt“ zu zeiten, als obama dort bei den ausgezählten stimmen hinten war (möglicherweise nur für einen kurzen zeitraum, der anteil der ausgezählten stimmen lag da grad bei ungefähr 60%).
    mein favorit im us-web ist übrigens josh marshall. seine zusammenfassung: http://talkingpointsmemo.com/archives/2012/11/a_few_concluding_thoughts.php

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