rechte gewalt

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In Oberwart sterben in der Nacht von 4. auf 5. Februar 1995 vier junge Roma nach einem feigen Anschlag. „Roma zurück nach Indien“ steht auf einer Plakette, die neben den Leichen gefunden wird.

Die Debatte um die unnötige Gewalt bei der großteils friedlichen Demonstration gegen den Burschenschafter-Ball in der Hofburg hat mich etwas ratlos hinterlassen. Die Empörung über die paar zerstörten Fensterscheiben ist legitim. Aber ich wünsche mir diese Empörung in entsprechend größerem Ausmaß bei wirklich gefährlicher Gewalt. Denn ein Problem haben wir in diesem Land nicht mit als links titulierter Gewalt, sondern mit rechter Gewalt. Und zwar mit rechter Gewalt gegen Menschen. Die kommt nicht von ungefähr, sondern wird von jenen bedient, die gestern das Tanzbein geschwungen haben. Ein Auszug daraus.

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ein notwendiges übel

Ich starte mit Zugeständnissen. Meine feministischen FreundInnen finden das unnötig. Man räume damit den Kampfplatz und gebe schon nach, bevor man überhaupt angefangen habe, zu überzeugen. Trotzdem: Mit FeministInnen zu diskutieren, ist manchmal mühsam. Political correctness vom Purismus der Integrationsdebatte bis zum Anspruch auf Antiheteronormativität macht drei Viertel aller Witze kaputt, die mir einfallen. Gegenderte Sprache führt zu schrecklich hässlichen, bis zur Unleserlichkeit entstellten, Texten. Wenn feministische Subkulturen miteinander über Gleichheits- und Differenzfeminismus und über dekonstruktivistischen oder Postfeminismus streiten, muss ich an trotzkistische Sekten denken. Es nervt, wenn in Abrede gestellt wird, dass Buben geschlechtsspezifische Identitätsfindungsprobleme haben und in manchen spezifischen Konstellationen ärmer dran sind, als Mädchen. Ich würd mich ärgern, wenn ich einen tollen Job wegen einer Frauenquote nicht kriegen würd. Und es gibt in der Tat regelrechte Männerhasserinnen, mit denen jede Minute Gespräch eine verschwendete Minute ist.

Das haben sich die Männer in den 60er-Jahren wahrscheinlich auch gedacht, als die sogenannte zweite Welle des Feminismus losging. Heute wissen wir um ihre Errungenschaften vom modernen Familienrecht über die Straffreistellung von Schwangerschaftsabbrüchen bis zur vollkommenen Gleichberechtigung am Papier. Und wir wissen heute, dass Gesellschaften, die Männern und Frauen gleiche Chancen bieten und zu diesem Zweck auch das eine oder andere Zwangsinstrument verwenden, glücklicher, (kinder)reicher und friedlicher sind. Jetzt fällt der hundertste Weltfrauentag auf den Faschingsdienstag. Auf den Tag im Jahr, an dem Frauennotrufe und Gewaltschutzeinrichtungen Sonderschichten schieben, weil exzessiver Alkoholmissbrauch und männliche Gewalt gegen Frauen und Kinder leider wie die sprichwörtliche Faust aufs Auge passen. Manchmal hat Meister Zufall skurill glückliche Einfälle und spielt der Lehrmeisterin Geschichte in die Hände. Nichts könnte die Notwendigkeit feministischen Engagements deutlicher unterstreichen, als eine traditionelle Sauforgie mit all ihren unschönen Konsequenzen am Internationalen Frauentag.

„I myself have never been able to find out precisely what feminism is; I only know that people call me a feminist whenever I express sentiments that differentiate me from a doormat“, schreibt die irisiche Schriftstellerin Rebecca West im Jahr, ja wirklich, 1913. Die Sache mit dem Fußabtreter mag fast 100 Jahre später nicht mehr so ganz stimmen. Aber wenn mehr als die Hälfte der Pensionistinnen keine eigenständige Pension haben, weil sie ein Leben lang bei ihren Männern mitversichert waren, ist das eine staatliche Einladung, das Abhängigkeitsverhältnis auszunutzen. Und wenn eine junge Frau heute 5 Jahre lang weg ist vom Arbeitsmarkt, hilft ich auch kein Müttergeld dagegen, dass sie keinen ordentlichen Job bekommt und dem Fußabtreter einen großen Schritt näher gekommen ist. Wer zahlt, schafft an, gilt in Ehen leider in zugespitzter Form.

Wenn also in Summe alle glücklicher werden, wenn diese Ungerechtigkeiten ausgeräumt sind? Warum wehren sich die meisten Männer dann mit Händen und Füßen gegen den Feminismus? Erstens, weil er ihnen Privilegien wegnimmt, die sich ihre Geschlechtsgenossen über Jahrhunderte herausgenommen haben. Und zweitens, weil sie nicht verstanden haben, dass sie von einer gleichberechtigten Gesellschaft auch profitieren. Am Beispiel Kindererziehung und Job wird das am deutlichsten. Wer die unbezahlte Familienarbeit nicht machen muss, macht die Regeln. Aber 60-Stunden-Wochen und Selbstverwirklichung ausschließlich im beruflichen Umfeld machen kaputt. Sie führen vom Burn-out über die Midlife Crisis direkt zum Herzinfarkt. Wer die unbezahlte Familienarbeit alleine machen muss und sich erfolgreich von der Gesellschaft einreden hat lassen, dass sich die Selbstverwirklichung nur mehr an den Schulnoten der Kinder und an der Anzahl der Geburtstagsgäste der Kleinen messen lässt, wird dumm.

Das werden die meisten von uns Männern aber nicht verstehen. Deswegen liegt es auch weiter an den Feministinnen und an den Feministen (wenn es so was in männlich geben kann), für eine gerechtere Welt zu sorgen. Dafür nehm ich das Mühsame von ganz oben gerne in Kauf. Mit Handkuss, quasi.

privatschulleaks

So wie Supermarktketten privatisiert worden sind, müsse das auch mit den Schulen sein. Dann bestimme die Nachfrage der Eltern das Angebot, die Qualität werde steigen und LehrerInnen würden motivierter, weil sie leistungsspezifisch bezahlt werden könnten. Willkommen in Wien-Hietzing, willkommen bei den neoliberalen Anarchos, deren einzige Sorge ist, ob der Kaviar auch aus dem Asowschen und nicht aus dem Kaspischen Meer kommt. Willkommen in der Welt von Christian Ortner, der in der heutigen „Presse“ endlich wieder einmal so richtig hinhauen darf auf die öffentlichen Einrichtungen.

Ein Lehrer gefällig, der sich in der Stunde gerne mit den SchülerInnen über den Umfang und die Form von „Brüstchen“ unterhält und auf Schulreisen zu später Stunde nach viel zu viel Alkohol mit den Burschen auch mal die Vorzüge und Nachteile des Körperbaus der Begleitlehrerin erörtert? Einer, der in seinen Geschichtestunden die Vorteile des Nationalsozialismus diskutiert? Einer, der in die Duschkabine der verschämten 12jährigen Burschen kommt, die mit Badehose duschen gehen wollen und sie auffordert, sie mögen sich ausziehen, sonst werde er das tun (die Drohung dürfte reichen)? Einer, der mit Kreidestücken nach unaufmerksamen SchülerInnen wirft? Oder einer, der einem geschwätzigen Schüler mit dem Atlas auf den Hinterkopf schlägt? Einer, der bei seinen cholerischen Anfällen mit dem Schlüsselbund in Kopfhöhe nach den SchülerInnen schmeißt? Ein Geistlicher, der einen Schüler mit einem Faustschlag in die Magengrube in der Pause am Gang niederstreckt?

Die Antwort einer öffentlichen Schulleitung auf solche Vorfälle wäre klar: Meldung beim Landesschulrat, Strafverfahren, Versetzung der betroffenen Lehrpersonen. In einer Privatschule gilt: Sie kann sich ihre Lehrpersonen aussuchen. Sie kann sich auch ihre SchülerInnen aussuchen. Natürlich gilt auch in Privatschulen das Strafrecht. Aber wie oft hören PrivatschülerInnen oder die Eltern von PrivatschülerInnen, gegen solche LehrerInnen könne man nichts machen, denn sie wüssten zu viel über diskrete Schulinterna oder sind mit dem Direktor verwandt, verschwägert oder sonst irgendwie verbandelt? Wie oft bekommen aufmüpfige PrivatschülerInnen zu hören, sie mögen sich benehmen, sonst würden sie für Vergehen der Schule verwiesen, die in öffentlichen Schulen nicht einmal für eine Klassenbucheintragung leisten?

Die neoliberalen Anarchos wollen mehr solche Schulen? Ich nicht. Ich hätte sie gerne verstaatlicht. Zum Schutz der Kinder und der vielen guten LehrerInnen in solchen Schulen, die zähneknirschend zuschauen müssen, weil auch ihre Stellen von der Laune der Schulleitungen abhängen.

die sache mit dem fickmich-blick

Vü besser tat’s ma gehen, wenn du di a wengerl zu mir legen tatest“ hat ein Patient zu einer Freundin von mir gesagt. Sie arbeitete im Rahmen ihrer Ausbildung in Krankenhaus. Darüber hat sie sich noch weniger geärgert, als über den Oberarzt, der ihr einen Unterwäschekatalog mit dem Kommentar „auf Seite 17 warat wos fia di“ hingeknallt hat. Reizwäsche, fast durchsichtig, eh klar.

Bedanken darf sie sich, genau wie alle anderen Opfer sexistischer Verbalgewalt, unter anderem bei Hirter & Co. Das unsägliche Nackerten-Plakat ist genau wie die noch blödere TV-Werbung nicht nur einfach dumm. Es degradiert Frauen zu Objekten männlicher Begierde und sexueller Fantasien. Dass sich die Kärntner Brauerei auch noch rühmt, mit dem Plakat weibliche Zielgruppen ansprechen zu wollen, ist das Sahnehäubchen auf dem Skandal. Von Vergewaltigungen und sexuellen Übergriffen hat wohl auch „market“-Chef Beutelmeyer, der die Proteste der Wiener SPÖ für „nichts als heiße Luft“ hält, noch nie gehört. Der „Standard“ ist sich nicht zu blöd, „SPÖ nimmt sich Bierwerbung zur Brust“ zu titeln und die Frauenstadträtin zur Amme zu machen. In seinem Kommentar liefert Redakteur Michael Möseneder die älteste aller männlichen Erklärungen zum Sexismus-Vorwurf: Es gebe doch ganz andere Probleme, die Frauen sollen sich nicht so aufregen.

Na klar ist die boomende Porno-Industrie mit all ihren Gewaltfantasien und der geballten Verdinglichung von Frauen übler, als das sexistische Plakat von Hirter oder jene der Jungbobo-Prolos von der Wiener JVP. Die Pornos hängen aber auch nicht tausende Male auf Großflächen-Plakaten in Österreich herum. Dadurch lernen nämlich auch Kinder und Jugendliche rechtzeitig: Eine nackte Frau ist so was, wie ein Bier. Hirter trinken ist sexy, weil nackte Frauen mit Schlafzimmerblick Hirter anbieten. Und umgekehrt: Frauen kriegt man so leicht, wie ein Bier. Und nein sagen tun weder Bier, noch Frauen.

Nicht nur, dass Hirter & Co. mit freundlicher Schützenhilfe männlicher „Standard“-Redakteure und männlicher Meinungsforscher die Kampagne mit dem Fickmich- Blick weiterfahren können. Sie werden auch noch vom Sexismus-Vorwurf reingewaschen. Ein Sexismus, der sich in letzter Konsequenz auch gegen Männer wendet. Weil solche Werbung die permanente Unterstellung beinhaltet, dass Männer nur mit Nackerten und machoiden Frauenklischees zu reizen sind – egal, ob’s um ein Bier, eine Uhr oder wie bei der JVP um Wahlwerbung geht.

Mir fällt dabei meine Freundin aus dem Krankenhaus ein, die ihr Leben lang damit zu kämpfen haben wird, dass sie als Frau diskriminierende Sprüche anhören müssen wird. Und mir fallen Männer ein, die ihre Frauen und Freundinnen nach übermäßigem Alkoholkonsum verprügeln, weil die einen Volltrunkenen nicht wahnsinnig erotisch finden. Denn auch das ist ein Resultat davon, wenn Frauen öffentlich als reine Sexobjekte diskreditiert werden.