toast statt drogen. geht’s noch?

Update, 8.5.: Nach mehreren Nachfragen hat mir der Presserat heute die Stellungnahme des  Stellungnahme des zuständigen Senats zukommen lassen. 

Update, 25.3.: Die Chefredaktion der Tiroler Tageszeitung hat sich halbherzig, aber doch, entschuldigt. Neben der nochmaligen Kriminalisierung, die im „In eigener Sache“-Artikel passiert, finde ich zwei andere Fragen dringlich:

* Wer hat den Artikel freigegeben? Wer vertritt die Chefredaktion am Samstag? Oder haben Alois Vahrner und Mario Zenhäusern den Artikel selber freigegeben und nichts Arges daran gefunden?

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von chefreportern und werbefuzzis

Man könnte es als Provinz-Farce abtun, wenn’s nicht gar so symptomatisch wär für den Umgang von Medien und Politik und für das Selbstverständnis der samt und sonders männlichen Chefreporter und Chefredakteure, die ich in meiner Zeit als Pressesprecher bei den Tiroler Grünen kennenlernen musste. Seit Tagen schreibt die Tiroler Tageszeitung, dass der Tiroler SPÖ-Chef Hannes Gschwentner das Handtuch werfen, den Parteivorsitz zurücklegen und damit wohl ein anderer oder eine andere 2013 versuchen wird, das magere Wahlergebnis von 15% der letzten Landtagswahl zu verbessern. Und siehe da, nach einer Woche Namedropping und jeden Tag neuen Gerüchten, die dem Chefreporter der Tiroler Tageszeitung zu Ohren gekommen sind, eine self-fulfilling prophecy: Gschwentner zieht tatsächlich die Reißleine. Fragt sich nur, ob’s der Druck aus der SPÖ war. Oder der, den Bestimmte aus den eigenen Reihen gemeinsam mit der größten Zeitung des Landes aufgebaut haben.

Lustig ist das nämlich schon: Chefreporter Nindler fallen immer nur Männer ein, auf die die SPÖ nicht verzichten kann und immer nur Frauen, die auf der Abschussliste stehen. Hans-Peter Bock und Lisa Jenewein sind außerhalb des Tiroler Landtags-Sitzungssaals wohl nicht bekannt, sie stehen auch fast nie in der Zeitung. Trotzdem ist der Mann laut Nindler unverzichtbar und hinter der Frau steht ein großes Fragezeichen. Landtagspräsidentin Gabi Schiessling kennt der Tiroler und die Tirolerin außerhalb der Schreibstuben schon eher. Trotzdem muss sie laut Nindler an der Spitze der Innsbrucker SPÖ demnächst für den unverzichtbaren Besitzer einer eher unauffälligen Werbe-Agentur Platz machen. Außerdem auch noch unverzichtbar laut Chefreportage: Der rote SPÖ-Bürgermeister von Absam. Als wäre es nicht Job genug, eine 7.000-EinwohnerInnen-Gemeinde gut zu regieren.

Letzten Dienstag startet Nindler mit einer sogenannten Analyse in sein Special zur SPÖ-Krise. Gschwentner müsse entweder gestärkt aus dem Parteivorstand herausgehen, oder den Parteivorsitz und damit die Spitzenkandidatur für 2013 abgeben, so die Ankündigung des Chefreporters. Auf Seite 4 gleich unauffällig mit großem Foto platziert: Der unverzichtbare Kandidat der unauffälligen Werbeagentur. Thomas Pupp, optisch eine Mischung aus gealtertem Hinterseer und jungem Jagger und Chef jener Fraktion, ohne die man schon seit Jahrzehnten in der SPÖ nichts mehr werden kann: der Naturfreunde. In den nächsten Tagen folgen weiteres Namedropping und Spekulationen ohne Ende. Heute, finale Print-Meldung vor dem Parteivorstand: Auf der Titelseite steht, Gschwentner könnte gehen, will aber auf jeden Fall neue Gesichter. Wer das sein könnte: Richtig erraten: Der Chef der unauffälligen Werbe-Agentur. Der hat übrigens ein Hobby: Er veranstaltet jedes Jahr ein Polit-Film-Festival in Innsbruck. Das einzige Medium, das finanziell unter die Arme greift, ist die Tiroler Tageszeitung. Und Stammgast als Moderator am Podium bei der Veranstaltung von Pupp ist Peter Nindler.

Gschwentner hat im Trommelfeuer der letzten Woche irgendwann gesagt: Ja, zehn Jahre regieren ist anstrengend. Ich weiß nicht, ob ich mir das noch weiter antun will. Vielleicht hält er auch die Chefreporter und Chefredakteure nicht mehr aus. Ich könnt’s ihm nicht übel nehmen.

Mit der Tiroler Tageszeitung und ihren Alphawölfen hab ich mich übrigens schon einige Male angelegt, etwa hier, hier und hier. Sie haben’s gedankt, in dem sie mir aus dem Weg gegangen sind und sich bei meinen Chefitäten ausgetobt und ausgejammert haben. Große Chefs, ganz klein.

hin und wieder eine prise prawda

Der Landeshauptmann von Pjöngjang hat sich gedacht, jetzt haben mich diese Kinder alle gezeichnet. Das war schon sehr schön und hat dem Ego ganz schön gut getan. Aber jetzt muss wieder einmal was passieren. Immer diese freien Medien, die sich nicht einmal mit zehntausenden Steuer-Euros bestechen lassen und glauben, sie könnten schreiben, was sie wollen. Jetzt setz ich mich wieder einmal mit zwei Chefitäten der größten unabhängigen Zeitung des Landes zusammen und erklär denen, wie das in Wahrheit wirklich alles ist, muss er sich gedacht haben. Mit dem Tundl, den ich unbedingt haben will. Und mit dem Skigebiet, das ich jetzt doch nicht haben will. Und überhaupt.

So ungefähr muss es sich zugetragen haben, was mit dieser Landeshauptmannwüste auf dem Screenshot oben geendet hat. 13 Mal „Platter“ oder „der Landeshauptmann“ auf einer halben Seite. Und das nicht bei irgendwelchen Pimperlthemen wie der Schutzhauseröffnung am Hinterferner Gries oder der Schützenehrenmitgliedsernennung in Bschlaps, sondern bei den beiden Debatten, die in der Tiroler Politik seit Wochen den Takt vorgeben. Im gleichen Ausschnitt kommt ein einziger Oppositionspolitiker ein Mal zu Wort – und der heißt Fritz Gurgiser und sitzt für die ÖVP in der Arbeiterkammer. Der Landeshauptmann braucht hin und wieder eine Prise Prawda. Und die größte Zeitung des Landes gibt sie ihm.

Ich hab auf der Uni gelernt, dass ein Zeitungsartikel möglichst viele Aspekte eines aktuellen Themas beleuchten sollte. Stellungnahmen von Betroffenen, von ExpertInnen, von Interessensverbänden und von verschiedenen politischen AkteurInnen sollten vorkommen. Den LeserInnen, die noch nicht in der Materie bewandert sind oder die Debatte noch nicht verfolgt haben, soll eine Einführung in das Thema gegeben werden – auch, wenn’s der zehnte Artikel zum gleichen Thema ist. Und wenn eine Recherche besonders aufwändig ist, teilen sich mehrere RedakteurInnen die Aufgaben und schreiben dann gemeinsam. Jetzt mag’s schon sein, dass ein Treffen mit dem Landeshauptmann von Pjöngjang schwere Arbeit ist. Aber den Text, für den es offenbar einen Chefredakteur und einen prominenten Landespolitik-Redakteur gebraucht hat, schreibt die ÖVP-Pressestelle in viereinhalb Minuten. Nur dass die keine Inserate vom Landeshauptmann will.

heldentaten des schlechten journalismus

Einen korrupten Finanzminister, damit endlich mal über Moral in der Politik diskutiert wird. Eine Bombenattacke auf ein AsylwerberInnenheim, um eine Debatte über die Gefahr gegen Leib und Leben durch Rechtspopulismus diskutieren. Oder ein ehemaliger Linker, der in Nazi-Diktion über Rassenlehre diskutiert, um die Qualität politischer Bildung zu überdenken. Wie wär’s mit der Pressesprecherin eines Bundeskanzlers, die nach einer Geschichte für die Krone sucht, deren Chefkolumnist ihr Lebensgefährte ist, um die Distanz zwischen Medien und Politfunktionären zu thematisieren? Oder ein Landeshauptmann, der einer Gemeinde mit weniger Geld droht, wenn sie bei gegen die Ableitung eines Bergbachs stimmen, um über die Gesetzestreue von PolitikerInnen zu diskutieren?

Das gibt’s ja schon alles, sagt ihr? Stimmt. Die Diskussionen finden aber jeweils nicht oder kaum statt, weil die jeweiligen Player gutes Geld für Inserate in die Hand nehmen. Stattgefunden hat dafür unter umgekehrten Vorzeichen die Diskussion über einen schwerverletzten alten (Altlandeshaupt)mann, der stundenlang blutend ohne Hilfe in einem stark frequentierten Tiefgaragenabgang gelegen sei. Aufgemacht hat sie die Tiroler Tageszeitung, drei Tage lang Empörungsindustrie pur im sogenannten Leitmedium des Landes.

Jetzt gesteht das Flaggschiff der Moser Holding ein, einem Schwindel aufgesessen zu sein. Markus Wilhelm spricht wohl zurecht von der „Ente des Jahres„. Aber der Chefredakteur entschuldigt sich nicht in angemessener Form für die tagelange kampagnisierte Fehlinformation unter Missachtung des journalistischen 1×1. Sondern er schreibt im morgigen Leitartikel, dass die Diskussion über Zivilcourage dem Land trotzdem gut getan habe. Die Diskussion habe zu einer ungewöhnlichen Sensibilisierung der Menschen geführt, zu einem Zusammenrücken. Und dann: „Wenn am Ende nur das übrig bleibt vom ‚Fall Partl‘, dann ist das nicht wenig. Im Gegenteil.“

Während ich noch über diesem Satz schmachte und mir ganz warm ums Herz wird ob der humanistischen Heldentaten, die schlechter Journalismus zu leisten vermag, schreibt ein Freund auf Facebook, ob das heiße, man müsse mehr Kinder schlagen, damit endlich einmal über Gewalt in der Familie diskutiert werde. Und mir fällt ein, dass sich die pauschal falschen Unterstellungen, die in dem Fall PassantInnen getroffen haben, ja auch andere treffen können. Vielleicht werden ja einmal AntifaschistInnen zu Freiwild, weil sie alle gefährlich sind, als die Faschisten. Oder dunkelhäutige Menschen können sich in Innsbruck nicht mehr frei bewegen, weil sie in einem Klima von Angst und Vorurteilen dauernd von der Polizei angehalten und gefilzt werden.

Wenn an die Stelle schlechter Recherche überhaupt die bloße Phantasie tritt, dann ist es ganz schlecht bestellt um die größte Zeitung im Land.