toast statt drogen. geht’s noch?

Update, 8.5.: Nach mehreren Nachfragen hat mir der Presserat heute die Stellungnahme des  Stellungnahme des zuständigen Senats zukommen lassen. 

Update, 25.3.: Die Chefredaktion der Tiroler Tageszeitung hat sich halbherzig, aber doch, entschuldigt. Neben der nochmaligen Kriminalisierung, die im „In eigener Sache“-Artikel passiert, finde ich zwei andere Fragen dringlich:

* Wer hat den Artikel freigegeben? Wer vertritt die Chefredaktion am Samstag? Oder haben Alois Vahrner und Mario Zenhäusern den Artikel selber freigegeben und nichts Arges daran gefunden?

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hin und wieder eine prise prawda

Der Landeshauptmann von Pjöngjang hat sich gedacht, jetzt haben mich diese Kinder alle gezeichnet. Das war schon sehr schön und hat dem Ego ganz schön gut getan. Aber jetzt muss wieder einmal was passieren. Immer diese freien Medien, die sich nicht einmal mit zehntausenden Steuer-Euros bestechen lassen und glauben, sie könnten schreiben, was sie wollen. Jetzt setz ich mich wieder einmal mit zwei Chefitäten der größten unabhängigen Zeitung des Landes zusammen und erklär denen, wie das in Wahrheit wirklich alles ist, muss er sich gedacht haben. Mit dem Tundl, den ich unbedingt haben will. Und mit dem Skigebiet, das ich jetzt doch nicht haben will. Und überhaupt.

So ungefähr muss es sich zugetragen haben, was mit dieser Landeshauptmannwüste auf dem Screenshot oben geendet hat. 13 Mal „Platter“ oder „der Landeshauptmann“ auf einer halben Seite. Und das nicht bei irgendwelchen Pimperlthemen wie der Schutzhauseröffnung am Hinterferner Gries oder der Schützenehrenmitgliedsernennung in Bschlaps, sondern bei den beiden Debatten, die in der Tiroler Politik seit Wochen den Takt vorgeben. Im gleichen Ausschnitt kommt ein einziger Oppositionspolitiker ein Mal zu Wort – und der heißt Fritz Gurgiser und sitzt für die ÖVP in der Arbeiterkammer. Der Landeshauptmann braucht hin und wieder eine Prise Prawda. Und die größte Zeitung des Landes gibt sie ihm.

Ich hab auf der Uni gelernt, dass ein Zeitungsartikel möglichst viele Aspekte eines aktuellen Themas beleuchten sollte. Stellungnahmen von Betroffenen, von ExpertInnen, von Interessensverbänden und von verschiedenen politischen AkteurInnen sollten vorkommen. Den LeserInnen, die noch nicht in der Materie bewandert sind oder die Debatte noch nicht verfolgt haben, soll eine Einführung in das Thema gegeben werden – auch, wenn’s der zehnte Artikel zum gleichen Thema ist. Und wenn eine Recherche besonders aufwändig ist, teilen sich mehrere RedakteurInnen die Aufgaben und schreiben dann gemeinsam. Jetzt mag’s schon sein, dass ein Treffen mit dem Landeshauptmann von Pjöngjang schwere Arbeit ist. Aber den Text, für den es offenbar einen Chefredakteur und einen prominenten Landespolitik-Redakteur gebraucht hat, schreibt die ÖVP-Pressestelle in viereinhalb Minuten. Nur dass die keine Inserate vom Landeshauptmann will.

heldentaten des schlechten journalismus

Einen korrupten Finanzminister, damit endlich mal über Moral in der Politik diskutiert wird. Eine Bombenattacke auf ein AsylwerberInnenheim, um eine Debatte über die Gefahr gegen Leib und Leben durch Rechtspopulismus diskutieren. Oder ein ehemaliger Linker, der in Nazi-Diktion über Rassenlehre diskutiert, um die Qualität politischer Bildung zu überdenken. Wie wär’s mit der Pressesprecherin eines Bundeskanzlers, die nach einer Geschichte für die Krone sucht, deren Chefkolumnist ihr Lebensgefährte ist, um die Distanz zwischen Medien und Politfunktionären zu thematisieren? Oder ein Landeshauptmann, der einer Gemeinde mit weniger Geld droht, wenn sie bei gegen die Ableitung eines Bergbachs stimmen, um über die Gesetzestreue von PolitikerInnen zu diskutieren?

Das gibt’s ja schon alles, sagt ihr? Stimmt. Die Diskussionen finden aber jeweils nicht oder kaum statt, weil die jeweiligen Player gutes Geld für Inserate in die Hand nehmen. Stattgefunden hat dafür unter umgekehrten Vorzeichen die Diskussion über einen schwerverletzten alten (Altlandeshaupt)mann, der stundenlang blutend ohne Hilfe in einem stark frequentierten Tiefgaragenabgang gelegen sei. Aufgemacht hat sie die Tiroler Tageszeitung, drei Tage lang Empörungsindustrie pur im sogenannten Leitmedium des Landes.

Jetzt gesteht das Flaggschiff der Moser Holding ein, einem Schwindel aufgesessen zu sein. Markus Wilhelm spricht wohl zurecht von der „Ente des Jahres„. Aber der Chefredakteur entschuldigt sich nicht in angemessener Form für die tagelange kampagnisierte Fehlinformation unter Missachtung des journalistischen 1×1. Sondern er schreibt im morgigen Leitartikel, dass die Diskussion über Zivilcourage dem Land trotzdem gut getan habe. Die Diskussion habe zu einer ungewöhnlichen Sensibilisierung der Menschen geführt, zu einem Zusammenrücken. Und dann: „Wenn am Ende nur das übrig bleibt vom ‚Fall Partl‘, dann ist das nicht wenig. Im Gegenteil.“

Während ich noch über diesem Satz schmachte und mir ganz warm ums Herz wird ob der humanistischen Heldentaten, die schlechter Journalismus zu leisten vermag, schreibt ein Freund auf Facebook, ob das heiße, man müsse mehr Kinder schlagen, damit endlich einmal über Gewalt in der Familie diskutiert werde. Und mir fällt ein, dass sich die pauschal falschen Unterstellungen, die in dem Fall PassantInnen getroffen haben, ja auch andere treffen können. Vielleicht werden ja einmal AntifaschistInnen zu Freiwild, weil sie alle gefährlich sind, als die Faschisten. Oder dunkelhäutige Menschen können sich in Innsbruck nicht mehr frei bewegen, weil sie in einem Klima von Angst und Vorurteilen dauernd von der Polizei angehalten und gefilzt werden.

Wenn an die Stelle schlechter Recherche überhaupt die bloße Phantasie tritt, dann ist es ganz schlecht bestellt um die größte Zeitung im Land.