neunter november. niemals vergessen.

Karl Schranz wird geboren. Heinz Fischer wird geboren. Karl Moik wird geboren. Sie haben Österreich ihren Stempel aufgedrückt. Richard Berger, Wilhelm Bauer und Richard Graubart kennt dagegen fast niemand. Die drei sterben 1938. Sie sterben in einer einzigen Nacht, gemeinsam mit 400 weiteren Juden und Jüdinnen in dem, was wir Deutsches Reich nennen. Sie sterben, weil sie Juden sind. Nur deshalb. Die Tür nach Auschwitz steht weit offen: In den Folgetagen werden 30.000 Männer in die ersten Konzentrationslager deportiert. Dachau, Buchenwald, Sachsenhausen. Gruselig klingende Namen für uns Nachgeborene.

In den kommenden Jahren werden die letzten Überlebenden sterben. In meiner Schulzeit gab es noch einige ZeitzeugInnen, die österreichischen Jugendlichen erzählten, was im Geburtsjahr des heutigen Bundespräsidenten angefangen hat in diesem Land. Das Leben ist tödlich. Aber ihre Mahnungen müssen unvergessen bleiben. 1938 ist eine Zäsur. Hitlers Barbaren merken, dass sie tun und lassen können, was sie wollen. Nach der Mordsnacht hagelt es Protestnoten. Die USA ziehen ihren Botschafter ab. Davon lassen sich die Massenvernichter, ihre HelferInnen und HelfeshelferInnen nicht irritieren. Mitteleuropa versinkt im Faschismus. Es ist, im wahrsten Sinne des Wortes, unvorstellbar für uns im Zeiten relativen Friedens Geborene.

Auschwitz ist eine Mahnung. Aber der Faschismus beginnt nicht an den Toren der Konzentrationslager. Er fängt da an, wo Menschen nach dem dritten Bier Vernichtungsfantasien formulieren. Er fängt da an, wo wir Störenfriede in dieser ach so friedlichen Gesellschaft mit Tiernamen benennen. Auschwitz fängt da an, wo systematische verbale Gewalt nicht als Vorstufe zur tatsächlichen Gewalt erkannt wird. Der Stacheldraht ist in Sichtweite, wenn staatlich organisiert Menschen deportiert werden. Wenn der Mob massive Übergriffe gegen Minderheiten hinnimmt. Der Faschismus fängt da an, wo beliebige Gruppen als Ursache staatlicher Krisen beschuldigt werden und die Hetzer deren Vertreibung, Ausweisung oder Vernichtung als Lösung verkaufen. Richard Berger, Wilhelm Bauer und Richard Graubart haben’s nicht überlebt. Es ist kein Menschenleben her.

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„in polen soll es auch ganz gut sein“

Quer durch Europa ist es gereist, das Mädchen, das diesen Satz geschrieben hat. Es sollte ihr letztes Lebenszeichen sein. Die Reise startet vor 73 Jahren, kurz bevor Innsbruck für eine Nacht das Zentrum des antisemitischen Terrors wird. Als Richard Berger von fünf SS-Männern aus der Anichstraße 13 entführt, zum Innufer gebracht, dort mit Steinen erschlagen und seine Leiche in den Inn geworfen wird, ist Ilse Brüll schon in München. Die 14-jährige sucht dort Schutz bei ihrer Tante, während Richard Graubart in seiner Wohnung in der Gänsbacherstraße 4 von sechs SS-Männern überfallen und mit Messerstichen von hinten ermordet wird. Die Wohnung der Familie Graubart wird wenige Wochen später zur Bürgermeisterwohnung umfunktioniert. Im Nachbarhaus, selbe Nacht, selbes Szenario, Wilhelm Bauer verblutet nach den Messerstichen der Nazis. Ilse Brüll wird auch nie erfahren, dass Josef Adler, ein Bekannter ihrer Eltern, durch Schläge auf den Kopf mit Steinen gelähmt wird und an den Folgen zwei Wochen später stirbt.

Das alles ist der 9. November 1938, heute vor 73 Jahren. Reichspogromnacht in Innsbruck. Das systematische Judenmorden beginnt. Die ersten ZivilistInnen bekommen mit, was 10 Jahre später niemand gesehen und gehört haben will: Dass jüdische Familien fliehen oder verschleppt werden. Dass Stoßtrupps in Braunhemden in Wohnungen eindringen, Fensterscheiben einwerfen. Dass jüdische Kinder wie Ilse Brüll nicht mehr in die Schule kommen, weil ihre Eltern versuchen, sie in Sicherheit zu bringen. Ilse reist 1938 von München nach Wien, bei ihrer Cousine Inge wähnt sie ihre Münchner Tante sicherer. Zwei Monate später, weiter nach Rotterdam für einen Monat, dann ein katholisches Heim bei Eindhoven. Der sicherste Platz, der sich finden lässt, glauben die Brülls. Was wie eine Reise klingt, ist eine gehetzte Flucht, den Feind ständig im Nacken. Und der kommt dann auch, überfällt die Niederlande. Ilse Brüll wird nach Westerbork verschleppt, dem Zwischenstopp nach Auschwitz. Wir kennen das Lager von Anne Frank.

Aus Westerbork schreibt die Innsbrucker Jüdin am 30. August 1942 an ihre Cousine: Ihr Gesuch, in den Niederlanden bleiben zu dürfen sei abgelehnt worden, sie werde nach Polen gebracht. Aber, „in Polen soll es auch ganz gut sein“, ihre Familie solle sich keine Sorgen machen. Es ist das letzte Lebenszeichen der 18jährigen. Sie stirbt wenig später im Gas von Auschwitz.

Lang ist das alles nicht her. Ilse Brüll wäre heute 87.

 

Post scriptum: Die Stadt Innsbruck bekennt sich sukzessive, spät aber doch zu ihrer historischen Verantwortung für die Erinnerung an die Opfer des Nationalsozialismus. Nach Ilse Brüll ist seit 2010 eine Straße in der Innsbrucker Innenstadt benannt, an ihrer früheren Schule, dem Gymnasium Sillgasse, hängt seit 2008 auf Initiative von Dr. Peter Stöger eine Gedenktafel. Die Stadt Innsbruck erneuert ihre Straßenschilder um kurze Texte, um wen es sich bei den NamensgeberInnen handelt. Wie die Stadt mit der Ottokar-Kernstock-Gasse umgeht, ist noch nicht klar. Das Projekt „Stolpersteine“ ist noch nicht in der Tiroler Landeshauptstadt angekommen.

der stoff, aus dem der faschismus gemacht ist

Das sind sie also, die beiden gefährlichen Subjekte, die von der nationalen Volkspolizei verhaftet, eingesperrt und in ein Land gebracht worden sind, das sie nur als Babys kennen. Und jetzt nicken sie wieder, die Gleichgeschalteten, die Gehässigen, die Neidischen, die Frustrierten. Und die vier nationalen Volksparteien sind stolz auf die nationale Volkspolizei.

Sie haben zwei 8-jährige verschleppt, ins Gefängnis gesperrt, in ein Flugzeug gesteckt. Am Tag davor ist ihre Mutter mit schweren psychischen Störungen in die Klinik eingeliefert worden. Die Kindesentführung durch die nationale Volkspolizei bei Nacht und Nebel hat den Zustand der schwer kranken Mutter wahrscheinlich nicht verbessert.

Fassungslos stehen viele meiner FreundInnen dem gegenüber. Ich hab mir auch überlegt: was gibt’s dazu noch zu sagen? Nach dem Mord an Marcus Omofuma, nach den Attacken auf Mike Brennan, nach dem Tod von Cheibiane Wague unter Polizei“obhut“ und der Abschiebung der Zogajs die nächste Eskalationsstufe. Sie schrecken nicht einmal mehr davor zurück, kleine Kinder zu verschleppen. Sie zerreißen Familien. Sie kommen im Morgengrauen. Sie lassen keinen Rechtsbeistand zu. Und sie verfolgen mittlerweile auch die AnwältInnen der Hilflosen, der Zerrissenen, der Objekte nationalstaatlicher Repression.

Wer unbescholtene Kinder verschleppt, die Buchstaben des Gesetzes vor menschliche Schicksale stellt und KritikerInnen der rassistischen Repression verfolgt und systematisch überwacht, begibt sich auf gefährliches Pflaster. Es stellt sich die Frage: Who’s next. Und das lässt auch die KritikerInnen weniger werden. Das ist der Stoff, aus dem der Faschismus gemacht ist.