gemach, gemach

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Beatrix Karl hat sich gestern im ZIB-Auftritt, der ihr hoffentlich ihren Job kosten wird, nicht nur im Ton vergriffen. Beatrix Karl hat offenbart, wie sie offenbar tickt. „Strafvollzug ist nicht das Paradies.“ So kann eine Ministerin nicht reagieren, wenn im Verantwortungsbereich ihres Ministeriums ein 14jähriger brutal vergewaltigt wird. Es erinnert frappant an den Krone-Reaktionär Michael Jeannée: „Wer alt genug zum Einbrechen ist, ist auch alt genug zum Sterben„, hatte der 2009 getextet, nachdem ein 14-jähriger in Krems bei einem nächtlichen Einbruch im Supermarkt von der Exekutive erschossen worden war.

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das ende der bunten hunde

Lange haben uns Medien und WahlforscherInnen erklärt, in politischen Krisen profitierten die PopulistInnen, die mit lautem Halali auf Sündenböcke losgehen. Das hat sich zur self fulfilling prophecy entwickelt. Die WählerInnen haben das in den Zeitungen gelesen und geglaubt und dann selber auch Schreihälse gewählt, wenn sie empört genug waren.

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der gabi effekt

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Heute hat mich ein Journalist gefragt, was ich so spannend an Wahlen finde. Er schon ein bißchen genervt von der Ochsentour durch Österreich und davon, dass Inhalte so wenig und möglichst laute, wirksame Verknappung eine so große Rolle spielen. Ich hab zwei Antworten darauf: Einerseits, zumindest in der Theorie, dass an Wahltagen die Stunde Null für Herrschaftsverhältnisse schlägt. Ich spür, wenn ich selber wählen darf, tatsächlich so ein Kribbeln an Wahltagen, schau in die Gesichter der anderen Wählenden und freu mich, dass sie und ich für einen Tag die Macht haben. Wahlen stellen die üblichen Verhältnisse – Politik schafft an, Menschen folgen Gesetzen oder protestieren dagegen – für einen Tag auf den Kopf. Und auch wenn die Ergebnisse von Wahlen meistens nicht alles auf den Kopf stellen: Meine Feiertage als Agnostiker sind Wahltage.

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die hidden agenda der leitartiklerInnen

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Kein Text zu Sinn oder Unsinn von Wehrpflicht oder Berufsheer, versprochen. Aber wenn Anneliese Rohrer, die KPÖ und das BZÖ einmal der gleichen Meinung sind, dann muss man da genauer hinschauen. Die wollen einen Boykott der Volksbefragung am kommenden Sonntag. Ich verstehe überzeugte PazifistInnen, die keine der beiden Optionen für in ihrem Sinn halten und kein kleineres Übel sehen (warum ich kein Pazifist bin). Aber ich höre seit Wochen, die Regierung müsse sich das schon untereinander ausmachen. Es sei ein Zeichen von Schwäche, dass sich rot und schwarz nicht einigen können.

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wenn alle für sich sorgen, ist für alle gesorgt? pr und prekariat, die2te

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„Längst haben die kreativen, oft akademisch ausgebildeten und weltgewandten Prekären viel mehr gemein mit den auf Stunde bezahlten Supermarktregaleinräumern, den per Zeitarbeit verliehenen Security-Bären und den Sieben-Tage-die-Woche Wurstbudenverkäufern, über die sie mitfühlende Reportagen schreiben, aufrüttelnde Sozialstudien erstellen oder deprimierende Reality-Dokus drehen, als mit den Agenturchefs, Etatbewilligern oder Ressortleitern, von denen sie sich Aufträge erhoffen und ein bisschen Honorar.“

Beobachten, darüber schreiben und damit ein bißchen die Welt verändern: Diesen Anspruch und seinen Niedergang beschreibt Katja Kullmann in ihrem Roman „Echtleben“. Das Buch trifft mich im doppelten Sinn: Es trifft mich, weil ich das auch gern machen will. Und es trifft mich, weil sich das nicht einmal bei Katja Kullmann, die exzellent schreibt, analysiert und das sogar gedruckt herausgeben kann, als Verdienstmodell taugt.

Pragmatismus ist das Zauberwort. Viele benutzen es wie ein Bußgebet. ‚Man muss die Dinge pragmatisch sehen‘, sagen sie, wenn es eng wird, also ständig, rund um die Uhr, immer wieder. ‚Schwierige Umstände erfordern pragmatische Lösungen.‘ Wenn die Formel Pragmatismus fällt, blickt man sich von Erwachsenem zu Erwachsenem in die Augen und weiß: Es ist eine Lüge. Der Pragmatismus ist eine ideelle Bankrotterklärung. Konsens besteht darin, nicht auf diesem Faktum herumzureiten. Das Leben, die Politik, die Liebe programmatisch pragmatisch anzugehen bedeutet: Man hat keinen blassen Schimmer, worum es eigentlich geht. Man hat auch das Suchen und Sich-Kümmern aufgegeben. Man überspielt eine verheerende Inhaltsleere mit hektischem Flügelschlagen, von Quartal zu Quartal, und dekoriert das Vakuum mit gelegentlichen Erfolgsmeldungen und Urlaubsfotos.“

Beobachten, darüber schreiben und damit ein bißchen die Welt verändern können ältere Herrschaften, die sich mit, so sagen sie, „richtiger“ Arbeit dieses Privileg verdient haben. Schuld daran, dass wir das nicht können, sind wir selbst und unsere Moderne, sagen sie uns. Dabei sind es ihre Anforderungen, die uns gängeln. Vor 40 Jahren musste man als EndzwanzigerIn nicht im Idealfall drei Praktika in drei verschiedensprachigen Ländern gemacht, zwei Studien abgeschlossen und viereinhalb Jahre einschlägige Berufserfahrung in zwei verschiedenen Branchen haben, um sich Chancen bei einer Bewerbung ausrechnen zu können. Schuld am Prekariat seien Maßlosigkeit und Desorientierung, Werteverfall, Internationalis-Muss und Ego-Trip meiner Generation, moralisieren sie. Vor 20 Jahren hatten Print-Zeitungen noch ordentliche Redaktionen mit vielen guten Arbeitsplätzen, weil wir Jungen noch nicht das Internet erfunden, weiterentwickelt,  Informationsfreiheit gefordert und in vielen Bereichen durchgesetzt haben. Selber schuld, wir WeltverbessererInnen. Vor 20 Jahren waren universitäre Forschungsprojekte noch drittmittelfrei ordentlich ausgestattet, bevor wir Jungen in immer größeren Massen auf die Unis strömten und die Lehre zerstörten, hören wir.

„Der ideale Staatsbürger ist eine Chimäre aus Reihenhausbesitzer und Wanderarbeiter. Er soll sich fortpflanzen, ein Ehrenamt in der Nachbarschaft übernehmen und erkrankte Angehörige selbst pflegen, aber auch Steuern zahlen, jederzeit umziehen, wenn sich eine berufliche Perspektive bietet, notfalls auch mal nachts oder en bloc oder auf andere Art unregelmäßig tätig sein, er soll sich verlässlich zeigen und sich selbst dazu befähigen, Dinge gegebenenfalls zu verwerfen und verbrauchen, er soll sich ein bisschen engagieren, aber auch nicht wieder so wild demonstrieren, dass der Wasserwerfer kommen muss, er soll nicht rauchen und sich gesund ernähren aber bitte nicht so lange leben, dass die Rentenkassen noch größere Schwierigkeiten bekommen als sie eh schon haben.“

Beobachten, darüber schreiben und damit ein bißchen die Welt verändern passt nicht in dieses Bild, das Katja Kullmann vom Standort Deutschland zeichnet. Ich nehme an, die restliche kapitalistisch organisierte Welt ist mitgemeint. Wir sollen nicht länger studieren, als vorgeschrieben. Dann sollen wir unsere möglichst marktkonformen Qualifikationen sogenannten ArbeitgeberInnen zur Verfügung stellen und uns auch demokratisch möglichst marktkonform verhalten. Zuerst natürlich ein paar Monate oder Jahre unbezahlt – schließlich sind wir auch als PraktikantInnen schon mitverantwortlich für den business success derer, die unsere Arbeit nehmen. Gibt ja eh workout nach der Lohnarbeit: schlank und braungebrannt wär nämlich schon auch angebracht. Manche finden einen business angel, viele davon ihren Daddy. Und dann ist’s eigentlich auch schon Zeit für die Reproduktion. Bernd Marins mahnende Stimme und die bedrohliche Grafik der  Bevölkerungspyramide sind mein Multimedia-Hintergrundklang, wenn meine FreundInnen „Pensionszeiten“ sagen. „Zusatzversicherung“ sagen sie auch und „Eigenmittel“. Für die Wohnung, die man sich dann Mitte dreißig schon leisten können sollte, damit man nicht Monat für Monat Miete ins nichts zahlt. Klein Aljoschas Chinesisch-Kurs und die Barockorgelstunden sollen doch nicht unter gedankenlosen Mittzwanziger-Fehlplanungen leiden.

Notabene: Ich schreibe hin und wieder, ich kann da und dort einen Denkanstoß geben und ich bin weit weg vom finanziellen Prekariat. Aber der Rückzug ins Private, das Hinnehmen des eigentlich nicht Hinnehmbaren, der schrittweise Abschied vom täglichen Zeitunglesen, Trendsport statt Bücher und fun statt Auseinandersetzung sind greifbar. Sie betreffen den prekarisierten Berufsstand der Recherche- und Schreibwilligen besonders massiv. Viele nehmen dann halt doch einen ordentlich bezahlten schlechten Brotberuf statt des prekären guten Journalismus. Immer mehr „ist halt so“ und „kann man nicht ändern“ und „mach dich nicht unglücklich“ tönt es von allen Seiten. „Postmaterialistische Probleme“ höhnt das Feuilleton. Das freundschaftliche „sich um sich kümmern“ ist mir gefährlich nahe am Credo „wenn alle für sich sorgen, ist für alle gesorgt.“ Das gute Leben soll das Zurückgezogene sein? Das einst im Interesse Opfer struktureller Gewalt politisierte Private soll wieder ganz privat werden?

Katja Kullmann sagt dazu „Echtleben“. Und sie meint es kein bißchen positiv.

prekariat oder pr: die luft wird dünn

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11 JournalistInnen weniger: Ist das wirklich so ein Drama? Was ist das schon, verglichen mit einer Fabriks-Schließung, bei der hunderte ihre Arbeit verlieren? Sind ja eh noch jung, wohnen eh in großen Städten, haben eh eine Reihe von Branchen offen. Sind ja eh gewohnt, 60 Stunden in der Woche zu arbeiten. Haben eh meistens noch keine Kinder. Sollen sich was weniger Weltverbesserndes suchen, sollen sich nicht zu gut sein für einen normalen Job abseits der Öffentlichkeit und deren Meinungsbildung.

Die Demokratie kann sich keinen schlechten Journalismus leisten. Ich find, die 11 JournalistInnen, die „Presse“ und „Wirtschaftsblatt“ gekündigt haben, sind ein Drama. Sie sind nämlich nur die Spitze des Eisbergs, was in den Redaktionen dieses Landes passiert. Im Frühjahr soll’s im „Standard“ die nächste größere Kündigungwelle geben. Barbara Kaufmann hat in ihrem Blog unter dem Titel „Protestmüde“ beschrieben, wie es ihr nach einem Jahr organisierten Protest gegen das Prekariat der freien ORF-MitarbeiterInnen geht. Berufliches Prekariat führt auch privat zu einer Verengung. Wer um sein Leiberl rennt, ist im Zweifel ein bißchen leiser, ein bißchen braver und ein bißchen weniger mutig im Konflikt mit den Betriebsoberen. Das macht unglücklich, unausgeglichen und mitunter neurotisch. Ja, das ist überall so im Prekariat, nicht nur im journalistischen. Aber der klitzekleine Unterschied ist, das JournalistInnen eine ganz wichtige Rolle in der Demokratie haben – nicht „nur“ im Produktionsprozess.

Verklärung statt Aufklärung. Es sieht nicht so aus, als würden die 11 bei „Presse“ und „Wirtschaftsblatt“ Gekündigten so schnell in einer anderen Redaktion unterkommen. Wie lange sie dem Ruf von Red Bull und Co. widerstehen, in deren Magazinen zu schreiben? Wie lange sie nein sagen können angesichts dessen, was man in der PR-Branche verdient? Trotzdem: Jede/r JournalistIn, der oder die von den Verhältnissen in Österreichs Redaktionen gezwungen wird, aus der Branche der Annäherung an objektive Wahrheiten in jene der Interessensvertretung und Wahrheitsverdrehung geldiger Unternehmen zu wechseln, ist ein Verlust für die Demokratie in diesem Land. Es gibt mit jedem und jeder von ihnen, die den Lockrufen nicht widerstehen, ein bißchen mehr Verklärung und ein bißchen weniger Aufklärung in diesem Land. Als wenn die Luft nicht eh schon dünn genug wär.

journalismus in ö oder: beim würstelstand bestochen

Diese Stadt hat für jeden Abend eine spannende Veranstaltung. Heute: Ich unter lauter JournalistInnen. Die organisieren sich gerade, weil der Kollektivvertrag abgeschafft worden ist. Ich könnt mich seitenlang ausbreiten darüber, was das für eine Sauerei ist, wie die nach abgeschlossener Ausbildung gezahlt werden. 1.200 Euro für Vollzeit und Wochenenddienste? Das ist also gute journalistische Arbeit wert? Anstatt mich seitenlang auszubreiten, eine schöne hässliche Geschichte aus meinem letzten Leben als Pressesprecher in einer Kleinstadt.

mitgespielt

Eines Tages versuchen wir, eine Geschichte in einer Bezirkszeitung zu lancieren, die zum Fast-Monopolisten Moser Holding gehört. Wir haben nämlich gelernt: Die Bezirksblätter lesen alle am Land. Weil sie manchmal selber vorkommen, weil’s ums eigene Dorf geht, weil die Zeitungen eine Woche lang beim Friseur, bei der Ärztin und im Kaffeehaus herumliegen. Wir kommen bei der Recherche drauf, dass die Geschichte eigentlich kalt ist: Wir wollen ein Thema anziehen, das schon abgeschlossen ist. Die lokale BürgerInneninitiave hat den Bürgermeister längst überzeugt, dass die zusätzliche Straße nicht so g’scheit ist und dass er aus dem Amt gejagt wird, wenn er mehr Fließverkehr durch den Ort bringt.

Nur: das wusste der Journalist nicht. Zwei Tage nach unserer Pressemeldung exklusiv an ihn (weil ja: Wettbewerb) ruft der an und sagt, das ist viel mehr als Randspalte mit Foto Seite 7, er will die ganze Seite vier zu dem Thema. Aber… er hat Stress. Ob wir nicht den Text schreiben können. Machen wir natürlich – wir sind ja nicht blöd. Einen Tag vor Redaktionsschluss hat er einen Bauern gefunden, der offenbar auch noch nicht mitgekriegt hat, dass das Projekt abgeblasen ist. Von dem hat er ein paar Zitate. Aber… er hat Stress. Ob wir nicht den Text auf einen Eineinhalb-Seiter aufblasen können. Wir schwitzen und schreiben mit schlechtem Gewissen. Aber eine G’schicht‘ is eine G’schicht‘. 6 Stunden vor Redaktionsschluss, Telefon. Das in Wirklichkeit schon abgeblasene Projekt ist wirklich so ein Skandal, er würd‘ auch noch seinen Kommentar auf Seite 3 dazu schreiben. Aber… richtig erraten: Stress.

„gewonnen“

Drei Tage später hab ich die Zeitung in der Hand. Die Seiten 2, 3 und der Kommentar – unverändert, Wort für Wort mein Text, inklusive Kommentar mit seinem Gesicht. Ich hab das wider besseres Wissen für meinen Arbeitgeber getan, mit minderen Motiven, es ist ein schmutziges Geschäft. Ich hab die Prekarisierung des Journalisten ausgenutzt. Der Mann hat natürlich trotzdem gegen jedes journalistische Prinzip verstoßen, keine Frage. Das tun, nach meiner Beobachtung, die meisten Wiener KollegInnen (Anm. und auch die meisten Tiroler KollegInnen, danke fg.) nicht.

Aber die Zeitung mit der falschen Geschichte und mit dem gefaketen Kommentar war gedruckt. Über 60.000 Menschen bekommen dieses Blatt vor die Haustür gelegt. Der Mann ist ein Gatekeeper – und zwar vielleicht sogar ein wichtigerer, als die Nummern 3-5 in der Landespolitik der Tiroler Tageszeitung. Der Mann beackert einen ganzen Tiroler Bezirk. Jetzt kann man schon sagen, da fällt alle drei Wochen mal eine Kuh vom Acker – aber manchmal will eben auch ein Bürgermeister doch keine Straße mehr bauen. Was der als Redakteur verdient hat? Richtig, 1.200 Euro.

ausgepredigt

Ich will von den ChefredakteurInnen und von der VerlegerInnen keine großen Worte mehr über journalistischen Ethos hören. Sie sollen sich ihre moralischen Vorträge in die Haare schmieren und aufhören, sich mit Lehraufträgen an Unis und Privatschulen ihren Lebenlauf und ihr Gehalt aufzubessern. Die Prekarisierung von RedakteurInnen ist nicht nur Ausdruck einer redaktionsinternen Schieflage. Es ist auch demokratiepolitisch skandalös, seine TürsteherInnen zur zehntausendfach veröffentlichten Meinung so katastrophal auszustatten. Solange ich in Wien mit 50 JournalistInnen meiner Generation in einem Raum sitzen kann, von denen 44 so miserabel verdienen, dass sie beim Würstelstand bestochen werden könnten, will ich von ihren Chefitäten nichts mehr hören von Moral und Anstand in der Politik.