vergesst die #bpw16-umfragen

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Ich fahr ja auch total auf die bunten Balken ab: Sie lassen immer einen flotten Schluss zu: Welche Aussage ist besonders gut angekommen? Wessen Wahlempfehlung hat die Daten steigen lassen? Wer hat gerade Themenhoheit und welches Privatskandälchen hat wohl welcher Kandidatin oder welchem Kandidaten in welcher WählerInnengruppe geschadet und satte drei Prozent gekostet? Mit diesen Spekulationen lassen sich Talkshows, sogenannte Wahlanalysen und viele Seiten in Zeitungen füllen. Nur: drei Prozent Veränderung sind mit den gängigen Samples gar nicht messbar. Eine Umfrage mit 400 Befragten hat eine Schwankungsbreite von +/-4%. Wenn Andreas Khol also gestern in einer Umfrage mit 400 Befragten bei 15% anschreibt, dann liegt er zwischen 11% und 19%, sofern nicht andere methodische Fehler passiert sind, die die Schwankung noch größer machen. Befragt man 1.500 Menschen und kommt auf 15% für Khol, liegt er mit den +/-2% Schwankungsbreite immer noch zwischen 13 und 17%.

Warum das wichtig ist? Bei einer sich zuspitzenden BundespräsidentInnenwahl ist ein Szenario mit fünf KandidatInnen, bei denen innerhalb der Schwankungsbreite jede Platzierung für jede/n möglich ist, nicht auszuschließen. Wenn alle fünf zwischen 23% und 16% liegen, kann am Wahltag immer noch der/die Fünfte aus der Umfrage mit 23% Erste/r sein und der/die Erste aus der Umfrage mit 16% Letzte/r der Wahl. Aber Hand aufs Herz: Steht es eine Woche vor der Wahl 23 für Khol, Hofer und van der Bellen und 15,5 für Griss und Hundstorfer, dann überlegen sich vielleicht ein paar Rote, ob sie nicht doch van der Bellen wählen sollen und ein paar Schwarze, ob sie statt Griss nicht doch Khol wählen sollen. Taktisch wählen, nennt man das. Erinnert sich noch irgendwer an das Kopf-an-Kopf-Rennen um Wien zwischen Häupl und Strache? Eben.

Und jetzt das Gefährliche daran: Die Boulevard-Blätter werden in den letzten Wochen vor der BundespräsidentInnenwahl Ende April voll sein mit Umfragen. Fast jeden Tag werden fünf bunte Balken am Titelblatt sein und es werden geringste Veränderungen aufgeblasen und überinterpretiert werden. Daraus werden neue Geschichten entstehen, die sich dann in der nächsten Umfrage mit zu kleinem Sample und zu großer Schwankungsbreite am nächsten Tag bestätigen werden und daraus werden Trends entstehen und große Linien interpretiert. Ob die Ausgangsbasis – nämlich die ursprünglich publizierten Umfragen – überhaupt seriös durchgeführt worden sind, werden wir nie erfahren. Ob nicht die eine oder andere Fragestellung schon eine Tendenz in der Antwort begünstigt hat, ebensowenig. Und auch wenn man die „Krone“ oder „Österreich“ nicht liest und weiß, dass dort ab und an Geschichten und Interviews erfunden werden – wer lässt sich nicht von den Balken und Pfeilen nach oben und unten beeindrucken?

Ich glaube, bei dieser BundespräsidentInnenschaftswahl müssen wir den bunten Balken gegenüber ganz stark sein. Denn Umfragen und Titelseiten und Inserate sind schwer zu trennendes Big Business im redaktionellen Teil. Wenn bei uns so veröffentlicht würde, wie in den USA: Her mit mehr Umfragen. So, wie bei uns veröffentlicht wird: Vergesst die #bpw16-Umfragen.

superdienstagssurprise?

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Kampf um den „rust belt“: Wann kommt der Auftritt der beiden Frauen in Flint, Michigan?

Man weiß ja trotz aller Umfragen nie so ganz genau, was passieren wird, aber in 24 Stunden könnten wir sehr große Gewissheit darüber haben, dass das Rennen im November Hillary Clinton gegen Donald Trump heißt. Denn heute Nacht entscheiden 12 der 50 Bundesstaaten, wer für die beiden großen Parteien in das Rennen ums Weiße Haus gehen soll. Für dieses Rennen gibt es sogenanntes „conventional wisdom“, das deutliche Hinweise auf den Ausgang geben kann.

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mit sicherheit schöner scheitern

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Sie haben der ÖVP nicht geholfen (Quelle: bit.ly/1pmFlqN)

Selten haben WählerInnen die ÖVP so böse bestraft, wie gestern in Tirols zweitgrößter Stadt. Jörg Haider hat in Kufstein bei der Nationalratswahl 1999 über 39% gemacht. Genau so viel Prozent hatte die ÖVP hier bei der Gemeinderatswahl 1998 und 2004. Vor sechs Jahren ging es dann runter auf 30% und der Bürgermeister ging verloren: Statt des alten schwarzen Patriarchen Marschitz kam ein parteifreier Bürgerlicher ins Rathaus. Und als die Schutz suchenden Menschen mehr wurden, schaltet der Neue nicht auf Abwehr und auf Angst, sondern auf Überzeugungsarbeit und bringt über 100 Flüchtlinge in Kufstein unter. In der ehemaligen blauen Hochburg ist auf einmal einer am Werk, der Dinge wie „wir spüren die Flüchtlinge nicht“ sagt und „es muss aufhören, dass sich Gemeinden so massiv zur Wehr setzen.“ Und als Kufstein noch einmal 29 unbegleitete minderjährige Flüchtlinge aufnimmt, geht auch die traditionell erfolgreiche Bürgerliste auf den Bürgermeister los.

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dauerbeschallung

 

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Es sieht so aus, als würde Donald Trump bald in ein one-on-one mit jenem Kandidaten müssen, der als verhältnismäßig moderat bezeichnet wird. Rubio ist natürlich nicht moderat, sondern seine Positionen sind in vielen der gesellschaftspolitischen Fragen, mit der Konservative auch bei ärmeren Menschen zu punkten vermögen („god, guns and gays“), wesentlich konservativer, als jene von Donald Trump. Rubio ist 2010 als Tea Party Kandidat gegen das Partei-Establishment in die Vorwahlen um die republikanische Kandidatur in Florida gegangen. Dass er jetzt „Establishment“-Kandidat sein soll, zeigt nur, wie weit die republikanische Partei nach rechts gerückt ist. Aber dazu ein anderes Mal mehr.

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was will john kasich?

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Ein Ticket aus Ohio und aus Florida: Wie aus den schönsten Träumen der Establishment-StrategInnen

Nach den Vorwahlen der RepublikanerInnen in South Carolina sind zwei Dinge klar geworden:

  • Donald Trump macht ca. ein Drittel der Stimmen, manchmal ein bißchen mehr und manchmal ein bißchen weniger. Aber er ist nicht mehrheitsfähig in der Partei, für die er kandidieren will.
  • Dieses knappe Drittel wählt Trump unabhängig davon, wie seine Performance bewertet wird. Die Woche vor den gestrige Vorwahlen war nämlich alles andere als ideal für den Multimillionär: Zuerst der Tod des Höchstrichters Antonin Scalia, der den Fokus der Auseinandersetzung auf lauter Fragen gerichtet hat, bei denen Trump mit seiner politisch oft beliebigen Vergangenheit nicht punkten kann: God, Guns, Gays und Abortion. Dann eine schwache Debatte, in der er George W. Bush in einem Staat, wo der aktuell 86% Zustimmungsrate genießt, als Lügner bezeichnet, der indirekt schuld an den Terroranschlägen vom 11. September sei. Es hat ihm nicht geschadet, er ist genau dort gelandet, wo ihn die Umfragen gesehen haben.

Was ist jetzt zu erwarten? Aus Trumps Nicht-Mehrheitsfähigkeit lässt sich schließen, dass seine Konkurrenten möglichst schnell versuchen müssen, mit ihm alleine auf der Bühne zu stehen. Jeb Bush hat gestern das Feld geräumt und damit auch den Druck auf den letzten anderen verbliebenen moderaten Establishment-Kandidaten erhöht: Von John Kasichs weiteren Entscheidungen hängt jetzt Einiges ab. Denn wenn er geht und sich die Bush- und Kasich-WählerInnen in Zukunft, wie zu erwarten ist, großteils ins Lager des gestrigen Zweitplatzierten Marco Rubio schlagen, dann sind Trump und Rubio Kopf an Kopf. Ted Cruz wird im Rennen bleiben und am 1. März in den Südstaaten noch einmal punkten, aber dann sind seine stärksten Staaten vorbei und er kann mit Trump und Rubio nicht mehr mithalten.

Deswegen ist die Entscheidung von Kasich von höchster Relevanz, denn er kann Rubio noch lange entscheidende Stimmen kosten, wenn er im Rennen bleibt – etwa in Michigan, Virginia und Colorado vor dem 15. März und dann erst recht in Kasichs Heimatbundesstaat, der besonders viele Delegierte nach dem Prinzip „the winner takes it all“ vergibt.

Wer ist der Mann und was will er? Im Gegensatz zum ebenfalls noch im Rennen befindlichen Ben Carson hat Kasich etwas zu verlieren: Er ist Gouverneur eines großen Bundesstaats, der als „purple“ gilt und bei Präsidentschaftswahlen oft schon entscheidend war – „as Ohio goes, so goes the nation“, sagt man. John Kerry kann ein Lied davon singen. Kasich kann es sich nicht leisten, zu lange im Rennen zu bleiben und damit Trumps bester Wahlhelfer zu sein. Ich vermute, er wird jetzt hoch pokern und für seinen Ausstieg von Rubio eine Zusicherung wollen, dass in dessen Team im Weißen Haus ein gewichtiger Posten für Kasich herausschaut. Das Problem dabei ist nur: Rubio wird schon vielen moderaten RepublikanerInnen für ihre Unterstützung Posten und Einfluss versprochen haben. Aber Kasich könnte dem republikanischen Ticket im November die Mehrheit in Ohio sichern. Er hat also im Poker um seinen möglichen Ausstieg aus dem Rennen exzellente Karten. Wenn er aussteigt, werden wir ihn also bald wieder sehen.

Post scriptum zu Nevada: Das ist eine schwere Niederlage für Bernie Sanders. Auf Dauer wird der Spagat des knappe Rennen Ansagens zur Mobilisierung und des dann doch recht klar Verlierens nicht zu machen sein. Sanders braucht jetzt eine ganz klare strategische Ansage, in welchen Staaten er Clinton schlagen kann. Je später im Wahlkalender, desto mehr Staaten wählen auf einmal, desto wichtiger die Stärke der Organisation vor Ort. Das hilft Clinton mindestens so viel, wie die für sie besser werdende Demographie mit mehr WählerInnen aus sogenannten ethnischen Minderheiten. 

 

president bernie sanders?

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Vor drei Jahren in San Francisco noch ein Restposten

2013 hat mich in einem Bookstore in San Francisco ein älterer Hippie-Verkäufer überredet, dieses Buch zu kaufen. Ich soll wissen, dass es in den USA auch richtige Linke in Amt und Würden gibt, auch wenn der Autor nie überregional gewählt werden könnte. Nicht einmal zum Bürgermeister von San Francisco. Es ist die achteinhalbstündige Rede über den Einfluss der Wall Street und der Industrie auf die Politik und über die immer weiter auseinander gehende Schere von Arm und Reich, mit der Bernie Sanders für so viel Aufmerksamkeit sorgte, dass Barack Obama und Bill Clinton mit einer kurzfristig einberufenen Pressekonferenz im Weißen Haus die Aufmerksamkeit weg vom unabhängigen Senator aus Vermont und seiner ‚Filibuster‘-Rede zu lenken versuchten. Freilich vergeblich, was angesichts der offensichtlichen Belanglosigkeit ihrer Pressekonferenz, deren Wortlaut hier nachzulesen ist, nicht wundert.

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own goals

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Die Wahlnacht in Iowa hätte spannender nicht am Reißbrett entworfen werden können: Klare Vorsprünge für die FavoritInnen Trump und Clinton in den sogenannten „Entrance Polls“, wo WählerInnen beim Eingang zu den Wahllokalen abgefragt werden haben zwei Eindrücke erweckt: Einerseits sah es so aus, als wäre das demokratische Rennen schon mit dem Startschuss fast vorüber, weil Sanders mit einer klaren Niederlage in Iowa wohl aus dem Rennen wäre. Und andererseits schienen die Zweifel an der Motivation der Trump-Fans, tatsächlich auch am Wahltag aufzutauchen, unberechtigt.

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