wie wird man ein überflieger?

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Warum sind Superstars und PinoierInnen dorthin gekommen, wo sie sind? Sind ihre Biographien austauschbar? Ist es ihrem Fleiß zu verdanken, dass sie Vermögen angehäuft haben? Oder gibt es nicht auf den ersten Blick greifbare Muster, die Karrieren begünstigen? Der US-amerikanische Soziologe Malcolm Gladwell hat sich auf die Suche nach Mustern gemacht, die den Gegenbeweis zur These „You can do it, if you try hard enough“ anzutreten geeignet sind. „Outliers“ – oder in der deutschen Version „Überflieger“ – nähert sich der Frage von Leistung und Chancengleichheit von einer ungewöhnlichen, aber umso spannenderen Seite.

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franks ex-leute unter der lupe (update vom 31.1., urspr.: franks leute unter der lupe)

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Der Wahlkalender liegt gut für den neuen Star der österreichischen Innenpolitik. Frank Stronach braucht bei seinem ersten Antreten einen Erfolg. Der ist in Niederösterreich und Kärnten in Greifweite, während sich in Tirol als schwieriger Boden herausstellt. Nicht zuletzt aufgrund des Personals, das der Milliardär rekrutiert hat. Stronach bringt Niederösterreichs Landeshauptmann Pröll unter Druck. Die Imperien von SPÖ und ÖVP, die bisher eher still hielten, müssen jetzt zurückschlagen.

2013 wird spannend. Ein erster Überblick:

220px-Niederösterreich_CoAMinisterinnentochter, Ministersprecher, Weindoyen. Stronachs blau-gelbes Team kommt mitten aus der ÖVP. Karin Prokop ist die Tochter der 2006 verstorbenen ÖVP-Innenministerin Liese Prokop und war bis zu ihrem Wechsel ins Stronach-Team schwarze Gemeinderätin in Maria Enzersdorf. Walter Rettenmoser war Pressesprecher von ÖVP-Verteidigungsminister Lichal, als Michael Spindelegger dessen Ministersekretär war. Walter Laki ist Ministerialrat im Rechnungshof und gehört den illustren „Weinrittern der Tafelrunde“ an, in der die erste Reihe der niederösterreichischen ÖVP prominent vertreten ist. Die politische Haltung von Stronachs blau-gelber Truppe ist noch weitgehend unbekannt. Aber das sind KandidatInnen, die das politische Geschäft verstehen und mitten aus Prölls Reich kommen. Ergänzt um den ehemaligen LIF-Bundesgeschäftsführer Michael Fichtinger und mit Frank himself an der Spitze könnte der Feind im eigenen Bett dem niederösterreichischen Landeshauptmann zu schaffen machen. (An dieser Ankündigung ändert auch Karin Prokops Ankündigung vom 2. Jänner nichts, doch nicht auf der Landesliste des Team Stronachs in Niederösterreich zu kandidieren. Letzteres halte ich für einen PR-Gag.)

Bildschirmfoto 2013-01-01 um 17.59.37Roter, blauer und grüner Dissident. Gerhard Köfer ist eine reichlich skurrile Figur: Der Bürgermeister von Kärntens viertgrößter Gemeinde ist Energetiker, kann mit Pferden sprechen und ist der SPÖ immer wieder mit Unterstützungserklärungen für den damaligen FPÖ-Landeshauptmann Haider in den Rücken gefallen. Trotzdem: Der Spittaler Bürgermeister ist prominent, in der Mitte der Kärntner (!) politischen Landkarte etabliert und im südlichsten Bundesland liegen die Stimmen auf der Straße. Gemeinsam mit Albert Gangl, einem Ex-FPÖ-Gemeinderat aus Villach und Martin Rutter, der stellvertretender Klagenfurter Grünen-Chef war und seit 2008 einen politischen Blog betreibt, könnte Stronach in Kärnten Meter machen. Der Chef selbst hat außerdem eine Kärntner Mutter, die er im Wahlkampf strapazieren wird. Am 3. März wählen Niederösterreich und Kärnten. In beiden Bundesländern könnte Stronach in die Landtage einziehen. Und egal, ob es stimmen wird, oder nicht: Die Medien werden den Milliardär zum Verhinderer der Pröll-Absoluten und zum Königsmacher in Kärnten machen.

Bildschirmfoto 2013-01-01 um 18.00.46Glatz, Gruber, Tautsch: Zu rechts für die FPÖ. „Alle Gutmenschen, die diesem Treiben tatenlos zusehen, sind die wahren Schuldigen, sollte es einmal zu Gewaltexzessen von besorgten Einheimischem gegen diese Typen kommen!! Es mehren sich jedenfalls die Stimmen, das Recht selber in die Hand zu nehmen und sich dieser Verbrecher zu entsorgen (…)“, schrieb der Stronach-Finanzreferent Gerhard Glatz auf der Facebook-Seite des zurückgetretenen FPÖ-Nationalratsabgeordneten Werner Königshofer über AsylwerberInnen. Stronachs Innsbrucker Spitzenkandidat Richard Tautscher und Schriftführer Fabio Gruber kommen vom schlagenden Corps Athesia, das 2009 an der Organisationen des umstrittenen Burschenschafter-Festkommerses in Innsbruck beteiligt war. (4.1.: Fabio Gruber hat mich angerufen unter unter Androhung seines Anwalts gefordert, ich möge die „Athesia“ nicht als Burschenschaft bezeichnen.)  Beide sind wegen rechter Umtriebe aus der FPÖ ausgeschlossen worden. Der Spitzenkandidat für Innsbruck-Land, Christian Warum, hat sich als homophober und rassistischer Internet-Poster einen Namen gemacht, wie die Recherche West berichtet(4.1. Christian Warum ruft mich an und droht mit Klage, wenn ich diesen Hinweis nicht lösche. Ich kenne Herrn Warum von einschlägigen Störaktionen bei der Besetzung des SoWi-Hörsaals im Oktober 2009 und halte den Bericht von „Recherche West“ deshalb für glaubwürdig. Dennoch weise ich darauf hin, dass gegen Herrn Warum kein Straftatbestand vorliegt, 25.2.: ich lese in der „Tiroler Tageszeitung“, dass wegen Handgreiflichkeiten eines Christian W. im Tiroler Stronach-Büro die Polizei anrücken musste.). Teamkoordinator Alois Wechselberger war Obmann der „Liste Tirol“, als diese wegen musste wegen übler Beschimpfungen des FPÖ-Chefs Gerald Hauser 5.000 Euro Strafe im außergerichtlichen Ausgleich zahlte. Auf der Website der Liste war der FPÖ-Chef mit Kim Jong Il und Adolf Hitler verglichen worden. (3.1.: Alois Wechselberger hat mich angerufen und um diese Präzisierung gebeten, andernfalls werde er seinen Rechtsanwalt Dr. Alexander Frick einschalten. Im Telefonat meinte Wechselberger, man könnte ihn einen Monarchisten nennen, dazu habe er einen Zugang. Aber mit Rechtsextremen habe er nichts am Hut).

Update, 30.1.: Mittlerweile interessiert sich laut Kurier auch der Verfassungsschutz für die Website, deren Kontaktadresse auf Alois Wechselberger registriert ist. „Türken als neue Herrenrasse“, steht da unter anderem.

Update, 31.1.: „Doch seit gestern Nachmittag steht fest: Landesobmann Mayr dürfte Wechselberger und Co. aus der Partei verbannen und die Stronach-Landesgruppe neu aufbauen. Gemeinsam mit Wechselberger müssen dann wohl Christian Warum, der den Landtagsabgeordneten Gebi Mair einmal als „grünen Quotenschwulen“ bezeichnet und beim Tag der offenen Tür im Landhaus für einen Skandal gesorgt hat, Peter Prantl, Richard Tautscher und Fabio Gruber gehen. Auch die Karriere von Johann Moser könnte beim Team Stronach heute zu Ende sein.“ (Online-Ausgabe der Tiroler Tageszeitung)

Update, 5.4.: Das Kapitel Stronach und Tirol hat ein Ende gefundenUpdate 15.4.: Doch nicht.

Mit dieser Stronach-Truppe will in Tirol niemand etwas zu tun haben, ihre Exzesse sind den Medien bekannt. Selbst wenn Klubchef Robert Lugar selbst kandidiert, wird Stronach in Tirol keinen Fuß auf den Boden bekommen.

Niederösterreich entscheidet. Frank Stronach hat mit seiner eigenen Spitzenkandidatur in Prölls Reich die Entscheidung darüber getroffen, wann die Stunde der Wahrheit für seine bundespolitischen Ambitionen geschlagen hat. 3. März, 17 Uhr. Eine persönliche Niederlage unter der Enns wäre der Anfang vom Ende seiner Partei, davon erholt er sich auch mit viel Geld bis zum Herbst nicht. Schafft er aber in Niederösterreich und in Kärnten den Einzug in die Landtage, stehen die Chancen für die Nationalratswahl im Herbst gut. Dann ist aus dem Medien-Faktor Stronach auch ein echter Polit-Faktor Stronach mit gewählten MandatarInnen geworden und es gibt ein Spielfeld, auf dem seine Partei manövrierfähig ist.

Damit diese Analyse nicht wie eine Laudatio auf den Milliardär wirkt: Was ich persönlich von Stronach halte, steht u.a. hier.

äsop, peter rabl, und das refugee camp

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„Kurier“-Kolumnist Peter Rabl hat in der heutigen Print-Ausgabe einen im Laufe des Tages auf Twitter heiß diskutierten Text geschrieben. Einige „Hintermänner“ und „links-grüne Kombattanten“ missbrauchten, so der Journalist, die Asylwerber des „Refugee Camp“, die 4 Wochen lang vor und in der Votivkirche in der Wiener Innenstadt auf die untragbaren Zustände im Flüchtlingslager Traiskirchen aufmerksam gemacht hatten, bevor die Polizei das Lager in einer Nacht- und Nebelaktion zerstörte.

Nun, ich gehöre zu dem, was der Kurier-Kolumnist „humanitär leicht erregbare Community“ nennt. Und ich mag nicht akzeptieren, dass Rabl in seinem Text zwar einen anonymen Flüchtling nennt, dem man seiner Auffassung nach helfen solle – aber findet, man könne das wegen der vielen anderen Flüchtigen auf der Welt nicht tun. Die Menschenrechte, sehr geehrter Herr Redakteur, sind unteilbar. Sie gelten für alle gleich. Das österreichische Asylgesetz erlebt im Jahrestakt Verschärfungen, obwohl das UNO-Hochkommissariat für Flüchtlingsfragen seit Jahren gegen die noch milderen früheren Versionen protestiert hat. Es ist degoutant, die vermeintliche Sicherheit der ÖsterreicherInnen über die Menschenrechte der Unterpriviligierten aus Kriegsländern zu stellen. Es ist geschmacklos, die Sprachschwierigkeiten von MigrantInnenkinder gegen Menschen auszuspielen, denen in ihrer Heimat der Tod droht.

Äsop wird das Zitat zugeschrieben, das Rabl als Titel für seinen Kommentar wählt: „Handle klug und bedenke die Folgen“. Zwei Frösche müssen in der Fabel, aus der es stammt, ihren Sumpf verlassen, es ist zu trocken geworden. Der eine Frosch will in den erstbesten Brunnen hineinspringen. Der andere Frosch warnt ihn, zu bedenken, dass der Wasserstand zu niedrig sei, um wieder herauszukommen. Dass hierzulande das sinnbildliche Wasser im Brunnen zu tief ist, als dass die Grundversorgung für Notleidende gewährleistet wäre, dafür sind Kommentare wie jener von Peter Rabl mitverantwortlich.

Was aus den zwei Fröschen in Äsops Fabel geworden ist, ist nicht bekannt.

wenn alle für sich sorgen, ist für alle gesorgt? pr und prekariat, die2te

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„Längst haben die kreativen, oft akademisch ausgebildeten und weltgewandten Prekären viel mehr gemein mit den auf Stunde bezahlten Supermarktregaleinräumern, den per Zeitarbeit verliehenen Security-Bären und den Sieben-Tage-die-Woche Wurstbudenverkäufern, über die sie mitfühlende Reportagen schreiben, aufrüttelnde Sozialstudien erstellen oder deprimierende Reality-Dokus drehen, als mit den Agenturchefs, Etatbewilligern oder Ressortleitern, von denen sie sich Aufträge erhoffen und ein bisschen Honorar.“

Beobachten, darüber schreiben und damit ein bißchen die Welt verändern: Diesen Anspruch und seinen Niedergang beschreibt Katja Kullmann in ihrem Roman „Echtleben“. Das Buch trifft mich im doppelten Sinn: Es trifft mich, weil ich das auch gern machen will. Und es trifft mich, weil sich das nicht einmal bei Katja Kullmann, die exzellent schreibt, analysiert und das sogar gedruckt herausgeben kann, als Verdienstmodell taugt.

Pragmatismus ist das Zauberwort. Viele benutzen es wie ein Bußgebet. ‚Man muss die Dinge pragmatisch sehen‘, sagen sie, wenn es eng wird, also ständig, rund um die Uhr, immer wieder. ‚Schwierige Umstände erfordern pragmatische Lösungen.‘ Wenn die Formel Pragmatismus fällt, blickt man sich von Erwachsenem zu Erwachsenem in die Augen und weiß: Es ist eine Lüge. Der Pragmatismus ist eine ideelle Bankrotterklärung. Konsens besteht darin, nicht auf diesem Faktum herumzureiten. Das Leben, die Politik, die Liebe programmatisch pragmatisch anzugehen bedeutet: Man hat keinen blassen Schimmer, worum es eigentlich geht. Man hat auch das Suchen und Sich-Kümmern aufgegeben. Man überspielt eine verheerende Inhaltsleere mit hektischem Flügelschlagen, von Quartal zu Quartal, und dekoriert das Vakuum mit gelegentlichen Erfolgsmeldungen und Urlaubsfotos.“

Beobachten, darüber schreiben und damit ein bißchen die Welt verändern können ältere Herrschaften, die sich mit, so sagen sie, „richtiger“ Arbeit dieses Privileg verdient haben. Schuld daran, dass wir das nicht können, sind wir selbst und unsere Moderne, sagen sie uns. Dabei sind es ihre Anforderungen, die uns gängeln. Vor 40 Jahren musste man als EndzwanzigerIn nicht im Idealfall drei Praktika in drei verschiedensprachigen Ländern gemacht, zwei Studien abgeschlossen und viereinhalb Jahre einschlägige Berufserfahrung in zwei verschiedenen Branchen haben, um sich Chancen bei einer Bewerbung ausrechnen zu können. Schuld am Prekariat seien Maßlosigkeit und Desorientierung, Werteverfall, Internationalis-Muss und Ego-Trip meiner Generation, moralisieren sie. Vor 20 Jahren hatten Print-Zeitungen noch ordentliche Redaktionen mit vielen guten Arbeitsplätzen, weil wir Jungen noch nicht das Internet erfunden, weiterentwickelt,  Informationsfreiheit gefordert und in vielen Bereichen durchgesetzt haben. Selber schuld, wir WeltverbessererInnen. Vor 20 Jahren waren universitäre Forschungsprojekte noch drittmittelfrei ordentlich ausgestattet, bevor wir Jungen in immer größeren Massen auf die Unis strömten und die Lehre zerstörten, hören wir.

„Der ideale Staatsbürger ist eine Chimäre aus Reihenhausbesitzer und Wanderarbeiter. Er soll sich fortpflanzen, ein Ehrenamt in der Nachbarschaft übernehmen und erkrankte Angehörige selbst pflegen, aber auch Steuern zahlen, jederzeit umziehen, wenn sich eine berufliche Perspektive bietet, notfalls auch mal nachts oder en bloc oder auf andere Art unregelmäßig tätig sein, er soll sich verlässlich zeigen und sich selbst dazu befähigen, Dinge gegebenenfalls zu verwerfen und verbrauchen, er soll sich ein bisschen engagieren, aber auch nicht wieder so wild demonstrieren, dass der Wasserwerfer kommen muss, er soll nicht rauchen und sich gesund ernähren aber bitte nicht so lange leben, dass die Rentenkassen noch größere Schwierigkeiten bekommen als sie eh schon haben.“

Beobachten, darüber schreiben und damit ein bißchen die Welt verändern passt nicht in dieses Bild, das Katja Kullmann vom Standort Deutschland zeichnet. Ich nehme an, die restliche kapitalistisch organisierte Welt ist mitgemeint. Wir sollen nicht länger studieren, als vorgeschrieben. Dann sollen wir unsere möglichst marktkonformen Qualifikationen sogenannten ArbeitgeberInnen zur Verfügung stellen und uns auch demokratisch möglichst marktkonform verhalten. Zuerst natürlich ein paar Monate oder Jahre unbezahlt – schließlich sind wir auch als PraktikantInnen schon mitverantwortlich für den business success derer, die unsere Arbeit nehmen. Gibt ja eh workout nach der Lohnarbeit: schlank und braungebrannt wär nämlich schon auch angebracht. Manche finden einen business angel, viele davon ihren Daddy. Und dann ist’s eigentlich auch schon Zeit für die Reproduktion. Bernd Marins mahnende Stimme und die bedrohliche Grafik der  Bevölkerungspyramide sind mein Multimedia-Hintergrundklang, wenn meine FreundInnen „Pensionszeiten“ sagen. „Zusatzversicherung“ sagen sie auch und „Eigenmittel“. Für die Wohnung, die man sich dann Mitte dreißig schon leisten können sollte, damit man nicht Monat für Monat Miete ins nichts zahlt. Klein Aljoschas Chinesisch-Kurs und die Barockorgelstunden sollen doch nicht unter gedankenlosen Mittzwanziger-Fehlplanungen leiden.

Notabene: Ich schreibe hin und wieder, ich kann da und dort einen Denkanstoß geben und ich bin weit weg vom finanziellen Prekariat. Aber der Rückzug ins Private, das Hinnehmen des eigentlich nicht Hinnehmbaren, der schrittweise Abschied vom täglichen Zeitunglesen, Trendsport statt Bücher und fun statt Auseinandersetzung sind greifbar. Sie betreffen den prekarisierten Berufsstand der Recherche- und Schreibwilligen besonders massiv. Viele nehmen dann halt doch einen ordentlich bezahlten schlechten Brotberuf statt des prekären guten Journalismus. Immer mehr „ist halt so“ und „kann man nicht ändern“ und „mach dich nicht unglücklich“ tönt es von allen Seiten. „Postmaterialistische Probleme“ höhnt das Feuilleton. Das freundschaftliche „sich um sich kümmern“ ist mir gefährlich nahe am Credo „wenn alle für sich sorgen, ist für alle gesorgt.“ Das gute Leben soll das Zurückgezogene sein? Das einst im Interesse Opfer struktureller Gewalt politisierte Private soll wieder ganz privat werden?

Katja Kullmann sagt dazu „Echtleben“. Und sie meint es kein bißchen positiv.

prekariat oder pr: die luft wird dünn

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11 JournalistInnen weniger: Ist das wirklich so ein Drama? Was ist das schon, verglichen mit einer Fabriks-Schließung, bei der hunderte ihre Arbeit verlieren? Sind ja eh noch jung, wohnen eh in großen Städten, haben eh eine Reihe von Branchen offen. Sind ja eh gewohnt, 60 Stunden in der Woche zu arbeiten. Haben eh meistens noch keine Kinder. Sollen sich was weniger Weltverbesserndes suchen, sollen sich nicht zu gut sein für einen normalen Job abseits der Öffentlichkeit und deren Meinungsbildung.

Die Demokratie kann sich keinen schlechten Journalismus leisten. Ich find, die 11 JournalistInnen, die „Presse“ und „Wirtschaftsblatt“ gekündigt haben, sind ein Drama. Sie sind nämlich nur die Spitze des Eisbergs, was in den Redaktionen dieses Landes passiert. Im Frühjahr soll’s im „Standard“ die nächste größere Kündigungwelle geben. Barbara Kaufmann hat in ihrem Blog unter dem Titel „Protestmüde“ beschrieben, wie es ihr nach einem Jahr organisierten Protest gegen das Prekariat der freien ORF-MitarbeiterInnen geht. Berufliches Prekariat führt auch privat zu einer Verengung. Wer um sein Leiberl rennt, ist im Zweifel ein bißchen leiser, ein bißchen braver und ein bißchen weniger mutig im Konflikt mit den Betriebsoberen. Das macht unglücklich, unausgeglichen und mitunter neurotisch. Ja, das ist überall so im Prekariat, nicht nur im journalistischen. Aber der klitzekleine Unterschied ist, das JournalistInnen eine ganz wichtige Rolle in der Demokratie haben – nicht „nur“ im Produktionsprozess.

Verklärung statt Aufklärung. Es sieht nicht so aus, als würden die 11 bei „Presse“ und „Wirtschaftsblatt“ Gekündigten so schnell in einer anderen Redaktion unterkommen. Wie lange sie dem Ruf von Red Bull und Co. widerstehen, in deren Magazinen zu schreiben? Wie lange sie nein sagen können angesichts dessen, was man in der PR-Branche verdient? Trotzdem: Jede/r JournalistIn, der oder die von den Verhältnissen in Österreichs Redaktionen gezwungen wird, aus der Branche der Annäherung an objektive Wahrheiten in jene der Interessensvertretung und Wahrheitsverdrehung geldiger Unternehmen zu wechseln, ist ein Verlust für die Demokratie in diesem Land. Es gibt mit jedem und jeder von ihnen, die den Lockrufen nicht widerstehen, ein bißchen mehr Verklärung und ein bißchen weniger Aufklärung in diesem Land. Als wenn die Luft nicht eh schon dünn genug wär.

kennt ihr den schon?

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Nein, den kennt man außerhalb des größten österreichischen Bundeslands nicht. Aber dort dafür umso besser. Der Mann mit der unverkennbaren ÖVP-NÖ-Frisur ist Landesrat u.a. für Finanzen, Gemeindeangelegenheiten, Wohnbau, Krankenhäuser, Bauwirtschaft und vieles mehr. Wer schon einmal die zweifelhafte Freude hatte, mit österreichischer Regionalpolitik in Kontakt zu kommen, weiß: Das sind die richtig dicken Ressorts, da rollt der Rubel. Allein das Gemeinderessort ist Zuckerbrot und Peitsche in Reinform. Hier werden Haltungsnoten für BürgermeisterInnen zu barer Münze. Mit Moneten kennt sich Wolfgang Sobotka eigentlich nicht aus. Gelernt hat der Landesrat ganz was anderes: Lehrer ist er und ein, wie man hört, ganz ordentlicher Dirigent. Vielleicht muss er auch bald auf seine Pragmatisierung zurückgreifen. Fast eine Milliarde Euro fehlt in seinem Ressort.

Die SPÖ kann nicht wirtschaften. Das hat die ÖVP im Frühjahr 2006 landauf, landab plakatieren lassen. Die BAWAG hatte Millionen in der Karibik versenkt, der Zeitpunkt schien günstig für eine Kampagne gegen den Schüssel-Herausforderer Alfred Gusenbauer. Nur: die größten Kritiker der Elche sind meistens selber welche. Denn da war im niederösterreichischen Finanzressort schon Einiges im Argen. Seit 2002 spekuliert St. Pölten mit Wohnbauförderungsgeldern. Der Mindestertrag, damit das Land nicht zusätzliche öffentliche Mittel nachpumpen muss: 5% pro Jahr. Dieses Ziel hat Sobotkas Ressort um Längen verfehlt: Laut Rechnungshof-Bericht fehlen über 960 Millionen Euro. Das muss Daumen mal Pi dazu führen, dass Sobotka gehen muss, damit Erwin Prölls Wahlsieg im Frühjahr nicht gefährdet ist.

St. Pölten und Klagenfurt. Aber die siegessichere niederösterreichische ÖVP setzt auf eine weitere Eskalation. Auf seinem Twitter-Account unterstellt der im Kreuzfeuer der Kritik stehende Sobotka, die Hausdurchsuchungen der Korruptionsstaatsanwaltschaft bei der Hypo Niederösterreich im Kontext der Milliarden-Spekulationen mit Wohnbaugeldern seien politisch inszeniert. Es scheucht ganz gewaltig im Land unter der Enns.

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Paierl, Switak, Brenner, Sobotka. Die Landesräte, die zuletzt mit Unvereinbarkeiten und mit Spekulationen in ähnlicher Größenordnung konfrontiert waren, haben alle ihren Hut nehmen müssen. Herbert Paierl nach der Estag-Affäre, Christian Switak nach der Seilbahner-Affäre, jüngst David Brenner wegen der Salzburger Casino-Affäre. Um eine Milliarde war’s da nie annähernd gegangen. Aber in Prölls Homebase ticken die Uhren anders. Totgesagte leben länger: Schon 2010, als die Wohnbauverluste zum ersten Mal öffentliches Thema wurden, prognostizierten alle Zeitungen, Pröll werde seinen Finanzlandesrat opfern. Aber Sobotka weiß zuviel über Pröll, als dass ihn der übers Messer springen lassen könnte. Außer, der Landeshauptmann muss noch zehn solche Interviews verweigern. Womit wir wieder bei der österreichischen Medienvielfalt wären. Noch Fragen?

herzliche einladung

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Was kann Demokratie noch? Ist die repräsentative Demokratie noch zeitgemäß? Welche Maßnahmen bringen mehr Partizipation? Fehlt das Interesse an Politik, weil die RepräsentantInnenin Verruf geraten sind? Oder wenden sich die BürgerInnen mit Grausen ab, weil die Spielräume für die gewählten VertreterInnen so klein sind, dass es kaum mehr einen Unterschied macht, wer auf der Regierungsbank sitzt?

Fragen, denen das 1. Diskussionsforum im 5. Jahrgang der „Wirtschaftspolitischen Akademie“ nachgeht. Die Gästeliste verspricht spannende Perspektiven und eine kontroverse Diskussion: Heide Schmidt, die mit ihrem FPÖ-Austritt und der LIF-Gründung für ein 5-Parteien-Parlament gesorgt hat trifft auf Neos-Parteigründer Matthias Strolz, der mit seiner liberalen Liste ins Parlament einziehen will. Respekt.net-Präsident Martin Winkler versucht mit klassischem Crowdsourcing im Internet Geld für Sozial- und Umweltprojekte aufzustellen, die Politikwissenschafterin Ursula Naue beschäftigt sich mit Inklusion von Menschen mit Behinderung und deren gesellschaftlichen Partzipationsmöglichkeiten. Und ich darf den Abend moderieren, was mich besonders freut.

  • „Demokratiekrise – neue Formen der Partizipation in Österreich“
  • Mittwoch, 12. Dezember, 18:30h
  • Aula der Wirtschaftsuniversität Wien, Augasse 2-6, 1090 Wien

Was ich mitbringe: Ein paar gute Fragen. Ich hab mich in den letzten Tagen durch Eva Maltschnigs Buch „Warum Demokratie Parteien braucht“ gearbeitet. Den Erstling der in der Sektion 8 der SPÖ Alsergrund organisierten Autorin kann man sehr flüssig als Abrechnung mit WutbürgerInnen und mit autoritären BesserwisserInnen lesen – oder aber aufmerksam und dabei auf jeder Seite über einen neuen, spannenden Gedanken stolpern. Direkte Demokratie: Ist das Demokratiedarwinismus? Wer geht da hin, wer kann teilnehmen? Organisieren sich postmaterialistische Mittel- und Oberschichtsangehörige mittels direktdemokratischer Instrumente einen Vorteil im Ressourcenwettbewerb mit den sogenannten peripheren Bildungsschichten? Brauchen wahlwerbende Gruppen ein Vollprogramm? Sind Parteien nicht doch die besten Vehikel, um die Welt nachhaltig zu verändern?

Ich schick’s voraus: Ich zweifle am repräsentativen Zweck des massiven Ausbaus der direktdemokratischen Instrumente. Umso mehr freu mich auf eine spannende Diskussion und natürlich auch über viele BesucherInnen.

eure kinder werden so wie wir

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Das nette Lächeln, das mitfühlende G’schau, das aktive Zuhören. Das es geht doch um die Kinder in jedem zweiten Satz, die Sorge in der Stimme, die Verantwortung auf der Stirn. Dauernd Familie und Generationen sagen, aber Sekunden später gleichgeschlechtlich Liebende und lebende Familien anpatzen. Das froh sein, „eine persönliche Geschichte“ gehört zu haben, um sie gleich wieder wegzureden und als Ausnahme darstellen zu können. Und dann, zum Schluss „Umerziehung“ zur gleichberechtigten Darstellung verschiedener sexueller Orientierungen sagen: Gudrun Veronika Kugler hat mich heute zur Weißglut getrieben. Weil ich dieses zynische Nett-tun satt hab, hinter dem sich bornierter Gleichschaltungswunsch und blanker Hass gegenüber Homosexuellen versteckt.

von der kernfamilie zur kernfrage

Die Theologin war heute zu Gast im Puls 4–Format „Pro/Contra“ – eine Diskussionssendung über die LehrerInnenbroschüre „Ganz schön intim“, die sich mit sexueller Aufklärung von 6-12jährigen befasst. Die Broschüre ist ein Unterrichtsbehelf mit Vorschlägen für eine respektvolle, umsichtige Annäherung an verschiedene Sexualitäten und bricht damit mit dem heteronormativen Bild von Liebe. Vorneweg: die Broschüre stellt an einigen Stellen Familienformen vor, die das österreichische Recht noch nicht als legal sieht, die aber trotzdem längst gesellschaftliche Realität sind. So wie Schwangerschaftsabbruch übrigens, der zwar straffrei gestellt, aber de iure nicht erlaubt ist. Schnell war die Diskussion da angekommen, wo sie die militanten Homophoben am Podium und im Publikum haben wollten: Ist Homosexualität normal? Darf man Kindern das zeigen? Sollen homosexuelle Menschen Kinder adoptieren dürfen.

Langsam platzte es heraus aus den ach so verständnisvollen Radikalos. Da ein „Kindesmissbrauch“ für die Erziehung von Kindern in einer nicht-heterosexuellen PartnerInnenschaft – kurz nachdem zwei Reihen weiter vorne eine lesbische Mutter von ihrer Freundin und ihrem Sohn erzählt hatte. Und der Schlussakkord: „Umerziehung“ für eine Broschüre, die längst real gewordene Beziehungs- und Familienformen nicht mehr unter den Tisch fallen lässt, sondern thematisiert und existieren lässt.

einladungspolitik ist politik

Ich bin es leid, dass diese sich so brav und anständig gebärdende Meute den öffentlichen Diskurs dominiert. Ich bin es leid, dass junge Menschen wegen dieser organisierten Hetzpartie ihre vermeintlich von der Norm abweichenden Liebes-, Beziehungs- und Sexualvorstellungen verleugnen müssen. Und Schlimmeres. Ich bin es leid, dass strukturell diskriminierende Pauschalurteile in der veröffentlichten Debatte so abgebildet werden, als wären sie ganz normale Meinungen von ganz normalen BürgerInnen, JuristInnen und Eltern. Deren Kindern kann man nur eine ordentliche Pubertät und ganz viel Rebellion wünschen. Aber die anderen Kinder und ihre vielfältigen Lebensträume kann man vor den HetzerInnen und ihrer repressiven Moral schützen.

Demokratischer Diskurs ist nicht, wenn Alle gar alles sagen dürfen, was ihnen in den Kram passt. Demokratie verlangt auch, dass systematische grobe Respektlosigkeiten gegenüber großen Gruppen von Menschen erst gar keine Plattform bekommen. Zensur wäre, Gudrun Veronika Kugler das Mikro abzudrehen. Sie erst gar nicht einzuladen, wäre ein Zeichen journalistischer Verantwortung gewesen.