prekariat oder pr: die luft wird dünn

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11 JournalistInnen weniger: Ist das wirklich so ein Drama? Was ist das schon, verglichen mit einer Fabriks-Schließung, bei der hunderte ihre Arbeit verlieren? Sind ja eh noch jung, wohnen eh in großen Städten, haben eh eine Reihe von Branchen offen. Sind ja eh gewohnt, 60 Stunden in der Woche zu arbeiten. Haben eh meistens noch keine Kinder. Sollen sich was weniger Weltverbesserndes suchen, sollen sich nicht zu gut sein für einen normalen Job abseits der Öffentlichkeit und deren Meinungsbildung.

Die Demokratie kann sich keinen schlechten Journalismus leisten. Ich find, die 11 JournalistInnen, die „Presse“ und „Wirtschaftsblatt“ gekündigt haben, sind ein Drama. Sie sind nämlich nur die Spitze des Eisbergs, was in den Redaktionen dieses Landes passiert. Im Frühjahr soll’s im „Standard“ die nächste größere Kündigungwelle geben. Barbara Kaufmann hat in ihrem Blog unter dem Titel „Protestmüde“ beschrieben, wie es ihr nach einem Jahr organisierten Protest gegen das Prekariat der freien ORF-MitarbeiterInnen geht. Berufliches Prekariat führt auch privat zu einer Verengung. Wer um sein Leiberl rennt, ist im Zweifel ein bißchen leiser, ein bißchen braver und ein bißchen weniger mutig im Konflikt mit den Betriebsoberen. Das macht unglücklich, unausgeglichen und mitunter neurotisch. Ja, das ist überall so im Prekariat, nicht nur im journalistischen. Aber der klitzekleine Unterschied ist, das JournalistInnen eine ganz wichtige Rolle in der Demokratie haben – nicht „nur“ im Produktionsprozess.

Verklärung statt Aufklärung. Es sieht nicht so aus, als würden die 11 bei „Presse“ und „Wirtschaftsblatt“ Gekündigten so schnell in einer anderen Redaktion unterkommen. Wie lange sie dem Ruf von Red Bull und Co. widerstehen, in deren Magazinen zu schreiben? Wie lange sie nein sagen können angesichts dessen, was man in der PR-Branche verdient? Trotzdem: Jede/r JournalistIn, der oder die von den Verhältnissen in Österreichs Redaktionen gezwungen wird, aus der Branche der Annäherung an objektive Wahrheiten in jene der Interessensvertretung und Wahrheitsverdrehung geldiger Unternehmen zu wechseln, ist ein Verlust für die Demokratie in diesem Land. Es gibt mit jedem und jeder von ihnen, die den Lockrufen nicht widerstehen, ein bißchen mehr Verklärung und ein bißchen weniger Aufklärung in diesem Land. Als wenn die Luft nicht eh schon dünn genug wär.

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