president bernie sanders?

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Vor drei Jahren in San Francisco noch ein Restposten

2013 hat mich in einem Bookstore in San Francisco ein älterer Hippie-Verkäufer überredet, dieses Buch zu kaufen. Ich soll wissen, dass es in den USA auch richtige Linke in Amt und Würden gibt, auch wenn der Autor nie überregional gewählt werden könnte. Nicht einmal zum Bürgermeister von San Francisco. Es ist die achteinhalbstündige Rede über den Einfluss der Wall Street und der Industrie auf die Politik und über die immer weiter auseinander gehende Schere von Arm und Reich, mit der Bernie Sanders für so viel Aufmerksamkeit sorgte, dass Barack Obama und Bill Clinton mit einer kurzfristig einberufenen Pressekonferenz im Weißen Haus die Aufmerksamkeit weg vom unabhängigen Senator aus Vermont und seiner ‚Filibuster‘-Rede zu lenken versuchten. Freilich vergeblich, was angesichts der offensichtlichen Belanglosigkeit ihrer Pressekonferenz, deren Wortlaut hier nachzulesen ist, nicht wundert.

Ich habe vergangene Nacht immer wieder an den älteren Hippie-Verkäufer denken müssen. Dass Bernie Sanders in New Hampshire gewinnen würde, war klar. Aber bis zuletzt war von der Hoffnung im Clinton-Lager die Rede, bis auf ein paar wenige Prozente an den 76-Jährigen herankommen zu können. Geworden ist es ein Sieg mit 20 Prozent Abstand, bei dem sogar der symbolisch nicht zu vernachlässigende 6er vor Sanders und 3er vor Clintons Ergebnis stehen könnte. Nach Iowa haben einige KommentatorInnen Clinton empfohlen, sie möge sich jetzt mit einem Sieg in der Tasche auf die nächsten Staaten nach New Hampshire konzentrieren, es gebe im Nachbarstaat von Sanders Wahlheimat Vermont nichts zu holen. Vergangene Nacht werden die Clintons immer wieder an den Moment gedacht haben, als sie sich dagegen entschieden haben und statt dessen dafür, den Mann und die Tochter der Kandidatin in den ‚Granite State‘ zu schicken, alle lokale Parteiprominenz für sich zu mobilisieren und Sanders auch auf für ihn freundlichem Terrain zu schlagen zu versuchen.

Das Dramatische für Clinton ist nicht nur der Abstand und das Zustandekommen des Ergebnisses. Die Details zum Wahlverhalten bestimmter Gruppen und Regionen sind keine good news für die ehemalige Außenministerin. Anders, als in Iowa, als der Bezirk Polk mit der Haupstadt Des Moines für die Entscheidung zu ihren Gunsten sorgte, hat Clinton in New Hampshire auch die größeren Industriestädte verloren, die sie 2008 in den Vorwahlen gegen Barack Obama noch für sich entscheiden hatte können. Es waren nicht nur die enthusiastischen College Kids, die Sanders gewählt haben, sondern der Senator hat fast alle Bevölkerungsgruppen gewonnen. 55-44 für Sanders bei den Frauen, 53-45 bei den 45-64Jährigen, 60-38 bei denen mit durchschnittlichen ArbeiterInnen-Einkommen zwischen 30.000 und 50.000 Dollar im Jahr – das ist der Stoff, aus dem bis gestern nur Sanders Träume waren. Clinton gewinnt einzig die über 65-jährigen demokratischen VorwählerInnen, jene mit über 200.000 Dollar Jahreseinkommen und die non-whites mit denkbar knappen 51 zu 49 Prozent. CNN hat alle Details zum Wahlverhalten nach Demographie.

Wenn Sanders in der Industrie-ArbeiterInnenschaft, bei 45-64jährigen WählerInnen und bei Hispanics und Blacks jetzt auch in den nächsten Vorwahl-Staaten kompetitiv wird, dann wird es richtig spannend. Ihre deutlichen Vorsprünge bei diesen Gruppen war bisher Hillary Clintons ‚Firewall‘. In den nächsten Tagen werden erste US-weite Umfragen ein knappes Rennen zeigen und möglicherweise wird in diesen faktisch irrelevanten, aber für die Stimmung ganz zentralen Umfragen, Sanders sogar in Führung gehen. Und wir werden beobachten können, wie das ‚expectation game‘ beginnt, in dem die Kampagnen die Erwartungshaltungen für sich herunterspielen werden, um dann am Wahlabend als SiegerInnen oder zumindest als Nicht-VerliererInnen dazustehen. Hillary Clinton wird jetzt nicht über Abstände bei ihren prognostizierten Siegen in Nevada und South Carolina reden wollen, sondern sagen, jede Stimme Vorsprung zähle – genau so, wie das Bernie Sanders Frau Jane O’Meara Sanders die letzte Woche in jedem Interview zu New Hampshire durchexerziert hat. Long story short: Es gibt eine Chance, dass Bernie Sanders US-Präsident wird, das ist jetzt klar. Und den Hippie im Bookstore freut’s genau so, wie mich.

Auf republikanischer Seite ist indes die Katastrophe für das Establishment eingetreten. Entgegen der Hoffnungen, dass sich nach New Hampshire zwei Mainstream-Kandidaten herauskristallisieren, die das Rennen mit Donald Trump und mit Ted Cruz knapp gestalten können, wird die Kannibalisierung weitergehen. Der Zweite, Gouverneur John Kasich, hat jetzt alle Berechtigung, zumindest bis zur Vorwahl in seinem Heimatstaat Ohio am 15. März im Rennen zu bleiben. Jeb Bushs 11% sind angesichts der über 60 Millionen Dollar, die er in New Hampshire investiert hat, zwar kein gutes Ergebnis. Aber er hat Senator Marco Rubio geschlagen, der sich mit einer katastrophalen Debattenperformance nur drei Tage vor New Hampshire wieder um die Favoritenrolle im Feld der Etablierten genommen hat. Am 15. März wählt der Heimatstaat von Bush und Rubio, Florida, seine Delegierten für den republikanischen Nominierungsparteitag. Bis da hin werden aller Voraussicht nach Donald Trump und Ted Cruz gegen mindestens drei Kandidaten kämpfen, die alle im gleichen Teich um WählerInnenstimmen fischen. Es hätte für die Rechtsaußen nicht besser kommen können.

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