wie wird man ein überflieger?

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Warum sind Superstars und PinoierInnen dorthin gekommen, wo sie sind? Sind ihre Biographien austauschbar? Ist es ihrem Fleiß zu verdanken, dass sie Vermögen angehäuft haben? Oder gibt es nicht auf den ersten Blick greifbare Muster, die Karrieren begünstigen? Der US-amerikanische Soziologe Malcolm Gladwell hat sich auf die Suche nach Mustern gemacht, die den Gegenbeweis zur These „You can do it, if you try hard enough“ anzutreten geeignet sind. „Outliers“ – oder in der deutschen Version „Überflieger“ – nähert sich der Frage von Leistung und Chancengleichheit von einer ungewöhnlichen, aber umso spannenderen Seite.

Gladwell hat die Biographien der wichtigsten Protagonisten studiert, die im Mekka des amerikanischen Traums Geschäfte machen: Im Silicon Valley im südlichen Kalifornien, in der Heimat von Google, Amazon, Facebook, Adobe, Intel, Symantec, eBay, Sun Microsystems, Hewlett-Packard und so weiter.

Der „No-date-nerd“. William Nelson Joy gilt als der „Edison des Internet“, hat unter anderem programmiererische Grundlagen-Arbeit für Apple und für die ersten Internet-Browser geleistet. Mit 16 kommt Joy auf die Michigan University,. Er war an seiner High School als „fleißigster Schüler“ ausgezeichnet worden, ein „No-date-nerd“ wie er im Buche steht, sollte er später sagen. Joy will Biologe oder Mathematiker werden. Bis er über den nagelneuen „Computer“-Raum stolpert, den die Universität just in diesem Jahr angeschafft hatte. Das Besondere an diesem Computer-Raum: Programmierer hatten herausgefunden, wie mehrere Menschen gleichzeitig programmieren konnten, ohne dass das System zusammenbrach. Überall anders gab es bis dahin Zeitkarten für ProgrammiererInnen, die selten länger als eine Stunde am Tag am Gerät arbeiten konnten. Bill Joy verbringt von da an Tag und Nacht in diesem Raum, programmierte zehntausende Stunden und wird zur Legende.

Zeitgleich wird an der Westküste ein altkluger Junge von seinen wohlhabenden Eltern aus der öffentlichen Schule genommen und kam in eine Eliteschule. In seinem zweiten Jahr an der Lakeside School kauft die Schule vom Erlös einer Elternveranstaltung einen Computer, der in einem kleinen Raum zugänglich war. Der Junge ist begeistert von diesem neuartigen Spielzeug. Die Mutter eines Schulkollegen arbeitet in einer Firma, die Programme zur Verwaltung von Computer-Zeit entwickelt. Sie fragt, ob die Mitglieder des Schul-Klubs dieses System testen könnten, wenn sie als Gegenleistung freie Programmierzeit bekommen. Bill Gates und seine Freunde sagen ja. Der Rest ist Geschichte. Wie viele Teenies damals auf seine über 10.000 Stunden programmieren vor dem Studienabbruch kamen? „If there were 50 in the world, I’d be stunned“, sagt Gates.

Die Hamburger Jahre. 10.000 Stunden, haben WissenschafterInnen, die Malcolm Gladwell zitiert, herausgefunden, ist die kritische Menge, die Exzellenz von aussichtsreicher Voraussetzung unterscheidet. Der Soziologe widmet ein Kapitel den „Hamburger Jahren“ der Beatles: Während Liverpool als Ort gilt, an dem sich junge Bands einen Namen machen konnten, pendeln die Beatles nach Hamburg. Dort ist die Szene zwar nicht vorhanden, die Bezahlung schlechter und das Publikum teilweise zwielichtig – aber die Sets sind nicht eine halbe oder ganze Stunde lang, sondern teilweise ganze Nächte. Dort lernen John Lennon, Paul McCartney, George Harrison, Stuart Stutcliffe und Pete West (Schlagzeuger Ringo Starr kam erst später dazu) ihre wichtigsten Lektionen: „In Hamburg we had to play for eight hours, so we really had to find a new way of playing“, sagte John Lennon. 1.200 Auftritte hatten die Beatles in zwei Jahren in Hamburg – mehr, als die meisten Bands in ihrer ganzen Karriere spielen.

Magic Number: 10.000. In den frühen 90er-Jahren untersuchte der Psychologe Anders Ericsson StudentInnen der Berliner Musikakademie. GeigerInnen wurden in drei Gruppen eingeteilt – in die Ausgezeichneten, denen eine Karriere bevorstand, in Gute und in Mittelmäßige, denen die ProfessorInnen voraussagten, kein Geld mit der Musik verdienen zu können. Alle hatten etwa im Alter von fünf Jahren zu musizieren begonnen. Die Untersuchung der Gruppen ergab, dass die exzellenten MusikerInnen in den vielen Jahren schlicht mehr Zeit zum Üben aufgewendet hatten: Nämlich in etwa 10.000 Stunden, während die Guten kaum über 8.000 Stunden und die Mittelmäßigen kaum über 6.000 Stunden kamen. Das Muster zieht sich durch Studien mit KomponistInnen, Basketball-Spielern, EisschnelläuferInnen und SchachspielerInnen: 20 Stunden Übung in der Woche über 10 Jahre ist laut dem Neurologen Daniel Levitin die Voraussetzung für MeisterInnenschaft.

Altair 8800. Zurück zu den reichen Computer-Nerds: Der Jänner 1975 gilt als der Durchbruch des Computers: Zum ersten Mal ist für einen leistbaren Preis (397 Dollar) ein für fast jede/n leistbares Gerät auf dem Markt: Der Altair 8800. Wer zu der Zeit bereits in einem elektronischen Beruf arbeitet und Familie hat, kann sich keine Zeit nehmen, sich mit der neuen Erfindung und ihren Möglichkeiten zu beschäftigen. Wer zu der Zeit noch mitten in der Schulausbildung steckt, hat ebenfalls nicht die Ressourcen für eine nächtelange Beschäftigung mit dem Altair 8800. Es sind die Um-die-Zwanzigjährigen, die am ehesten Ressorcen haben, sich intensiv mit der neuen Technologie auseinanderzusetzen. Bill Gates ist 19. Sein späterer Mitbegründer von Microsoft, Paul Allen, ist 21. Steve Ballmer, der Microsoft seit 2000 leitet, ist 19. Steve Jobs ist 19. Google-CEO Eric Schmidt ist ebenfalls 19, als der Altair 8800 auf den Markt kommt. Der „Edison des Internet“, Bill Joy, ist 20. Alle drei, die mit Bill Joy „Sun Microsystems“, eine der wichtigsten Software-Firmen des Silicon Valley, gegründet haben, feiern im Jahr des „Altair 8800“ ihren 21. Geburtstag . Die Reihe ließe sich endlos fortsetzen.

Schließlich, mein Lieblingsbeispiel: Die Elite der kanadischen Eishockeyspieler: 80% der Spieler in Kadern der ersten kanadischen Liga sind im Jänner, Feber oder März geboren. Des Rätsels Lösung ist der Stichtag für die Jugendkader: Der 1. Jänner. Wer immer zu den ältesten in seinem jeweiligen Kader gehört, spielt öfter, wird mehr gecoacht und landet in All-Star-Teams.

You can’t be poor. Zwei Muster macht Malcolm Gladwell aus, wenn es darum geht, wer eine Chance auf große Karriere hat, wer ein/e ÜberfliegerIn wird: Zur richtigen Zeit am richtigen Ort sein – und Ressourcen zur Verfügung haben, um die magischen 10.000 Stunden zu investieren. „Ten thousand hours is, of course, an enormous amount of time. It’s all but impossible to reach that number, by the time you’re a young adult, all by yourself. You have to have parents who are encouraging and supportive. You can’t be poor, because if you have to hold down a part-time job on the side to help make ends meet, there won’t be enough time left over in the day.“

Vor allem der letzte Satz sollte jenen zu denken geben, die immer noch finden, dass Alle Alles erreichen können, wenn sie nur wollen.

Disclaimer: Mein Beitrag stützt sich in der Auswahl der Beispiele und in Zitaten auf diesen Artikel im Guardian.

 

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