die drei mounties vom grabenweg

Ich bin ja nicht so leicht für Umwelt-Themen zu begeistern. Der Wohlriechende Salomonsiegel klingt für mich nach Duftbad. Ich würd mir überlegen, ob Wolfsmilch eine Delikatesse wie Büffelmozzarella ist. Hinter einer Geburtshelferkröte vermute ich eine sozialdemokratische Hebamme. Und trotzdem: Was ich heute im Innsbrucker Gemeinderat gesehen hab, war dermaßen piefkesagaesk, dass es mir immer noch schwindelt.

„Natourismus“ ist das Schlagwort, unter dem die drei Mounties vom Grabenweg angerückt waren, um in einem 30minütigen Referat den MandatarInnen ein umstrittenes Schigebietszusammenschluss-Projekt schmackhaft zu machen. Mounties deswegen, weil die drei Referenten im gut geheizten Innsbrucker Gemeinderatssaal alle drei mit der gleichen Softshell-Jacke bekleidet waren. Hier auf der Homepage der Agentur, die aus drei pdf-Files besteht, sieht man die Mountie-Jackerln. Ihr Projekt ist deswegen so umstritten, weil es über eine der ältesten Gesteinsformationen der Alpen geht, die naturschutzrechtlich unantastbar sind. Das hindert die Mounties aber nicht daran, mit überzeugtem PR-Lächeln davon zu sprechen, dass man bei einer Bahn über diese Gesteinsformationen TouristInnen mit dem Slogan „300 Millionen Jahre an einem Tag“ locken könnte. Oder mit „der Natur auf der Spur auf Schienen und Seilbahnen.“

Das Projekt will einige der beliebtesten Routen der boomenden SchitourengeherInnen zu Abfahrten umwandeln. Bei den Mounties heißt diese Zerstörung von Naherholungsraum dann „ein Miteinander und Nebeneinander von Tourengehern und Schifahrern.“ Wichtig sei der Ausbau des teilweise sehr niedrig gelegenen neuen Schigebiets vor allem dann, wenn der Gletscher nicht „einsatzfähig“ sei. Einsatzfähig? Er wird bald nicht mehr da sein, liebe Mounties. Genausowenig wie der Schnee auf den niedrig gelegenen Abfahrten, die ihr erschließen wollt. Aber egal: Dafür gibt es ja – Mountiesprech – „technische Beschneiung“. Damit’s nicht ganz so kriegerisch klingt.

Und dann gibt’s da noch die ÄsthetikerInnen, die die Gesteinsformation schlicht schön finden und damit Werbung machen. Auch für die gab’s Placebo-Beruhigungen. Drei Fotomontagen aus jeweils 10 Kilometer Entfernung, auf denen die Mounties die Stützen mit der Maus zeigen mussten. Sollte wohl heißen: Wir bauen da eine Seilbahn, als letzte Rettung für Innsbrucks einschlafenden Schitourismus. Sie soll zwar tausende Gäste befördern, aber sie ist unsichtbar. Eigentlich gibt es sie gar nicht.

Die touristischen Wortfindungsstörungen haben mich als in Sachen Naturschutz Unbedarften endgültig überzeugt: Diesem ‚Natourismus‘ sollte man Innsbrucker PR-Neusprech entgegensetzen. Und Na‘ Tourismus sagen.

hin und wieder eine prise prawda

Der Landeshauptmann von Pjöngjang hat sich gedacht, jetzt haben mich diese Kinder alle gezeichnet. Das war schon sehr schön und hat dem Ego ganz schön gut getan. Aber jetzt muss wieder einmal was passieren. Immer diese freien Medien, die sich nicht einmal mit zehntausenden Steuer-Euros bestechen lassen und glauben, sie könnten schreiben, was sie wollen. Jetzt setz ich mich wieder einmal mit zwei Chefitäten der größten unabhängigen Zeitung des Landes zusammen und erklär denen, wie das in Wahrheit wirklich alles ist, muss er sich gedacht haben. Mit dem Tundl, den ich unbedingt haben will. Und mit dem Skigebiet, das ich jetzt doch nicht haben will. Und überhaupt.

So ungefähr muss es sich zugetragen haben, was mit dieser Landeshauptmannwüste auf dem Screenshot oben geendet hat. 13 Mal „Platter“ oder „der Landeshauptmann“ auf einer halben Seite. Und das nicht bei irgendwelchen Pimperlthemen wie der Schutzhauseröffnung am Hinterferner Gries oder der Schützenehrenmitgliedsernennung in Bschlaps, sondern bei den beiden Debatten, die in der Tiroler Politik seit Wochen den Takt vorgeben. Im gleichen Ausschnitt kommt ein einziger Oppositionspolitiker ein Mal zu Wort – und der heißt Fritz Gurgiser und sitzt für die ÖVP in der Arbeiterkammer. Der Landeshauptmann braucht hin und wieder eine Prise Prawda. Und die größte Zeitung des Landes gibt sie ihm.

Ich hab auf der Uni gelernt, dass ein Zeitungsartikel möglichst viele Aspekte eines aktuellen Themas beleuchten sollte. Stellungnahmen von Betroffenen, von ExpertInnen, von Interessensverbänden und von verschiedenen politischen AkteurInnen sollten vorkommen. Den LeserInnen, die noch nicht in der Materie bewandert sind oder die Debatte noch nicht verfolgt haben, soll eine Einführung in das Thema gegeben werden – auch, wenn’s der zehnte Artikel zum gleichen Thema ist. Und wenn eine Recherche besonders aufwändig ist, teilen sich mehrere RedakteurInnen die Aufgaben und schreiben dann gemeinsam. Jetzt mag’s schon sein, dass ein Treffen mit dem Landeshauptmann von Pjöngjang schwere Arbeit ist. Aber den Text, für den es offenbar einen Chefredakteur und einen prominenten Landespolitik-Redakteur gebraucht hat, schreibt die ÖVP-Pressestelle in viereinhalb Minuten. Nur dass die keine Inserate vom Landeshauptmann will.

zu johanna dohnals 1. todestag

Warum selber schreiben, wenn’s präziser nicht mehr gesagt werden kann, als es Andere tun? „Über Jahrzehnte hinweg federn sie die Probleme ab, die gesellschaftlich zu lösen verabsäumt wird“, sagt Johanna Dohnal der Journalistin Susanne Feigl in einem ihrer letzten Interviews. Genau ein Jahr ist es her, dass Österreichs feministische Pionierin gestorben ist. Wieder ein Jahr, in dem es keine substanzielle Bewegung in einer Gesellschaft gegeben hat, die nur deshalb kapitalistisch funktionieren kann, weil sie die Mehrheit der Menschen strukturell zu erwerbsloser Arbeit zwingt. Wieder ein Jahr, indem in einer westlich-demokratischen Gesellschaft das stärkste Kriterium für Armutsgefährdung nicht etwa der Migrationshintergrund oder die Klassenzugehörigkeit ist, sondern das Geschlecht.  Zivildienstdebatte hin, Jahr des Ehrenamts her: Ohne die unbezahlte Arbeit von Frauen wäre der sogenannte soziale Frieden nicht finanzierbar.

Und die Dohnal? Der war Spalterei fremd und die Schlagzeile nicht den Preis der Gefährdung ihrer im wahrsten Sinn des Wortes radikalen – nämlich an die Wurzel gehenden – Arbeit wert. Und weil es umso bemerkenswerter ist, was Johanna Dohnal zu sagen hatte – hier, was sie ihrer Biographin Susanne Feigl wenige Tage vor ihrem plötzlichen Tod gesagt hat:

„Die armen und armutsgefährdeten Personen in Österreich sind mehrheitlich Frauen – Alleinerzieherinnen, ältere Frauen und Migrantinnen. Viele Frauen erhalten nach Jahren der Erwerbslosigkeit oder ungeschützten Erwerbsarbeit nur eine Mindestsicherung, so sie nicht den Rat einer ehemaligen österreichischen Ministerin befolgten und zeitgerecht einen älteren gut verdienenden Mann geheiratet haben, der ihnen nach seinem Ableben eine anständige Witwenpension hinterlässt, die das Auskommen sichert. Die Lebenswirklichkeit sehr vieler Frauen aber ist, wie wir wissen, eine andere. Als junge Frauen mit Kleinkindern und ohne bedarfsgerechte Angebote für Kinderbetreuung erwerben sie nur geringe Pensionsansprüche.

Später betreuen sie Mütter, Väter, Schwiegermütter und Schwiegerväter und schlussendlich noch den Ehemann. Als Großmütter betreuen sie oft auch noch die Enkelkinder. Alles legal und kostengünstig. Über Jahrzehnte hinweg federn sie die Probleme ab, die gesellschaftlich zu lösen verabsäumt wird. Wenn sie dann selbst pflegebedürftig sind, können sie sich mangels Geld weder legal noch illegal Pflegeleistungen kaufen, die ihnen ein Altern in Würde ermöglichen. Und wenn sie Pflegeleistungen finanzieren können, dann sind es wiederum Frauen, jüngere Frauen aus ärmeren Ländern, die diese Dienstleistung am Markt anbieten zu Konditionen, die es diesen Frauen unmöglich machen, für ihr eigenes Alter vorzusorgen.

Wenn sich ein Mann mit 65 Jahren von seiner Ehefrau scheiden lässt und mit einer um vieles jüngeren Frau ein Kind zeugt, so gilt er umgangssprachlich als „toller Hecht“ . Wenn eine Frau mit 65 Jahren ein Kind zur Welt bringt, so löst dies weltweit eine Debatte über Ethik und Moral aus. Nicht dass ich künstliche Reproduktionsmethoden befürworte, ganz im Gegenteil, ich persönlich lehne diese sehr gewinnträchtige Industrialisierung der Fortpflanzung ab, und zwar unabhängig vom Alter der Frauen. Aber vom alten Vater als tollem Hecht und von der alten Mutter als egoistischer, verantwortungsloser Person zu reden, zeigt, wie unterschiedlich die Möglichkeiten von Frauen und Männern in dieser Gesellschaft beurteilt werden.“

Den ganzen, sehr lesenswerten und brandaktuellen Text, gibt’s hier zum Nachlesen.

der unanständigste aller wahlsieger

Die Regierung Schüssel hat das halbe Eigentum der Republik über Bord geworfen, um einmal ein Nulldefizit auf Pump zu schaffen. Das ist ein nachhaltiger wirtschaftlicher Schaden für die Republik. Aber es gibt auch einen nachhaltigen politischen Schaden der Schüssel-Ära. Und den halt ich für viel schlimmer: Die schwarz-blaue Riege hat die älteste aller bürgerlichen Tugenden, über Bord geworfen: den Anstand.

Korruption und Bestechung hat’s vor 2000 schon gegeben – ich hab hier an den roten Sumpf in Wien erinnert. Die Regierung Schüssel ist nicht die erste Selbstbereicherungsmaschinerie an der Spitze der Republik. Aber ihr Selbstverständnis hat eine neue Qualität. Das fängt beim blauen Justizminister an, der davor Jörg Haiders Anwalt in Strafsachen war und seinen Parteichef später als Minister als über jeden Verdacht erhaben bezeichnet hat. Es geht da weiter, wo der Lebensgefährte der Familienstaatssekretärin bei der Auftragsvergabe eines der wichtigsten Regierungsprojekte – dem Eurofighter-Kauf – seine Finger im Spiel und seine Geldtasche weit offen hat. Momentan macht ein unverschämtes Mail von Ernst Strasser an den Chef einer Tiroler Kommunikationsagentur, die es sich im warmen Nest der Landesregierung gemütlich gemacht hat, auf Facebook die Runde. Es spricht Bände. Der Lobbyist ist übrigens auch Berater der Moser Holding, dem größten Medienhaus von Tirol. Was er dort verdient, wissen wir (noch) nicht. Und was seine Leistung war, ist ebensowenig bekannt, wie beim TIWAG-Beratervertrag. Dafür wissen wir, dass Strasser in Sachen Medienpolitik ein Fan von Ungarns Präsident Orban ist.

Von Meischberger über Hochegger bis zu Strasser gilt: Diese Figuren sind so berauscht von ihrer Wichtigkeit und vom luxuriösen Leben, das ihnen ihre Geschäfte ermöglichen, dass ihnen jeder Bezug zur Realität verloren gegangen ist. Sie haben vom Spiritus rector von Schwarz-Blau, vom Jörg Haider, gelernt, dass man sich aus jeder noch so eindeutigen Verfehlung herausreden kann, wenn man nur die richtigen Reflexe bedient.

Der Refrain der Täter, die sich als Opfer der linken Schickeria in Kultur und Medien inszenieren, zieht sich durch sämtliche Skandale der Republik der letzten Jahre. Und er sitzt, weil das schlampige Verhältnis zum Rechtsstaat mit Schwarz-Blau auch in vielen Medien und in der Justiz Einzug gehalten hat. Diese unanständige Regierung hat unanständige Gestalten in zentrale Funktionen der Republik gehievt. Die BürgerInnen gewöhnen sich an diese unanständigen Gestalten und an ihre Machenschaften – die normative Kraft des Faktischen prägt eben auch die öffentliche Wahrnehmung.

In jeder anderen westlichen Demokratie der Welt wäre es undenkbar, dass der Spitzenkandidat bei einer landesweiten Wahl gleichzeitig für horrende Honorare Betriebe berät, die im Besitz der öffentlichen Hand sind. Oder Medienhäuser, deren Existenz von öffentlichen Einschaltungen abhängt. In Österreich ist das möglich – und damit nicht genug: Ernst Strasser ist nämlich nicht nur Berater, Consulter, Lobbyist und leidenschaftlicher Fahrtkostenabrechner. Er ist auch der Sieger der letzten EU-Wahl.

alles verkommene heuchler!

Jetzt ist er also wieder nicht zurückgetreten, der Ägypto-Autokrat. Eine gute Gelegenheit, denen ins Gewissen zu reden, die glauben, die Wahrheit für sich gepachtet zu haben. „“Es dürfte uns gut tun, uns manchmal daran zu erinnern, dass wir zwar in dem Wenigen, das wir wissen, sehr verschieden sein mögen, dass wir aber in unserer grenzenlosen Unwissenheit alle gleich sind“, heißt es in Karl Poppers „Vermuten und Widerlegen“. Kaum je trifft dieses Zitat so präzise zu, wie auf eine Autokratie, die an der Kippe steht und in der es seit 30 Jahren keine freie Wahlen mehr gegeben hat. Und noch mehr trifft es auf jene zu, die auf einmal zu AnalytikerInnen werden, Wahrheiten gepachtet haben und  es sich im Namen der Demokratie herausnehmen, Andersdenkende zu diskreditieren und ihnen pauschal mindere, menschenverachtende Motive zu unterstellen.

So wie Robert Misik: Österreichs bekanntester Video-Blogger gefällt sich jüngst als ägyptischer Innenpolitik-Experte. Das ist zwar ungefähr so aussichtsreich, wie das Grassersche Stiftungs- oder das Mateschitz’sche Firmengeflecht durchschauen zu wollen. Aber Misik hält’s mit dem guten alten Leitsatz ‚trial and error‘. Und in diesem Fall: Error. Elfeinhalb Minuten lang predigt der Video-Blogger in seinem neuesten Beitrag eine Wahrheit nach der anderen in sein Mikro. Seine ganz persönlichen Wahrheiten, versteht sich. „Es scheint so, als wäre die Lage unübersichtlich, aber vielleicht ist sie das ja gar nicht. Vielleicht ist ja alles ganz einfach“, heißt es da etwa. Genau: Es ist alles ganz einfach. Das beweisen die mittlerweile drei Wochen hin und her und her und hin um den Tahrir-Platz. „Es gibt kaum einen Zweifel mehr, es wird auch in Ägypten einen Prozess der demokratischen Entfaltung geben“, heißt es bei Misik weiter. Doch, es gibt Zweifel: In den Vereinigten Staaten, in der EU, in Israel, bei zahlreichen prominenten echten ExpertInnen abseits des Informationsmonopolisten Al Jazeera. Aber wer sind diese demokratischen Regimes schon, wenn die Wahrheit doch so einfach ist.

Über die Angst im Westen könne er sich aufregen, setzt der Video-Blogger zur Attacke auf die Ungläubigen an, die nicht 100%ig auf seine Wahrheit und auf jene von Al Jazeera vertrauen. „Viele Halbinformierte murmeln nur das Wort Moslembrüder und schon helfen sie insgeheim zu Autokraten wie Mubarak, das hat auch mit Desinteresse zu tun“. In dieser „ewigen Moslem-Panik, da steckt mehr als eine Prise Rassismus drin, so wie der Herr Sarazzin sagt, dass es bei den Moslems in den Genen nicht passt, so ist diese Haltung getragen von der Überzeugung, dass zu den Moslems die Demokratie nicht passt. Jetzt, wo die Menschen ihre Leben riskieren, halten die Neokonservativen ihre Zeigefinger empor. Schlimmere und moralisch verkommenere Heuchelei ist eigentlich nicht vorstellbar.“ Der hat gesessen. Jetzt ist das dichotome Weltbild komplett.

Ich hab natürlich ein Mubarak-Poster über meinem Bett hängen, hab auf meinem Antira-Shirt das Anti durchgestrichen, Thilo Sarazzins Buch hab ich zur Steigerung der Verkaufszahlen gleich zehn Mal bestellt und ich bin der größte vorstellbare moralisch verkommene Heuchler. Bei der Gelegenheit stell ich gleich noch ein paar andere moralisch verkommene Heuchler vor. Karim El-Gawhary etwa, einen der wenigen in diesem Land, der sich mit Ägypten wirklich auskennt: „Niemand kann sagen, wie viel Unterstützung die Islamisten wirklich haben. Auch bei den Wahlen wird man das kaum erfahren“, schreibt der Korrespondent für eh alles im arabischen Raum zwei Tage vor den November-Wahlen in der deutschen „taz“. Oder Wikipedia, das listet, dass die Muslimbrüder eine Million aktive Mitglieder haben und 8 der 18 mächtigsten Unternehmerfamilien im Land am Nil stellen. Letzten Samstag schreibt der deutsche „Tagesspiegel“, es gebe eine interne Losung des Muslimbrüder-Generalsekretariats, während der Phase des Machtübergangs nicht offiziell über die Errichtung eines islamischen Staates am Nil zu reden, um die Menschen im Inland und die Regierungen im Ausland nicht zu verunsichern. Oder die Berliner „Welt“ von heute: „Im Islam ist Pluralismus nicht unbekannt. Dennoch ist es unrealistisch, in einem islamischen Land die Etablierung einer Demokratie westlichen Zuschnitts zu erwarten.“ Die Süddeutsche vom 2. Februar – die Muslimbrüder hätten „das Land von unten islamisiert.“ Alles verkommene Heuchler!

Es gibt solche und solche Stimmen: Madeleine Albright, die große alte Frau der US-Außenpolitik, warnt vor den Warnungen vor einem ‚chaos scenario‘. Eine Machtübernahme der Muslimbrüder sei nicht zu befürchten, es gebe andere wichtige Gruppen zwischen den radikalen Islamisten und Mubarak, sagt sie der Washington Post vom Montag. Oder der ehemalige deutsche Grünen-Chef Trittin, der am selben Tag in der „Süddeutschen“ die Bundeskanzlerin heftig kritisiert ob ihres Schlingerkurses gegenüber Mubarak und der fordert, die Deutschen mögen mit einer Blockade der EU-Finanzhilfe für Ägypten drohen, wenn Mubarak nicht gehe.

Ich habe im Gegensatz zu Robert Misik noch bei niemandem gelesen, dass es auf jeden Fall zu einer Machtübernahme der radikalen Islamisten kommen werde. Nicht einmal das offizielle Israel, dessen Interessen der europäischen Linken wieder einmal völlig schnurz sind oder diskreditiert werden, redet dieser Konstellation das Wort. Es warnt nur, wie es so viele anderen tun. Und jetzt mal ganz im Ernst: Dieser Meinungspluralismus kann ja auch dem glühendsten digitalen Verehrer der Demokratie in Ägypten, der Mubarak schon am Laternenpfahl hängen sieht, eigentlich nur Recht sein.

sind wir nicht alle ein bißchen grasser?

Irgendwann gewöhnen sich die Menschen halt an Sauereien. Irgendwann werden die Sauereien Teil der Normalität. Irgendwann regt man sich nicht mehr über Dinge auf, die 10 Jahre davor noch ein Skandal gewesen wären. Die Vergrasserisierung der Republik hat angefangen, als der ehemalige von der ÖVP berufene Finanzminister noch nicht einmal „Owa bitte, Frau Thurner“ sagen konnte. Sind wir nicht alle ein bißchen Grasser, müssten sich große Teile der politischen Elite dieses Landes fragen. Sie müssten ehrlicherweise mit ja antworten. Und dankbar sein, dass hinter dem System Grasser ihre Verscherbelungen so niedlich aussehen. Ich sage nur Sobotka.

Und jetzt keine Geschichtestunde, sondern ein paar dezente Hinweise zur Erinnerung: Vor fast genau 34 Jahren explodiert das Frachtschiff „Lucona“ vor den Malediven, sechs Besatzungsmitglieder kommen uns Leben. Es handelt sich, wie sich später herausstellen sollte, um einen Versicherungsbetrug, für den das Enfant terrible der Wiener SPÖ-Szene, Udo Proksch, verantwortlich ist. 1989 treten der rote Innenminister Blecha und der rote Nationalratspräsident Gratz wegen der drohenden Aufdeckung ihrer Verstrickungen in einem U-Ausschuss aufflogen, zurück.

1980 fliegt der AKH-Skandal auf. Es geht um Schmiergelder in zweistelliger Millionenhöhe und um massive Protektion der Schuldigen durch die SPÖ Wien. Zu dem Zeitpunkt schon im Visier der Justiz und zehn Jahre später verurteilt: Der schönste Finanzminister der Republik vor Grasser, Hannes Androsch. Er war gleichzeitig oberster Finanzhüter des Landes und Beteiligter an einer großen Steuerberatungskanzlei, die aufgrund millionenschwerer Aufträge staatseigener Unternehmen florierte. Später konnte Androsch Steuerhinterziehung nachgewiesen werden.

Und wenn sie nicht gestorben sind, dann sind sie noch heute Sprachrohre der SPÖ. Hannes Androsch spricht zu allen möglichen und unmöglichen Themen als kritisch-solidarische Stimme für die SPÖ – oft genug unwidersprochen. Karl Blecha ist als Chef der SPÖ-PensionistInnen einer der wichtigsten Strippenzieher im roten Reichsviertel. Grasser ist 30 Jahre später gekommen. Aber er ist auch nur die überspitzte postmoderne Karikatur der Männer, die die Moral der SPÖ und damit zum damaligen Zeitpunkt der Republik über Bord geworfen haben. Der erste Spitzenpolitiker vom Typus Grasser – telegen bis zum Umfallen und um keine Inszenierung verlegen, kommt übrigens auch aus der SPÖ: Es ist Bundeskanzler Klima, der mit Boxhandschuhen und mit gelben Gummistiefeln für die Gazetten posierte und damit der Entpolitisierung der Politik in die Hände spielte.

Und dann wundert sich noch jemand, dass man gegen Grasser nicht ankommt? In einem Land, in dem die Menschen seit den späten 70er-Jahren systematisch an Freunderlwirtschaft bis ins Kriminal gewöhnt worden sind? In einem Land, in dem sich die 30 Jahre durchgehend stärkste Partei die Menschen oft genug für zu dumm für ernsthafte Politik gehalten und ihnen statt dessen dümmliche Pseudopolitik vorgesetzt hat? Wenn irgendwer der Vergrasserisierung ernsthaft beikommen will, braucht es eine Transparenzoffensive in der Politik, die sich gewaschen hat. Daran ist zu messen, ob es den Regierungsparteien bei ihrem viel zu sanften Druck auf Grasser nur um Grasser geht, oder um mehr Demokratie und weniger Freunderlwirtschaft.

the revolution will be televised

So, jetzt hab ich gestern und heute 5 Stunden lang die Live-Berichterstattung auf Al-Jazeera über die Aufstände in Ägypten gesehen. Ich bin beeindruckt von den Bildern, vom schier unbändigen Willen der DemonstrantInnen, sich nicht von der Straße verjagen zu lassen. Ich bin fasziniert von den Versuchen, mit symbolischen Gesten das Militär auf die Seite der Aufständischen zu ziehen. Es brennen keine israelischen und keine amerikanischen Fahnen auf den Demos, ich habe kaum Palästinenser-Schals gesehen. ChristInnen bilden Schutzketten um MuslimInnen, während die beten. Das autokratische Mubarak-Regime ist seit 30 Jahren an der Macht – gemessen an dem, was auf dem Spiel steht ist die Gewalt von beiden Seiten weniger groß, als ich erwartet hätte. Ich bin begeistert von dem, was auf Kairos, Port Saids und Alexandrias Straßen passiert. Aber wie gesagt: Ich habe 5 Stunden lang die Live-Berichterstattung auf Al-Jazeera gesehen.

Al Jazeera ist nicht mehr der Haus-und-Hof-Sender von Osama bin Laden und Konsorten. Aber der Sender mit Sitz in Katar wird von allen AnalystInnen als wesentlicher Katalysator der sich im arabischen Raum ausbreitenden Proteste genannt. Das ist insofern zumindest bemerkenswert, als Al-Jazeera immer wieder mit der libanesischen Regierung zusammenkrachte, die dem Sender vorwarf, die terroristische Hisbollah in ihrer Berichterstattung zu unterstützen. Es gibt Geschichten über unterdrückte Berichte über die Unterdrückung in Saudi-Arabien und vieles mehr.

Klar ist: Die Bilder und die wesentlichen Informationen, die im Moment um die Welt gehen, kommen von Al-Jazeera. Sie haben einen Bias, so wie jede Auswahl von Fernsehbildern die Realität nicht vollständig abbilden kann, sondern einen Ausschnitt darstellt. Ich orte keine große Verschwörungstheorie. Die radikal-islamistische Muslimbruderschaft wird nicht morgen in Ägypten die Macht ergreifen. Aber man darf neben dem ganzen Hype um den Aufstand Eines nicht vergessen: Die Bewegung der Aufständischen ist extrem heterogen. Es ist völlig unklar, wie es mit Ägypten in dieser Stunde, heute abend und in einer Woche weiter geht.

„The danger is: If you open a vacuum anything can happen“, sagte Tony Blair gestern. Thomas Barnett hat in Kairo Politikwissenschaft unterrichtet – „let me give you the four scariest words I can’t pronounce in Arabic: Egypt after Hosni Mubarak“, sagt er. „The most widespread opposition movement, through mosques, education and welfare programs, is the Muslim Brotherhood“, schreibt Tim Lister von CNN. „An Islamic Middle East is taking shape“, sagt Ayatollah Khatami gestern in Teheran. Ich hoffe, dass der Ayatollah unrecht hat.

Readings von qualifizierter Stelle zum Thema gibt’s übrigens hier aus der New York Times und hier in der Los Angeles Times.

ich hab’s meiner oma erzählt

„Ich hab’s meiner Oma erzählt und die hat versprochen, es all ihren Freundinnen zu erzählen.“ Der Student schaut mich überzeugt an. Ich versuche, ihm zu folgen. Die rundum stehen, schauen ihn ein bißchen schräg an. Eine junge Frau verdreht die Augen. Aber es glänzt in den Augen des Erzählers, er ist begeistert. Dabei studiert er gar nicht das Gleiche, wie die meisten hier. Der Informatiker geht nur auf die gleiche Uni. In einer gemeinsamen Pause hat ihm eine Sozialarbeiterin von einem Fall erzählt. Wobei man Fall gar nicht sagen dürfe, schließlich gehe es um Menschen. Das hat er seiner Oma auch erzählt. Auf die nächste Demo geht sie mit. Wenn’s nicht so kalt ist, weil das machen ihre Gelenke nicht mit.

Es ist eine der Geschichten, die Hoffnung macht, die ich erzählen will. Vor eineinhalb Jahren ist die Debatte über Asyl in Tirol so gut wie vorbei. Drei Asylwerber überfallen und vergewaltigen eine junge Frau. Wenn der Stab erst gebrochen ist, gehen die Opfer rassistischer Vorurteile zu den Behörden, bis sie brechen. Die letzten Einrichtungen, die noch Flüchtlinge beraten, sperren zu. Vorrang für den Stammtisch, die Menschen und ihre Rechte werden zur Verschubmasse. Öffentliche Gelder gestrichen, der von den Medien der Moser Holding lancierte Diskurs über die sogenannte Marokkaner-Szene trägt das Seine dazu bei. Die grausige Straftat von drei Männern kostet ein paar tausend Menschen ihre letzte professionelle Unterstützung. Dachten sie. Denn dann kommt eine Gruppe junger StudentInnen. JuristInnen, PolitologInnen und vor allem SozialarbeiterInnen. Sie sperren kurzerhand ihre eigene Einrichtung auf. Beraten auf eigene Faust, lernen sich ein, schließen sich mit kirchlich finanzierten Stellen kurz. Betreiben Lobbying bei der Evangelischen Diakonie. Heute bekommen sie von deren Flüchtlingsdienst zusätzlich zu den Räumlichkeiten zumindest ein bißchen Geld. Private SpenderInnen helfen über die Runden, teilweise mit vierstelligen Summen.

Der Jugendbetreuer am Podium redet sich die Seele aus dem Leib. Er will den 300, die zur Diskussion gekommen sind, die Lebenrealität der AsylwerberInnen näher bringen. Viele kennen die Situation, sie haben schon vier Wochen davor in einer kalten Dezembernacht für das Bleiberecht demonstriert. 700 waren dort im Innsbrucker Frost, zwischen Punsch- und Ramschständen sah die Landeshauptstadt die größte Kundgebung seit dem Burschenschafterkommers im Sommer 2009. Lange haben die OrganisatorInnen die Diskussion geplant. Die StudentInnen haben diskutiert, ob sie PolitikerInnen am Podium haben wollen. Ob sie den Polizeichef einladen, der sich als Rauhbein einen Namen gemacht hat. Ob das nicht zu einer politischen Schlammschlacht werden würde. Ob eine lösungsorientierte Diskussion mit PolitikerInnen möglich sein würde.

Der Abend zeigt: Sie haben richtig entschieden. Ein Caritas-Mitarbeiter steht auf. Er wirft sich für den jugendlichen Flüchtling am Podium ins Zeug, der zu Beginn in Österreich mit Drogen gedealt hat. Der 18jährige ist jetzt ein Aussteiger aus dem Drogensumpf. Er ist heraußen aus dem Asylverfahren, hat verloren. In sein Herkunftsland Marokko darf er trotzdem nicht zurück. Der König will ihn nicht haben. Er ist illegalisiert in Österreich, aber nicht zur Ausreise berechtigt. Über 8.300 Euro haben die Verwaltungsstrafen wegen illegalen Aufenthalts in den letzten zwei Jahren gekostet. Es sind die Spenden, die ihn über die Runden bringen in dieser absurden Welt, die keine Regelung für ihn vorgesehen hat. Wenn der Caritas-Mitarbeiter von christlich redet, rümpfen einige im Publikum die Nase. Aber nur einige Wenige. Eine Studentin am Podium sucht ökonomische Gründe für mehr Einwanderung. Es holpert ein bißchen in ihrer Argumentation. Einige rümpfen die Nase.

Der ÖVP-Politiker auf dem Podium hat den Saal gegen sich, wenn er in herkömmlichen Mustern über die Marokkaner als Ganze urteilt. Aber er erntet viel Kopfnicken, als er für ein Recht auf Arbeit für AsylwerberInnen eintritt. Eine ältere Frau steht auf, erzählt die Geschichte ihres Schützlings, der ebenfalls Flüchtling ist. Ihre Sprache ist einfach, sie kennt sich nicht aus in den Untiefen der Fremdengesetzgebung. Einige rümpfen die Nase. Der Landesrat spricht große Worte. Einige im Asylbereich Tätige rümpfen die Nase – sie kennen die Versprechungen. Eine Stadträtin steht auf und will wissen, was die Politik aus Sicht der ExpertInnen tun könnte. Noch eine Stadträtin: Sie ruft zu zivilem Ungehorsam und zu kreativen Lösungen auf. Mit dem Vizebürgermeister am Podium ist fast die halbe Regierungsriege der Landeshauptstadt im Saal. Weit hinten sitzt der für das Flüchtlingswesen zuständige Landesbeamte und schreibt fleißig mit. Er protokolliert nicht, er lernt. Vor zwei Jahren, bei seinem Vorgänger, gab es wochenlange Wartefristen auf einen Termin. An diesem Tag sitzen sämtliche politisch Verantwortliche im Raum.

Ich treffe eine Nachbarin von vor gefühlten 15 Jahren. Ihre Tochter ist gerade 19 geworden. Die Nachbarin hat früher immer über die Ausländerkinder geschimpft, wegen der ihre Kinder nicht mehr g’scheit deutsch lernen. Warum sie hier ist, will ich wissen. Ihre Tochter hatte einen Freund, der Asylwerber ist. Hatte, denn er hat ihre Tochter verlassen. Aber es geht ums Prinzip, sagt sie. Die „Asylanten“ haben ein Gesicht und eine Geschichte bekommen in ihrem Leben. Es ist keine homogene Gruppe, die sich da trifft. Es sind WeltverbessererInnen und verbitterte ZynikerInnen, engagierte ChristInnen, SozialarbeiterInnen, KommunistInnen und AntikommunistInnen, FreiberuflerInnen und BeamtInnen, Junge und sehr Alte. Und es sind viele Menschen, in deren Leben zufällig jemand getreten ist, der fremd ist in diesem Land. Das Wichtigste aber ist: Es sind viele. Zu viele, um von der Politik überhört zu werden. Hinter den 300 stehen hunderte FreundInnen, Bekannte, ArbeitskollegInnen und Familienmitglieder. Sie kennen die Geschichten von AsylwerberInnen, die nicht in der Zeitung stehen.

„Und weißt du, was das beste daran ist?“, fragt mich der Student. Ich schau ihn ein bißchen abwesend an. Sein Exkurs zwischen Paragraphen, Verordnungen und Weisungen ist vorbei. Themenwechsel angesagt. „Sie werden nicht mehr so viel Lügen verbreiten, wenn sie mit älteren Menschen reden.“ Er meint alle, die mit Stimmungmache gegen Fremde auf Stimmenfang gehen. „Sie werden nicht mehr so reden.“ Mein ratloser Blick verrät ihm, dass ich noch immer nicht verstanden habe. „Ihr Gegenüber könnte meine Oma sein.“