the revolution will be televised

So, jetzt hab ich gestern und heute 5 Stunden lang die Live-Berichterstattung auf Al-Jazeera über die Aufstände in Ägypten gesehen. Ich bin beeindruckt von den Bildern, vom schier unbändigen Willen der DemonstrantInnen, sich nicht von der Straße verjagen zu lassen. Ich bin fasziniert von den Versuchen, mit symbolischen Gesten das Militär auf die Seite der Aufständischen zu ziehen. Es brennen keine israelischen und keine amerikanischen Fahnen auf den Demos, ich habe kaum Palästinenser-Schals gesehen. ChristInnen bilden Schutzketten um MuslimInnen, während die beten. Das autokratische Mubarak-Regime ist seit 30 Jahren an der Macht – gemessen an dem, was auf dem Spiel steht ist die Gewalt von beiden Seiten weniger groß, als ich erwartet hätte. Ich bin begeistert von dem, was auf Kairos, Port Saids und Alexandrias Straßen passiert. Aber wie gesagt: Ich habe 5 Stunden lang die Live-Berichterstattung auf Al-Jazeera gesehen.

Al Jazeera ist nicht mehr der Haus-und-Hof-Sender von Osama bin Laden und Konsorten. Aber der Sender mit Sitz in Katar wird von allen AnalystInnen als wesentlicher Katalysator der sich im arabischen Raum ausbreitenden Proteste genannt. Das ist insofern zumindest bemerkenswert, als Al-Jazeera immer wieder mit der libanesischen Regierung zusammenkrachte, die dem Sender vorwarf, die terroristische Hisbollah in ihrer Berichterstattung zu unterstützen. Es gibt Geschichten über unterdrückte Berichte über die Unterdrückung in Saudi-Arabien und vieles mehr.

Klar ist: Die Bilder und die wesentlichen Informationen, die im Moment um die Welt gehen, kommen von Al-Jazeera. Sie haben einen Bias, so wie jede Auswahl von Fernsehbildern die Realität nicht vollständig abbilden kann, sondern einen Ausschnitt darstellt. Ich orte keine große Verschwörungstheorie. Die radikal-islamistische Muslimbruderschaft wird nicht morgen in Ägypten die Macht ergreifen. Aber man darf neben dem ganzen Hype um den Aufstand Eines nicht vergessen: Die Bewegung der Aufständischen ist extrem heterogen. Es ist völlig unklar, wie es mit Ägypten in dieser Stunde, heute abend und in einer Woche weiter geht.

„The danger is: If you open a vacuum anything can happen“, sagte Tony Blair gestern. Thomas Barnett hat in Kairo Politikwissenschaft unterrichtet – „let me give you the four scariest words I can’t pronounce in Arabic: Egypt after Hosni Mubarak“, sagt er. „The most widespread opposition movement, through mosques, education and welfare programs, is the Muslim Brotherhood“, schreibt Tim Lister von CNN. „An Islamic Middle East is taking shape“, sagt Ayatollah Khatami gestern in Teheran. Ich hoffe, dass der Ayatollah unrecht hat.

Readings von qualifizierter Stelle zum Thema gibt’s übrigens hier aus der New York Times und hier in der Los Angeles Times.

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