die hegemoniale form des hallosagens

Es ist eine Provinzposse in einem Provinzgymnasium, die sich dieser Tage abspielt. Ein gefundenes Fressen für Medien und vor allem für die Rechten, die jetzt wieder ein bißchen Kulturkampf spielen können, damit sie nicht über Fukushima und über AtomlobbyistInnen wie Ex-Kanzler Schüssel oder ganz normale korrupte LobbyistInnen wie Strasser oder mutmaßliche gewerbsmäßige BetrügerInnen wie die EU-Abgeordnete Hella Ranner diskutieren müssen. Es gilt die Unschuldsvermutung.

Ein Lehrer in einem Innsbrucker Gymnasium hat seinen SchülerInnen verboten, ‚Grüß Gott‘ zu sagen, hab ich am Freitag in der Zeitung gelesen. Der skandalisierende Tonfall des Artikels war mir zuwider, genauso, wie mir die katholische Kirche an sich zuwider ist. Aber dass Grußformeln aufgrund ihres religiösen Gehalts verboten werden, das muss dann doch nicht sein. Ich würd mich ganz wahnsinnig aufregen, wenn man SchülerInnen verbieten würde, sich mit „Allah uh akbar“ zu begrüßen – fände das rassistisch, eine Ungleichbehandlung der Religionen und überhaupt.

Heute morgen ist alles ganz anders. Die Skandalisierung geht nämlich weiter und deswegen kommen die LeserInnen der Tiroler Tageszeitung wieder in den Genuss eines großen Artikels über das ‚Grüß-Gott-Verbot‘. Da steht, was auch am Freitag schon stand, aber was ich überlesen hatte: Der Lehrer hatte seinen SchülerInnen verboten, ihn (!) mit ‚Grüß Gott‘ anzureden. In Tiroler Schulen ist das normalerweise so: Wenn LehrerInnen zu Stundenbeginn in die Klassen kommen, sollten SchülerInnen von ihren Plätzen aufstehen und im Chor ‚Grüß Gott, Herr Professor‘ oder ‚Grüß Gott, Frau Professor‘ sagen.

Dagegen darf man sich, find ich, wehren. Es ist überhaupt eine Unsitte, dass in diesem Land eine religiöse Grußformel inklusive Glaubensbekenntnis die hegemoniale Form des ‚Hallo‘-Sagens geworden ist. Es ist unangenehm, dauernd auf jemanden angeredet zu werden, an den man nicht glaubt. Und es ist ärgerlich, der Formel selber so wenig zu entkommen und damit im Ausland taxfrei als ÖsterreicherIn oder BayerIn, also eh das Selbe, entlarvt zu werden. Und außerdem: Wir verbieten in einer Reihe von Jugendzentren in diesem Land SchülerInnen, sich in ihrer Muttersprache zu unterhalten. Was wäre denn so schlimm, wenn in öffentlichen Gebäuden religiöse Grußformeln verboten wären?

Also: kollektives ‚Grüß Gott‘ am Anfang der Stunde ist pfui. Und selbst wenn’s im Fall der Innsbrucker Provinzposse auch darum geht, dass der Lehrer am Gang von einzelnen SchülerInnen nicht mit ‚Grüß Gott‘ angesprochen werden will: Auch, sich das von seinen Mitmenschen zu wünschen, ist sein gutes Recht. Wir leben ja, könnte man meinen, nicht in einem Gottesstaat.

auch du mein sohn, brutus

Die Iden des März, mitten im Herzen Europas. 2007 gaben sie sich im Innenministerium die Klinke in die Hand. Heute hat Brutus zugeschlagen. Es ist ein politischer Totschlag aus schlechtem Gewissen. Deutlicher hätte Platter die Strasser-Connection ins scheinheilige Land nicht darstellen können, als mit seinem Vorpreschen beim Parteiausschluss des Lobbyisten.

November 2007: Im Kurier tauchen die Strafakten von Arigona Zogajs Vater auf – es geht um ein Kleindelikt. Schon zehn Tage davor spricht in der aufgeheizten Zogaj-Debatte der niederösterreichische ÖVP-Geschäftsführer Karner von einem Gewalttäter in der Zogaj-Familie. Woher wusste er das? Aus dem Innenministerium. Dort saß damals schon fast ein Jahr lang nicht mehr der niederösterreichische Raiffeisen-Zögling Strasser, sondern Günther Platter. Karner war davor – richtig – Pressesprecher von Innenminister Strasser. Gemeinsam mit Hannes Rauch. Der ist jetzt Tiroler ÖVP-Landesgeschäftsführer.

Mit an Bord in Strassers Führungsriege, außerdem: Der Tiroler Sektionschef Mathias Vogl und der Tiroler Kabinettschef Christoph Ulmer. Der Leiter des umstrittenen BIA, von dem die E-Mail-Affäre um parteipolitische Postenbesetzungen ausgegangen ist? Martin Kreutner, ebenfalls Tiroler. „Zu jung und zu viel Macht“, schreibt die nicht gerade ÖVP-feindliche „Presse“ über das System Strasser. Oskar Gallop wurde im Sommer 2005 der erste Landespolizeikommandant, der die Sicherheitsakademie nicht besucht hatte. Bestellt hat ihn Ernst Strasser. Die Dorfgendarmen als höchste Vertreter von Politik und Exekutive: Dafür ist die Tirol-Niederösterreich-Connection verantwortlich. Und sie zieht sich bis in Strassers letzte Tage als Lobbyist in politischem Amt: Sein Sprecher in der Bestechungs-Affäre ist der Tiroler Leiter des Wien-Büros der Platter’schen Haus- und Hofagentur Hofherr Communications, Jürgen Beilein.

Was Strasser zwischen seinem Rücktritt als Innenminister und dem Auftauchen als Lobbyist in eigener Sache im EU-Parlament gemacht hat, ist auch bekannt: Von 2008 bis 2009 berät er, man weiß nicht für wie viel Geld, den Quasi-Monopolisten am Tiroler Zeitungsmarkt, die „Moser-Holding.“ 2007 lobbyiert er für den landeseigenen Energieversorger TIWAG. Für 450 Euro in der Stunde fährt er unter anderem am 25. Oktober 2007 von Wien nach Sölden und wieder zurück. Den Riesenslalom dort gewinnt Aksel Lund Svindal. Insgesamt verdient Strasser bei der TIWAG 14.000 Euro für 31 Stunden Arbeit.

Brutus verlor zwei Jahre nach seinem Cäsarenmord zwei Kriege und ließ sich von den letzten verbliebenen Loyalen umbringen. Seinen Kopf ließ der siegreiche Octavian vor einer Cäsar-Statue in Rom niederliegen. Die Zeit der Kriege ist vorbei. Aber vielleicht besucht Platter seinen Freund Strasser demnächst einmal im Häf’n.

habt ihr armageddon gesehen?

Endlosschleifen von Bildern gehen mir durch den Kopf, wenn ich an den drohenden Super-GAU in Fukushima denke. Am stärksten sind natürlich emotional an sich schon aufgeladene Bilder. Ein Komet rast auf die Erde zu. Irgendwer muss sich opfern. Muss den Kometen mit sich selbst in die Luft sprengen. Der Held ist – wie könnte es anders sein – Bruce Willis, der seinem Schwiegersohn in spe die Märtyrerrolle abnimmt, seiner Tochter ihren Geliebten zurückschickt und sein Leben für das der gesamten Weltbevölkerung opfert. So kurz, so gut, so Schmalz. Nur: das ist ein Film. Ein surreales Szenario, erstunken und erlogen von vorne bis hinten. Die Zauberlehrlinge in aller Welt starren seit einer Woche gebannt auf vier Reaktoren, die knapp so groß sind, wie vier Einfamilienhäuser. Fukushima I bis VI ist aber kein Film. Schon gar nicht „Armageddon“, eher „Stirb langsam.“ In Fukushima gibt’s 50 Mal Bruce Willis. Und diese echten MärtyrerInnen, die beim verstrahlten Reaktor zurückgeblieben sind, können nicht mal die ganze Welt retten, sondern „nur“ ein paar Millionen JapanerInnen. Sie sterben dann halt auch wirklich.

Das 9/11 der Energiepolitik ruft natürlich die Apologeten des Status Quo auf den Plan (Ja, Apologeten – Apologetinnen hab ich komischerweise noch keine gesehen). Und weil das Sein das Bewusstsein bestimmt, finden die Apologeten die Atomkraft natürlich kontrollierbar, sicher, billig und überhaupt. Überhaupt könnten sie sich sonst ihren luxuriösen Lifestyle nicht leisten. 117.000 Euro im Jahr verdient Ex-Bundeskanzler Schüssel im Aufsichtsrat eines deutschen Atom-Riesen. Es ist sein Nebenjob. Nicht mal das Wort „Restrisiko“ kommt den Apologeten über die Lippen. Ralf Güldner ist einer von ihnen, der Chef-Apologet sozusagen. Sein Job: Präsident des deutschen Atomforums. Sein Argument gegen das Abschalten aller deutschen Kraftwerke heute bei Volker Plassberg in „hart aber fair“: Man können sich nicht darauf verlassen, dass die Nachbarn auch Schluss machen. Das werden sie alle sagen, die französischen, italienischen und britischen KollegInnen von Ralf Güldner. Der Mann ohne Prinzipien sollte eigentlich Floriani Güldner heißen.

Nach den Ostblock-Physikern Sergei Medvedev, Wilhelm Sponheuer und Vit Karnik ist die MSK-64-Skala benannt. Sie misst die seismologischen Schwankungen in der Nähe von Erdbeben-Epizentren. Peter Pilz hat recherchiert, dass das slowakische Kernkraftwerk Bohunice höchstens für Belastungen bis zur Stufe 8 der MSK-Skala ausgelegt ist. Es läuft voraussichtlich noch bis 2015. Alle 50 Jahre tritt auf der Erdbebenlinie vom Wiener Becken nach Osten, auf der Bohunice liegt, ein Erdbeben auf, das auf der MSK-Skala mindestens mit Stufe 8 zu bewerten ist, sagt der niederösterreichische Zivilschutzverband. Jetzt kann man natürlich finden, die 10% Restrisiko, dass Bohunice in seiner Restlaufzeit ein Störfall wird, sind schon ok. Mehr waren’s in Fukushima halt auch nicht.

die islamistische bedrohung mitten in innstanbul

Ein Spaziergang durch die Innsbrucker Innenstadt. Ich hab sie endlich gefunden, die islamistische Bedrohung. So viele Kopftücher wie noch nie in dieser Stadt auf einem Haufen, ungeniert, in aller Öffentlichkeit. Sie stellen ihre Religion offen zur Schau. Eine Machtdemonstration des politischen Islam. Die Fundamentalistinnen mit kleinem i, ihrer eigenen Unterdrückung nicht gewahr, bedrohen unsere Wertordnung. Nicht mehr nur in Favoriten, im Neustadtviertel, in Gries, in Lehen und im Olympischen Dorf, nein: Sie sind mitten in der Tiroler Landeshauptstadt angekommen. Dort, wo die TouristInnen sich im christlichen Europa wähnen, wimmelt es geradezu vor Kopftüchern. Und von Frauen, darunter, versteckt.

Es ist kurz nach 18 Uhr, die Geschäftslokale haben gerade geschlossen. Es brennt noch Licht: Denn irgendwer muss ihn ja wegmachen, den Dreck, den die Laufkundschaft in den frequentierten Modehäusern, Unterwäschegeschäften und Multimedia-Ketten gemacht hat. Es sind die Kopftuch-Jobs. Man könnte glauben, hier gilt der Slogan „willst du ein Geschäft hier putzen, musst du nur ein Kopftuch nutzen.“ Sie mögen Slavica, Leyla und Merve heißen, die Frauen, die dafür sorgen, dass die Läden um 8 Uhr in der Früh wieder aussehen, wie am Vortag um 8 Uhr in der Früh. Das Dienstleistungs-Proletariat, das sich mit Putz-Jobs durchs Leben schlägt, kommt aus der zweiten EinwandererInnen-Generation. Es ist einer dieser Jobs, für die man die deutsche Sprache nicht sprechen können muss. Es ist einer dieser Jobs, die ganz unten auf der sozialen Skala stehen, was Anerkennung betrifft: Wenig Geld, keine Aufstiegsmöglichkeiten. Putzen kann ja eh jede Trottelin, der es nicht zu blöd ist.

Das Stiegenhaus in meinem Miethaus putzt eine Frau, die älter aussieht, als meine Oma. Die ist 91. Die bosnische Serbin in meinem Stiegenhaus ist erst 62. Schmerzhaft sieht es aus, wenn sie sich zum Stufen wischen bückt. Ich hab sie gefragt, ob ihr das nicht schwerfällt, ob sie keine Arbeit machen kann, die ihren Körper nicht noch weiter schindet, als er offensichtlich schon geschunden ist. Sie hat keine Ausbildung, sie ist zu alt, hat sie geantwortet. Und ihr Mann ist krank, sie muss seine Medikamente bezahlen. Gepflegt wird der kranke Mann von der Schwiegertochter, während die Frau in meinem Stiegenhaus putzen geht. Die Geschichte der Frau wird sich also wiederholen, wird um ein Eck vererbt. Sie hat „nur“ zwei Putzjobs. Viele andere haben drei, vier oder mehr, erklärt sie mir. Auch sie trägt ein Kopftuch – Berufsuniform, sozusagen. Da packt mich dann doch die Wut über den herrschenden Diskurs über MigrantInnen in diesem Land. Die Kopftuch-Frauen wahren die Illusion, dass in diesem Land alles sauber ist. Und dafür, dass sie unseren Dreck zu Schandlöhnen wegmachen, dürfen sie sich dann auch noch beschimpfen lassen: Als Sozialschmarotzerinnen, als Unintegrierbare, als Nichtemanzipierte. Das wird ihnen nicht gerecht. Es ist eine Schande.

das ist krieg gegen die zivilisation

„Schau, wir müssen doch irgendwie den steigenden Energiebedarf decken“, haben sie gesagt. „Ihr wollt doch immer weniger Abhängigkeit von Putin und den arabischen Diktaturen. Das geht halt nur mit Kernenergie“, haben sie urgiert. „Jetzt ist schon 25 Jahre nichts passiert. Wir reden von der sichersten Energieform des dritten Jahrtausends“, haben sie argumentiert. „Das ist ein Sieg der Menschheit über die Natur“, haben sie betont. „Die friedliche Nutzung der Kernkraft“, haben sie wortgetüftelt.

Atomkraft ist Krieg gegen die Zivilisation. Der herrschende Pragmatismus ist immer der Pragmatismus der Herrschenden. Sie verdienen sich ihre Luxusvillen und ihre Drittwohnsitze mit diesem Krieg gegen die Zivilisation. Eine kapitalistisch organisierte Weltwirtschaft kennt nur die ökonomische Kosten-Nutzen-Rechnung. Es ist der Krieg der Atomkraftsgewinnler gegen die Menschen, die in der Umgebung von Reaktoren leben. Und das sind, genau genommen, alle Menschen in Europa, alle in den USA und alle in Japan.

Was hat sich die Journaille – auch angesteckt vom Pragmatismus der Herrschenden – die Finger in den heutigen Tageszeitungen wund geschrieben über die Beben gewöhnten JapanerInnen und über die Hochsicherheitsmaßnahmen, Evakuierungspläne, über x-fach gesicherte Hochhäuser und Atomreaktoren. Im menschenverachtenden Leitartikel der heute besonders menschenverachtenden „Presse“ ist das, was bis gestern in Japan passiert ist, ein Zeichen der menschlichen Überwindung widriger natürlicher Umstände. Dass so wenige unter der Flutwelle gestorben sind, unterstreiche die Überlegenheit des Menschen, argumentiert der Autor.

Heute sind sie alle auf schlimmstmögliche Art und Weise eines Besseren belehrt worden. Aber egal: Es bestehe keine Gefahr, dass es die Atomwolke bis nach Europa komme, gibt es Entwarnung im ORF. Der deutsche Umweltminister Röttgen erteilt heute politischen Debatten über die Atomkraft eine Absage: Die seien wegen der akuten Notlage unangemessen. Das ist Krieg gegen die Zivilisation.

ein notwendiges übel

Ich starte mit Zugeständnissen. Meine feministischen FreundInnen finden das unnötig. Man räume damit den Kampfplatz und gebe schon nach, bevor man überhaupt angefangen habe, zu überzeugen. Trotzdem: Mit FeministInnen zu diskutieren, ist manchmal mühsam. Political correctness vom Purismus der Integrationsdebatte bis zum Anspruch auf Antiheteronormativität macht drei Viertel aller Witze kaputt, die mir einfallen. Gegenderte Sprache führt zu schrecklich hässlichen, bis zur Unleserlichkeit entstellten, Texten. Wenn feministische Subkulturen miteinander über Gleichheits- und Differenzfeminismus und über dekonstruktivistischen oder Postfeminismus streiten, muss ich an trotzkistische Sekten denken. Es nervt, wenn in Abrede gestellt wird, dass Buben geschlechtsspezifische Identitätsfindungsprobleme haben und in manchen spezifischen Konstellationen ärmer dran sind, als Mädchen. Ich würd mich ärgern, wenn ich einen tollen Job wegen einer Frauenquote nicht kriegen würd. Und es gibt in der Tat regelrechte Männerhasserinnen, mit denen jede Minute Gespräch eine verschwendete Minute ist.

Das haben sich die Männer in den 60er-Jahren wahrscheinlich auch gedacht, als die sogenannte zweite Welle des Feminismus losging. Heute wissen wir um ihre Errungenschaften vom modernen Familienrecht über die Straffreistellung von Schwangerschaftsabbrüchen bis zur vollkommenen Gleichberechtigung am Papier. Und wir wissen heute, dass Gesellschaften, die Männern und Frauen gleiche Chancen bieten und zu diesem Zweck auch das eine oder andere Zwangsinstrument verwenden, glücklicher, (kinder)reicher und friedlicher sind. Jetzt fällt der hundertste Weltfrauentag auf den Faschingsdienstag. Auf den Tag im Jahr, an dem Frauennotrufe und Gewaltschutzeinrichtungen Sonderschichten schieben, weil exzessiver Alkoholmissbrauch und männliche Gewalt gegen Frauen und Kinder leider wie die sprichwörtliche Faust aufs Auge passen. Manchmal hat Meister Zufall skurill glückliche Einfälle und spielt der Lehrmeisterin Geschichte in die Hände. Nichts könnte die Notwendigkeit feministischen Engagements deutlicher unterstreichen, als eine traditionelle Sauforgie mit all ihren unschönen Konsequenzen am Internationalen Frauentag.

„I myself have never been able to find out precisely what feminism is; I only know that people call me a feminist whenever I express sentiments that differentiate me from a doormat“, schreibt die irisiche Schriftstellerin Rebecca West im Jahr, ja wirklich, 1913. Die Sache mit dem Fußabtreter mag fast 100 Jahre später nicht mehr so ganz stimmen. Aber wenn mehr als die Hälfte der Pensionistinnen keine eigenständige Pension haben, weil sie ein Leben lang bei ihren Männern mitversichert waren, ist das eine staatliche Einladung, das Abhängigkeitsverhältnis auszunutzen. Und wenn eine junge Frau heute 5 Jahre lang weg ist vom Arbeitsmarkt, hilft ich auch kein Müttergeld dagegen, dass sie keinen ordentlichen Job bekommt und dem Fußabtreter einen großen Schritt näher gekommen ist. Wer zahlt, schafft an, gilt in Ehen leider in zugespitzter Form.

Wenn also in Summe alle glücklicher werden, wenn diese Ungerechtigkeiten ausgeräumt sind? Warum wehren sich die meisten Männer dann mit Händen und Füßen gegen den Feminismus? Erstens, weil er ihnen Privilegien wegnimmt, die sich ihre Geschlechtsgenossen über Jahrhunderte herausgenommen haben. Und zweitens, weil sie nicht verstanden haben, dass sie von einer gleichberechtigten Gesellschaft auch profitieren. Am Beispiel Kindererziehung und Job wird das am deutlichsten. Wer die unbezahlte Familienarbeit nicht machen muss, macht die Regeln. Aber 60-Stunden-Wochen und Selbstverwirklichung ausschließlich im beruflichen Umfeld machen kaputt. Sie führen vom Burn-out über die Midlife Crisis direkt zum Herzinfarkt. Wer die unbezahlte Familienarbeit alleine machen muss und sich erfolgreich von der Gesellschaft einreden hat lassen, dass sich die Selbstverwirklichung nur mehr an den Schulnoten der Kinder und an der Anzahl der Geburtstagsgäste der Kleinen messen lässt, wird dumm.

Das werden die meisten von uns Männern aber nicht verstehen. Deswegen liegt es auch weiter an den Feministinnen und an den Feministen (wenn es so was in männlich geben kann), für eine gerechtere Welt zu sorgen. Dafür nehm ich das Mühsame von ganz oben gerne in Kauf. Mit Handkuss, quasi.

wer kann sich purismus leisten?

Ich hab lange abgewogen, ob ich den Weg aufs Innsbrucker Gemeindeamt antrete und für die Mühlen der Bürokratie eine Stunde investieren soll oder nicht. Geworden sind es 100 Minuten, aber sei’s drum. Sicher war ich mir ja nicht: Wenn Greenpeace dazu aufruft, ein Volksbegehren gegen Atomkraft nicht zu unterschreiben, muss was dahinter sein, hab ich mir gedacht. Und viel Zeit damit verbracht, durch EU-Verträge und Diskussionsforen zu stöbern. Hin und wieder beim parallel lesen juristischer Texte hat mich der Zweifel am Sinn der Recherche gepackt und ich hab mir gedacht, ich geh jetzt einfach, oder ich geh nicht. Aber es waren gut investierte Stunden.

Klar, der Ausstieg aus dem Euratom-Vertrag ist unrealistisch. Das Desinteresse der Regierung am Thema und der Aufsichtsratssitz des ÖVP-Masterminds Schüssel reichen dafür als Begründung. Schüssel kassiert beim Atom-Energieriesen RWE zwischen 10.000 und 20.000 Euro monatlich für einen Aufsichtsratsposten. Nebst Kanzlerpension und nebst Abgeordneten-Gehalt, versteht sich. Und selbst wenn’s zu einem Parlamentsbeschluss käme: die 40 Millionen Euro im Jahr würd sich die Republik auch nicht sparen, so lange das Euratom-Budget vom Europäischen Rat festgelegt wird und Teil des EU-Gesamtbudgets ist. Und auch daran wird sich nichts ändern.

Aber: das ist ein Volksbegehren gegen Atomkraft. Und gerade weil die Staatsspitze so verlottert ist und die beiden letzten Kanzler der Republik bei einem Atom-Riesen und bei einem Despoten, der neue Atomanlagen baut, cashen, kann man ein Volksbegehren gegen Atomkraft nicht nicht unterschreiben. Jetzt kann man natürlich sagen, jede/r BürgerIn sollte sich bei demokratischen Prozessen verhalten, als wäre er/sie in der Regierungsverantwortung – und folgedessen hätte ich nicht unterschreiben sollen. Dann wär ich aber auch noch nie wählen gegangen. Und das Argument von Greenpeace, das Volksbegehren würde von fragwürdigen Öko-Faschos unterstützt und es diene dazu, von den UVPen in Mohovce und Temelin abzulenken: Ersteres ist mir egal, wenn ich das grundsätzliche Anliegen des Volksbegehrens unterstütze. Und den OrganisatorInnen Zweiteres zu unterstellen, halt ich schlicht und einfach für stumpfsinnig und paranoid.

Ein bißchen so ist es auch bei der zweiten Fliege, die man am Gemeindeamt momentan mit einer Klappe erwischen kann: die Unterstützungserklärung fürs Bildungsvolksbegehren kommt wegen der Bravheit des finalen Antragstextes auch nicht von ganzem Herzen. Aber wer kann angesichts von PISA-Debakel und LehrerInnengewerkschafts-Betoniererei den Luxus leisten, PuristIn zu sein?

willkommen auf den national befreiten tribünen

Ich hab nicht schlecht gestaunt, als ich letztens Urs Imboden Slalom fahren gesehen habe. Er trug ein Trikot, das ich noch nie gesehen hab. Im Ziel war klar: Auch der ehemalige Schweizer Rennläufer ist einer der Sportler, die im Express-Verfahren eine neue Staatsbürgerschaft bekommen hat und geht für Moldawien an den Start. In Österreich war das zuletzt im Herbst beim Triathleten Thomas Springer so. Der Eishockey-Profi Darcy Werenka durfte am gleichen Tag, an dem der Ministerrat seine Einbürgerung beschloss, für das österreichische Eishockey-Team auflaufen. Anna Netrebko und den Kneissl-Scheich Al-Jaber haben wir mit Handkuss genommen.

Beim Rapid-10er Steffen Hofmann hat die FIFA vor der Einbürgerung klar gemacht, dass er trotzdem nicht für Österreichs Nationalteam spielen dürfe. Dafür ging’s bei Ivica Vastic auf einmal schnell mit der Staatsbürgerschaft, nachdem er den Durchbruch bei Sturm Graz geschafft hatte. Wenn wir was von den „Ausländern“ brauchen, dann können sie gar nicht so schnell schauen, wie wir sie einbürgern.

Am 6. September spielt Österreich in der Qualifikation für die Fußball-Euro in Wien gegen die Türkei. Das Nationalteam wird bis dahin schon raus sein aus dem Kampf um die Qualifikationsplätze, es wird um Platz drei in der Gruppe gehen. Wenn überhaupt. Das hindert den ÖFB aber nicht daran, sich eine besonders lustige Regelung einfallen zu lassen: Das Happel-Stadion wird am 6. September zur national befreiten Zone. Tickets gibt’s vom ÖFB nämlich nur für österreichische StaatsbürgerInnen.

Ich kann mich noch gut erinnern, als deutsche Fans die türkische Nationalmannschaft im Berliner Olympiastadion mit tausenden Aldi-Sackerln empfingen. In Österreich müssen die rechten Fans ihre Verachtung für das türkische Team gar nicht mit zivilem Rassismus zum Ausdruck bringen. Bei uns ist der Rassismus nämlich staatlich organisiert. Die national befreiten Tribünen sind ein schönes Symbol dafür, wohin diese Republik im dritten Jahrtausend treibt.

Helfen wird dagegen nur ziviler Ungehorsam: Ich bin schon gespannt, ob jemand mit türkischer, deutscher, schweizer oder was auch immer für einer nicht-österreichischen StaatsbürgerInnenschaft ein Ticket bestellt. Die Ablehnung aufgrund der StaatsbürgerInnenschaft würd ich mir schwarz auf weiß geben lassen und dem EuGH zukommen lassen. Eine klare Diskriminierung aufgrund der Herkunft geht ja gar nicht. Und ich muss noch einmal an Kadri Evcet Tezcan erinnern: Der hatte nämlich, schlicht und einfach, recht.