zu johanna dohnals 1. todestag

Warum selber schreiben, wenn’s präziser nicht mehr gesagt werden kann, als es Andere tun? „Über Jahrzehnte hinweg federn sie die Probleme ab, die gesellschaftlich zu lösen verabsäumt wird“, sagt Johanna Dohnal der Journalistin Susanne Feigl in einem ihrer letzten Interviews. Genau ein Jahr ist es her, dass Österreichs feministische Pionierin gestorben ist. Wieder ein Jahr, in dem es keine substanzielle Bewegung in einer Gesellschaft gegeben hat, die nur deshalb kapitalistisch funktionieren kann, weil sie die Mehrheit der Menschen strukturell zu erwerbsloser Arbeit zwingt. Wieder ein Jahr, indem in einer westlich-demokratischen Gesellschaft das stärkste Kriterium für Armutsgefährdung nicht etwa der Migrationshintergrund oder die Klassenzugehörigkeit ist, sondern das Geschlecht.  Zivildienstdebatte hin, Jahr des Ehrenamts her: Ohne die unbezahlte Arbeit von Frauen wäre der sogenannte soziale Frieden nicht finanzierbar.

Und die Dohnal? Der war Spalterei fremd und die Schlagzeile nicht den Preis der Gefährdung ihrer im wahrsten Sinn des Wortes radikalen – nämlich an die Wurzel gehenden – Arbeit wert. Und weil es umso bemerkenswerter ist, was Johanna Dohnal zu sagen hatte – hier, was sie ihrer Biographin Susanne Feigl wenige Tage vor ihrem plötzlichen Tod gesagt hat:

„Die armen und armutsgefährdeten Personen in Österreich sind mehrheitlich Frauen – Alleinerzieherinnen, ältere Frauen und Migrantinnen. Viele Frauen erhalten nach Jahren der Erwerbslosigkeit oder ungeschützten Erwerbsarbeit nur eine Mindestsicherung, so sie nicht den Rat einer ehemaligen österreichischen Ministerin befolgten und zeitgerecht einen älteren gut verdienenden Mann geheiratet haben, der ihnen nach seinem Ableben eine anständige Witwenpension hinterlässt, die das Auskommen sichert. Die Lebenswirklichkeit sehr vieler Frauen aber ist, wie wir wissen, eine andere. Als junge Frauen mit Kleinkindern und ohne bedarfsgerechte Angebote für Kinderbetreuung erwerben sie nur geringe Pensionsansprüche.

Später betreuen sie Mütter, Väter, Schwiegermütter und Schwiegerväter und schlussendlich noch den Ehemann. Als Großmütter betreuen sie oft auch noch die Enkelkinder. Alles legal und kostengünstig. Über Jahrzehnte hinweg federn sie die Probleme ab, die gesellschaftlich zu lösen verabsäumt wird. Wenn sie dann selbst pflegebedürftig sind, können sie sich mangels Geld weder legal noch illegal Pflegeleistungen kaufen, die ihnen ein Altern in Würde ermöglichen. Und wenn sie Pflegeleistungen finanzieren können, dann sind es wiederum Frauen, jüngere Frauen aus ärmeren Ländern, die diese Dienstleistung am Markt anbieten zu Konditionen, die es diesen Frauen unmöglich machen, für ihr eigenes Alter vorzusorgen.

Wenn sich ein Mann mit 65 Jahren von seiner Ehefrau scheiden lässt und mit einer um vieles jüngeren Frau ein Kind zeugt, so gilt er umgangssprachlich als „toller Hecht“ . Wenn eine Frau mit 65 Jahren ein Kind zur Welt bringt, so löst dies weltweit eine Debatte über Ethik und Moral aus. Nicht dass ich künstliche Reproduktionsmethoden befürworte, ganz im Gegenteil, ich persönlich lehne diese sehr gewinnträchtige Industrialisierung der Fortpflanzung ab, und zwar unabhängig vom Alter der Frauen. Aber vom alten Vater als tollem Hecht und von der alten Mutter als egoistischer, verantwortungsloser Person zu reden, zeigt, wie unterschiedlich die Möglichkeiten von Frauen und Männern in dieser Gesellschaft beurteilt werden.“

Den ganzen, sehr lesenswerten und brandaktuellen Text, gibt’s hier zum Nachlesen.

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