journalismus in ö oder: beim würstelstand bestochen

Diese Stadt hat für jeden Abend eine spannende Veranstaltung. Heute: Ich unter lauter JournalistInnen. Die organisieren sich gerade, weil der Kollektivvertrag abgeschafft worden ist. Ich könnt mich seitenlang ausbreiten darüber, was das für eine Sauerei ist, wie die nach abgeschlossener Ausbildung gezahlt werden. 1.200 Euro für Vollzeit und Wochenenddienste? Das ist also gute journalistische Arbeit wert? Anstatt mich seitenlang auszubreiten, eine schöne hässliche Geschichte aus meinem letzten Leben als Pressesprecher in einer Kleinstadt.

mitgespielt

Eines Tages versuchen wir, eine Geschichte in einer Bezirkszeitung zu lancieren, die zum Fast-Monopolisten Moser Holding gehört. Wir haben nämlich gelernt: Die Bezirksblätter lesen alle am Land. Weil sie manchmal selber vorkommen, weil’s ums eigene Dorf geht, weil die Zeitungen eine Woche lang beim Friseur, bei der Ärztin und im Kaffeehaus herumliegen. Wir kommen bei der Recherche drauf, dass die Geschichte eigentlich kalt ist: Wir wollen ein Thema anziehen, das schon abgeschlossen ist. Die lokale BürgerInneninitiave hat den Bürgermeister längst überzeugt, dass die zusätzliche Straße nicht so g’scheit ist und dass er aus dem Amt gejagt wird, wenn er mehr Fließverkehr durch den Ort bringt.

Nur: das wusste der Journalist nicht. Zwei Tage nach unserer Pressemeldung exklusiv an ihn (weil ja: Wettbewerb) ruft der an und sagt, das ist viel mehr als Randspalte mit Foto Seite 7, er will die ganze Seite vier zu dem Thema. Aber… er hat Stress. Ob wir nicht den Text schreiben können. Machen wir natürlich – wir sind ja nicht blöd. Einen Tag vor Redaktionsschluss hat er einen Bauern gefunden, der offenbar auch noch nicht mitgekriegt hat, dass das Projekt abgeblasen ist. Von dem hat er ein paar Zitate. Aber… er hat Stress. Ob wir nicht den Text auf einen Eineinhalb-Seiter aufblasen können. Wir schwitzen und schreiben mit schlechtem Gewissen. Aber eine G’schicht‘ is eine G’schicht‘. 6 Stunden vor Redaktionsschluss, Telefon. Das in Wirklichkeit schon abgeblasene Projekt ist wirklich so ein Skandal, er würd‘ auch noch seinen Kommentar auf Seite 3 dazu schreiben. Aber… richtig erraten: Stress.

„gewonnen“

Drei Tage später hab ich die Zeitung in der Hand. Die Seiten 2, 3 und der Kommentar – unverändert, Wort für Wort mein Text, inklusive Kommentar mit seinem Gesicht. Ich hab das wider besseres Wissen für meinen Arbeitgeber getan, mit minderen Motiven, es ist ein schmutziges Geschäft. Ich hab die Prekarisierung des Journalisten ausgenutzt. Der Mann hat natürlich trotzdem gegen jedes journalistische Prinzip verstoßen, keine Frage. Das tun, nach meiner Beobachtung, die meisten Wiener KollegInnen (Anm. und auch die meisten Tiroler KollegInnen, danke fg.) nicht.

Aber die Zeitung mit der falschen Geschichte und mit dem gefaketen Kommentar war gedruckt. Über 60.000 Menschen bekommen dieses Blatt vor die Haustür gelegt. Der Mann ist ein Gatekeeper – und zwar vielleicht sogar ein wichtigerer, als die Nummern 3-5 in der Landespolitik der Tiroler Tageszeitung. Der Mann beackert einen ganzen Tiroler Bezirk. Jetzt kann man schon sagen, da fällt alle drei Wochen mal eine Kuh vom Acker – aber manchmal will eben auch ein Bürgermeister doch keine Straße mehr bauen. Was der als Redakteur verdient hat? Richtig, 1.200 Euro.

ausgepredigt

Ich will von den ChefredakteurInnen und von der VerlegerInnen keine großen Worte mehr über journalistischen Ethos hören. Sie sollen sich ihre moralischen Vorträge in die Haare schmieren und aufhören, sich mit Lehraufträgen an Unis und Privatschulen ihren Lebenlauf und ihr Gehalt aufzubessern. Die Prekarisierung von RedakteurInnen ist nicht nur Ausdruck einer redaktionsinternen Schieflage. Es ist auch demokratiepolitisch skandalös, seine TürsteherInnen zur zehntausendfach veröffentlichten Meinung so katastrophal auszustatten. Solange ich in Wien mit 50 JournalistInnen meiner Generation in einem Raum sitzen kann, von denen 44 so miserabel verdienen, dass sie beim Würstelstand bestochen werden könnten, will ich von ihren Chefitäten nichts mehr hören von Moral und Anstand in der Politik.

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