maulkorbalarm

 

Das schreckliche Attentat in Oslo haette kein Ueberwachungsstaat der Welt verhindern koennen. Deswegen ist die Reaktion der norwegischen Regierung und von Premierminister Stoltenberg, der unfassbaren Gewalt mehr und nicht weniger Demokratie entgegensetzen zu wollen, beeindruckend. Und erst recht die Reaktionen.

Meine erste Frage auf die Erzaehlung amerikanischer Freunde von den Bombenanschlaegen (nicht vom Amoklauf!): „Gibt es einen islamistischen Kontext?“ Auf Facebook lese ich seit Stunden fasziniert, dass alle gewusst haben wollen, dass es diesen Kontext nicht gibt und nie gab. Dass die vorschnelle Annahme, es duerfte sich bei den Anschlagen in der Innenstadt um islamistische Taeter handeln, dem Rassismus Vorschub leiste. Gerade bei gesellschaftlichen Konfliktlinien, die von verbaler Gewalt gepraegt sind, muss die veroeffentlichte Meinung deshalb noch vorsichtiger sein, schreibt ein Standard-Poster. Stimmt alles, wuerd ich sagen.

Aber: die Maulkoerbe fliegen schon wieder tief und suggerieren, IslamkritikerInnen von Ayaan Hirsi Ali ueber Geert Wilders bis zu Henryk Broder waeren die eigentlich fuer solche Gewalttaten Verantwortlichen. Der Kellernazi Strache und die vor ihrer eigenen Familie gefluechtete Somalierin – sie alle werden zu geistigen MittaeterInnen des norwegischen Moerders erklaert. Oesterreichs bekanntester Blogger nennt sie „Schreibtisch-Abendlandverteidiger“ und den Massenmoerder von Oslo deren „Gesinnungsfreund.“

Von solchem Unsinn wird kein einziges Opfer wieder lebendig. Und dieser Unsinn ist gegen den Geist des Stoltenberg-Zitats von ganz oben. Denn wer jetzt auf die freie Meinungsaeusserung losgeht, erledigt das Geschaeft derer, die der Demokratie tatsaechlich an den Kragen wollen.

a place to be

„NY is not a place to stay or a place to come from, it’s a place to be“, sagt Annie im Macri Point, einer billigen In-Bar im Stadtteil Williamsburg. „Nobody comes from here – the few New Yorkers whose families have been living here for generations are either very very poor or very very rich – you won’t meet them in a bar.“

Annie sagt auch „I’m Irish“, obwohl sie noch nie in Irland gewesen ist und in absehbarer Zeit auch nicht dorthin reisen wird können – 30.000 Dollar Schulden hat sie nach zwei Studienjahren an einem angesagten Mode-College. Aber Annies Mutter ist aus Irland in die USA gezogen, hat einen Deutschen geheiratet, sich scheiden lassen, ist in einen anderen Bundesstaat gezogen. Gelebt hat Annie in Wisconsin, in New Mexico, in North Carolina und jetzt in NYC, also in allen Ecken der Staaten. Annie ist mit Yulia da, deren Mutter Ukrainierin ist und einen Amerikaner geheiratet hat, nachdem sie schwanger wurde und ihrer ungeborenen Tochter mehr Chancen als in der UdSSR der späten 80er-Jahre geben wollte. Sie hat ihren Mann im Internet kennengelernt und ist in die USA gezogen.

‚Joe’s Shanghai‘ ist ein gut geratetes Chinarestaurant in Chinatown. Dort sitzen wir an einem großen Tisch. Die anderen fünf, mit denen wir uns – das ist hier offenbar so – innerhalb kürzester Zeit unterhalten: Eine aus Marokko stammende Mittdreißigerin und ein Pärchen mit Tochter und deren Freund. Das Pärchen stellt sich als Chinesin und als deutschstämmiger Jude heraus, seine Mutter konnte 1936 in die Staaten flüchten. Ihre Tochter hat weniger asiatische Gesichtszüge als ihre Mutter, dürfte also einen nicht-asiatischen Vater haben – ob es der deutschstämmige Jude ist, finden wir nicht heraus. Der Freund der Tochter, der sich mit Stäbchen-Essen redlich abmüht, hat lateinamerikanische Wurzeln, aber eine sehr helle Hautfarbe. Wir schließen, dass auch er Elternteile aus verschiedenen Kulturkreisen hat. Sollte das junge Pärchen einmal Kinder haben, werden ihre Großeltern aus vier verschiedenen Kulturkreisen kommen – aber alle haben in New York einen Platz zum Bleiben gefunden.

Und dann ist da noch die in den USA geborene, indischstämmige Mitbewohnerin von unserem Gastgeber. Ihr Papa IT-Ingenieur, ihre Mutter ‚technically educated‘, von Delhi nach L.A. in den 80er-Jahren. Sie stellt uns am ersten Abend einen afroamerikanischen Freund vor, der halb im Scherz über ’spanish niggers‘ lästert und Barack Obama einen Heuchler schimpft (aber davon mehr beim nächsten Mal). Malcoms Vater lebt in North Carolina, er selbst ist wegen der Musik in die Hauptstadt gekommen.

Wir haben in knapp 80 Stunden in NY die ganze jüngere Einwanderungsgeschichte dieser Stadt und dieses Landes getroffen. Sie haben aus den unterschiedlichsten Gründen ihrer Heimat den Rücken gekehrt, sind Kriegs- und Wirtschaftsflüchtlinge, die Visa-Ehen arrangiert und Identitäten getauscht haben. New York City ist für sie alle der ‚place to be‘ geworden.

eine nie gehaltene rede

Man könnte auch so mutig sein, sich in Sachen Griechenland-Krise nicht einzugraben. Die Debatte über die drohende Staatspleite ist eine schaurige Premiere: Erstmals ist die FPÖ Schrittmacherin in einer Diskussion, in der es – zumindest vordergründig – nicht um Rassismus und Zuwanderung geht. Sich in dieser Frage Straches Diskurs aufdrängen zu lassen und lieber über Schulreformen, über Ortstafeln und über Fahrradbeauftragte zu reden, ist die Kapitulation vor dem 2013 zu vollendenden Rechtsruck in dieser Republik. Und es ist eine Kapitulation vor der Geschichte.

Nie war die FPÖ in einer Frage so mehrheitsfähig, wie in ihrem Umgang mit der griechischen Wirtschaftskrise. Nie war der Konsens der anderen Parteien so unpopulär, wie bei den EU-Rettungspaketen. Und nie hat die hegemoniale Meinung in diesem Land so sehr wie jetzt an den Grundfesten der Republik Österreich in einem föderalen Europa gerüttelt. Raus aus dem Euro, raus aus der EU und raus aus einem solidarischen Europa: das ist der unmissverständliche Kurs der FPÖ-Aasgeier, unterstützt von viel mehr ÖsterreicherInnen, als bisher rechtsradikal gewählt haben.

Wenn Strache das Rad der Geschichte so weit zurückdrehen könnte, wie er wollte, würde er 1939 noch einmal anfangen. Weil das dann aber doch nicht geht, ist 1990 das neue Ziel. 1990, bevor der Eiserne Vorhang unter dem Druck der Menschen in Osteuropa gefallen ist. 1990, als Kleinhaugsdorf und Wullowitz noch die meistgenannten Orte in Radionachrichten waren, weil sie regelmäßig Staurekorde lieferten. 1990, bevor die Grenzbalken hochgegangen sind und es auf einmal möglich war, in Europa zu leben und nicht nur in Österreich, in Ungarn oder in Luxemburg. 1990, bevor die EuropäerInnen sich dazu entschlossen haben, dass eine Gemeinschaft wichtige Entscheidungen gemeinsam trifft und nicht ein Nein reicht, um bessere Lösungen für die Union zu verhindern. 1990, als das nationalistische Gift, das Europa zum Hotspot zweier Weltkriege binnen eines halben Menschenlebens gemacht hat, noch toxischer war, als es heute ist. Da wollen sie hin, die blauen Aasgeier.

Das hat auch was mit 1945 zu tun: Die Lehre aus dem Zweiten Weltkrieg und aus der gescheiterten Judenvernichtung ist, dass Länder, die wirtschaftlichen Erfolg teilen und Misserfolg gemeinsam tragen, keine Kriege gegeneinander führen. Die französischen Gründerväter der EU haben verstanden, dass eine ineinander verzahnte europäische Gesellschaft mit fließenden, offenen Grenzen, einen Dritten Weltkrieg verhindern kann. 2011 sind wir an einem Punkt angelangt, wo sich mitteleuropäische Banken auf Kosten der SteuerzahlerInnen in den reichen Ländern an einem armen EU-Staat gesund stoßen. Das ist die Konsequenz der neoliberalen Ausprägung dieser Union, aber nicht der Union an sich. Das gleiche passiert innerhalb der Grenzen der Nationalstaaten permanent – ich erinnere etwa an die Hypo Alpe Adria oder an die Bayern LB.

Die Europäische Union ist, bei allen Mängeln, das einzige Rezept gegen das Gift des Nationalismus. Sie ist die Antwort auf Verdun, auf Kefalonia, auf Srebrenica und, ja, und auch auf Auschwitz. Wer die einzig wirksame Medikation gegen Nationalismus absetzt, wenn sie einmal Nebenwirkungen hat, überlässt das Feld den Aasgeiern.

die radikalen

„Gedolei Yisrael Shlita have ruled that it is halachically proper for Women not to go to the Kosel on Shavuos night“ – der religiöse Rat hat beschlossen, dass es dem jüdischen Gesetz entsprechend ist, dass Frauen am Shavoat-Fest nicht zur Klagemauer gehen. Das steht auf einer der riesengroßen Tafeln, die im von ultraorthodoxen Jüdinnen und Juden bewohnten Stadtteil Mea Sharim an der Grenze zu Ostjerusalem stehen. Hier, wo man sich vorkommt, wie in einem jüdischen Schtetl im 19. Jahrhundert, im am stärksten wachsenden Stadtteil von ganz Israel. Wer in Mea Sharim spazieren geht, muss sich adäquat anziehen. Für Frauen heißt das: geschlossene Blusen mit langen Ärmeln, langes Kleid und keine eng-anliegenden Stücke. Andernfalls warnt der ‚Lonely planet‘ davor, dass man schon einmal angespuckt oder – das erzählen Reisende – mit Steinen beworfen werden kann.

Die Radikalen auf palästinensischer Seite sind bekannt: Es sind die Hamas, die Hisbollah und der Islamische Djihad, die Raketenabschussraketen in Kindergärten platzieren, um menschliche Schutzschilder für ihre mitunter tödlichen Waffen gleich inklusive zu haben. Es gibt die Radikalen aber auch auf jüdischer Seite. Wohlgemerkt: Es ist natürlich ein Unterschied, ob man bei inadäquater Kleidung beschimpft oder angegriffen wird, oder als Kindergartenkind im grenznahen Sderot alle drei Tage in einen Betonbunker fliehen muss – die Radikalen arbeiten mit verschiedenen Mitteln. Aber trotzdem haben die Radikalen Einiges gemein: Sie lehnen das Existenzrecht des jeweiligen religiösen Gegenübers in Jerusalem ab. Sie lehnen den Staat Israel ab: Die ultraorthodoxen JüdInnen, weil sie auf die Ankunft des „Erlösers“ warten und Israel erst dann entstehen kann. Die radikalen PalästinenserInnen, weil sie finden, dass alle Jüdinnen und Juden am besten im Meer aufgehoben sind. Und die schlimmste Gemeinsamkeit: Beide werden mehr.

Das historische Zeitfenster für eine friedliche Zweistaatenlösung ist zugegangen, erklären uns auf unserer Israel-Reise die gut Informierten. Denn die Radikalen auf beiden Seiten bekommen wesentlich mehr Kinder, als die Moderaten. Und die wenigsten Kinder schaffen den Absprung aus ihren abgeriegelten Stadtteilen und Sozialstrukturen in Jerusalem und Gaza, in Hebron und in Ramallah. 60% der ErstlklasslerInnen in Jerusalem sind heute Kinder ultraorthodoxer JüdInnen. In Gaza organisiert die Hamas Hochzeiten, bei denen die Ehemänner mit jungen Mädchen an der Hand auf große Plätze einmarschieren und bei denen Musik, Vermischung verschiedener Familien und natürlich Alkohol verboten ist. Nicht verschleierte Frauen trifft man außer in Ramallah fast nirgends in den von der Autonomiebehörde beaufsichtigten Regionen. Die Moderaten auf beiden Seiten werden weniger: Soviel ist nach zwei Wochen in Israel augenscheinlich.

Das historische Zeitfenster: Die Rabin-Ära Anfang der 90er, als die Frontstellung zwischen dem politischen Islam und dem Rest der Welt noch nicht erfunden war, als die Rekrutierungsquote im israelischen Militär auf knapp 80% gesunken ist – für dortige Verhältnisse eine kriegsmüde Generation. Die Prognosen für eine friedliche Lösung des Konflikts sind heute umso trister, als auf beiden Seiten politische Kräfte an der Macht sind, die ohne die Unterstützung der Radikalen nicht regieren könnten: Da die wachsende Hamas im Gazastreifen und in der West Bank, dort Bibi Netanyahu und der Likud, die sich aus Rücksicht auf die SiedlerInnen mit Händen und Füßen gegen eben diese Zwei-Staaten-Lösung wehren.

Und hier sollte jetzt ein kluger Satz stehen, der eine Lösung für dieses Dilemma anbietet. Viel mehr als die Bestätigung des Befunds, dass Religion Opium fürs Volk ist, kann ich aber auch nicht liefern.

sie haben nicht gewonnen

 

Zwei Wochen vor Ort: Von meiner grundsätzlichen Solidarität mit dem Staat, den die Juden und Jüdinnen geschaffen haben, bin ich nicht abgekommen. Angesichts der Bedrohungsszenarien rundum kann man für die Existenz eines israelischen Staats eben nur ganz oder gar nicht sein. Und von rundum, von Ahmadinejad und Assad, von Hamas und Hisbollah, höre ich nur „gar nicht“.

Was nicht heißt, dass alles eitel Wonne ist in dem Land, das ich gesehen habe. Es ist nicht alles schwarz oder weiß, zwischen dem Ballermann Eilat und der Technologiemetropole Haifa, zwischen Arafats Ramallah und der Wüstenstadt Beer Sheva. 300.000 SiedlerInnen leben außerhalb der Grenzen von 1949. Manche davon in Kleinstädten in davor unbesiedeltem Land wie im 30.000 EinwohnerInnen starken Maale Adumim östlich von Jerusalem, manche zu wenigen hunderten mitten in palästinensischen Städten wie Hebron. Tendenziell würd ich sagen: Dass tausende SoldatInnen radikale SiedlerInnen schützen, die sich mitten in palästinensischen Städten auf das biblische Recht der JüdInnen auf Galiläa berufen, ist nicht zu rechtfertigen. Aber dass unbesiedeltes Land erschlossen wird, solange niemand vertrieben wird, ist zu rechtfertigen. So ganz einfach ist das halt nicht in Israel: Die Politik hat ihre erstaunlichsten Wendungen hinter sich – vom völligen Rückzug aus dem Gaza-Streifen unter einem rechten Ministerpräsidenten bis zur Beteiligung der linken Arbeiterpartei unter Ehud Barak an der aktuellen Rechtskoalition. Es ist alles ein bißchen zu kompliziert für einfache Lösungen.

Und dann gibt’s neben 45minütigen Grenzkontrollen auf der Busfahrt von Ramallah nach Jerusalem und einem dreistündigen Kontroll-Marathon vor der Abreise vom Flughafen Ben Gurion eben auch noch Dinge, die augenscheinlich funktionieren. Im interkulturellen Alltag nämlich: Die vielbeschworene enorme Militärpräsenz der Israelis in Ostjerusalem – dort, wo die jüdische Klagemauer, die christliche Grabeskirche und die muslimische Al-Aqsa-Moschee einen sprichwörtlichen Steinwurf voneinander entfernt sind – entpuppt sich an normalen Tagen als Märchen. Man kann auch schon einmal 20 Minuten kreuz und quer durch die engen Altstadtgassen spazieren, ohne einer einzigen Patrouille zu begegnen. Am Weg trifft man orthodoxe Juden, die muslimische Straßenhändler auf arabisch nach der Uhrzeit fragen und muslimische Restaurantbesitzer, die auf hebräisch ihre Köstlichkeiten anpreisen oder auf englisch den Weg zu den christlichen Heiligtümern am Ölberg erklären. An der Klagemauer werfen kleine Buben mit Schläfenlocken hinter einem Balkon versteckt mit Grasballen nach einem Rabbi und amüsieren sich auf jiddisch köstlich über ihren Streich. Und am Hotspot der armenischen Community in der Altstadt ist ein dicker Afrikaner genauso vertrauter Gast in einer Pizzeria, wie eine alte russische Frau, die ohne Hilfe ihrer Familie die steilen Alstadtstiegen nicht mehr bewältigen kann. Bei den allermeisten Menschen in Israel, die keine Kippa, ein großes Kreuz am Hals oder ein Kopftuch tragen, erkennt man sowieso nicht, ob sie JüdInnen, MuslimInnen, ChristInnen, Bahai oder ganz etwas anderes sind.

Manchmal ist der Pathos der israelischen Geschichtsschreibung kaum zu ertragen. Das merkt man an Denkmälern, bei Führungen und in Gedenkstätten. Vor allem der Brückenschlag zur aktuellen Politik greift manchmal zu weit: Nein, die Shoah rechtfertigt nicht jede einzelne militärische Aktion des  Militärs von Dschenin bis nach Gaza. Aber nach einem Besuch in Yad Vashem ist mir nach vier Tagen in der durchgeknallten Crazytown Jerusalem eines wieder klarer: Zur grundsätzlichen Solidarität mit Israel und seiner Politik kommt eine bedingungslose Solidarität mit der Existenz dieses Schmelztiegels der Kulturen, wo die Juden und Jüdinnen zusammengekommen sind, nachdem sie über die ganze Welt zerstreut worden sind und ihre penibel geplante Vernichtung bevorstand. Israel ist nicht nur ein Land, über dessen konkrete Politik sich mit guten Argumenten streiten lässt. Es ist eben auch der Beweis dafür, dass die Nazis nicht gewonnen haben.

bisher in meinem Israel-Thread: Crazytown

hier gibt’s den Bericht von meiner Reisegenossin Lore, die Freitagnachmittag die Via Dolorosa mit 300 ChristInnen abmarschiert ist.

demnächst bei mir: Die Radikalen

crazytown

Man sieht es ihnen nicht an. Viele Male haben wir uns in Tel Aviv zugefluestert, „War das jetzt ein Jude oder ein Muslim.“ Das auf den ersten Blick nicht unterscheiden zu koennen, die Desorientierung ob der Buntheit der Bevoelkerung, das ist irgendwie schoen. Ganz besonders in einem Land, das nur mit Krieg und Konflikten in den Medien vorkommt. Aber: das ist halt Tel Aviv. Die liberale Partymetropole am Mittelmeer.

Und jetzt Jerusalem: die Heimstadt der drei monotheistischen Weltreligionen. Die Stadt, in der man sich am Nachmittag im ultraorthodoxen Stadtteil Mea Sharim vorkommt, wie im 18. Jahrhundert – Frauen werden auf riesengrossen Plakaten aufgefordert, hier nicht in Hosen oder mit unbedeckten Schultern herumzuspazieren, alle Maenner tragen schwarze Anzuege und Huete. Verhuetung ist verboten. Menschen, die so alt wie Lore und ich sind, haben sechs oder sieben Kinder. Es gibt keine Kaffeehaeuser in Mea Sharim, das Leben findet ausschliesslich im Privaten statt.

Eine Querstrasse weiter, hinter dem Damaskus-Tor, eine andere Welt. Das muslimische Leben in Ost-Jerusalem spielt sich auf der Strasse ab, hier spielen Kinder Fussball, Kunden feilschen lauthals mit Strassenhaendlern um Preise fuer alles von Ramsch bis zu Gemuese. Noch eine Ecke weiter, die Altstadt von Ost-Jerusalem. Schmale Gassen voller Gerueche und voller Leben. Und alle 20 Meter zwei bewaffnete israelische Soldaten. Die sind in Ost-Jerusalem uebrigens meistens keine Juden und Juedinnen, sondern DrusInnen, eine fruehe Abspaltung des Islam.

Und abends, ja abends treffen wir in dieser frommen Stadt die ersten Kippa-Traeger, die sich so gar nicht anstaendig benehmen. Amerikanische Juden und Juedinnen geben sich in der Ben Yehuda Street voellig enthemmt dem Alkohol hin, es sind fast ausschliesslich Menschen aus den Staaten. Sie sind fuer ein Jahr in Israel, um in Jeshiwa-Schulen den juedischen Lebensstil kennenzulernen. In einer Tanzbar seh ich spaeter doch noch einen israelischen Mann, der sich gehen laesst. Er hat eine Soldaten-Uniform an. Der Mann will eine Frau kuessen, mit der er gerade innig getanzt hat, muss davor aber noch sein Maschinengewehr ablegen, das ueber seiner Schulter haengt. Sie nuetzt die Zeit, um ihn zu fragen, welcher Religion er angehoert. Er ist muslimischer Israeli – womit sich das mit dem Kuessen auch wieder erledigt hat.

der orf als ideeller gesamtkapitalist

Die IsländerInnen haben ihrer Regierung per Volksabstimmung voerst verboten, die EU-Bankenschulden aus Steuergeldern zurückzuzahlen. Spaniens Jugend ist wegen des von der Zapatero-Regierung verschleuderten Vermögens auf der Straße. In Griechenland ist immer noch keine Ruhe eingekehrt, nach wie vor gibt es Proteste dagegen, dass die Krise auf dem Rücken der Bevölkerung ausgetragen wird. Letztes Jahr war ich mit 15.000 anderen DemonstrantInnen bei den „Wir zahlen eure Krise nicht“-Protesten in Wien.

Und was macht das öffentlich-rechtliche Fernsehen? Zwei Großindustrielle, zumindest einer davon immer wieder im Geruch von Korruption und Wirtschaftskriminalität, dürfen in der wichtigsten Diskussionssendung des Landes zwei biedere Politiker schlachten. „Was die Wirtschaft an der Politik stört“, nennen die Küniglberger ihre Sendung. Und dann dürfen die Großindustriellen aufzählen, was es alles braucht in Österreich: einen schlankeren Staat, ein mehr an den Anforderungen des Markts ausgerichtetes Bildungssystem, eine „leistungsgerechte“ Gesundheitsreform. Eines von Hans Peter Haselsteiners Unternehmen hat gerade einen millionenschweren Auftrag für den Ausbau des grenznahen Atomkraftwerks Mohovce bekommen. Für Lobbyisten, die seiner Firma Aufträge in Ungarn keilen sollten, zahlte der Tiroler 15 Millionen Euro. Und gegen solche Figuren müssen sich gewählte PolitikerInnen öffentlich verteidigen, müssen brav „Ja Herr Kommerzialrat“ uns „Sicher Herr Doktor“ sagen? Mir sind Mitterlehner und Voves nicht so schnell sympathisch, gestern war’s definitiv so.

Während an vielen Orten in Europa Politik von unten gemacht wird, breitet der ORF denen den roten Teppich, die sich eh in Kitzbühel, Schladming, am Wörthersee, in Radlbrunn und am Operball dauernd bei Kaviar und Filetspitzen treffen. Der öffentliche Rundfunk als ideeller Gesamtkapitalist, statt als Medium für all jene, die die Zeche für den Banken-Wahnsinn tatsächlich zahlen, obwohl sie eh am 15. schon pleite sind. Ich seh schon die betroffenen Gesichter am Küniglberg angesichts der riesigen blauen Balken an den nächsten Wahltagen. Wundern darf’s angesichts derartiger Programmgestaltung niemanden.

in your face, rabe!

Eine Mutter erklärt ihrer Tochter, warum Papi so wenig Geld heimbringt. Nicht etwa, weil er nach der Arbeit manchmal Bier trinken geht, sondern wegen der bösen Finanzministerin. Die nimmt ihm so viel Geld weg für Leute, die nicht arbeiten und für die Pensionen. Das klingt wie eine Geschichte aus den 60er-Jahren, als man noch darüber streiten musste, ob staatliche Sozialleistungen Sinn machen und als noch niemand außerhalb der Universitäten wusste, was Geschlechterstereotype sind und wie man sie am besten nicht weitertragen sollte. Ist es aber nicht: Die Geschichte kommt aus dem Mai 2011, vom Präsidenten der Tiroler Wirtschaftskammer Jürgen Bodenseer, der sich in der Tiroler Tageszeitung regelmäßig eine Kolumne unter dem Pseudonym „Der Rabe“ leistet und dabei mehr schlecht als recht Plattitüden wälzt.

Diese Woche hat sich Bodenseer selbst übertroffen. Mit einem Handstrich mit ein paar hundert Wörtern die wichtigsten Errungenschaften moderner Demokratien wegzuwischen, das ist eine Leistung. Eine Frau (die Gleichstellung von Frauen ist stärker, je höher die Staatsquote ist, also je mehr Steuern gezahlt werden) erklärt einer Tochter (der Bua tät ja sicher den Papi selber fragen), warum der Sozialstaat (von dem vor allem Tätigkeiten übernommen werden, die sonst Frauen unbezahlt leisten würden – von der Pflege bis zur Kinderbetreuung) schlecht ist.

Das ist echt die geballte Blödheit vom Schicki der Tiroler ÖVP. Aber noch schlimmer find ich, dass das wahrscheinlich Common Sense ist in seiner Partei ist, die ihr stetiges Schrumpfen mit Anti-Sozialstaats-Parolen stoppen will. Das wird in die Hose gehen, die vielbeschworene Mitte will nicht weniger Steuern zahlen, sondern adäquatere Leistungen vom Staat angeboten bekommen und weniger Protz und Prunk, wie ihn sich die ÖVP auf Kosten der SteuerzahlerInnen leistet. Bodenseer lädt auf seiner Homepage (Narziss ist ein armer Schlucker dagegen) dazu ein, die „Vielschichtigkeit seiner Persönlichkeit kennen zu lernen.“ Danke nein, es reicht schon.