nix darf man heut mehr sagen

Bildschirmfoto 2015-02-05 um 16.17.00

„Nix darf man heutzutag mehr sagen“ – das war einst der Brunftschrei der Rechtsextremen und Rechten, die sich ihre Begriffe aus den für sie guten alten Zeiten nicht nehmen lassen wollten. Die Salonrechten Haiderschen Zuschnitts haben das aber auch als vermeintliche Abgrenzung zum Salon verwendet, wenn sie hin und wieder ein bißchen verbal äußerln gegangen sind. Heute beobachte ich das Phänomen immer stärker. Man muss zum äußerln gar nicht mehr raus gehen. Das „das wird man ja wohl noch sagen dürfen“ ist in die politische Mitte gerückt, was mehr über diese vermeintliche Mitte aussagt, als über die laufende Veränderung gesprochener und geschriebener Sprache.

Oliver Grimm hat heute in der „Presse“ eine Kolumne über politisch korrekte Sprache geschrieben, in der er anhand einiger seiner Meinung nach wahnwitziger Beispiele aufzählt, wo „jakobinischen Eifer“ hinter dem stecke, was der Autor eine seiner Protagonistinnen im Kontext „Redefreiheit, Macht und Missbrauch“ nennen lässt. Jakobinisch also: Das klingt, passend zum Format, schön bildungsbürgerlich und historisch verortet und so weiter. Heißen tut es: Mörderisch, die politischen GegnerInnen in Massenhinrichtungen dahinraffend, blutigen Terror ausübend. Ob das in Bezug auf verbale Auseinandersetzungen über Sprache ein passendes Bild von jemandem ist, der sich ein Urteil über eben diese Auseinandersetzungen anmaßt, weiß ich nicht.

Es sind die weißen Herrschaften, die sich darüber ärgern, dass die gesellschaftliche Bedeutung der Sprache bewusster geworden, ihre Konsequenzen benannt und dass Begriffe Kampfplätze geworden sind, dass verbale Diskriminierung nicht mehr geduldet wird. „Das wird man wohl noch sagen dürfen“ sagen die Rabiateren unter ihnen, sie wollen endlich auch einmal Opfer sein dürfen. Und wenn sie schon keine unmittelbaren Opfer von Sprache sind, dann wollen sie wenigstens Opfer der aus ihrer Sicht vermeintlichen Opfer von Sprache sein dürfen. „Interessante Sichtweise“ sagen dagegen die Fans des sagen dürfens was man will, die eher liessmännisch daherkommend so tun, als wollten sie ja nur einen Diskurs anregen. Letztere finden dann meist auch, dass man doch fragen könnte, ob es nicht eigentlich wichtigere Fragen gibt. Sie meinen damit Fragen, in denen sie selber wichtiger sind und sich nicht mir ihren Schwächen auseinandersetzen müssen.

In ihrem aus guten Gründen gefeierten Kommentar „Verletzte Gefühle“ hat Elfriede Hammerl eine Passage formuliert, die ich diesen Verfechtern ihrer eigenen Freiheit, diskriminierend zu sprechen und schreiben, ans Herz legen möchte. „Wer Rücksicht auf seine Gefühle für einen wie immer gearteten Gott einfordert, muss auch Rücksicht auf die Gefühle der anderen nehmen, sogar, wenn sie ein Gefühl der Gleichgültigkeit gegenüber Göttern hegen, mag diese Gleichgültigkeit noch so schwer nachvollziehbar sein.“ Darum geht’s nämlich bei sensibler Sprache: Nicht um richtig und falsch, verboten und erlaubt, strafbar und lässlich – sondern darum, Rücksicht zu nehmen und Respekt vor jenen zu zeigen, die man diskriminiert, wenn man weiter redet, wie die meisten Hausmeister in den 60er-Jahren.

Advertisements

Ein Gedanke zu „nix darf man heut mehr sagen

  1. Und dennoch – es gibt diese „Rederisiken“, wie ich es nennen würde, wenn man „political incorrecte“ oder vermeintlich inkorrekte Standpunkte vertritt. Und was respektlos und respektvoll ist, ist längst nicht immer von vornherein ausgemachte Sache, sondern wird auch von mehr oder weniger herrschenden Diskursen mitbestimmt. Und was die Gefühle Gott-Gleichgültiger wie Gottgläubiger kränkt oder nicht, steht auch auf keinem Gesetzblatt.
    Also muss man hier m.E. sowohl bei jenen, die von Redeverboten sprechen, wie bei denen, die das bestreiten, genau hinschaun, worum es geht, ohne gleich (respektlos) abzuurteilen.
    Sprache allein – um dieses Dogma einmal zu attackieren – prägt unsere Wirklichkeit und unser Bewusstsein längst nicht allein (und viell. gar nicht immer als das Entscheidende). Das kann man bei good old Charly Marx nachlesen. Wenn man das heute noch tut (der war ja privat auch ganz schön “incorrect‘).

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s