der gerald grosz des journalismus

Über den steirischen Landeshauptmann: „Dass jemand wie Franz Voves mehr werden kann als Landhausportier in Graz, widerlegt Charles Darwin.“

Über „die Politiker“: „Wie man über diese Truppe nicht negativ berichten soll, weiß ich nicht.“

Über Journalismus: „Ich habe in 20 Berufsjahren eine gewisse Sensibilität für negative Entwicklungen aufgebaut. Daraus ergibt sich für mich heute unter anderem das Problem, nicht ausschließlich in die Haltung der vollkommenen Verachtung für das politische Personal zu verfallen.“

Über Hitler: „Das, was man Bürgerjournalismus nennt, halte ich für brandgefährlich. Er erinnert mich an Denunziationsexzesse früherer Zeiten. Für die Hitlerei wäre ein solches System ja ideal gewesen. (…) Der Herr Goebbels wäre mit dem Web 2.0 sehr zufrieden gewesen, und der Herr Himmler wohl auch.“

Ich weiß ja nicht, was Presse-Chefredakteur Michael Fleischhacker im Interview mit TT-Redakteurin Nina Werlberger für ihre lesenswerte Diplomarbeit „Politikverweigerer“ dazu geritten hat, vom Selbstdarsteller zum Gerald Grosz des Journalismus zu werden. Aber wer sich in Haider’scher Manier als Tabubrecher inszeniert, mit präpotenter Verachtung um sich wirft und dabei sämtliche Grenzen des Anstands unterschreitet, sollte seinen Hut als Chefredakteur nehmen und ein neues Betätigungsfeld suchen.

wie gefährlich sind die wiener grünen?

JournalistInnen kritisieren – das ist das allerübelste, was man dieser Zunft antun kann. Ich hab das erfahren, als Redakteure meinen Arbeitgeber aufgefordert haben, dafür zu sorgen, dass ich meinen Blog aufgebe. Sonst werde das Einfluss auf ihre Berichterstattung haben. Und die weniger aggressiven Schreiberlinge belächen eine/n dann als Parteiangestellten, der ja im Gegensatz zu ihnen nie unabhängig und dessen Meinung überhaupt nur interessensgeleitet sei. Ich werd’s aushalten, auch dieses Mal.

Exhumiert“ haben die Grünen also Alexander van der Bellen, der wie Werner Kogler ein „Uralt-Rentner“ sei, schreibt das Blatt „Österreich“. Der Uralt-Rentner Kogler ist noch keine 50, sieben Jahre jünger als „Österreich“-Herausgeber Wolfgang Fellner. Van der Bellen ist 10 Jahre jünger, als der von den Grünen Mitgliedern geschasste Bezirksvorsteher im 8. Wiener Gemeindebezirk, Heribert Rahidjan. Den hat noch niemand als „Rentner“, „Opa“ oder de-facto-Leiche bezeichnet. Für Eva Weissensteiner in der „Kleinen Zeitung“ sind vdB und Kogler „Urgesteine“, die „herangerollt“ werden. Naja.

Andrea Heigl prophezeit im „Standard“, es werde in Wien eine SPÖ-ÖVP-Koalition geben. Und zwar wegen der Grünen, die „über jeden Satz in einem Koalitionsübereinkommen bis in die hintersten Winkel“ der Stadt abstimmen lassen würden, während die ÖVP schon längst unterschrieben habe. Es ist doch nichts schöner, als eine Unwahrheit weiterzuverbreiten. Besonders, wenn sich die derart Diskreditierten nicht wehren können. Im heutigen „Falter“ darf sich der ÖVP-Geschäftsführer auf Seite 4 mit Foto über die internen Konflikte der Grünen lustig machen. Der sonst nie um einen Auftritt bei den basisdemokratischen AudimaxistInnen verlegene Robert Misik sagt im gleichen Heft mit dem Zeigefinger, die Wiener Grünen hätten „den Laden in die Luft“ gesprengt, weil sie „keine erwachsene Partei“ und außerdem unprofessionell sind. Misiks sogenannter Essay gipfelt in der Frage, wie man „mit so einem Haufen“ regieren soll und dem Aufruf, doch ein bißchen mehr wie die „verteufelten Altparteien“ zu sein. Die SPÖ wird’s der Journaille danken, dass ihre Koalition mit der Polizeipartei schon jetzt den Segen der schreibenden Zunft hat.

Was ist nochmal passiert? 2 Bezirkgruppen haben ihre Spitzenkandidaten vom letzten Mal abgewählt. Der Josefstädter Stadtteilchef hat nicht einmal 20 SympathisantInnen auf die Versammlung gebracht, da muss schon irgendein legitimer Grund für die Abwahl bestanden haben. Schaden wird den Grünen nicht der Streit um die Spitzenposten. Denn sogar Rahdijan, der zum Voggenhuber des Herbsts 2010 stilisiert wird, will in Wien die Grünen wählen. Schaden wird den Wiener Grünen, dass sie das Sommerloch gefüllt haben. Und dass man sich gegen unseriöse Berichterstattung als politische Partei nicht wehren kann. Falls es übrigens doch noch jemanden interessiert, wie die Grünen Wien verändern wollen, hier gibt’s ein nettes Tool.

Apropos: Hat irgendwer auf der Titelseite von „Falter“, „Presse“ oder „Standard“ gelesen, dass die niederösterreichische SPÖ gerade eine ehemalige Staatssekretärin und einen ehemaligen Landesrat ausgeschlossen hat?

das schwert des islam ist ein zahnstocher

Natürlich hat Anas Schakfeh Recht mit seiner Forderung, dass Gebäuden, die der Bauordnung genüge tun, keine Steine in den Weg gelegt werden dürfen. Natürlich ist Kritik an Schakfehs Äußerungen zur Deutschpflicht legitim. Der Mann vertritt eine verschwindende Minderheit der Österreichischen MuslimInnen, das Wahlsystem ist in etwa das undemokratischste, das man sich vorstellen kann. Die Muslimische Glaubensgemeinschaft geht mit ihren KritikerInnen nicht gerade zimperlich um, auch das ist bekannt. Und ja, Schakfehs Forderungen sind ebenso Wasser auf die Mühlen des unter 20% dahinsiechenden Baron Bumsti, wie die hysterischen Reaktionen auf dessen Plakate.

Wasser auf die Mühlen der FPÖ ist auch die Minarett-Debatte. Die ist von Bildern geprägt. Und diese Bilder, die ganz normale Massenmedien verwenden sprechen die Sprache der FPÖ. Hier die meistverwendeten Bilder der letzten Tage – einmal aus der Tiroler Tageszeitung:

einmal aus dem Kurier:

und einmal das meistgereihte auf Google:

Das Telfer Minarett, das auf allen Bildern abgebildet ist, hätte ursprünglich 20 Meter hoch sein sollen. Nach einer massiven Debatte mit BürgerInneninitiative, Morddrohungen an den leider abgewählten Bürgermeister und vielem mehr wurde beschlossen, dass es nur 15 Meter hoch sein darf und dass keine Lautsprecher angebracht werden dürfen. Von der Autobahn aus sieht man es nur, wenn man ganz genau schaut. Von der Durchzugsstraße durch Telfs aus sieht man es gar nicht. Der Kirchturm, ebenfalls auf den Bildern oben zu sehen, ist je nach Angabe 68 bzw. 72 Meter hoch.

Das mein ich mit manipulativer Bildberichterstattung: Das Schwert des Islam, wie die Rechten immer sagen, ist im Telfer Fall ein besserer Zahnstocher. Aber die Bilder sprechen halt eine andere Sprache. Einzig der „Standard“ hat die Relationen verstanden und vielleicht sogar, warum die Bildberichterstattung der anderen Medien Wasser auf die Mühlen der HetzerInnen ist:

baron bumstis blabla

Es sind Märchen aus tausendundeiner teutschen Nacht, die Baron Bumsti im heutigen Sommergespräch erzählt hat. Erfundene Stories von erfundenen „Ausländern“, die sich auf irgendeine Weise an Geld vergehen, das die österreichischän SteuärzahlerInnen über Jahrzähnte auf die Seite gelägt haben, trägt der sichtlich verschnupfte, augenberingte blaue Häuptling vor.

Eine Geschichte ist unwahrer, als die Andere: Zum Beispiel von der slowakischen Arbeitnehmerin, die für einen geringfügigen Job nach Österreich pendelt und dafür österreichische Kinderbeihilfe für ihre in der Slowakei lebenden Kinder bezieht. Die würd ich gerne kennenlernen, sie scheint sich nämlich an kein Gesetz halten zu müssen.

Oder die Jahrzähnte angesparten Sozialleistungen wie die Kindärbeihilfe. Die sollen nämlich neu Zugewanderte nicht bekommen, wenn’s nach dem Baron geht. Die Kinderbeihilfe hat zwar bekanntlich schon Bumstis größter Held eingeführt, aber trotzdem wird sie aus dem Familienlastenausgleichsfonds (FLAF) finanziert, in den DienstgeberInnen einen fixen Anteil der Bruttolöhne, die sie zahlen, einlegen. Und zwar völlig wurscht, ob die ArbeitnehmerInnen österreichischen StaatsbürgerInnen sind, oder nicht.

Und jetzt ist’s auch genug mit Baron Bumstihausen und seinen blauen Brüdern. Sie sind faschistoide Typen, aber damit kriegt man sie in einem Land mit faschistischer Geschichte halt nicht von heute auf morgen. Womit das schon geht: Bumsti und Konsorten sind sind Märchenerzähler, Spalter im eigentlichsten Sinn des Worts. Mit denen kann eine wehrhafte Demokratie umgehen, wenn sie nicht hysterisiert, sondern nüchtern an den Unsinn herangeht. Das hat Aleksandra Izdebska, die polnische DiTech-Chefin heute im Sommergespräch gezeigt.

lasst die besten recherchieren

Ein bißchen hat uns die Story schon gewundert: Ein Mann mit Anzug liegt sechs Stunden am nachmittag blutüberströmt in einem Tiefgaragenabgang. Hunderte Menschen gehen an ihm vorbei, ohne einen Finger zu rühren, ohne die Rettung zu alarmieren. „Das ist keine Szene aus einem Horrorfilm, sondern hat sich mitten in Innsbruck abgespielt – zur besten Geschäftszeit“, schreibt der Chefredakteur der Tiroler Tageszeitung. Es handelt sich beim Verletzten um einen ehemaligen Landeshauptmann – sonst hätt’s das „Leitmedium“ dieses eigenartigen Landes wohl nicht über Tage auf ihre Titelseite geschrieben. Und dann setzte die Empörungsindustrie ein – Appelle an die Zivilcourage aus allen Richtungen, die Gesellschaft verrohe, ein schockierter Caritas-Chef, ein betroffener Sozial-Landesrat, ein bestürzter Rotkreuz-Präsident, eine tagelange Kampagne. Der ORF übernimmt die Story, der „Standard“ und die „Kleine Zeitung“ ebenso.

Heute ist’s Tirols an sich akribischster Journalist, der wieder Mal eine Bombe platzen lässt. Nicht sechs Stunden, sondern zehn Minuten habe der sturzbesoffene Partl im Tiefgaragenabgang gelegen, schreibt Markus Wilhelm. Partl habe den Vollrausch und die offenbar versuchte alkoholisierte Heimfahrt vor seiner Frau verbergen wollen, deswegen habe er sein Gelage mit ÖVP-Granden im Hotel Europa in seiner Erzählung um fünf Stunden verkürzt und sein hilfloses Herumliegen in der Tiefgarage um fünf Stunden verlängert.

Besoffene ÖVP-Politiker, die über den Durst trinken und dann schwindlige Halbwahrheiten erzählen und Medien, die ihnen den Rücken freihalten – klingt irgendwie plausibler, als die Variante mit dem 6 Stunden von hunderten PassantInnen ignorierten blutenden Schwerverletzten im Anzug. Das heißt nicht, dass Wilhelms Variante stimmt. Aber eine so heftige Gegendarstellung heißt für ein Leitmedium wie die Tiroler Tageszeitung und erst recht für den öffentlich-rechtlichen ORF, dass noch einmal ganz genau hingeschaut werden muss.

Da müssen KellnerInnen im Hotel Europa gewesen sein, die gesehen haben, ob Partl um 15 Uhr nüchtern oder um 20 Uhr stockbesoffen gegangen ist. Da muss irgendwo Partls Schwiegertochter sein, die er nach dem Aufwachen in der Klinik angerufen hat. Die ÄrztInnen werden Partls Blut auf Alkohol untersucht haben. Ob es ein offener oder ein wegen der Bauarbeiten am Landhausplatz geschlossener Abgang war? Das kann nicht so schwer zu recherchieren sein. Aber umso notwendiger, wenn die genannten Medien noch ein kleines bißchen Anstand gegenüber denen haben, der sie unterlassene Hilfeleistung vorgeworfen haben. Von Glaubwürdigkeit mal ganz zu Schweigen.

die sache mit dem fickmich-blick

Vü besser tat’s ma gehen, wenn du di a wengerl zu mir legen tatest“ hat ein Patient zu einer Freundin von mir gesagt. Sie arbeitete im Rahmen ihrer Ausbildung in Krankenhaus. Darüber hat sie sich noch weniger geärgert, als über den Oberarzt, der ihr einen Unterwäschekatalog mit dem Kommentar „auf Seite 17 warat wos fia di“ hingeknallt hat. Reizwäsche, fast durchsichtig, eh klar.

Bedanken darf sie sich, genau wie alle anderen Opfer sexistischer Verbalgewalt, unter anderem bei Hirter & Co. Das unsägliche Nackerten-Plakat ist genau wie die noch blödere TV-Werbung nicht nur einfach dumm. Es degradiert Frauen zu Objekten männlicher Begierde und sexueller Fantasien. Dass sich die Kärntner Brauerei auch noch rühmt, mit dem Plakat weibliche Zielgruppen ansprechen zu wollen, ist das Sahnehäubchen auf dem Skandal. Von Vergewaltigungen und sexuellen Übergriffen hat wohl auch „market“-Chef Beutelmeyer, der die Proteste der Wiener SPÖ für „nichts als heiße Luft“ hält, noch nie gehört. Der „Standard“ ist sich nicht zu blöd, „SPÖ nimmt sich Bierwerbung zur Brust“ zu titeln und die Frauenstadträtin zur Amme zu machen. In seinem Kommentar liefert Redakteur Michael Möseneder die älteste aller männlichen Erklärungen zum Sexismus-Vorwurf: Es gebe doch ganz andere Probleme, die Frauen sollen sich nicht so aufregen.

Na klar ist die boomende Porno-Industrie mit all ihren Gewaltfantasien und der geballten Verdinglichung von Frauen übler, als das sexistische Plakat von Hirter oder jene der Jungbobo-Prolos von der Wiener JVP. Die Pornos hängen aber auch nicht tausende Male auf Großflächen-Plakaten in Österreich herum. Dadurch lernen nämlich auch Kinder und Jugendliche rechtzeitig: Eine nackte Frau ist so was, wie ein Bier. Hirter trinken ist sexy, weil nackte Frauen mit Schlafzimmerblick Hirter anbieten. Und umgekehrt: Frauen kriegt man so leicht, wie ein Bier. Und nein sagen tun weder Bier, noch Frauen.

Nicht nur, dass Hirter & Co. mit freundlicher Schützenhilfe männlicher „Standard“-Redakteure und männlicher Meinungsforscher die Kampagne mit dem Fickmich- Blick weiterfahren können. Sie werden auch noch vom Sexismus-Vorwurf reingewaschen. Ein Sexismus, der sich in letzter Konsequenz auch gegen Männer wendet. Weil solche Werbung die permanente Unterstellung beinhaltet, dass Männer nur mit Nackerten und machoiden Frauenklischees zu reizen sind – egal, ob’s um ein Bier, eine Uhr oder wie bei der JVP um Wahlwerbung geht.

Mir fällt dabei meine Freundin aus dem Krankenhaus ein, die ihr Leben lang damit zu kämpfen haben wird, dass sie als Frau diskriminierende Sprüche anhören müssen wird. Und mir fallen Männer ein, die ihre Frauen und Freundinnen nach übermäßigem Alkoholkonsum verprügeln, weil die einen Volltrunkenen nicht wahnsinnig erotisch finden. Denn auch das ist ein Resultat davon, wenn Frauen öffentlich als reine Sexobjekte diskreditiert werden.

sagen, was ist, wäre revolutionär

Ich lerne aus der Holland-Wahl von gestern: Es gibt Länder, in denen jene Wahlen gewinnen, die den schärfsten Sparkurs ankündigen. Der neoliberale Mark Rutte hat nicht nur angekündigt, dass es als neuer Regierungschef sparen will, sondern auch, wen es trifft. Österreich ist in dieser Hinsicht leider wirklich hinterste Provinz.

Viele meiner FreundInnen, die nicht so unmittelbar im politischen Betrieb stecken, vermissen kontroverse gesellschaftliche Debatten und große politische Würfe, mutige Reformen und wegweisende Projekte. Nicht nur die sogenannte bildungsferne „Unterschicht“, sondern auch AkademikerInnen, StudentInnen und junge Berufstätige wenden sich in diesen Zeiten mit Grausen von der Politik ab. Und das Schlimme ist: Ich kann’s ihnen nicht einmal übel nehmen.

Aber das Übel benennen, ist einen Versuch wert. Drei Ansätze für die Öffnung des politischen Systems und die Läuterung der politischen Kaste:

  1. Who cares about Pipifax-Wahlen: Die SPÖ rettet sich im Burgenland mit einem Militäreinsatz. Die ÖVP will sich in Wien mit einem Militäreinsatz retten. Die ÖVP will Armut nicht bekämpfen, solange die SPÖ mit ihnen nicht Arme bekämpft. Eigentlich sollte Österreich jetzt darüber diskutieren, wo wir Milliarden einsparen. Aber weil die Steiermark und Wien im Oktober neue Landtage wählen, lassen die Regierungsparteien 4 Monate Unsicherheit ins Land ziehen. Dieses Taktieren wegen regionalen Wahlgängen geht den WählerInnen auf den Keks.
  2. Wie die Fahnen im Wind: Die ÖVP will die bessere FPÖ sein. Die SPÖ will die bessere FPÖ sein. Die Grünen wollen möglichst gegenteilig zur FPÖ sein. Die FPÖ freut sich und wächst. Erfolgreiche Politik muss aber auch einmal Widerstand in Kauf nehmen, muss Unpopuläres sagen. Die Schleimerinnen und Schleimer, denen man bei jedem Satz anhört, dass sie in erster Linie gemocht werden wollen, haben keine Chance gegen die Hetzer. Siehe Wolfgang Schüssel: Gemocht haben den nicht einmal seine ärgsten Polit-Groupies. Gewählt haben ihn trotzdem 42%.
  3. Vorsicht ist die Mutter der Wahlniederlage: Die SPÖ quält der Spagat zwischen Linksintellektuellen und ungelernten ArbeiterInnen. Die ÖVP jener zwischen Caritas- und Fekter-Fraktion. Wir Grüne haben wahlweise Angst vor unseren Ökos, vor den Alternativen oder vor den Bobos. Ich bin davon überzeugt: Wer glaubwürdig für politische Inhalte eintritt, kann WählerInnen auch von Dingen überzeugen, die sie zunächst ablehnen. Wer Angst hat, verliert.

Sagen, was ist, ist manchmal schon revolutionär. Das gilt für notwendige Sparmaßnahmen genauso, wie für Unpopuläres. PolitikerInnen müssen nicht beliebt, sondern glaubwürdig sein. Wer BürgerInnennähe mit „dem Volk nach dem Mund reden“ verwechselt, hat seinen politischen Anspruch an der Garderobe der Parlamente und Politbüros abgegeben.

und jetzt zu den fakten

Ich glaube, es ist in erster Linie Unwissenheit, die für die antisemitischen Exzesse der letzten Tage verantwortlich ist. Und so, wie westliche Medien die Geschichte erzählt haben, war nicht Aufklärung das Ziel, sondern Stimmungsmache. Wenn tatsächlich ein „Friedensschiff“ auf „humanitärer Mission“ überraschend von „mörderischen Militärs“ überfallen worden wäre und dabei friedliche „Aktivisten“ „hingerichtet“ worden wären – ich wäre bei den Protesten dabei.

Aber jetzt zu den Fakten:

1) Friedensschiffe: Die Organisation hinter den Schiffen, die IHH, steht in engem Kontakt zur radikalislamischen Hamas. Sie zahlt den Familien von Selbstmordattentätern, die sich in israelischen Einkaufszentren in die Luft sprengen, Prämien. Die Hamas spricht Israel das Existenzrecht ab und leugnet den Holocaust.

2) humanitäre Mission: Es ging den wichtigsten Vertretern der Schiffe nie um die Ladung der Schiffe. Die hätten sie auch anders nach Gaza bringen können, das hat ihnen Israel angeboten. Die Ladung war ihre Tarnung, auf die der Westen grandios hereingefallen ist. Es ging um das Durchbrechen der Gaza-Blockade. Das sagen übereinstimmend der Chef und die Sprecherin der Organisation und der ehem. deutsche Abgeordnete Paech von der PDS/Linke.

3) überraschend: Die israelische Regierung hat vier Tage vor der Abfahrt der Schiffe angekündigt, dass sie die Schiffe vor Gaza stoppen wird. Sie hat das noch einmal am Tag vor der Eskalation getan. Zwei Stunden vor dem Angriff hat sie angeboten, die Schiffe in den Hafen von Ashdod zu begleiten und die Ladung von dort mit der UNO am Landweg nach Gaza zu bringen.

4) mörderische Militärs: Der IDF-Einsatz war dilletantisch geplant. Aber wer sich in der Nacht auf ein Schiff abseilt, von 50 Menschen von allen Seiten mit Eisenstangen und Messern attackiert und über Balkone auf niedrigere Decks geworfen wird, ist in Lebensgefahr und macht von der Schusswaffe Gebrauch. Egal, ob Palästinenser, Israeli, Österreicher oder Türke.

Das alles heißt nicht, dass sich die israelische Regierung zu 100% richtig verhalten hat. Aber eines ist schon klar: die Gaza-Blockade ist überlebensnotwendig für Israel. Wenn permanent Raketen aus einem benachbarten Gebiet auf Schulen, Kindergärten und in Wohngebiete fliegen, muss ein Staat die Lieferung von Raketen unterbinden.

Über die Mittel lässt sich streiten, deswegen müssen die Vorfälle auf der Mavi Marmara untersucht werden. Aber wenn Medien eine Geschichte so erzählen, wie sie diese Geschichte erzählt haben, zahlt sich ein zweiter Blick aus. Das hat auch etwas mit Auschwitz und mit Mauthausen zu tun.