lasst die besten recherchieren

Ein bißchen hat uns die Story schon gewundert: Ein Mann mit Anzug liegt sechs Stunden am nachmittag blutüberströmt in einem Tiefgaragenabgang. Hunderte Menschen gehen an ihm vorbei, ohne einen Finger zu rühren, ohne die Rettung zu alarmieren. „Das ist keine Szene aus einem Horrorfilm, sondern hat sich mitten in Innsbruck abgespielt – zur besten Geschäftszeit“, schreibt der Chefredakteur der Tiroler Tageszeitung. Es handelt sich beim Verletzten um einen ehemaligen Landeshauptmann – sonst hätt’s das „Leitmedium“ dieses eigenartigen Landes wohl nicht über Tage auf ihre Titelseite geschrieben. Und dann setzte die Empörungsindustrie ein – Appelle an die Zivilcourage aus allen Richtungen, die Gesellschaft verrohe, ein schockierter Caritas-Chef, ein betroffener Sozial-Landesrat, ein bestürzter Rotkreuz-Präsident, eine tagelange Kampagne. Der ORF übernimmt die Story, der „Standard“ und die „Kleine Zeitung“ ebenso.

Heute ist’s Tirols an sich akribischster Journalist, der wieder Mal eine Bombe platzen lässt. Nicht sechs Stunden, sondern zehn Minuten habe der sturzbesoffene Partl im Tiefgaragenabgang gelegen, schreibt Markus Wilhelm. Partl habe den Vollrausch und die offenbar versuchte alkoholisierte Heimfahrt vor seiner Frau verbergen wollen, deswegen habe er sein Gelage mit ÖVP-Granden im Hotel Europa in seiner Erzählung um fünf Stunden verkürzt und sein hilfloses Herumliegen in der Tiefgarage um fünf Stunden verlängert.

Besoffene ÖVP-Politiker, die über den Durst trinken und dann schwindlige Halbwahrheiten erzählen und Medien, die ihnen den Rücken freihalten – klingt irgendwie plausibler, als die Variante mit dem 6 Stunden von hunderten PassantInnen ignorierten blutenden Schwerverletzten im Anzug. Das heißt nicht, dass Wilhelms Variante stimmt. Aber eine so heftige Gegendarstellung heißt für ein Leitmedium wie die Tiroler Tageszeitung und erst recht für den öffentlich-rechtlichen ORF, dass noch einmal ganz genau hingeschaut werden muss.

Da müssen KellnerInnen im Hotel Europa gewesen sein, die gesehen haben, ob Partl um 15 Uhr nüchtern oder um 20 Uhr stockbesoffen gegangen ist. Da muss irgendwo Partls Schwiegertochter sein, die er nach dem Aufwachen in der Klinik angerufen hat. Die ÄrztInnen werden Partls Blut auf Alkohol untersucht haben. Ob es ein offener oder ein wegen der Bauarbeiten am Landhausplatz geschlossener Abgang war? Das kann nicht so schwer zu recherchieren sein. Aber umso notwendiger, wenn die genannten Medien noch ein kleines bißchen Anstand gegenüber denen haben, der sie unterlassene Hilfeleistung vorgeworfen haben. Von Glaubwürdigkeit mal ganz zu Schweigen.

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