Bewegtbilder mussten her: Juni 2009, ich arbeite bei den Tiroler Grünen. Wir merken: wir kommen nicht durch. In den Zeitungen nicht, im Fernsehen nicht, im Radio nicht. Es war Nachrichtensperre – zumindest haben wir das damals so empfunden. Mit einer Handkamera ausgestattet geh ich ins Landhaus. Ich hab dem Präsidenten in einer Mail Bescheid gegeben, dass ich filmen werde, Antwort Fehlanzeige. Die Atmosphäre dort ist wie immer: Im RaucherInnenkammerl feixen die wichtigen Redakteure mit den Politikern und deren weiblichen Angestellten. Letztere kriegen da und dort Aufschrei-würdige Anzüglichkeiten zu hören. Die Verwaltungsspitzen lauschen gebannt den Erzählungen vom Schirennen der Kinder der journalistischen Platzhirsche. Die Regierungsspitzen kennen zwar ihre Budgetzahlen nicht, aber dafür die Podestplätze der JournalistInnenkinder. So ist das in einem Medienmarkt, wo sich de facto ein einziger Print- und ein einziger Hörfunk und TV-Monopolist die Aufmerksamkeit und die Zuwendungen teilen.
Archiv der Kategorie: medien
„Internet-Tsunami“: Was ist das, was kann das, wer macht das?
Schneeballeffekt, der zur Lawine wird: Das wäre wohl die österreichische Metapher für das,, was die AutorInnen der am Sonntag erschienenen Studie „Internet-Tsunamis“ nennen. Das aus der Online-Community kommende Phänomen ist laut dem Verein „xaidialoge“ und der Europa-Universität Viadrina in Frankfurt/Oder eine „themenbezogene Artikuation bestimmter politischer Meinungen von einer großen Anzahl an Menschen in einem sehr kurzen Zeitraum.“ Wie die Macht in öffentlichen Debatten durch das Internet neu verteilt worden ist, hab ich am datenwerk-Blog im ersten Beitrag zur Studie beschrieben.
die hidden agenda der leitartiklerInnen
Kein Text zu Sinn oder Unsinn von Wehrpflicht oder Berufsheer, versprochen. Aber wenn Anneliese Rohrer, die KPÖ und das BZÖ einmal der gleichen Meinung sind, dann muss man da genauer hinschauen. Die wollen einen Boykott der Volksbefragung am kommenden Sonntag. Ich verstehe überzeugte PazifistInnen, die keine der beiden Optionen für in ihrem Sinn halten und kein kleineres Übel sehen (warum ich kein Pazifist bin). Aber ich höre seit Wochen, die Regierung müsse sich das schon untereinander ausmachen. Es sei ein Zeichen von Schwäche, dass sich rot und schwarz nicht einigen können.
äsop, peter rabl, und das refugee camp
„Kurier“-Kolumnist Peter Rabl hat in der heutigen Print-Ausgabe einen im Laufe des Tages auf Twitter heiß diskutierten Text geschrieben. Einige „Hintermänner“ und „links-grüne Kombattanten“ missbrauchten, so der Journalist, die Asylwerber des „Refugee Camp“, die 4 Wochen lang vor und in der Votivkirche in der Wiener Innenstadt auf die untragbaren Zustände im Flüchtlingslager Traiskirchen aufmerksam gemacht hatten, bevor die Polizei das Lager in einer Nacht- und Nebelaktion zerstörte.
Nun, ich gehöre zu dem, was der Kurier-Kolumnist „humanitär leicht erregbare Community“ nennt. Und ich mag nicht akzeptieren, dass Rabl in seinem Text zwar einen anonymen Flüchtling nennt, dem man seiner Auffassung nach helfen solle – aber findet, man könne das wegen der vielen anderen Flüchtigen auf der Welt nicht tun. Die Menschenrechte, sehr geehrter Herr Redakteur, sind unteilbar. Sie gelten für alle gleich. Das österreichische Asylgesetz erlebt im Jahrestakt Verschärfungen, obwohl das UNO-Hochkommissariat für Flüchtlingsfragen seit Jahren gegen die noch milderen früheren Versionen protestiert hat. Es ist degoutant, die vermeintliche Sicherheit der ÖsterreicherInnen über die Menschenrechte der Unterpriviligierten aus Kriegsländern zu stellen. Es ist geschmacklos, die Sprachschwierigkeiten von MigrantInnenkinder gegen Menschen auszuspielen, denen in ihrer Heimat der Tod droht.
Äsop wird das Zitat zugeschrieben, das Rabl als Titel für seinen Kommentar wählt: „Handle klug und bedenke die Folgen“. Zwei Frösche müssen in der Fabel, aus der es stammt, ihren Sumpf verlassen, es ist zu trocken geworden. Der eine Frosch will in den erstbesten Brunnen hineinspringen. Der andere Frosch warnt ihn, zu bedenken, dass der Wasserstand zu niedrig sei, um wieder herauszukommen. Dass hierzulande das sinnbildliche Wasser im Brunnen zu tief ist, als dass die Grundversorgung für Notleidende gewährleistet wäre, dafür sind Kommentare wie jener von Peter Rabl mitverantwortlich.
Was aus den zwei Fröschen in Äsops Fabel geworden ist, ist nicht bekannt.
wenn alle für sich sorgen, ist für alle gesorgt? pr und prekariat, die2te
„Längst haben die kreativen, oft akademisch ausgebildeten und weltgewandten Prekären viel mehr gemein mit den auf Stunde bezahlten Supermarktregaleinräumern, den per Zeitarbeit verliehenen Security-Bären und den Sieben-Tage-die-Woche Wurstbudenverkäufern, über die sie mitfühlende Reportagen schreiben, aufrüttelnde Sozialstudien erstellen oder deprimierende Reality-Dokus drehen, als mit den Agenturchefs, Etatbewilligern oder Ressortleitern, von denen sie sich Aufträge erhoffen und ein bisschen Honorar.“
Beobachten, darüber schreiben und damit ein bißchen die Welt verändern: Diesen Anspruch und seinen Niedergang beschreibt Katja Kullmann in ihrem Roman „Echtleben“. Das Buch trifft mich im doppelten Sinn: Es trifft mich, weil ich das auch gern machen will. Und es trifft mich, weil sich das nicht einmal bei Katja Kullmann, die exzellent schreibt, analysiert und das sogar gedruckt herausgeben kann, als Verdienstmodell taugt.
„Pragmatismus ist das Zauberwort. Viele benutzen es wie ein Bußgebet. ‚Man muss die Dinge pragmatisch sehen‘, sagen sie, wenn es eng wird, also ständig, rund um die Uhr, immer wieder. ‚Schwierige Umstände erfordern pragmatische Lösungen.‘ Wenn die Formel Pragmatismus fällt, blickt man sich von Erwachsenem zu Erwachsenem in die Augen und weiß: Es ist eine Lüge. Der Pragmatismus ist eine ideelle Bankrotterklärung. Konsens besteht darin, nicht auf diesem Faktum herumzureiten. Das Leben, die Politik, die Liebe programmatisch pragmatisch anzugehen bedeutet: Man hat keinen blassen Schimmer, worum es eigentlich geht. Man hat auch das Suchen und Sich-Kümmern aufgegeben. Man überspielt eine verheerende Inhaltsleere mit hektischem Flügelschlagen, von Quartal zu Quartal, und dekoriert das Vakuum mit gelegentlichen Erfolgsmeldungen und Urlaubsfotos.“
Beobachten, darüber schreiben und damit ein bißchen die Welt verändern können ältere Herrschaften, die sich mit, so sagen sie, „richtiger“ Arbeit dieses Privileg verdient haben. Schuld daran, dass wir das nicht können, sind wir selbst und unsere Moderne, sagen sie uns. Dabei sind es ihre Anforderungen, die uns gängeln. Vor 40 Jahren musste man als EndzwanzigerIn nicht im Idealfall drei Praktika in drei verschiedensprachigen Ländern gemacht, zwei Studien abgeschlossen und viereinhalb Jahre einschlägige Berufserfahrung in zwei verschiedenen Branchen haben, um sich Chancen bei einer Bewerbung ausrechnen zu können. Schuld am Prekariat seien Maßlosigkeit und Desorientierung, Werteverfall, Internationalis-Muss und Ego-Trip meiner Generation, moralisieren sie. Vor 20 Jahren hatten Print-Zeitungen noch ordentliche Redaktionen mit vielen guten Arbeitsplätzen, weil wir Jungen noch nicht das Internet erfunden, weiterentwickelt, Informationsfreiheit gefordert und in vielen Bereichen durchgesetzt haben. Selber schuld, wir WeltverbessererInnen. Vor 20 Jahren waren universitäre Forschungsprojekte noch drittmittelfrei ordentlich ausgestattet, bevor wir Jungen in immer größeren Massen auf die Unis strömten und die Lehre zerstörten, hören wir.
„Der ideale Staatsbürger ist eine Chimäre aus Reihenhausbesitzer und Wanderarbeiter. Er soll sich fortpflanzen, ein Ehrenamt in der Nachbarschaft übernehmen und erkrankte Angehörige selbst pflegen, aber auch Steuern zahlen, jederzeit umziehen, wenn sich eine berufliche Perspektive bietet, notfalls auch mal nachts oder en bloc oder auf andere Art unregelmäßig tätig sein, er soll sich verlässlich zeigen und sich selbst dazu befähigen, Dinge gegebenenfalls zu verwerfen und verbrauchen, er soll sich ein bisschen engagieren, aber auch nicht wieder so wild demonstrieren, dass der Wasserwerfer kommen muss, er soll nicht rauchen und sich gesund ernähren aber bitte nicht so lange leben, dass die Rentenkassen noch größere Schwierigkeiten bekommen als sie eh schon haben.“
Beobachten, darüber schreiben und damit ein bißchen die Welt verändern passt nicht in dieses Bild, das Katja Kullmann vom Standort Deutschland zeichnet. Ich nehme an, die restliche kapitalistisch organisierte Welt ist mitgemeint. Wir sollen nicht länger studieren, als vorgeschrieben. Dann sollen wir unsere möglichst marktkonformen Qualifikationen sogenannten ArbeitgeberInnen zur Verfügung stellen und uns auch demokratisch möglichst marktkonform verhalten. Zuerst natürlich ein paar Monate oder Jahre unbezahlt – schließlich sind wir auch als PraktikantInnen schon mitverantwortlich für den business success derer, die unsere Arbeit nehmen. Gibt ja eh workout nach der Lohnarbeit: schlank und braungebrannt wär nämlich schon auch angebracht. Manche finden einen business angel, viele davon ihren Daddy. Und dann ist’s eigentlich auch schon Zeit für die Reproduktion. Bernd Marins mahnende Stimme und die bedrohliche Grafik der Bevölkerungspyramide sind mein Multimedia-Hintergrundklang, wenn meine FreundInnen „Pensionszeiten“ sagen. „Zusatzversicherung“ sagen sie auch und „Eigenmittel“. Für die Wohnung, die man sich dann Mitte dreißig schon leisten können sollte, damit man nicht Monat für Monat Miete ins nichts zahlt. Klein Aljoschas Chinesisch-Kurs und die Barockorgelstunden sollen doch nicht unter gedankenlosen Mittzwanziger-Fehlplanungen leiden.
Notabene: Ich schreibe hin und wieder, ich kann da und dort einen Denkanstoß geben und ich bin weit weg vom finanziellen Prekariat. Aber der Rückzug ins Private, das Hinnehmen des eigentlich nicht Hinnehmbaren, der schrittweise Abschied vom täglichen Zeitunglesen, Trendsport statt Bücher und fun statt Auseinandersetzung sind greifbar. Sie betreffen den prekarisierten Berufsstand der Recherche- und Schreibwilligen besonders massiv. Viele nehmen dann halt doch einen ordentlich bezahlten schlechten Brotberuf statt des prekären guten Journalismus. Immer mehr „ist halt so“ und „kann man nicht ändern“ und „mach dich nicht unglücklich“ tönt es von allen Seiten. „Postmaterialistische Probleme“ höhnt das Feuilleton. Das freundschaftliche „sich um sich kümmern“ ist mir gefährlich nahe am Credo „wenn alle für sich sorgen, ist für alle gesorgt.“ Das gute Leben soll das Zurückgezogene sein? Das einst im Interesse Opfer struktureller Gewalt politisierte Private soll wieder ganz privat werden?
Katja Kullmann sagt dazu „Echtleben“. Und sie meint es kein bißchen positiv.
prekariat oder pr: die luft wird dünn
11 JournalistInnen weniger: Ist das wirklich so ein Drama? Was ist das schon, verglichen mit einer Fabriks-Schließung, bei der hunderte ihre Arbeit verlieren? Sind ja eh noch jung, wohnen eh in großen Städten, haben eh eine Reihe von Branchen offen. Sind ja eh gewohnt, 60 Stunden in der Woche zu arbeiten. Haben eh meistens noch keine Kinder. Sollen sich was weniger Weltverbesserndes suchen, sollen sich nicht zu gut sein für einen normalen Job abseits der Öffentlichkeit und deren Meinungsbildung.
Die Demokratie kann sich keinen schlechten Journalismus leisten. Ich find, die 11 JournalistInnen, die „Presse“ und „Wirtschaftsblatt“ gekündigt haben, sind ein Drama. Sie sind nämlich nur die Spitze des Eisbergs, was in den Redaktionen dieses Landes passiert. Im Frühjahr soll’s im „Standard“ die nächste größere Kündigungwelle geben. Barbara Kaufmann hat in ihrem Blog unter dem Titel „Protestmüde“ beschrieben, wie es ihr nach einem Jahr organisierten Protest gegen das Prekariat der freien ORF-MitarbeiterInnen geht. Berufliches Prekariat führt auch privat zu einer Verengung. Wer um sein Leiberl rennt, ist im Zweifel ein bißchen leiser, ein bißchen braver und ein bißchen weniger mutig im Konflikt mit den Betriebsoberen. Das macht unglücklich, unausgeglichen und mitunter neurotisch. Ja, das ist überall so im Prekariat, nicht nur im journalistischen. Aber der klitzekleine Unterschied ist, das JournalistInnen eine ganz wichtige Rolle in der Demokratie haben – nicht „nur“ im Produktionsprozess.
Verklärung statt Aufklärung. Es sieht nicht so aus, als würden die 11 bei „Presse“ und „Wirtschaftsblatt“ Gekündigten so schnell in einer anderen Redaktion unterkommen. Wie lange sie dem Ruf von Red Bull und Co. widerstehen, in deren Magazinen zu schreiben? Wie lange sie nein sagen können angesichts dessen, was man in der PR-Branche verdient? Trotzdem: Jede/r JournalistIn, der oder die von den Verhältnissen in Österreichs Redaktionen gezwungen wird, aus der Branche der Annäherung an objektive Wahrheiten in jene der Interessensvertretung und Wahrheitsverdrehung geldiger Unternehmen zu wechseln, ist ein Verlust für die Demokratie in diesem Land. Es gibt mit jedem und jeder von ihnen, die den Lockrufen nicht widerstehen, ein bißchen mehr Verklärung und ein bißchen weniger Aufklärung in diesem Land. Als wenn die Luft nicht eh schon dünn genug wär.
eure kinder werden so wie wir
Das nette Lächeln, das mitfühlende G’schau, das aktive Zuhören. Das es geht doch um die Kinder in jedem zweiten Satz, die Sorge in der Stimme, die Verantwortung auf der Stirn. Dauernd Familie und Generationen sagen, aber Sekunden später gleichgeschlechtlich Liebende und lebende Familien anpatzen. Das froh sein, „eine persönliche Geschichte“ gehört zu haben, um sie gleich wieder wegzureden und als Ausnahme darstellen zu können. Und dann, zum Schluss „Umerziehung“ zur gleichberechtigten Darstellung verschiedener sexueller Orientierungen sagen: Gudrun Veronika Kugler hat mich heute zur Weißglut getrieben. Weil ich dieses zynische Nett-tun satt hab, hinter dem sich bornierter Gleichschaltungswunsch und blanker Hass gegenüber Homosexuellen versteckt.
von der kernfamilie zur kernfrage
Die Theologin war heute zu Gast im Puls 4–Format „Pro/Contra“ – eine Diskussionssendung über die LehrerInnenbroschüre „Ganz schön intim“, die sich mit sexueller Aufklärung von 6-12jährigen befasst. Die Broschüre ist ein Unterrichtsbehelf mit Vorschlägen für eine respektvolle, umsichtige Annäherung an verschiedene Sexualitäten und bricht damit mit dem heteronormativen Bild von Liebe. Vorneweg: die Broschüre stellt an einigen Stellen Familienformen vor, die das österreichische Recht noch nicht als legal sieht, die aber trotzdem längst gesellschaftliche Realität sind. So wie Schwangerschaftsabbruch übrigens, der zwar straffrei gestellt, aber de iure nicht erlaubt ist. Schnell war die Diskussion da angekommen, wo sie die militanten Homophoben am Podium und im Publikum haben wollten: Ist Homosexualität normal? Darf man Kindern das zeigen? Sollen homosexuelle Menschen Kinder adoptieren dürfen.
Langsam platzte es heraus aus den ach so verständnisvollen Radikalos. Da ein „Kindesmissbrauch“ für die Erziehung von Kindern in einer nicht-heterosexuellen PartnerInnenschaft – kurz nachdem zwei Reihen weiter vorne eine lesbische Mutter von ihrer Freundin und ihrem Sohn erzählt hatte. Und der Schlussakkord: „Umerziehung“ für eine Broschüre, die längst real gewordene Beziehungs- und Familienformen nicht mehr unter den Tisch fallen lässt, sondern thematisiert und existieren lässt.
einladungspolitik ist politik
Ich bin es leid, dass diese sich so brav und anständig gebärdende Meute den öffentlichen Diskurs dominiert. Ich bin es leid, dass junge Menschen wegen dieser organisierten Hetzpartie ihre vermeintlich von der Norm abweichenden Liebes-, Beziehungs- und Sexualvorstellungen verleugnen müssen. Und Schlimmeres. Ich bin es leid, dass strukturell diskriminierende Pauschalurteile in der veröffentlichten Debatte so abgebildet werden, als wären sie ganz normale Meinungen von ganz normalen BürgerInnen, JuristInnen und Eltern. Deren Kindern kann man nur eine ordentliche Pubertät und ganz viel Rebellion wünschen. Aber die anderen Kinder und ihre vielfältigen Lebensträume kann man vor den HetzerInnen und ihrer repressiven Moral schützen.
Demokratischer Diskurs ist nicht, wenn Alle gar alles sagen dürfen, was ihnen in den Kram passt. Demokratie verlangt auch, dass systematische grobe Respektlosigkeiten gegenüber großen Gruppen von Menschen erst gar keine Plattform bekommen. Zensur wäre, Gudrun Veronika Kugler das Mikro abzudrehen. Sie erst gar nicht einzuladen, wäre ein Zeichen journalistischer Verantwortung gewesen.
journalismus in ö oder: beim würstelstand bestochen
Diese Stadt hat für jeden Abend eine spannende Veranstaltung. Heute: Ich unter lauter JournalistInnen. Die organisieren sich gerade, weil der Kollektivvertrag abgeschafft worden ist. Ich könnt mich seitenlang ausbreiten darüber, was das für eine Sauerei ist, wie die nach abgeschlossener Ausbildung gezahlt werden. 1.200 Euro für Vollzeit und Wochenenddienste? Das ist also gute journalistische Arbeit wert? Anstatt mich seitenlang auszubreiten, eine schöne hässliche Geschichte aus meinem letzten Leben als Pressesprecher in einer Kleinstadt.
mitgespielt
Eines Tages versuchen wir, eine Geschichte in einer Bezirkszeitung zu lancieren, die zum Fast-Monopolisten Moser Holding gehört. Wir haben nämlich gelernt: Die Bezirksblätter lesen alle am Land. Weil sie manchmal selber vorkommen, weil’s ums eigene Dorf geht, weil die Zeitungen eine Woche lang beim Friseur, bei der Ärztin und im Kaffeehaus herumliegen. Wir kommen bei der Recherche drauf, dass die Geschichte eigentlich kalt ist: Wir wollen ein Thema anziehen, das schon abgeschlossen ist. Die lokale BürgerInneninitiave hat den Bürgermeister längst überzeugt, dass die zusätzliche Straße nicht so g’scheit ist und dass er aus dem Amt gejagt wird, wenn er mehr Fließverkehr durch den Ort bringt.
Nur: das wusste der Journalist nicht. Zwei Tage nach unserer Pressemeldung exklusiv an ihn (weil ja: Wettbewerb) ruft der an und sagt, das ist viel mehr als Randspalte mit Foto Seite 7, er will die ganze Seite vier zu dem Thema. Aber… er hat Stress. Ob wir nicht den Text schreiben können. Machen wir natürlich – wir sind ja nicht blöd. Einen Tag vor Redaktionsschluss hat er einen Bauern gefunden, der offenbar auch noch nicht mitgekriegt hat, dass das Projekt abgeblasen ist. Von dem hat er ein paar Zitate. Aber… er hat Stress. Ob wir nicht den Text auf einen Eineinhalb-Seiter aufblasen können. Wir schwitzen und schreiben mit schlechtem Gewissen. Aber eine G’schicht‘ is eine G’schicht‘. 6 Stunden vor Redaktionsschluss, Telefon. Das in Wirklichkeit schon abgeblasene Projekt ist wirklich so ein Skandal, er würd‘ auch noch seinen Kommentar auf Seite 3 dazu schreiben. Aber… richtig erraten: Stress.
„gewonnen“
Drei Tage später hab ich die Zeitung in der Hand. Die Seiten 2, 3 und der Kommentar – unverändert, Wort für Wort mein Text, inklusive Kommentar mit seinem Gesicht. Ich hab das wider besseres Wissen für meinen Arbeitgeber getan, mit minderen Motiven, es ist ein schmutziges Geschäft. Ich hab die Prekarisierung des Journalisten ausgenutzt. Der Mann hat natürlich trotzdem gegen jedes journalistische Prinzip verstoßen, keine Frage. Das tun, nach meiner Beobachtung, die meisten Wiener KollegInnen (Anm. und auch die meisten Tiroler KollegInnen, danke fg.) nicht.
Aber die Zeitung mit der falschen Geschichte und mit dem gefaketen Kommentar war gedruckt. Über 60.000 Menschen bekommen dieses Blatt vor die Haustür gelegt. Der Mann ist ein Gatekeeper – und zwar vielleicht sogar ein wichtigerer, als die Nummern 3-5 in der Landespolitik der Tiroler Tageszeitung. Der Mann beackert einen ganzen Tiroler Bezirk. Jetzt kann man schon sagen, da fällt alle drei Wochen mal eine Kuh vom Acker – aber manchmal will eben auch ein Bürgermeister doch keine Straße mehr bauen. Was der als Redakteur verdient hat? Richtig, 1.200 Euro.
ausgepredigt
Ich will von den ChefredakteurInnen und von der VerlegerInnen keine großen Worte mehr über journalistischen Ethos hören. Sie sollen sich ihre moralischen Vorträge in die Haare schmieren und aufhören, sich mit Lehraufträgen an Unis und Privatschulen ihren Lebenlauf und ihr Gehalt aufzubessern. Die Prekarisierung von RedakteurInnen ist nicht nur Ausdruck einer redaktionsinternen Schieflage. Es ist auch demokratiepolitisch skandalös, seine TürsteherInnen zur zehntausendfach veröffentlichten Meinung so katastrophal auszustatten. Solange ich in Wien mit 50 JournalistInnen meiner Generation in einem Raum sitzen kann, von denen 44 so miserabel verdienen, dass sie beim Würstelstand bestochen werden könnten, will ich von ihren Chefitäten nichts mehr hören von Moral und Anstand in der Politik.







