die hegemoniale form des hallosagens

Es ist eine Provinzposse in einem Provinzgymnasium, die sich dieser Tage abspielt. Ein gefundenes Fressen für Medien und vor allem für die Rechten, die jetzt wieder ein bißchen Kulturkampf spielen können, damit sie nicht über Fukushima und über AtomlobbyistInnen wie Ex-Kanzler Schüssel oder ganz normale korrupte LobbyistInnen wie Strasser oder mutmaßliche gewerbsmäßige BetrügerInnen wie die EU-Abgeordnete Hella Ranner diskutieren müssen. Es gilt die Unschuldsvermutung.

Ein Lehrer in einem Innsbrucker Gymnasium hat seinen SchülerInnen verboten, ‚Grüß Gott‘ zu sagen, hab ich am Freitag in der Zeitung gelesen. Der skandalisierende Tonfall des Artikels war mir zuwider, genauso, wie mir die katholische Kirche an sich zuwider ist. Aber dass Grußformeln aufgrund ihres religiösen Gehalts verboten werden, das muss dann doch nicht sein. Ich würd mich ganz wahnsinnig aufregen, wenn man SchülerInnen verbieten würde, sich mit „Allah uh akbar“ zu begrüßen – fände das rassistisch, eine Ungleichbehandlung der Religionen und überhaupt.

Heute morgen ist alles ganz anders. Die Skandalisierung geht nämlich weiter und deswegen kommen die LeserInnen der Tiroler Tageszeitung wieder in den Genuss eines großen Artikels über das ‚Grüß-Gott-Verbot‘. Da steht, was auch am Freitag schon stand, aber was ich überlesen hatte: Der Lehrer hatte seinen SchülerInnen verboten, ihn (!) mit ‚Grüß Gott‘ anzureden. In Tiroler Schulen ist das normalerweise so: Wenn LehrerInnen zu Stundenbeginn in die Klassen kommen, sollten SchülerInnen von ihren Plätzen aufstehen und im Chor ‚Grüß Gott, Herr Professor‘ oder ‚Grüß Gott, Frau Professor‘ sagen.

Dagegen darf man sich, find ich, wehren. Es ist überhaupt eine Unsitte, dass in diesem Land eine religiöse Grußformel inklusive Glaubensbekenntnis die hegemoniale Form des ‚Hallo‘-Sagens geworden ist. Es ist unangenehm, dauernd auf jemanden angeredet zu werden, an den man nicht glaubt. Und es ist ärgerlich, der Formel selber so wenig zu entkommen und damit im Ausland taxfrei als ÖsterreicherIn oder BayerIn, also eh das Selbe, entlarvt zu werden. Und außerdem: Wir verbieten in einer Reihe von Jugendzentren in diesem Land SchülerInnen, sich in ihrer Muttersprache zu unterhalten. Was wäre denn so schlimm, wenn in öffentlichen Gebäuden religiöse Grußformeln verboten wären?

Also: kollektives ‚Grüß Gott‘ am Anfang der Stunde ist pfui. Und selbst wenn’s im Fall der Innsbrucker Provinzposse auch darum geht, dass der Lehrer am Gang von einzelnen SchülerInnen nicht mit ‚Grüß Gott‘ angesprochen werden will: Auch, sich das von seinen Mitmenschen zu wünschen, ist sein gutes Recht. Wir leben ja, könnte man meinen, nicht in einem Gottesstaat.

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