unbezahltes inserat

Alpbach hat die großen Namen, Hallstatt die großen Gedanken. Dreieinhalb Tage denken, ohne allzu viel digitale und urbane Ablenkung. An einem Rückzugsort aus dem großstädtischen Alltag, der so viele Gedanken nicht zu Ende denken lässt. In einer Oase in der Wüste des beruflichen Alltags, der viele politisch tätigen Menschen dauernd vor scheinbar alternativlose Nicht-Entscheidungen stellt.

Der diesjährige Momentum-Kongress, der heute zu Ende gegangen ist, hat mir neue Perspektive geöffnet. Da, wo ich nach einer Basisdemokratie-Diskusssion über die Gewaltenteilung, einen unverrückbaren Eckpfeiler bürgerlicher Demokratien, nachzudenken begann. Da, wo ein Kollege nebenbei anmerkte, die verfassungsmäßige Verankerung von inhaltlichen Politikzielen sei eine Verschiebung der politischen Gestaltung von der Legislative in die Judikative. Da, wo die exzellente Track-Leiterin Inken Wiese nicht aufhörte, zu fragen, an welchem Punkt Demokratiebewegungen ihren Ausgang nehmen und die These, InitiatorInnen solcher Bewegungen wären nicht die Prekarisierten selbst sondern jene, die Angst vor Prekarisierung haben, Raum bekam. Was mich in dieser Studie, die mir ein Freund vor Jahren ans Herz gelegt hat, nachlesen lässt. Und eine neue Perspektive auch da, wo Barbara Blaha in einer bemerkenswerten Eröffnungsrede den in der Politik allgegenwärtigen Populismus-Vorwurf als antidemokratisch enttarnt.

Freilich: Das ist ein sozialdemokratische, von der Sozialdemokratie finanzierte Veranstaltung. Das tut aber der Vielschichtigkeit keinen Abbruch, ganz im Gegenteil. Wann hat man schon einmal Gelegenheit, sich mit gewerkschaftlichen OrganizerInnen und Kabinettsangestellten, mit chavistischen Lateinamerika-Experten und keynesianischen MakroökomomInnen, mit versierten StudentInnenpolitikerInnen und mit universitären BetriebsrätInnen, mit pragmatischen ParteigängerInnen und mit lautstarken KritikerInnen derselben drei Tage lang an einem Generalthema entlang den Kopf zu zerbrechen?

Ich kann den Kongress wärmstens empfehlen. Von 17.-20. Oktober 2013 wird Hallstatt wieder zum Denkort. Die Abstracts werden irgendwann im April oder Mai fällig sein. Wer jetzt findet, da will ich nächstes Jahr dieses Mal aber wirklich hin: Hier gibt’s ein Instrument, das beim Erinnern hilft.

„wiener lebensart“ und andere schnapsideen

Den „Erhalt der Wiener Lebensart“ will Michl Häupl also schützen, weil das die SPÖ-Mitglieder wollen. Kinder müssen beim Volksschuleintritt deutsch können, weil das die SPÖ-Mitglieder wollen. Und das sind – zumindest laut Wiener ORF, der jetzt nicht gerade der Parteifunk von Strache oder Vassilakou ist – die wichtigsten Schlüsse, die die laut ihrem Bürgermeister größte Stadtpartei der Welt aus der größten Mitgliederbefragung aller Zeiten zieht. Ein großer Wurf, könnte man meinen. Wenn das Heribert Kickl seinem Parteichef Strache vorliest, werden sich die beiden die Hände reiben, wenn sie es dann beide verstanden haben. Denn das Ergebnis der SPÖ-Mitgliederbefragung ist die logische Konsequenz aus dem völlig misslungenen Versuch, das Wachstum der FPÖ mit den Themen der FPÖ zu stoppen. Von ‚agenda cutting‚ oder von Schmied und Schmiedl oder davon, dass Rassismus mehr mit den RassistInnen, als mit seinen Opfern und der Realität zu tun hat, hat man in den roten Rathausbüros wohl noch nie was gehört.

Der „Erhalt der Wiener Lebensart“ ist doch nichts anderes, als der rote Schönsprech für das „Wiener Blut“, mit dem Strache zuletzt für so viel Aufregung gesorgt hat. Wenn schon, ist die lebenswerteste Stadt der Welt unter anderem wegen ihrer vielen Lebensarten (!) so lebenswert. Und wegen deren raschem Wandel und ihrer Vermischung im Laufe der Jahrhunderte. Was wäre Wien ohne den Brunnenmarkt, was ohne die Heurigen im Norden der Stadt, was ohne den zum Glück erhaltenen Rest jüdischer Kultur in der Leopoldstadt, was ohne die böhmischen Powidltaschen, ohne den türkischen Kaffee und ohne die internationale Community, die sich in der Musikszene von Mozart bis ins Flex in allen Klang- und Hautfarben ihren Platz sucht?

„Wien ist für seine Weltoffenheit und für seine Herzlichkeit in der ganzen Welt bekannt“, hat es noch im letzten Wahlkampf immer wieder vom Bürgermeister geheißen. Gleichzeitig hat die SPÖ mit Hilfe ihrer Absoluten AufpasserInnen und Sicherheitsbeauftragte mit allen erdenklichen Warnwesten-Farben in die Öffentlichkeit geschickt und damit nicht für mehr Sicherheit, sondern für mehr Verunsicherung gesorgt. Ich habe schon am Wahlabend 2010 davor gewarnt, dass man in der Euphorie über die Möglichkeit von rot-grün vergisst, der SPÖ klarzumachen, dass sie Strache nicht stoppen kann, indem sie ihn imitiert. Aber genau so und nicht anders versteh ich die neuen lauten Töne gegen MigrantInnen und gegen den Schmelztiegel der Kulturen in der Bundeshauptstadt.

Dass die SPÖ-Mitglieder offenbar ziemlich genau in der Hälfte gespalten sind, was ihren Wunsch nach mehr oder weniger Integrationsarbeit der Stadt betrifft, darf angesichts dessen, was die Parteispitze ihren Mitgliedern seit Jahren erzählt, auch nicht wundern. Die Sozialdemokratie hatte einmal einen Bildungsanspruch – auch ihre eigenen WählerInnen und Mitglieder betreffend. Heute scheint nach dem Mund reden im Mittelpunkt zu stehen. Ich hoff, dass die Koalitionspartnerin und die sonst oft so lauten kritischen Stimmen aus der SPÖ dem Häupl’schen Treiben nach rechts ein Ende bereiten. Rassismus ist nämlich eine verdammt schlechte Strategie gegen Rassismus.

nero, schau owa!

Es ist kein Machtspiel, keine Erpressung, die Unis sind nicht unterbesetzt, sondern ausfinanziert. ÖVP-Wissenschaftsminister Karlheinz Töchterle will 500 Euro Studiengebühren und dieses Modell auf biegen und brechen durchsetzen, das macht auch sein heutiger Auftritt in der ZIB24 klar. Dafür hat er ein Gutachten erstellen lassen, das die Behauptung in den Raum stellt, die Unis könnten ab März 2012 Studiengebühren nach eigenem Ermessen einführen, wenn das alte, vom Höchstgericht beanstandete Modell, nicht repariert wird. Dass ihm dabei der Verfassungsrechtler Heinz Mayer beispringt, der vor zwei Jahren noch gefunden hat, man solle wegen der katastrophalen Situation an den Universitäten das Wissenschaftsministerium besetzen, ist eine schöne Gefälligkeit unter Freunden.

Jede Uni mit eigenen Studiengebühren, das kann ja wirklich niemand wollen, der oder die das Wort soziale Gerechtigkeit buchstabieren kann. 60% der Studierenden sind bereits heute erwerbsberufstätig, um ihr Studium finanzieren zu können. Die weniger Betuchten arbeiten mehr als die, denen Eltern Wohnung, Essen und Studiengebühren zahlen. Und die nicht von Beruf Sohn oder Tochter sind, werden sich freuen, wenn das Studium auf einmal 1.500 Euro im Jahr kostet. Soziale Abfederung hin oder her: Stipendien sind eben nicht nur eine Hilfe, sondern auch ein Stigma. Es wird Studierende geben, die sich das Studium nicht mehr leisten können und damit muss die Republik weniger Studienplätze finanzieren. Irgendwoher muss in der Rechnung des ÖVP-Ministers ja mehr Geld kommen. Soziale Selektion – das will der Arbeitersohn Töchterle auch nicht. Sagt er zumindest. Vorsicht ist angebracht: Vor 11 Jahren war der heutige Wissenschaftsminister auch noch wütender Studiengebühren-Gegner.

Unibrennt, das war der selbstbewusste Slogan der zehntausenden Hörsaal-BesetzerInnen im Winter 2009. Es war ein lauter Protest und Töchterle war damals als Innsbrucker Rektor einer der Uni-Chefs, der sich hinter viele Forderungen der Studierenden stellte. Inzwischen ist der Tiroler Minister und ÖVPler geworden, die Missstände an den Unis ist unverändert. Trotzdem zündelt Töchterle jetzt auf der anderen Seite, auch wenn er „Mein Name ist Hase“ spielt. Aber er ist ja auch schon draußen aus der Stadt.

rettet den staat, nur er wird uns retten

„Eine lebendigere, aktivere Demokratie“ sieht Michel Reimon in seinem scharfsinnigen Kommentar im heutigen „Standard“ als Mittel gegen eine auseinanderdriftende Gesellschaft, in der alle nur nach unten treten. Ich habe versucht, den Gedanken weiterzuverfolgen und bin auf noch ein grundlegendes Problem gestoßen, dessen Lösung ich für die Voraussetzung dafür halte, dass wir uns auf den Weg in die Solidargesellschaft machen können, die sich Michel Reimon wünscht.

Es ist die Mutter aller ideologischen Schlachten, die in den USA tobt: ‚taxes‘ und ‚welfare‘ sind die Überschriften über dem, was die RepublikanerInnen als einzige Schwachstelle des Präsidenten enttarnt haben. Mit ihrer radikalen Strategie haben sie Obama gezwungen, massiven Eingriffe in die Gesundheitsversorgung zuzustimmen, um die Schuldengrenze ausweiten zu dürfen. Sie stellen die Gretchenfragen der demokratischen Entwicklung in der freien Welt: Wieviel muss der Staat leisten, wieviel darf er vorschreiben, wieviel Geld seinen BürgerInnen abnehmen, um ein Sicherheitsnetz für die zu knüpfen, die es aus eigener Kraft nicht schaffen? Wollen die BürgerInnen diesen Staat überhaupt, gibt es ein Commitment zu Demokratie und Rechtsstaat, gibt es ‚active citizenship‘ oder dominieren die ‚democratic couch potatoes‘ und überlassen mit ihrer Enthaltung den Radikalen das Feld? Oder ist das Misstrauen gegenüber kapitalistischen Demokratien als gesellschaftliche Organisationsform und Allokationsstruktur sogar gerechtfertigt?

Wir sind mit den multiplen kapitalistischen Krisen der letzten drei Jahre in einer Phase gelandet, in der unter dem Vorwand knapper Budgets wieder überall dort der Rotstift angesetzt wird, wo er denen weh tut, die sich am wenigsten wehren können. Es sind zwar hauptsächlich die oberen 20%, die sich Aktien leisten können und dem Reiz des Spekulierens erlegen sind – aber ich hab noch von keinem einzigen Land gehört, indem eine echte Reichensteuer auf Grund und Boden und auf Besitz zur Budgetsanierung nach der Krise beitragen soll. Ich hab aber auch noch von keiner Sozialhilfebezieherin gehört, die morgens in der Zeitung als erstes schaut, wie der Dow Jones oder der Nikkei stehen. Weggenommen wird das Geld in allen Krisenländern der Welt trotzdem ihr, die garantiert überhaupt nichts für die geplatzten freien Märkte kann. Hier ist Misstrauen gegenüber der Repräsentanz politischer Entscheidungen angebracht.

Es ist ja ganz offensichtlich: Der Sozialstaat und die öffentliche Verwaltung sind in einer Legitimationskrise. Nicht nur in der Rechten, auch in der sogenannten parlamentarischen Linken geht alles in Richtung Sozialabbau und in Richtung weniger Staat. Ich erinnere an die rot-grüne Agenda 2010 und an Hartz IV, ich erinnere an die Streichung der Kinderbeilfe ab 24 in Österreich und ich erinnere daran, dass die spanischen StudentInnen seit Monaten wegen dessen Bildungspolitik gegen den sozialistischen Vorzeige-Staatschef protestieren. Und eben Obama, der sich von der Tea Party erpressen lassen hat. Eines muss man aber auch gelten lassen: Es gibt das Misstrauen mancherorts zurecht. Es gibt BeamtInnen, die für dicke Gehälter eine 14-Stunden-Woche absolvieren, wir haben etwa in Österreich eine überbordende föderale Bürokratie, es gibt einerseits unfassbare Steuerprivilegien für Superreiche und für Großkonzerne und es gibt andererseits Steuermillionen, die in Projekte verschleudert werden, die die Menschen nicht wollen. Kein Wunder, dass sich viele „I want my money back“ denken.

Die Legitimationskrise stellt ein Prinzip in Frage, das ab dem Ende des Zweiten Weltkriegs 50 Jahre lang unangetastet war: Dass der Staat Verantwortung für seine BürgerInnen trägt, dass Menschen auch eine zweite und eine dritte Chance im Leben verdient haben, wenn sie sich nicht bei der ersten Hilfe aufrappeln können. Im Moment bekommen Banken siebte und achte Chancen und Tunnelbaufirmen streichen die Millionen ein, nach denen die Universitäten und die AlleinerzieherInnen lechzen. Es wird immer weniger in Menschen und in ihre Entwicklung investiert, und immer mehr in tote Infrastruktur und in flüchtiges Kapital. Kein Wunder, dass die SteuerzahlerInnen misstrauisch werden.

Dem Misstrauen der BürgerInnen gegenüber der öffentlichen Verwaltung kann man nur eines entgegensetzen: Transparenz und Beteiligung. Wer gerade eine Stunde auf seinen Zug gewartet hat, ärgert sich, wenn die Tageszeitungen, die er im verspäteten Zug liest, voll mit ÖBB-Werbung sind. Wer Politik nur in den ganz großen Schlagzeilen liest, glaubt natürlich, dass alle PolitikerInnen sind wie Ernst Strasser. Umso mehr, wenn sich die meisten weigern, offenzulegen, von wem außer von der Republik sie Gehälter beziehen. Wer in einem Amt in einem dunklen, muffigen Kammerl zwei Stunden auf zwei Stempel gewartet hat, die je 100 Euro kosten, kann die Verwaltung schon mal hassen. Außer, wenn die Behörden automatisch genau erklären, warum die vermeintlich überflüssige Bürokratie notwendig ist und abschaffen, was sie nicht erklären können. Und wenn das oberste Prinzip bei der Budgeterstellung wäre, die ursprünglichen BesitzerInnen der Abermilliarden Euro zu erklären, warum wieviel Geld wohin fließt und was das bringt, wäre dies- und jenseits des Atlantiks viel an Ressentiments gegen den Staat an sich abzufangen. Was ich im Übrigen für notwendig halte: Ein anderes Bollwerk gegen den puren Kapitalismus und seine Kriege haben wir nämlich nicht.

wie bürgerInnen zweiter klasse

„Österreich kann es sich nicht leisten…“ – Sätze die so anfangen, enden mit einer ökonomischen Argumentation über die Notwendigkeit von Bildungsreformen. Schön und gut, das mag ja alles sein. Aber wenn es wirtschaftlich sinnvoll wäre, Kinder früh in verschiedene Schulen aufzuteilen, Eliten zu fördern und die Kinder der unteren 50% ohne Weichen auf die Ausbildungsschienen ihrer Eltern zu stellen, wären die UnterstützerInnen des Bildungsvolksbegehrens trotzdem dagegen.

Ich will die Gerechtigkeitsfrage nicht von ökonomischen Parametern abhängig gemacht sehen. Der Blick auf die einzelnen, von der verfahrenen Bildungssituation am meisten betroffenen Menschen, ist schärfer. Im Innsbrucker Caritas Integrationshaus helfe ich einmal in der Woche Kindern beim Hausaufgaben machen. Es sind MigrantInnenkinder. Eine bunte Mischung aus Kindern aus bildungsorientierten und bildungsfernen Elternhäusern, aus braven und aus schlimmen, aus motivierten und aus schwerer zu motivierenden Kindern. Aber eines haben sie fast alle gemeinsam, bei denen zuhause nicht deutsch gesprochen wird: Sie tun sich grammatikalisch schwer, sie bringen komplizierte Satzkonstruktionen nicht zu Ende, sie konjugieren Hilfszeitwörter falsch. Da gibt es Kinder mit enormem Wissensdrang, die ihre Biologie-Aufgaben im Garten des Integrationshauses praktisch überprüfen, da gibt es RechenkönigInnen, kreative kleine KünstlerInnen und Kinder mit einem schier unglaublichen Erinnerungsvermögen. Ins Gymnasium werden sie es alle nicht schaffen.

Dieser Misere muss man drei Schritte entgegensetzen. Erstens: Wir müssen so früh wie möglich, und wenn nötig mit Zwang, dafür sorgen, dass diese Kinder deutsch lernen. Einverstanden. Weiter geht die Diskussion momentan leider nicht. Es fehlt zweitens: Wir müssen es Kindern, in deren Elternhäusern verschiedene Sprachen gesprochen werden ermöglichen, ihre Muttersprache zu perfektionieren, weil sie Voraussetzung ist, dass sie eine zweite Sprache perfekt lernen. Und es fehlt drittens: Wir müssen dafür sorgen, dass bei 10jährigen nicht aufgrund nicht perfekter Sprachkenntnisse die musischen, naturwissenschaftlichen oder kreativen Begabungen brach gelegt werden.

Und auch wenn das böse G-Wort aus dem Text des Volksbegehrens gestrichen wurde: Mir ist egal, ob die Gesamtschule ökonomisch attraktiver ist. Wenn Bildung emanzipatorisch sein soll, dann doch am allermeisten beim Ermöglichen des Ausbruchs aus festgefahrenen sozialen Strukturen. Die Gesamtschule ist gerechter, sie lässt Kindern mehr verschiedene Wege offen. Sie verhindert, dass sich die Kinder im Innsbrucker Integrationshaus mit 10 schon fühlen, wie BürgerInnen zweiter Klasse.Ob man das will, sollte nicht von Standortfragen abhängen.

(zuerst publiziert auf http://www.bildungsdeck.at/blog)

dum spiro, spero

Ernennungen setzen mitunter spannende demokratische Prozesse in Gang. Und zwar noch viel mehr, wenn die Person, die das Vorschlagsrecht hat, nicht das Recht auf eine Abberufung des oder der Ernannten hat. So ist das auch bei MinisterInnen in Österreich. Vorgeschlagen vom Bundeskanzler und ernannt vom Bundespräsidenten, kann den Wissenschaftsminister nur das Parlament abwählen. Damit bekommt Karlheinz Töchterle enormen Spielraum. Denn gleichzeitig müssen MinisterInnen auch allen Gesetzen, die die Regierung vorschlägt, zustimmen. Wenn sie im MinisterInnenrat ihr Veto einlegen, muss die Gesetzesvorlage zurück an den Start.

Karlheinz Töchterle hat die Chance, ein Exempel zu statuieren. Er kann die ÖVP vor die Wahl stellen. Das nächste Fremdenrechtspaket kommt bestimmt. Und es wird unter dieser Regierung kein humaneres sein, als das Aktuelle. Dann hat Töchterles große Stunde geschlagen. Sein Veto hätte weitreichende Konsequenzen für das Gesetz und auch für die politische Kultur in diesem Land. Dann müsste die ÖVP entweder im Parlament ihren eigenen Minister, den sie eben noch als liberales Feigenblatt vorgeschoben hat, abwählen und sich endgültig als das deklarieren, was sie längst ist: Eine Rechtspartei. Oder akzeptieren, dass ein Humanist, der Töchterle ist, auch einmal lästig für eine Partei sein kann, die ihm Verantwortung überträgt.

„Ich verspreche und gelobe, mein Wissen und Können in sozialer Verantwortung zu nutzen, zum Abbau von Vorurteilen beizutragen und mich um eine Kultur der geistigen Freiheit und Toleranz zu bemühen“ – das haben tausende Innsbrucker Studierende ihrem Rektor Töchterle und seinen VertreterInnen in den letzten Jahren bei ihrem Abschluss auf die Insignien der Universität geschworen. Ich bin gespannt, wie es der Rektor selbst mit der Kultur der geistigen Freiheit und Toleranz hält, wenn Kinder eingesperrt werden sollen. Dum spiro, spero.

wer kann sich purismus leisten?

Ich hab lange abgewogen, ob ich den Weg aufs Innsbrucker Gemeindeamt antrete und für die Mühlen der Bürokratie eine Stunde investieren soll oder nicht. Geworden sind es 100 Minuten, aber sei’s drum. Sicher war ich mir ja nicht: Wenn Greenpeace dazu aufruft, ein Volksbegehren gegen Atomkraft nicht zu unterschreiben, muss was dahinter sein, hab ich mir gedacht. Und viel Zeit damit verbracht, durch EU-Verträge und Diskussionsforen zu stöbern. Hin und wieder beim parallel lesen juristischer Texte hat mich der Zweifel am Sinn der Recherche gepackt und ich hab mir gedacht, ich geh jetzt einfach, oder ich geh nicht. Aber es waren gut investierte Stunden.

Klar, der Ausstieg aus dem Euratom-Vertrag ist unrealistisch. Das Desinteresse der Regierung am Thema und der Aufsichtsratssitz des ÖVP-Masterminds Schüssel reichen dafür als Begründung. Schüssel kassiert beim Atom-Energieriesen RWE zwischen 10.000 und 20.000 Euro monatlich für einen Aufsichtsratsposten. Nebst Kanzlerpension und nebst Abgeordneten-Gehalt, versteht sich. Und selbst wenn’s zu einem Parlamentsbeschluss käme: die 40 Millionen Euro im Jahr würd sich die Republik auch nicht sparen, so lange das Euratom-Budget vom Europäischen Rat festgelegt wird und Teil des EU-Gesamtbudgets ist. Und auch daran wird sich nichts ändern.

Aber: das ist ein Volksbegehren gegen Atomkraft. Und gerade weil die Staatsspitze so verlottert ist und die beiden letzten Kanzler der Republik bei einem Atom-Riesen und bei einem Despoten, der neue Atomanlagen baut, cashen, kann man ein Volksbegehren gegen Atomkraft nicht nicht unterschreiben. Jetzt kann man natürlich sagen, jede/r BürgerIn sollte sich bei demokratischen Prozessen verhalten, als wäre er/sie in der Regierungsverantwortung – und folgedessen hätte ich nicht unterschreiben sollen. Dann wär ich aber auch noch nie wählen gegangen. Und das Argument von Greenpeace, das Volksbegehren würde von fragwürdigen Öko-Faschos unterstützt und es diene dazu, von den UVPen in Mohovce und Temelin abzulenken: Ersteres ist mir egal, wenn ich das grundsätzliche Anliegen des Volksbegehrens unterstütze. Und den OrganisatorInnen Zweiteres zu unterstellen, halt ich schlicht und einfach für stumpfsinnig und paranoid.

Ein bißchen so ist es auch bei der zweiten Fliege, die man am Gemeindeamt momentan mit einer Klappe erwischen kann: die Unterstützungserklärung fürs Bildungsvolksbegehren kommt wegen der Bravheit des finalen Antragstextes auch nicht von ganzem Herzen. Aber wer kann angesichts von PISA-Debakel und LehrerInnengewerkschafts-Betoniererei den Luxus leisten, PuristIn zu sein?

privatschulleaks

So wie Supermarktketten privatisiert worden sind, müsse das auch mit den Schulen sein. Dann bestimme die Nachfrage der Eltern das Angebot, die Qualität werde steigen und LehrerInnen würden motivierter, weil sie leistungsspezifisch bezahlt werden könnten. Willkommen in Wien-Hietzing, willkommen bei den neoliberalen Anarchos, deren einzige Sorge ist, ob der Kaviar auch aus dem Asowschen und nicht aus dem Kaspischen Meer kommt. Willkommen in der Welt von Christian Ortner, der in der heutigen „Presse“ endlich wieder einmal so richtig hinhauen darf auf die öffentlichen Einrichtungen.

Ein Lehrer gefällig, der sich in der Stunde gerne mit den SchülerInnen über den Umfang und die Form von „Brüstchen“ unterhält und auf Schulreisen zu später Stunde nach viel zu viel Alkohol mit den Burschen auch mal die Vorzüge und Nachteile des Körperbaus der Begleitlehrerin erörtert? Einer, der in seinen Geschichtestunden die Vorteile des Nationalsozialismus diskutiert? Einer, der in die Duschkabine der verschämten 12jährigen Burschen kommt, die mit Badehose duschen gehen wollen und sie auffordert, sie mögen sich ausziehen, sonst werde er das tun (die Drohung dürfte reichen)? Einer, der mit Kreidestücken nach unaufmerksamen SchülerInnen wirft? Oder einer, der einem geschwätzigen Schüler mit dem Atlas auf den Hinterkopf schlägt? Einer, der bei seinen cholerischen Anfällen mit dem Schlüsselbund in Kopfhöhe nach den SchülerInnen schmeißt? Ein Geistlicher, der einen Schüler mit einem Faustschlag in die Magengrube in der Pause am Gang niederstreckt?

Die Antwort einer öffentlichen Schulleitung auf solche Vorfälle wäre klar: Meldung beim Landesschulrat, Strafverfahren, Versetzung der betroffenen Lehrpersonen. In einer Privatschule gilt: Sie kann sich ihre Lehrpersonen aussuchen. Sie kann sich auch ihre SchülerInnen aussuchen. Natürlich gilt auch in Privatschulen das Strafrecht. Aber wie oft hören PrivatschülerInnen oder die Eltern von PrivatschülerInnen, gegen solche LehrerInnen könne man nichts machen, denn sie wüssten zu viel über diskrete Schulinterna oder sind mit dem Direktor verwandt, verschwägert oder sonst irgendwie verbandelt? Wie oft bekommen aufmüpfige PrivatschülerInnen zu hören, sie mögen sich benehmen, sonst würden sie für Vergehen der Schule verwiesen, die in öffentlichen Schulen nicht einmal für eine Klassenbucheintragung leisten?

Die neoliberalen Anarchos wollen mehr solche Schulen? Ich nicht. Ich hätte sie gerne verstaatlicht. Zum Schutz der Kinder und der vielen guten LehrerInnen in solchen Schulen, die zähneknirschend zuschauen müssen, weil auch ihre Stellen von der Laune der Schulleitungen abhängen.