wie bürgerInnen zweiter klasse

„Österreich kann es sich nicht leisten…“ – Sätze die so anfangen, enden mit einer ökonomischen Argumentation über die Notwendigkeit von Bildungsreformen. Schön und gut, das mag ja alles sein. Aber wenn es wirtschaftlich sinnvoll wäre, Kinder früh in verschiedene Schulen aufzuteilen, Eliten zu fördern und die Kinder der unteren 50% ohne Weichen auf die Ausbildungsschienen ihrer Eltern zu stellen, wären die UnterstützerInnen des Bildungsvolksbegehrens trotzdem dagegen.

Ich will die Gerechtigkeitsfrage nicht von ökonomischen Parametern abhängig gemacht sehen. Der Blick auf die einzelnen, von der verfahrenen Bildungssituation am meisten betroffenen Menschen, ist schärfer. Im Innsbrucker Caritas Integrationshaus helfe ich einmal in der Woche Kindern beim Hausaufgaben machen. Es sind MigrantInnenkinder. Eine bunte Mischung aus Kindern aus bildungsorientierten und bildungsfernen Elternhäusern, aus braven und aus schlimmen, aus motivierten und aus schwerer zu motivierenden Kindern. Aber eines haben sie fast alle gemeinsam, bei denen zuhause nicht deutsch gesprochen wird: Sie tun sich grammatikalisch schwer, sie bringen komplizierte Satzkonstruktionen nicht zu Ende, sie konjugieren Hilfszeitwörter falsch. Da gibt es Kinder mit enormem Wissensdrang, die ihre Biologie-Aufgaben im Garten des Integrationshauses praktisch überprüfen, da gibt es RechenkönigInnen, kreative kleine KünstlerInnen und Kinder mit einem schier unglaublichen Erinnerungsvermögen. Ins Gymnasium werden sie es alle nicht schaffen.

Dieser Misere muss man drei Schritte entgegensetzen. Erstens: Wir müssen so früh wie möglich, und wenn nötig mit Zwang, dafür sorgen, dass diese Kinder deutsch lernen. Einverstanden. Weiter geht die Diskussion momentan leider nicht. Es fehlt zweitens: Wir müssen es Kindern, in deren Elternhäusern verschiedene Sprachen gesprochen werden ermöglichen, ihre Muttersprache zu perfektionieren, weil sie Voraussetzung ist, dass sie eine zweite Sprache perfekt lernen. Und es fehlt drittens: Wir müssen dafür sorgen, dass bei 10jährigen nicht aufgrund nicht perfekter Sprachkenntnisse die musischen, naturwissenschaftlichen oder kreativen Begabungen brach gelegt werden.

Und auch wenn das böse G-Wort aus dem Text des Volksbegehrens gestrichen wurde: Mir ist egal, ob die Gesamtschule ökonomisch attraktiver ist. Wenn Bildung emanzipatorisch sein soll, dann doch am allermeisten beim Ermöglichen des Ausbruchs aus festgefahrenen sozialen Strukturen. Die Gesamtschule ist gerechter, sie lässt Kindern mehr verschiedene Wege offen. Sie verhindert, dass sich die Kinder im Innsbrucker Integrationshaus mit 10 schon fühlen, wie BürgerInnen zweiter Klasse.Ob man das will, sollte nicht von Standortfragen abhängen.

(zuerst publiziert auf http://www.bildungsdeck.at/blog)

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Ein Gedanke zu „wie bürgerInnen zweiter klasse

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