wer geil sagt, muss auch geil sein

Ich kenne 50 Menschen persönlich, die bessere IntegrationsstaatssekretärInnen abgeben würden, als Sebastian Kurz, den die ÖVP ausgesucht hat. Der eignet sich ungefähr so gut für sein neues Amt, wie Ernst Strasser als Antikorruptions-Ombudsmann oder wie Muammar Al-Gadaffi als Vorsitzender des UNO-Menschenrechtsbeirats (Vorsicht ihr AufschreierInnen, der war das wirklich mal). Warum also Kurz? Weil er die Jungen verstehe, sagt der neue Vizekanzler.

Wenn nur SchülerInnen und StudentInnen Politik für Junge, wenn nur PensionistInnen Politik für Alte, wenn nur berufstätige Menschen Politik für ArbeitnehmerInnen, wenn nur Uni-Profs die Wissenschaftspolitik und wenn nur ÄrztInnen die Gesundheitspolitik machen könnten, dann wäre unsere repräsentative Demokratie definitiv das falsche Instrument zum Interessensausgleich. Dann müssten wir doch wieder den Haider-Freund Gaddafi fragen, ob er uns nicht ein paar Puffn günstig leasen könnte.

Es sind im Wesentlichen drei Gründe, warum es mich erschüttert, dass Kurz Integrationsstaatssekretär geworden ist – und warum ich hoffe, dass er es auch nur kurz bleibt:

1.)Dafür kann die Volkspartei ausnahmsweise nichts: Es ist erschütternd, dass die ÖVP ein Amt erfindet, das die SPÖ schon vor 35 Jahren in der Alleinregierung einführen und nie mehr abschaffen hätte sollen.

2.)Kurz mag laut Pass 24 sein – geistig ist er in etwa so modern, wie mein Uropa es gewesen sein mag. Ich denke an den Wunsch, das besetzte Audimax polizeilich zu räumen. Ich denke an die Forderung, in Moscheen möge nur mehr auf deutsch gepredigt werden. Und ich denke an nietenbestiefelte Tussis, die sich an seiner Seite auf einem Hummer räkeln dürfen, während er besoffen „geil“ in die Kamera ventiliert.

3.)Wir haben in diesem Land zehntausende PädagogInnen, SozialarbeiterInnen und Ehrenamtliche, die Jahr und Tag nichts anderes tun, als den interkulturellen Austausch fördern. Die ÖVP selbst hatte eine türkischstämmige Wiener Gemeinderätin, Sirvan Ekici, die vor der letzten Wahl geschasst wurde. Die Auswahl eines Integrationsstaatssekretärs, dessen interkulturelle Erfahrungen sich auf einen kurzen USA-Aufenthalt beschränken, spricht Bände darüber, wie seriös die ÖVP das Thema behandeln will.

Es gibt aber auch einen Grund, der nicht zählt: Man kann sich nicht gleichzeitig immer über die überaltete Politik beschweren und dann aufschreien, wenn Junge zum Zug kommen. Das Problem an Kurz ist nicht, dass er 24 ist. Sondern dass er reaktionär, antimodern, sexistisch und im jetzigen Aufgabengebiet völlig unbewandert und schlicht und einfach überhaupt nicht geil ist.

wenn ich werner faymann wäre

Die Verniederösterreichisierung der Volkspartei schreitet voran. Der neue ÖVP-Chef Spindelegger, vorgestern noch „starker Mann“ mit „Generalvollmacht“, wird keine ruhigen Ostern haben: Begehrlichkeiten aus dem ÖVP-Bund, Pöstchen für dieses und Funktiönchen für jenes Bundesland. Wer immer noch glaubt, das Spindelegger auch nur eine Skizze für eine „ÖVP neu“ entwerfen dürfe, kennt die Landeshäuptlinge und die Bündefürsten der Volkspartei schlecht.

Und das angesichts von 22% für die ÖVP in den Umfragen. Angesichts eines historischen Tiefstands, in dem sämtliche ehemaligen Freunderln sich sogar von Ernst Strasser lossagen. Von jenem Strasser, der einst ein Shooting-Star der ÖVP war, wie Spindelegger heute. Gleichzeitig ist überall die Rede von der Reformfähigkeit der Volkspartei, von der Anpassung des Programms an die Lebensrealität der in Ballungszentren lebenden ÖsterreicherInnen, die immer mehr und unter denen die ÖVP-WählerInnen immer weniger werden. In seiner Forderung nach einer programmatischen Neuausrichung hat ja dem heute im Kreuzfeuer stehenden Wirtschaftskammer-Präsidenten niemand widersprochen – nur den neuen schwachen Parteichef darf ja niemand angreifen und damit seine Hintermänner enttarnen.

Also: Wenn ich Werner Faymann wäre, würde ich meine Bildungsministerin bitten, morgen ein neues Ganztags- und Gesamtschulkonzept auf den Tisch und es dann im Parlament zur Abstimmung vorzulegen. Wenn ich Werner Faymann wäre, tät die Verteilungsgerechtigkeits-Kampagne nur so scheppern und es würde Vermögenssteuer-Offensiven und Transparenz-Initiativen nur so regnen angesichts dessen, dass die „Wos woa mei Leistung“-ÖVP jetzt auf einmal über Leistungsgerechtigkeit reden will. Wenn ich Werner Faymann wäre, würd ich eines der gesellschaftspolitischen Themen aufs Tapet bringen, bei dem die Mehrheit der ÖsterreicherInnen längst liberaler ist, als die ÖVP – die Homo-Ehe zum Beispiel. Wenn ich Werner Faymann wäre, würde ich die im Parlament vorhandene Mehrheit für eine Volksabstimmung über die Wehrpflicht mobilisieren.

Lauter Gelgenheiten für die SPÖ, Profil zu zeigen. Lauter Gelgenheiten für Spindelegger, die BlockiererInnen in seiner Partei unter Durck zu setzen und die Reformfähigkeit der ÖVP unter Beweis zu stellen. Ich bin aber nicht Werner Faymann. Und der glaubt immer noch, eine Koalition wäre eine Ehe und nicht auch der Kampf um die relative Mehrheit in diesem Land. Und den sollte man anders führen, als eine Mediation bei einer Ehekrise. Vor allem in Kenntnis der Alternativen.

es trifft nicht die övp allein

 

Was hat man nicht alles gehört von der Europapartei ÖVP. Was hat man nicht alles gehört von Wolfgang Schüssels Chancen, als Kommissionspräsident „Mr. Europa“ zu werden – der muss ja jetzt leider mit einem 200.000-Euro-Nebenjob als Atom-Aufsichtsrat bei RWE ein dahindarben. „An Europa kann niemand vorbei. An Österreich auch nicht“, stand, wenig subtil, auf den Plakaten des ÖVP-Spitzenkandidaten Strasser. Und die, die ihn vermeintlich nicht wählten – die 100.000 ÖVP-WählerInnen, die Otmar Karas ihre Vorzugsstimme gaben, strotzten vor gutem Gewissen und bekamen auch von liberalen Medien den Bauch gepinselt, sie hätten die ÖVP der undemokratischen Gesinnung überführt.

Gewählt habt ihr, liebe Karas-WählerInnen, Strasser trotzdem. Ihr habt ihn zum Wahlsieger gemacht. Ihr habt auch die Abgeordnete Ranner zu verantworten, die heute zurückgetreten ist, weil sie ihre 7 Mio. Euro Privatschulden über EU-Spesengelder ausgleichen wollte. Es gilt die Unschuldsvermutung. 1/3 der schwarzen EU-Delegation in Brüssel ist schon weg – gestolpert über Affären, die jenen um den ÖVP-Finanzminister Karl-Heinz Grasser und seine schwarzen und blauen Günstlinge im BUWOG-Skandal, um nichts nachstehen. Und dann war da noch der Nachrücker auf das Strasser-Mandat, Hubert Pirker, der schon einmal im EU-Parlament saß und zwischendurch eine Lobbying-Agentur hatte, die exzellente Kontakte in die europäischen Institutionen versprach. Die Meldeadresse seiner Agentur in Brüssel: Die Privatwohnung von Vorzugsstimmenkaiser und Möchtegernsaubermann Karas.

Die vielen einigermaßen Anständigen kommentieren das Geschehen in der ÖVP nur mehr aus der zweiten Reihe. Manche, wie Heinrich Neisser, tun das dezent. Andere, wie Erhard Busek, tun das weniger zurückhaltend. Auch das ist symptomatisch: Vernünftiges hört man aus dem christlich-sozialen Lager nur mehr von den Ausgebooteten. Ursula Plassnik wird Botschafterin in Paris. Die ehemalige Europapartei ist ein Selbstbedienungsladen für KarrieristInnen, LobbyistInnen und Unersättliche geworden. Und trotzdem halt ich es mit Michael Völker. Der schreibt in einem lesenswerten „Standard“-Kommentar letzte Woche, dass der Niedergang der ÖVP im Strudel der Privatisierer-Partie um Wolfgang Schüssel, Karl-Heinz Grasser und Co. eigentlich niemanden so richtig freuen dürfte. Vor allem in Kenntnis der MitbewerberInnen.

die hegemoniale form des hallosagens

Es ist eine Provinzposse in einem Provinzgymnasium, die sich dieser Tage abspielt. Ein gefundenes Fressen für Medien und vor allem für die Rechten, die jetzt wieder ein bißchen Kulturkampf spielen können, damit sie nicht über Fukushima und über AtomlobbyistInnen wie Ex-Kanzler Schüssel oder ganz normale korrupte LobbyistInnen wie Strasser oder mutmaßliche gewerbsmäßige BetrügerInnen wie die EU-Abgeordnete Hella Ranner diskutieren müssen. Es gilt die Unschuldsvermutung.

Ein Lehrer in einem Innsbrucker Gymnasium hat seinen SchülerInnen verboten, ‚Grüß Gott‘ zu sagen, hab ich am Freitag in der Zeitung gelesen. Der skandalisierende Tonfall des Artikels war mir zuwider, genauso, wie mir die katholische Kirche an sich zuwider ist. Aber dass Grußformeln aufgrund ihres religiösen Gehalts verboten werden, das muss dann doch nicht sein. Ich würd mich ganz wahnsinnig aufregen, wenn man SchülerInnen verbieten würde, sich mit „Allah uh akbar“ zu begrüßen – fände das rassistisch, eine Ungleichbehandlung der Religionen und überhaupt.

Heute morgen ist alles ganz anders. Die Skandalisierung geht nämlich weiter und deswegen kommen die LeserInnen der Tiroler Tageszeitung wieder in den Genuss eines großen Artikels über das ‚Grüß-Gott-Verbot‘. Da steht, was auch am Freitag schon stand, aber was ich überlesen hatte: Der Lehrer hatte seinen SchülerInnen verboten, ihn (!) mit ‚Grüß Gott‘ anzureden. In Tiroler Schulen ist das normalerweise so: Wenn LehrerInnen zu Stundenbeginn in die Klassen kommen, sollten SchülerInnen von ihren Plätzen aufstehen und im Chor ‚Grüß Gott, Herr Professor‘ oder ‚Grüß Gott, Frau Professor‘ sagen.

Dagegen darf man sich, find ich, wehren. Es ist überhaupt eine Unsitte, dass in diesem Land eine religiöse Grußformel inklusive Glaubensbekenntnis die hegemoniale Form des ‚Hallo‘-Sagens geworden ist. Es ist unangenehm, dauernd auf jemanden angeredet zu werden, an den man nicht glaubt. Und es ist ärgerlich, der Formel selber so wenig zu entkommen und damit im Ausland taxfrei als ÖsterreicherIn oder BayerIn, also eh das Selbe, entlarvt zu werden. Und außerdem: Wir verbieten in einer Reihe von Jugendzentren in diesem Land SchülerInnen, sich in ihrer Muttersprache zu unterhalten. Was wäre denn so schlimm, wenn in öffentlichen Gebäuden religiöse Grußformeln verboten wären?

Also: kollektives ‚Grüß Gott‘ am Anfang der Stunde ist pfui. Und selbst wenn’s im Fall der Innsbrucker Provinzposse auch darum geht, dass der Lehrer am Gang von einzelnen SchülerInnen nicht mit ‚Grüß Gott‘ angesprochen werden will: Auch, sich das von seinen Mitmenschen zu wünschen, ist sein gutes Recht. Wir leben ja, könnte man meinen, nicht in einem Gottesstaat.

der unanständigste aller wahlsieger

Die Regierung Schüssel hat das halbe Eigentum der Republik über Bord geworfen, um einmal ein Nulldefizit auf Pump zu schaffen. Das ist ein nachhaltiger wirtschaftlicher Schaden für die Republik. Aber es gibt auch einen nachhaltigen politischen Schaden der Schüssel-Ära. Und den halt ich für viel schlimmer: Die schwarz-blaue Riege hat die älteste aller bürgerlichen Tugenden, über Bord geworfen: den Anstand.

Korruption und Bestechung hat’s vor 2000 schon gegeben – ich hab hier an den roten Sumpf in Wien erinnert. Die Regierung Schüssel ist nicht die erste Selbstbereicherungsmaschinerie an der Spitze der Republik. Aber ihr Selbstverständnis hat eine neue Qualität. Das fängt beim blauen Justizminister an, der davor Jörg Haiders Anwalt in Strafsachen war und seinen Parteichef später als Minister als über jeden Verdacht erhaben bezeichnet hat. Es geht da weiter, wo der Lebensgefährte der Familienstaatssekretärin bei der Auftragsvergabe eines der wichtigsten Regierungsprojekte – dem Eurofighter-Kauf – seine Finger im Spiel und seine Geldtasche weit offen hat. Momentan macht ein unverschämtes Mail von Ernst Strasser an den Chef einer Tiroler Kommunikationsagentur, die es sich im warmen Nest der Landesregierung gemütlich gemacht hat, auf Facebook die Runde. Es spricht Bände. Der Lobbyist ist übrigens auch Berater der Moser Holding, dem größten Medienhaus von Tirol. Was er dort verdient, wissen wir (noch) nicht. Und was seine Leistung war, ist ebensowenig bekannt, wie beim TIWAG-Beratervertrag. Dafür wissen wir, dass Strasser in Sachen Medienpolitik ein Fan von Ungarns Präsident Orban ist.

Von Meischberger über Hochegger bis zu Strasser gilt: Diese Figuren sind so berauscht von ihrer Wichtigkeit und vom luxuriösen Leben, das ihnen ihre Geschäfte ermöglichen, dass ihnen jeder Bezug zur Realität verloren gegangen ist. Sie haben vom Spiritus rector von Schwarz-Blau, vom Jörg Haider, gelernt, dass man sich aus jeder noch so eindeutigen Verfehlung herausreden kann, wenn man nur die richtigen Reflexe bedient.

Der Refrain der Täter, die sich als Opfer der linken Schickeria in Kultur und Medien inszenieren, zieht sich durch sämtliche Skandale der Republik der letzten Jahre. Und er sitzt, weil das schlampige Verhältnis zum Rechtsstaat mit Schwarz-Blau auch in vielen Medien und in der Justiz Einzug gehalten hat. Diese unanständige Regierung hat unanständige Gestalten in zentrale Funktionen der Republik gehievt. Die BürgerInnen gewöhnen sich an diese unanständigen Gestalten und an ihre Machenschaften – die normative Kraft des Faktischen prägt eben auch die öffentliche Wahrnehmung.

In jeder anderen westlichen Demokratie der Welt wäre es undenkbar, dass der Spitzenkandidat bei einer landesweiten Wahl gleichzeitig für horrende Honorare Betriebe berät, die im Besitz der öffentlichen Hand sind. Oder Medienhäuser, deren Existenz von öffentlichen Einschaltungen abhängt. In Österreich ist das möglich – und damit nicht genug: Ernst Strasser ist nämlich nicht nur Berater, Consulter, Lobbyist und leidenschaftlicher Fahrtkostenabrechner. Er ist auch der Sieger der letzten EU-Wahl.

die söhne egalias oder: ei ei, frey

Die Männer tragen PHs – genau, Penishalter, die es in hunderten verschiedenen Varianten gibt und die der Vater zelebrierend mit seinem Sohn kaufen geht, sobald der die Geschlechtsreife erreicht hat. Frauschen, also Macht ausüben tun natürlich die Frauen. Petronius, der jugendliche Protagonist, will Seefrau werden. Damit ruft er nur SpötterInnen auf den Plan: Denn wer hat schon einmal von einer männlichen Seefrau gehört, die die Weltmeere erobert. Bei einem Strandspaziergang wird Petronius vergewaltigt, seinen ersten freiwilligen Sex hat er beim Abschlussball – allerdings nur, weil er seiner Partnerin vorschwindelt, der wäre noch Jungherr. Herrlein Uglemose, Petronius Vater, ist total entsetzt, als seine Frau zum dritten Mal schwanger ist: Für ihn, der für die Erziehung der Kinder hauptverantwortlich ist, heißt das, dass er seinen Job als Bauingenieurin wieder reduzieren muss. Seine Frau ist als Schuldirektorin leider unabkömmlich.

Ich kann die Töchter Egalias aus anno 1977 nur empfehlen: Humoristisch aber vor sehr ernstem Hintergrund dekonstruiert die norwegische Autorin die Geschlechterwelt mit ihrer herkömmlichen Macht- und Arbeitsteilung. Mir ist das Buch heute eingefallen, weil ich die Debatte über den verpflichtenden Papamonat verfolge, die Frauenministerin Gabi Heinisch-Hosek losgetreten hat. Der Anlass: Während in skandinavischen Ländern bis zu 70% der Männer in Karenz gehen, liegt die Quote der männlichen Kindergeld-Bezieher in Österreich bei 4,5%.

Die skandinavischen Länder haben halt eines verstanden, was hierzulande noch immer pfui und böse ist: Dass sich ohne Zwang an den Geschlechterverhältnissen nichts ändert. Und es gilt glasklar die Auffassung, dass demokratisch verfassten Gemeinschaften sich explizit aus dem Grund als solche zusammengeschlossen haben, um individuelles Verhalten durch kollektive Regeln zu belohnen oder zu sanktionieren. Im Jänner 2008 hat das Storting, das höchste demokratisch gewählte Organ des norwegischen Staats, entschieden, dass in börsennotierten Unternehmen 40% der AufsichtsrätInnen weiblich sein müssen. Und, keine Überraschung: Es haben sich natürlich mehr als genug qualifizierte Frauen für diese Aufgaben gefunden.

Eric Frey argumentiert im heutigen Standard, er wolle nicht in einer Gesellschaft legen, die höchstpersönliche Entscheidungen wie die zum Papamonat verbindlich regelt. Mündige Menschen müssten sich selbst entscheiden, wie sie den Spagat zwischen Beruf und Familie schaffen, so der Redakteur. Ich glaub nicht, dass der Norweger an sich kinderlieber, familiengerechter und geschlechterpolitisch aufgeklärter ist, als der Österreicher an sich. Es sind die Rahmenbedingungen, die zur 70%igen Karenzquote von Männern in Norwegen und zur 4%igen in Österreich führen. „Der Staat hat dem Bürger dabei nichts vorzuschreiben“, schreibt Frey. So ein Unsinn: Denn die Rahmenbedingungen regelt die Politik, mit Zwang in fast allen erdenklichen Bereichen – und zwar in den meisten Fällen zum Vorteil der Gesellschaft und besonders jener, die im individuellen Ellbogenkampf keine guten Karten haben.

der landeshauptmannforscher

„Wirtschaftlich holte man vom Kleingeschäft bis zum Großprojekt Mehrwert ins Land. Ob es um Universitäten, Fachhochschluen und Forschungsstätten von Krems bis Gugging ging, um den Schwechater Flughafenausbau samt Verbindungsautobahnen, um Kulturfestspiele in Grafenegg und Skirennen am Semmering oder Sonstiges.“ Das schreibt Peter Filzmaier, der normalerweise kurze Sätze liebt, in der Niederösterreich-Länder’analyse‘ seines Buchs „Der Zug der Lemminge“ und wird gleich selber einer. Nämlich einer, der sich in Erwin Prölls Föderalisten-Parade einreiht. Pröll sei neben Michael Häupl der einzige „volksnahe Intellektuelle“ in der österreichischen Politik. Dass der niederösterreichische Landeshauptmann stolz darauf sein soll, in seinem ganzen Leben nur ein einziges Buch, nämlich Karl Mays „Schatz im Silbersee“ zu Ende gelesen zu haben, hat Filzmaier wohl vergessen. Er lehrt nämlich an eben jener sogenannten Forschungsstätte in Krems. Pecunia non olet.

Teil zwei des immer noch nicht lesenswerten Buchs wirft aber auch Fragen auf und gibt eigenartige Antworten auf nie gestellte Fragen: „Ob die Steiermark beleidigt ist, wenn einem Politikwissenschaftler als erste Assoziation zu ihr das Wort Kommunist einfällt“, fragt sich der Politologe. Der wissenschaftliche Raum sei demokratiepolitisch nicht besser als Kärnten, das zeige die Audimax-Besetzung. Wer an einergroßteils privat finanzierten Einrichtung forscht und lehrt, hat auch kein Problem mit dem Niedergang der öffentlich finanzierten Unis.

Filzmaier hat aber auch wissenschaftliche Vorreiterqualitäten bewiesen, weiß er doch, dass es in Österreich 750.000 homosexuelle Menschen gibt. So genau hat das bisher noch niemand gezählt. Seine Empfehlung für die Ausrichtung der Grünen für die nächsten Jahre klingt auch nach einem Tipp aus Radlbrunn: Man solle die alten Hüte Frauen und Umwelt lassen und sich auf ein höheres Pensionsalter stürzen, weil die PensionistInnen sowieso nur zu 3% grün wählen. Ein etwas mechanisches Verständnis von Politik, muss ich schon sagen. Und noch einer der Sätze, den man nicht unbedingt gelesen haben muss: „“Armloch“ als konsequente Bezeichnung für einen Mitbewerber etwa könnte im Wahlkampf genial sein, weil nicht klagbar und vage an etwas anderes erinnernd.“ Danke, das reicht vorerst.

Und dann die Überraschung zum Schluss: Filzmaiers 10 abschließende Vorschläge lesen sich, als hätte sie jemand anderer geschrieben. Politik müsse optimistischer und besser werden, die Tabus Geld und Sex müssten in der Politik gebrochen werden, Arbeit im Alter müsse gesellschaftliche Anerkennung bekommen. MigrantInnen soll man in die Feuerwehr und die lokalen Vereine einbinden, direktdemokratische Elemente stärken, Parteienfinanzierung transparent machen, unabhängige Medien durch einen Umbau der Medienförderung stärken, Themen statt Wahlkampfstils diskutieren und die Staatsgewalten außer Frage stellen. Das macht nicht alles wieder gut, was davor an Halblustigkeiten und an Unsinnigkeiten zum Besten gegeben wird. Aber es macht Hoffnung, dass Filzmaier das Analysieren lässt bei seinen Leisten bleibt: nämlich beim Thematisieren demokratiepolitischer Notwendigkeiten. Dann kann er von mir aus auch von Prölls Gnaden forschen.

eine lanze für claudia schmied

Wenn Dummheit weh tun würde, müssten die VertreterInnen der ÖVP-nahen Schülerunion, die vor eineinhalb Jahren zum Boykott des PISA-Tests aufgerufen haben, heute noch schreien, meinte heute ein Bekannter. Ich stimm dem nicht zu: Der Boykott-Aufruf aus dem April 2009 war gut kalkuliert von den geschniegelten KarrieristInnen in schwarz. Denn wie könnte man 10 Jahre gehrer’sches Versagen besser verstecken, als indem man die Leistungsbilanz fälscht. Die jungen ÖVPler sind die griechischen Finanzer in der österreichischen Bildungslandschaft. Sonst bei keiner Gelgenheit verlegen um Sparaufrufe, war den jungen Schwarzen nicht einmal eine 1,6 Mio. teure Studie heilig.

Und jetzt das: die rote Unterrichtsministerin Schmied ist die Göttinseibeiuns der ÖVP-LobbyistInnen, die sich BildungspolitikerInnen schimpfen. War man vor drei Jahren noch bemüht darum, die Bedeutung der PISA-Studie herunterzuspielen und vor einem Jahr insgeheim froh darüber, dass die schwarze SchülerInnenorganisation die Drecksarbeit machte, muss die nicht wirklich valide Studie jetzt auf einmal herhalten, damit die bildungsferne Schicht aus Radlbrunn, Familie Pröll, auf die beste rote Ministerin einprügeln kann.

Das Spiel gegen Schmied ist durchschaubar. Es ist peinlich für diese dümmliche niederösterreichische Bauernbagage, die sich diese Republik unter Duldung der ebenso feigen SPÖ-Bezirkskaiserbagage unter den Nagel gerissen hat. Der rote Bundeskanzler hat es schon einmal als den einzigen Fehler seines ersten Jahres im Amt bezeichnet, dass er die Bildungsministerin gegen die schwarze LehrerInnengewerkschaft im Regen stehen hat lassen.

Nix mit Weihnachtsfrieden: Jetzt wäre es Zeit, die Samthandschuhe auszuziehen und der niederösterreichischen Bauernbagage Saures zu geben. Und 2013 braucht es eine Regierung ohne die ÖVP. Sonst wird das Bildungsdesaster in diesem Land zu einer neverending story. Und wer davon profitiert, wissen wir ja.