der landeshauptmannforscher

„Wirtschaftlich holte man vom Kleingeschäft bis zum Großprojekt Mehrwert ins Land. Ob es um Universitäten, Fachhochschluen und Forschungsstätten von Krems bis Gugging ging, um den Schwechater Flughafenausbau samt Verbindungsautobahnen, um Kulturfestspiele in Grafenegg und Skirennen am Semmering oder Sonstiges.“ Das schreibt Peter Filzmaier, der normalerweise kurze Sätze liebt, in der Niederösterreich-Länder’analyse‘ seines Buchs „Der Zug der Lemminge“ und wird gleich selber einer. Nämlich einer, der sich in Erwin Prölls Föderalisten-Parade einreiht. Pröll sei neben Michael Häupl der einzige „volksnahe Intellektuelle“ in der österreichischen Politik. Dass der niederösterreichische Landeshauptmann stolz darauf sein soll, in seinem ganzen Leben nur ein einziges Buch, nämlich Karl Mays „Schatz im Silbersee“ zu Ende gelesen zu haben, hat Filzmaier wohl vergessen. Er lehrt nämlich an eben jener sogenannten Forschungsstätte in Krems. Pecunia non olet.

Teil zwei des immer noch nicht lesenswerten Buchs wirft aber auch Fragen auf und gibt eigenartige Antworten auf nie gestellte Fragen: „Ob die Steiermark beleidigt ist, wenn einem Politikwissenschaftler als erste Assoziation zu ihr das Wort Kommunist einfällt“, fragt sich der Politologe. Der wissenschaftliche Raum sei demokratiepolitisch nicht besser als Kärnten, das zeige die Audimax-Besetzung. Wer an einergroßteils privat finanzierten Einrichtung forscht und lehrt, hat auch kein Problem mit dem Niedergang der öffentlich finanzierten Unis.

Filzmaier hat aber auch wissenschaftliche Vorreiterqualitäten bewiesen, weiß er doch, dass es in Österreich 750.000 homosexuelle Menschen gibt. So genau hat das bisher noch niemand gezählt. Seine Empfehlung für die Ausrichtung der Grünen für die nächsten Jahre klingt auch nach einem Tipp aus Radlbrunn: Man solle die alten Hüte Frauen und Umwelt lassen und sich auf ein höheres Pensionsalter stürzen, weil die PensionistInnen sowieso nur zu 3% grün wählen. Ein etwas mechanisches Verständnis von Politik, muss ich schon sagen. Und noch einer der Sätze, den man nicht unbedingt gelesen haben muss: „“Armloch“ als konsequente Bezeichnung für einen Mitbewerber etwa könnte im Wahlkampf genial sein, weil nicht klagbar und vage an etwas anderes erinnernd.“ Danke, das reicht vorerst.

Und dann die Überraschung zum Schluss: Filzmaiers 10 abschließende Vorschläge lesen sich, als hätte sie jemand anderer geschrieben. Politik müsse optimistischer und besser werden, die Tabus Geld und Sex müssten in der Politik gebrochen werden, Arbeit im Alter müsse gesellschaftliche Anerkennung bekommen. MigrantInnen soll man in die Feuerwehr und die lokalen Vereine einbinden, direktdemokratische Elemente stärken, Parteienfinanzierung transparent machen, unabhängige Medien durch einen Umbau der Medienförderung stärken, Themen statt Wahlkampfstils diskutieren und die Staatsgewalten außer Frage stellen. Das macht nicht alles wieder gut, was davor an Halblustigkeiten und an Unsinnigkeiten zum Besten gegeben wird. Aber es macht Hoffnung, dass Filzmaier das Analysieren lässt bei seinen Leisten bleibt: nämlich beim Thematisieren demokratiepolitischer Notwendigkeiten. Dann kann er von mir aus auch von Prölls Gnaden forschen.

achtung, lemminge oder: kein lesetipp

Da haben die deutschen Bekannten aber gestaunt, als der letzte Bundeskanzler des Landes und der prominenteste TV-Politologe sich im gesteckt vollen Kinosaal gegenübersaßen, um einleitende Worte zum Film „The return of the war room“ zu sprechen. Denn die beiden haben sich verhalten, wie Profis, sondern wie zwei alte Haberer, die sich für ein Plauscherl treffen und davon schwärmen, als alles noch schöner war. Als noch nicht der eine von seiner Partei und der andere eine Zeit lang von der ORF-Führung aus dem Fernsehen hinausgeschmissen worden war. Der Plausch war antiaufklärerisch im besten Sinn: Gusi konnte minutenlang davon schwadronieren, dass ihn im Frühjahr 2008 die Ablöse durch Faymann nicht gestört habe, weil er eh besseres zu tun gehabt habe, als Wahl zu kämpfen: Nämlich Europa zu retten mit einem Paket, dass er quasi im Alleingang mit Schröder geschnürt habe. Der war zwar damals schon weg – aber das ist dem Politologen an Gusis Seite nicht weiter aufgefallen. Man kann ja nicht alles wissen.

Und jetzt hat Filzmaier ein Buch geschrieben, eine Anleitung zum Österreich retten, sozusagen. „Der Zug der Lemminge“ heißt das Werk. Ich sag’s gleich: Ich hab mich noch nicht fertig durchgekämpft. Aber zur Halbzeit kann ich mit Gewissheit sagen: Finger weg davon. Denn was der Politologe als Analyse ankündigt, als ein Heranwagen an „gesellschaftliche Problemfelder“, ist zum größten Teil Nabelschau üblicher Filzmaier’scher Halblustigkeiten kombiniert mit den üblich invaliden Umfragedaten befreundeter Meinungsforschungsinstitute.

Im Ernst: Wenn die Analyse der politischen Beliebigkeit und der Offenheit nach ganz rechts nicht viel mehr bietet, als Passagen wie „Wenn ich heute mit 50 oder 60 Personen Bus oder Bahn gefahren bin und überlebt habe, darf ich mir gratulieren. Nein, es geht nicht um Verkehrsunfälle oder den Körpergeruch im Wageninneren als große Gefahr. Aus statistischer Sicht war ich auf engstem Raum mit fünf bis sechs Möchtegern-Mördern.“ Ich mein Körpergeruch, what the fuck? Oder wenn sich das Web 2.0 „vor allem für Blockwartnaturen“ eignet und dem Politologen als einzig zitables Beispiel für seine Nutzung http://www.rottenneighbor.com einfällt, was soll das? Oder Feminismus: „Hierzulande leben tausende Männer, welche das weibliche Geschlecht am allerliebsten an der heimischen Kochstelle verorten. Vorzugsweise nackt.“ Das ist weder deutsch, noch witzig.

Der Herr, der gefordert hat, Schafherden in den Grazer Stadtpark zu treiben, damit sich die Ausländer nicht an Mädchen vergehen, war nicht irgendein „Mitstreiter“ von Susanne Winter, sondern ihr Sohn. Ulrike Ypsilanti heißt übrigens Andrea Ypsilanti. Aber bei dem sonstigen Sermon ist das auch schon wurscht. Warum mich das so ärgert? Weil es eigentlich gut ist, wenn  PolitkwissenschafterInnen ihre Meinung nicht an der Eingangstür zu den Unis abgeben. Und weil es eine doppelt vertane Chance ist, wenn der prominenteste Vertreter des Fachs sich erstens als Politiker-Haberer und zweitens als schlamperter Recherchierer und als schlechter Analytiker herausstellt, der sich nicht merkbar vom Niveau der herrschenden politischen Verhältnisse abhebt.