a place to be

„NY is not a place to stay or a place to come from, it’s a place to be“, sagt Annie im Macri Point, einer billigen In-Bar im Stadtteil Williamsburg. „Nobody comes from here – the few New Yorkers whose families have been living here for generations are either very very poor or very very rich – you won’t meet them in a bar.“

Annie sagt auch „I’m Irish“, obwohl sie noch nie in Irland gewesen ist und in absehbarer Zeit auch nicht dorthin reisen wird können – 30.000 Dollar Schulden hat sie nach zwei Studienjahren an einem angesagten Mode-College. Aber Annies Mutter ist aus Irland in die USA gezogen, hat einen Deutschen geheiratet, sich scheiden lassen, ist in einen anderen Bundesstaat gezogen. Gelebt hat Annie in Wisconsin, in New Mexico, in North Carolina und jetzt in NYC, also in allen Ecken der Staaten. Annie ist mit Yulia da, deren Mutter Ukrainierin ist und einen Amerikaner geheiratet hat, nachdem sie schwanger wurde und ihrer ungeborenen Tochter mehr Chancen als in der UdSSR der späten 80er-Jahre geben wollte. Sie hat ihren Mann im Internet kennengelernt und ist in die USA gezogen.

‚Joe’s Shanghai‘ ist ein gut geratetes Chinarestaurant in Chinatown. Dort sitzen wir an einem großen Tisch. Die anderen fünf, mit denen wir uns – das ist hier offenbar so – innerhalb kürzester Zeit unterhalten: Eine aus Marokko stammende Mittdreißigerin und ein Pärchen mit Tochter und deren Freund. Das Pärchen stellt sich als Chinesin und als deutschstämmiger Jude heraus, seine Mutter konnte 1936 in die Staaten flüchten. Ihre Tochter hat weniger asiatische Gesichtszüge als ihre Mutter, dürfte also einen nicht-asiatischen Vater haben – ob es der deutschstämmige Jude ist, finden wir nicht heraus. Der Freund der Tochter, der sich mit Stäbchen-Essen redlich abmüht, hat lateinamerikanische Wurzeln, aber eine sehr helle Hautfarbe. Wir schließen, dass auch er Elternteile aus verschiedenen Kulturkreisen hat. Sollte das junge Pärchen einmal Kinder haben, werden ihre Großeltern aus vier verschiedenen Kulturkreisen kommen – aber alle haben in New York einen Platz zum Bleiben gefunden.

Und dann ist da noch die in den USA geborene, indischstämmige Mitbewohnerin von unserem Gastgeber. Ihr Papa IT-Ingenieur, ihre Mutter ‚technically educated‘, von Delhi nach L.A. in den 80er-Jahren. Sie stellt uns am ersten Abend einen afroamerikanischen Freund vor, der halb im Scherz über ’spanish niggers‘ lästert und Barack Obama einen Heuchler schimpft (aber davon mehr beim nächsten Mal). Malcoms Vater lebt in North Carolina, er selbst ist wegen der Musik in die Hauptstadt gekommen.

Wir haben in knapp 80 Stunden in NY die ganze jüngere Einwanderungsgeschichte dieser Stadt und dieses Landes getroffen. Sie haben aus den unterschiedlichsten Gründen ihrer Heimat den Rücken gekehrt, sind Kriegs- und Wirtschaftsflüchtlinge, die Visa-Ehen arrangiert und Identitäten getauscht haben. New York City ist für sie alle der ‚place to be‘ geworden.

wer hat etwas davon?

Ihr habt ein Integrations-Staatssekretariat eingerichtet. Ihr habt von mehr Sensibilität in der Asyl-Frage gesprochen. Ihr habt das Wort „Leistung“ als neuen Leitbegriff ausgesucht. Ihr habt euren neuen Staatssekretär dutzende Male betonen lassen, dass die deutsche Sprache der Schlüssel zur Integration und Voraussetzung für die Einwanderung ist. Ihr habt mehr Zuwanderung von qualifizierten Menschen gefordert. Ihr habt verlangt, dass MigrantInnen arbeiten gehen. Ihr habt unendlich oft wiederholt, dass Recht Recht bleiben müsse.

Lamin Jaiteh hat sich mit 16 aus Gambia über das Massengrab Mittelmeer bis in die Tiroler Berge durchgeschlagen. Lamin Jaiteh hat in vier Jahren ausgezeichnet deutsch gelernt – besser, als die meisten ZuwandererInnen erster Generation, von denen ihr nur ihre Arbeitskraft wolltet. Lamin Jaiteh ist begabt in einem Bereich, in dem nicht viele Menschen begabt sind: in der Kunst. Er darf sofort in einem Atelier arbeiten, wenn ihr ihn bleiben lasst. Lamin Jaiteh hat Tirol in den letzten vier Jahren zu seiner Heimat gemacht. Das war den Behörden aber egal, für das Ansuchen um humanitäres Bleiberecht habt ihr auf Grundlage seines Integrations-Stands von 2007 festgemacht.

An ihren Taten sollt ihr sie messen: Am Montag entscheiden die BeamtInnen im Innenministerium über zwei Dinge: Erstens, über die Glaubwürdigkeit des sensibleren Kurses der ÖVP in der Asylpolitik und im Umgang mit bedrohten Menschen. Und zweitens – das ist momentan oberste Priorität: Darüber, ob es diese Republik sich leisten kann, Menschen wie Lamin Jaiteh ihrem Schicksal zu überlassen und den Kopf vor den Problemen auf der Welt in den Sand zu stecken.

Wenn ihr Lamin Jaiteh in die Schubhaft steckt, in den Flieger zerrt und ihn zurück nach Gambia zwingt, hat diese Geschichte nur VerliererInnen. Cui bono? Wer hat etwas davon?

Hier geht’s zur Petition für alle, die eine halbe Minute opfern wollen, um sich für Lamins Bleiberecht stark zu machen.

dum spiro, spero

Ernennungen setzen mitunter spannende demokratische Prozesse in Gang. Und zwar noch viel mehr, wenn die Person, die das Vorschlagsrecht hat, nicht das Recht auf eine Abberufung des oder der Ernannten hat. So ist das auch bei MinisterInnen in Österreich. Vorgeschlagen vom Bundeskanzler und ernannt vom Bundespräsidenten, kann den Wissenschaftsminister nur das Parlament abwählen. Damit bekommt Karlheinz Töchterle enormen Spielraum. Denn gleichzeitig müssen MinisterInnen auch allen Gesetzen, die die Regierung vorschlägt, zustimmen. Wenn sie im MinisterInnenrat ihr Veto einlegen, muss die Gesetzesvorlage zurück an den Start.

Karlheinz Töchterle hat die Chance, ein Exempel zu statuieren. Er kann die ÖVP vor die Wahl stellen. Das nächste Fremdenrechtspaket kommt bestimmt. Und es wird unter dieser Regierung kein humaneres sein, als das Aktuelle. Dann hat Töchterles große Stunde geschlagen. Sein Veto hätte weitreichende Konsequenzen für das Gesetz und auch für die politische Kultur in diesem Land. Dann müsste die ÖVP entweder im Parlament ihren eigenen Minister, den sie eben noch als liberales Feigenblatt vorgeschoben hat, abwählen und sich endgültig als das deklarieren, was sie längst ist: Eine Rechtspartei. Oder akzeptieren, dass ein Humanist, der Töchterle ist, auch einmal lästig für eine Partei sein kann, die ihm Verantwortung überträgt.

„Ich verspreche und gelobe, mein Wissen und Können in sozialer Verantwortung zu nutzen, zum Abbau von Vorurteilen beizutragen und mich um eine Kultur der geistigen Freiheit und Toleranz zu bemühen“ – das haben tausende Innsbrucker Studierende ihrem Rektor Töchterle und seinen VertreterInnen in den letzten Jahren bei ihrem Abschluss auf die Insignien der Universität geschworen. Ich bin gespannt, wie es der Rektor selbst mit der Kultur der geistigen Freiheit und Toleranz hält, wenn Kinder eingesperrt werden sollen. Dum spiro, spero.

wer geil sagt, muss auch geil sein

Ich kenne 50 Menschen persönlich, die bessere IntegrationsstaatssekretärInnen abgeben würden, als Sebastian Kurz, den die ÖVP ausgesucht hat. Der eignet sich ungefähr so gut für sein neues Amt, wie Ernst Strasser als Antikorruptions-Ombudsmann oder wie Muammar Al-Gadaffi als Vorsitzender des UNO-Menschenrechtsbeirats (Vorsicht ihr AufschreierInnen, der war das wirklich mal). Warum also Kurz? Weil er die Jungen verstehe, sagt der neue Vizekanzler.

Wenn nur SchülerInnen und StudentInnen Politik für Junge, wenn nur PensionistInnen Politik für Alte, wenn nur berufstätige Menschen Politik für ArbeitnehmerInnen, wenn nur Uni-Profs die Wissenschaftspolitik und wenn nur ÄrztInnen die Gesundheitspolitik machen könnten, dann wäre unsere repräsentative Demokratie definitiv das falsche Instrument zum Interessensausgleich. Dann müssten wir doch wieder den Haider-Freund Gaddafi fragen, ob er uns nicht ein paar Puffn günstig leasen könnte.

Es sind im Wesentlichen drei Gründe, warum es mich erschüttert, dass Kurz Integrationsstaatssekretär geworden ist – und warum ich hoffe, dass er es auch nur kurz bleibt:

1.)Dafür kann die Volkspartei ausnahmsweise nichts: Es ist erschütternd, dass die ÖVP ein Amt erfindet, das die SPÖ schon vor 35 Jahren in der Alleinregierung einführen und nie mehr abschaffen hätte sollen.

2.)Kurz mag laut Pass 24 sein – geistig ist er in etwa so modern, wie mein Uropa es gewesen sein mag. Ich denke an den Wunsch, das besetzte Audimax polizeilich zu räumen. Ich denke an die Forderung, in Moscheen möge nur mehr auf deutsch gepredigt werden. Und ich denke an nietenbestiefelte Tussis, die sich an seiner Seite auf einem Hummer räkeln dürfen, während er besoffen „geil“ in die Kamera ventiliert.

3.)Wir haben in diesem Land zehntausende PädagogInnen, SozialarbeiterInnen und Ehrenamtliche, die Jahr und Tag nichts anderes tun, als den interkulturellen Austausch fördern. Die ÖVP selbst hatte eine türkischstämmige Wiener Gemeinderätin, Sirvan Ekici, die vor der letzten Wahl geschasst wurde. Die Auswahl eines Integrationsstaatssekretärs, dessen interkulturelle Erfahrungen sich auf einen kurzen USA-Aufenthalt beschränken, spricht Bände darüber, wie seriös die ÖVP das Thema behandeln will.

Es gibt aber auch einen Grund, der nicht zählt: Man kann sich nicht gleichzeitig immer über die überaltete Politik beschweren und dann aufschreien, wenn Junge zum Zug kommen. Das Problem an Kurz ist nicht, dass er 24 ist. Sondern dass er reaktionär, antimodern, sexistisch und im jetzigen Aufgabengebiet völlig unbewandert und schlicht und einfach überhaupt nicht geil ist.

evviva silvio

Natürlich wollte das der irrste Regierungschef Europas nicht. Aber trotzdem: Indem die Regierung Berlusconi den 20.000 nordafrikanischen Flüchtlingen, die in den letzten Tagen auf italienischem Territorium gelandet sind, TouristInnenvisa mit Reiseberechtigung in der ganzen EU ausstellt, kippt sie die EU-Asylpolitik. Die beruht darauf, dass die nord- und mitteleuropäischen Länder sich an den Mittelmeer-Anrainerstaaten abputzen: Sie dürfen alle Flüchtlinge, die es tatsächlich bis nördlich des Brenners schaffen, in jenes Land zurückbringen, in dem sie als erstes in Europa eingereist sind. Und nachdem man ohne Visum kein Flugzeug nach Mitteleuropa besteigen kann heißt das für Italien, für Griechenland, für Malta und für Spanien: Viel Spaß mit den Flüchtlingen. Wir sauberen Mittel- und NordeuropäerInnen müssen uns kaum die Hände schmutzig machen. Überraschung ist die neueste Entwicklung übrigens keine.

Noch zynischer ist nur die Haltung der deutschen und der österreichischen Regierung, was die aktuelle Debatte über die 20.000 Flüchtlinge betrifft. Der deutsche CSU-Innenminister Friedrich will keine Flüchtlinge aus Lampedusa, Italiens Aufnahmekapazität sei noch lange nicht ausgeschöpft. Nicht besser in Österreich: Zuerst hat Bundeskanzler Faymann die Revolution in Ägypten begrüßt, Mubarak habe auf die Stimme des Volkes gehört und der Umsturz sei ein Beitrag zur Demokratisierung. Noch vor 2 Wochen hat Maria Fekter gesagt, 5.000 bis 6.000 libysche Flüchtlinge in Österreich aufzunehmen, sei kein Problem. Jetzt macht die rechte Innenministerin die Grenzen dicht, will das Schengen-Abkommen, ein Herzstück der Europäischen Union, außer Kraft setzen. Von den 5.000 bis 6.000 lybischen Flüchtlingen, die Österreich aufnehmen könne, ist auf einmal keine Rede mehr. Dabei wäre von so einer hohen Zahl gar keine Rede: Wenn man die 20.000 Flüchtlinge der letzten Tage auf 27 EU-Staaten aufteilt, wären es weniger als 800 pro Land. Also zum Beispiel 75 Menschen in Tirol.

Der österreichische Boulevard applaudiert einmal mehr der Innenministerin und hetzt gegen Italien und gegen die Europäische Union. Dabei hat Berlusconi den versammelten EU-InnenministerInnen heute nolens volens die Maske heruntergerissen. Die Europäische Union kann nämlich nichts dafür, dass in den Regierungen der Nationalstaaten das Florianiprinzip Baugesetz der Realverfassungen ist. Sollen die in Südeuropa sich mit den Menschen herumschlagen, die wir vor 8 Wochen mit Chips und Bier vor dem Fernseher noch als tapfere junge HeldInnen gefeiert haben. Sollen sie verrecken im Massengrab Mittelmeer oder unter menschenunwürdigen Bedingungen dahinvegetieren in den völlig überfüllten südeuropäischen Flüchtlingslagern. Diese Haltung ist jene der InnenministerInnen der EU-Mitgliedsstaaten. Sie hat mit einer Europäischen Wertegemeinschaft, deren große Erzählung jene von Frieden, von Bewegungs- und von Gewaltfreiheit ist, überhaupt nichts zu tun.

die islamistische bedrohung mitten in innstanbul

Ein Spaziergang durch die Innsbrucker Innenstadt. Ich hab sie endlich gefunden, die islamistische Bedrohung. So viele Kopftücher wie noch nie in dieser Stadt auf einem Haufen, ungeniert, in aller Öffentlichkeit. Sie stellen ihre Religion offen zur Schau. Eine Machtdemonstration des politischen Islam. Die Fundamentalistinnen mit kleinem i, ihrer eigenen Unterdrückung nicht gewahr, bedrohen unsere Wertordnung. Nicht mehr nur in Favoriten, im Neustadtviertel, in Gries, in Lehen und im Olympischen Dorf, nein: Sie sind mitten in der Tiroler Landeshauptstadt angekommen. Dort, wo die TouristInnen sich im christlichen Europa wähnen, wimmelt es geradezu vor Kopftüchern. Und von Frauen, darunter, versteckt.

Es ist kurz nach 18 Uhr, die Geschäftslokale haben gerade geschlossen. Es brennt noch Licht: Denn irgendwer muss ihn ja wegmachen, den Dreck, den die Laufkundschaft in den frequentierten Modehäusern, Unterwäschegeschäften und Multimedia-Ketten gemacht hat. Es sind die Kopftuch-Jobs. Man könnte glauben, hier gilt der Slogan „willst du ein Geschäft hier putzen, musst du nur ein Kopftuch nutzen.“ Sie mögen Slavica, Leyla und Merve heißen, die Frauen, die dafür sorgen, dass die Läden um 8 Uhr in der Früh wieder aussehen, wie am Vortag um 8 Uhr in der Früh. Das Dienstleistungs-Proletariat, das sich mit Putz-Jobs durchs Leben schlägt, kommt aus der zweiten EinwandererInnen-Generation. Es ist einer dieser Jobs, für die man die deutsche Sprache nicht sprechen können muss. Es ist einer dieser Jobs, die ganz unten auf der sozialen Skala stehen, was Anerkennung betrifft: Wenig Geld, keine Aufstiegsmöglichkeiten. Putzen kann ja eh jede Trottelin, der es nicht zu blöd ist.

Das Stiegenhaus in meinem Miethaus putzt eine Frau, die älter aussieht, als meine Oma. Die ist 91. Die bosnische Serbin in meinem Stiegenhaus ist erst 62. Schmerzhaft sieht es aus, wenn sie sich zum Stufen wischen bückt. Ich hab sie gefragt, ob ihr das nicht schwerfällt, ob sie keine Arbeit machen kann, die ihren Körper nicht noch weiter schindet, als er offensichtlich schon geschunden ist. Sie hat keine Ausbildung, sie ist zu alt, hat sie geantwortet. Und ihr Mann ist krank, sie muss seine Medikamente bezahlen. Gepflegt wird der kranke Mann von der Schwiegertochter, während die Frau in meinem Stiegenhaus putzen geht. Die Geschichte der Frau wird sich also wiederholen, wird um ein Eck vererbt. Sie hat „nur“ zwei Putzjobs. Viele andere haben drei, vier oder mehr, erklärt sie mir. Auch sie trägt ein Kopftuch – Berufsuniform, sozusagen. Da packt mich dann doch die Wut über den herrschenden Diskurs über MigrantInnen in diesem Land. Die Kopftuch-Frauen wahren die Illusion, dass in diesem Land alles sauber ist. Und dafür, dass sie unseren Dreck zu Schandlöhnen wegmachen, dürfen sie sich dann auch noch beschimpfen lassen: Als Sozialschmarotzerinnen, als Unintegrierbare, als Nichtemanzipierte. Das wird ihnen nicht gerecht. Es ist eine Schande.

willkommen auf den national befreiten tribünen

Ich hab nicht schlecht gestaunt, als ich letztens Urs Imboden Slalom fahren gesehen habe. Er trug ein Trikot, das ich noch nie gesehen hab. Im Ziel war klar: Auch der ehemalige Schweizer Rennläufer ist einer der Sportler, die im Express-Verfahren eine neue Staatsbürgerschaft bekommen hat und geht für Moldawien an den Start. In Österreich war das zuletzt im Herbst beim Triathleten Thomas Springer so. Der Eishockey-Profi Darcy Werenka durfte am gleichen Tag, an dem der Ministerrat seine Einbürgerung beschloss, für das österreichische Eishockey-Team auflaufen. Anna Netrebko und den Kneissl-Scheich Al-Jaber haben wir mit Handkuss genommen.

Beim Rapid-10er Steffen Hofmann hat die FIFA vor der Einbürgerung klar gemacht, dass er trotzdem nicht für Österreichs Nationalteam spielen dürfe. Dafür ging’s bei Ivica Vastic auf einmal schnell mit der Staatsbürgerschaft, nachdem er den Durchbruch bei Sturm Graz geschafft hatte. Wenn wir was von den „Ausländern“ brauchen, dann können sie gar nicht so schnell schauen, wie wir sie einbürgern.

Am 6. September spielt Österreich in der Qualifikation für die Fußball-Euro in Wien gegen die Türkei. Das Nationalteam wird bis dahin schon raus sein aus dem Kampf um die Qualifikationsplätze, es wird um Platz drei in der Gruppe gehen. Wenn überhaupt. Das hindert den ÖFB aber nicht daran, sich eine besonders lustige Regelung einfallen zu lassen: Das Happel-Stadion wird am 6. September zur national befreiten Zone. Tickets gibt’s vom ÖFB nämlich nur für österreichische StaatsbürgerInnen.

Ich kann mich noch gut erinnern, als deutsche Fans die türkische Nationalmannschaft im Berliner Olympiastadion mit tausenden Aldi-Sackerln empfingen. In Österreich müssen die rechten Fans ihre Verachtung für das türkische Team gar nicht mit zivilem Rassismus zum Ausdruck bringen. Bei uns ist der Rassismus nämlich staatlich organisiert. Die national befreiten Tribünen sind ein schönes Symbol dafür, wohin diese Republik im dritten Jahrtausend treibt.

Helfen wird dagegen nur ziviler Ungehorsam: Ich bin schon gespannt, ob jemand mit türkischer, deutscher, schweizer oder was auch immer für einer nicht-österreichischen StaatsbürgerInnenschaft ein Ticket bestellt. Die Ablehnung aufgrund der StaatsbürgerInnenschaft würd ich mir schwarz auf weiß geben lassen und dem EuGH zukommen lassen. Eine klare Diskriminierung aufgrund der Herkunft geht ja gar nicht. Und ich muss noch einmal an Kadri Evcet Tezcan erinnern: Der hatte nämlich, schlicht und einfach, recht.

ich hab’s meiner oma erzählt

„Ich hab’s meiner Oma erzählt und die hat versprochen, es all ihren Freundinnen zu erzählen.“ Der Student schaut mich überzeugt an. Ich versuche, ihm zu folgen. Die rundum stehen, schauen ihn ein bißchen schräg an. Eine junge Frau verdreht die Augen. Aber es glänzt in den Augen des Erzählers, er ist begeistert. Dabei studiert er gar nicht das Gleiche, wie die meisten hier. Der Informatiker geht nur auf die gleiche Uni. In einer gemeinsamen Pause hat ihm eine Sozialarbeiterin von einem Fall erzählt. Wobei man Fall gar nicht sagen dürfe, schließlich gehe es um Menschen. Das hat er seiner Oma auch erzählt. Auf die nächste Demo geht sie mit. Wenn’s nicht so kalt ist, weil das machen ihre Gelenke nicht mit.

Es ist eine der Geschichten, die Hoffnung macht, die ich erzählen will. Vor eineinhalb Jahren ist die Debatte über Asyl in Tirol so gut wie vorbei. Drei Asylwerber überfallen und vergewaltigen eine junge Frau. Wenn der Stab erst gebrochen ist, gehen die Opfer rassistischer Vorurteile zu den Behörden, bis sie brechen. Die letzten Einrichtungen, die noch Flüchtlinge beraten, sperren zu. Vorrang für den Stammtisch, die Menschen und ihre Rechte werden zur Verschubmasse. Öffentliche Gelder gestrichen, der von den Medien der Moser Holding lancierte Diskurs über die sogenannte Marokkaner-Szene trägt das Seine dazu bei. Die grausige Straftat von drei Männern kostet ein paar tausend Menschen ihre letzte professionelle Unterstützung. Dachten sie. Denn dann kommt eine Gruppe junger StudentInnen. JuristInnen, PolitologInnen und vor allem SozialarbeiterInnen. Sie sperren kurzerhand ihre eigene Einrichtung auf. Beraten auf eigene Faust, lernen sich ein, schließen sich mit kirchlich finanzierten Stellen kurz. Betreiben Lobbying bei der Evangelischen Diakonie. Heute bekommen sie von deren Flüchtlingsdienst zusätzlich zu den Räumlichkeiten zumindest ein bißchen Geld. Private SpenderInnen helfen über die Runden, teilweise mit vierstelligen Summen.

Der Jugendbetreuer am Podium redet sich die Seele aus dem Leib. Er will den 300, die zur Diskussion gekommen sind, die Lebenrealität der AsylwerberInnen näher bringen. Viele kennen die Situation, sie haben schon vier Wochen davor in einer kalten Dezembernacht für das Bleiberecht demonstriert. 700 waren dort im Innsbrucker Frost, zwischen Punsch- und Ramschständen sah die Landeshauptstadt die größte Kundgebung seit dem Burschenschafterkommers im Sommer 2009. Lange haben die OrganisatorInnen die Diskussion geplant. Die StudentInnen haben diskutiert, ob sie PolitikerInnen am Podium haben wollen. Ob sie den Polizeichef einladen, der sich als Rauhbein einen Namen gemacht hat. Ob das nicht zu einer politischen Schlammschlacht werden würde. Ob eine lösungsorientierte Diskussion mit PolitikerInnen möglich sein würde.

Der Abend zeigt: Sie haben richtig entschieden. Ein Caritas-Mitarbeiter steht auf. Er wirft sich für den jugendlichen Flüchtling am Podium ins Zeug, der zu Beginn in Österreich mit Drogen gedealt hat. Der 18jährige ist jetzt ein Aussteiger aus dem Drogensumpf. Er ist heraußen aus dem Asylverfahren, hat verloren. In sein Herkunftsland Marokko darf er trotzdem nicht zurück. Der König will ihn nicht haben. Er ist illegalisiert in Österreich, aber nicht zur Ausreise berechtigt. Über 8.300 Euro haben die Verwaltungsstrafen wegen illegalen Aufenthalts in den letzten zwei Jahren gekostet. Es sind die Spenden, die ihn über die Runden bringen in dieser absurden Welt, die keine Regelung für ihn vorgesehen hat. Wenn der Caritas-Mitarbeiter von christlich redet, rümpfen einige im Publikum die Nase. Aber nur einige Wenige. Eine Studentin am Podium sucht ökonomische Gründe für mehr Einwanderung. Es holpert ein bißchen in ihrer Argumentation. Einige rümpfen die Nase.

Der ÖVP-Politiker auf dem Podium hat den Saal gegen sich, wenn er in herkömmlichen Mustern über die Marokkaner als Ganze urteilt. Aber er erntet viel Kopfnicken, als er für ein Recht auf Arbeit für AsylwerberInnen eintritt. Eine ältere Frau steht auf, erzählt die Geschichte ihres Schützlings, der ebenfalls Flüchtling ist. Ihre Sprache ist einfach, sie kennt sich nicht aus in den Untiefen der Fremdengesetzgebung. Einige rümpfen die Nase. Der Landesrat spricht große Worte. Einige im Asylbereich Tätige rümpfen die Nase – sie kennen die Versprechungen. Eine Stadträtin steht auf und will wissen, was die Politik aus Sicht der ExpertInnen tun könnte. Noch eine Stadträtin: Sie ruft zu zivilem Ungehorsam und zu kreativen Lösungen auf. Mit dem Vizebürgermeister am Podium ist fast die halbe Regierungsriege der Landeshauptstadt im Saal. Weit hinten sitzt der für das Flüchtlingswesen zuständige Landesbeamte und schreibt fleißig mit. Er protokolliert nicht, er lernt. Vor zwei Jahren, bei seinem Vorgänger, gab es wochenlange Wartefristen auf einen Termin. An diesem Tag sitzen sämtliche politisch Verantwortliche im Raum.

Ich treffe eine Nachbarin von vor gefühlten 15 Jahren. Ihre Tochter ist gerade 19 geworden. Die Nachbarin hat früher immer über die Ausländerkinder geschimpft, wegen der ihre Kinder nicht mehr g’scheit deutsch lernen. Warum sie hier ist, will ich wissen. Ihre Tochter hatte einen Freund, der Asylwerber ist. Hatte, denn er hat ihre Tochter verlassen. Aber es geht ums Prinzip, sagt sie. Die „Asylanten“ haben ein Gesicht und eine Geschichte bekommen in ihrem Leben. Es ist keine homogene Gruppe, die sich da trifft. Es sind WeltverbessererInnen und verbitterte ZynikerInnen, engagierte ChristInnen, SozialarbeiterInnen, KommunistInnen und AntikommunistInnen, FreiberuflerInnen und BeamtInnen, Junge und sehr Alte. Und es sind viele Menschen, in deren Leben zufällig jemand getreten ist, der fremd ist in diesem Land. Das Wichtigste aber ist: Es sind viele. Zu viele, um von der Politik überhört zu werden. Hinter den 300 stehen hunderte FreundInnen, Bekannte, ArbeitskollegInnen und Familienmitglieder. Sie kennen die Geschichten von AsylwerberInnen, die nicht in der Zeitung stehen.

„Und weißt du, was das beste daran ist?“, fragt mich der Student. Ich schau ihn ein bißchen abwesend an. Sein Exkurs zwischen Paragraphen, Verordnungen und Weisungen ist vorbei. Themenwechsel angesagt. „Sie werden nicht mehr so viel Lügen verbreiten, wenn sie mit älteren Menschen reden.“ Er meint alle, die mit Stimmungmache gegen Fremde auf Stimmenfang gehen. „Sie werden nicht mehr so reden.“ Mein ratloser Blick verrät ihm, dass ich noch immer nicht verstanden habe. „Ihr Gegenüber könnte meine Oma sein.“