ein sicherer platz auf der welt oder: neunter november

Es klingt zynisch, aber es ist so. Heute vor 72 Jahren ist Lostag für Westeuropas Jüdinnen und Juden. Wer noch fliehen kann, flieht nach den Ereignissen des 9. November 1938 und der Folgetage. Es sind die Tage, an dem auch allen bis dahin von Blindheit geschlagenen klar wird, dass die systematische Vertreibung und Ermordung das Ziel des nationalsozialistischen Regimes ist. Auschwitz wird noch nicht gebaut. Aber nach der Pogromnacht, der Ermordung hunderter Menschen, der Zerstörung von 1.400 Synagogen und von vielen tausend Geschäften, ist klar, wohin die Hitlerei will. Der Tod wird ein Meister aus Deutschland.

Auschwitz fängt nicht am Stacheldrahtzaun an. Auschwitz fängt da an, wo systematische verbale Gewalt nicht als Vorstufe zur tatsächlichen Gewalt erkannt wird. Auschwitz fängt da an, wo weite Teile der Bevölkerung massive Übergriffe gegen Minderheiten hinnehmen. Auschwitz fängt da an, wo Menschen die Hand aufhalten, wenn es um arisiertes Vermögen oder um arisierte Wohnungen geht. Die Pogromnacht ist die letzte Eskalationsstufe vor der Vernichtung. Die Vernichtung ist die Geburtsstunde Israels.

Die Jüdinnen und Juden wollten jahrhundertelang keinen eigenen, keinen ethnisch-religiösen Staat. Die Idee kommt erst 1100 Jahre nach der Judenverfolgung in Spanien, 800 Jahre nach der Ermordung von 12.000 Jüdinnen und Juden am Rhein im Rahmen des 1. Kreuzzugs auf. Herzls Vision sorgt erst 600 Jahre, nachdem Eduard I 16.000 Jüdinnen und Juden aus England ausweisen lässt, für Furore. 500 Jahre vor der Idee eines jüdischen Staats entsteht in Venedig das erste Ghetto, 300 Jahre davor lässt der Papst alle hebräischen Bücher verbrennen.

Es ist die jahrhundertelange Verfolgung und Vertreibung, Berufsverbot und Unterdrückung. Es sind die Nürnberger Rassengesetze, es ist die Pogromnacht und schließlich Auschwitz, das den Jüdinnen und Juden auf die grausamste Art klar macht: Es gibt für sie keinen sicheren Platz auf der Welt, außer ihren eigenen Staat. Und den bekommen sie nach den schrecklichsten 10 Jahren der Geschichte dieser Religion.

Deshalb sollten wir die Ohren spitzen, wenn heute jemand die Jüdinnen und Juden vor der Erdoberfläche tilgen will. Wenn die antisemitische Propaganda sich hinter arabischen Kindern versteckt. Und wenn Israel gleichgesetzt wird mit denen, die auf die grausamste aller erdenklichen Arten zu seiner Gründung beigetragen haben. Daran muss man ganz besonders an diesem neunten November denken, an dem 1938 die Vernichtung in Sichtweite ist. Wir Nachgeborene sind zwar nicht verantwortlich für all das Schreckliche, was damals passiert ist. Aber dafür, dass es nie wieder passiert.

Werbeanzeigen

menschenrechtsgewinnler

Er saß im Aufsichtsrat einer schwedischen Kapitalgesellschaft, deren Portfolio zu 90% aus Gazprom-Aktion bestand. Er besaß sogar einen Anteil an diesem Unternehmen, das dem Erfolg von Putins Flaggschiff auf Gedeih und Verderben ausgeliefert war. Für den schwedischen Öl-Riesen Lundin saß er 9 Jahre im Aufsichtsrat. Für dieses Unternehmen traf der spätere Außenminister hohe sudanesische Regierungsvertreter – Vertreter einer der schlimmsten Diktaturen weltweit, mit der Ölkonzerne wie Lundin, Petronas oder die österreichische OMV laut einem Bündnis von 50 Menschenrechtsorganisationen kooperiert haben und für deren großflächige Menschenrechtsverletzungen, die zwischen 1997 und 2003 12.000 SudanesInnen ihr Leben kostete, die Ölkonzerne mitverantwortlich sein sollen.

Der gleiche Lobbyist in eigener Sache wird zum Menschenrechtsgewinnler, wenn es um Israel geht. Schwedens Außenminister Carl Bildt fordert eine „starke Reaktion der EU“ auf die militärische Aktion der Israelischen Armee gegen die Gaza-Schiffe der türkischen Hamas-Freunde. Er fährt nach Istanbul, um die Hamas-Freunde von der „Mavi Marmara“ nach der Rückkehr zu empfangen und ihnen seine Unterstützung zu versichern. Carl Bildt schweigt dagegen, wenn es um einen Artikel in Schwedens auflagestarken “Aftonbladet“ geht, das israelischen Soldaten ohne Beweise Handel mit den Organen getöteter Palästinenser vorwirft. Anstatt über Antisemitismus wollte das antisemitischste Land Europas (40% bekennen sich zu antisemitischen Stereotypen) angesichts des Hetz-Artikels über Pressefreiheit diskutieren. Im März 2009 musste ein Davis-Cup-Match zwischen Israel und Schweden in Malmö auf Anweisung des Bürgermeisters vor leeren Tribünen stattfinden, weil angesichts antisemitischer Drohungen die Sicherheit nicht gewährleistet werden konnte. 5.000 DemonstrantInnen hatten am Vortag des Ausschluss Israels aus dem Davis Cup gefordert.

Shimon Peres saß 48 Jahre lang im israelischen Parlament, er ist der aktuelle Präsident des Judenstaats. Er gilt als der Mastermind hinter dem Osloer Friedensprozess von 1992, den PLO-Chef Arafat torpedierte. In einem heute erschienenen Interview im „Standard“ schlägt Peres eine andere Betrachtungsweise des Gaza-Konflikts vor. „Die Blockade hätte in fünf Minuten beendet werden können, wenn die Machthaber in Gaza gesagt hätten: Wir wollen Frieden, wir anerkennen Israel, wir sind gegen Terror. Das ist alles. Sie könnten das ganze Problem lösen, wenn Gaza sich verhielte wie die West Bank – dasselbe palästinensische Volk, dieselbe israelische Regierung.“ Unfehlbar ist Shimon Peres freilich nicht. Aber der Lobbyist und Menschenrechtsgewinnler aus Schweden könnte noch Einiges vom 86-jährigen lernen.