mutter. oder schauspielerin. oder tierärztin

Kennen Sie Sarina? Die Kleine lacht im Moment in Farbe aus vielen Zeitungen. Bedankt sich bei ihren Pflichtschul-LehrerInnen. Sie wollte nämlich wie ihre Mama werden. UND Schauspielerin. UND Tierärztin. Dann hat ist sie in eine Tiroler Schule gekommen. Jetzt will sie wie ihre Mama werden. ODER Schauspielerin. ODER Tierärztin. Denn sie ist Teil einer Werbekampagne der Tiroler Landesregierung. Und dort haben Beruf und Familie im Leben einer Frau nebeneinander offenbar keinen Platz.

Das ist aber nicht das erste Mal, dass eine Inseratkampagne des Landes ordentlich daneben geht. Die Letzte war wegen der Finanzierung und wegen ihrer Sujets umstritten. Denn auf denen waren „entscheidende“ Männer und „behütende“ Frauen in Gemeinden zu sehen. Damals hieß es von der Landesrätin, man wolle nur die Realität abbilden. Aber solche sündteuren Kampagnen auf Kosten der SteuerzahlerInnen schaffen auch Realitäten. Das dürften die Werbeprofis in den Diensten des Landes eigentlich wissen. Was erzählte eine deutsche Journalistin der ZIB nach einem Auftritt von Angela Merkel vor SchülerInnen? Ihre 6-jährige Tochter habe gefragt, ob in Deutschland auch Männer Bundeskanzlerin werden können. Na eben.

Wegen 14.500 Euro hat das Land im Frühjahr fünf feministische Einrichtungen geschlossen. 14.500 Euro kosten alleine vier Anzeigen in der Größe der heutigen Einschaltung in der Tiroler Tageszeitung. Und wir können davon ausgehen, dass die Sujets öfter und in mehreren Medien geschalten werden. Ich hab nichts dagegen, das ramponierte Image der LehrerInnen aufzupolieren. Aber bitte nicht mit sündteuren Werbekampagnen, sondern mit bildungspolitischen Offensiven. Und erst recht nicht mit einer kleinen Sarina, die nach dem Besuch einer Tiroler Schule ihre Karrierepläne aufgibt, um sich voll ihrer Mutterschaft zu widmen.

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nix gegen ein bißchen tschimmbumm

Ich habe in den letzten Tagen etliche Diskussionen über den heutigen Festumzug geführt. Führen müssen, besser gesagt, denn kein Festumzug… eh schon wissen. Von einer gewissen Ergriffenheit und einem starken Identitätsgefühl berichten Jüngere und Ältere, reden von einem netten Nachmittag und einem schönen musikalischen Erlebnis. Wenn man nicht meint, seine Identität sei nur mit einer nationalen oder regionalen Zugehörigkeit vollständig, kann man das immernoch Spaß und Folkore nennen. Warum also die Aufregung, warum der Protest? Warum lassen wir als ‚Heimatlose‘ betitelte die Heimatverbundenen nicht einfach in Ruhe durch die Stadt ziehen?

1.) Ohne Marie ka Party 2 Mio. Euro hat der Spaß heute gekostet. Die Innsbrucker Sozialwäscherei und die Rechtsberatung für AsylwerberInnen haben zuletzt wegen jeweils weniger tausend Euro zugesperrt. Das Wacker-Frauenteam hat 50.000 Euro weniger als im Vorjahr und stand kurz davor, den äußerst erfolgreichen Spielbetrieb deswegen einstellen zu müssen. Das Autonome Frauen-Lesben-Zentrum hat wegen 7.000 Euro zu Kreuze kriechen müssen. Nächstes Jahr kommt der Hammer: 30 Mio. Euro weniger für Kultur und Soziales. Da fehlt mir einfach jede Sympathie für ein ‚identitätsstiftendes Festl‘ um 2 Mio. Euro, wenn der Sozialbereich gleichzeitig fast vor die Hunde geht.

2.) Who the fuck is Andreas Hofer? Der inoffizielle Landesheilige, dem auch durchaus aufgeklärte Stars wie Tobias Moretti oder Felix Mitterer huldigen, ist kein Freiheitskämpfer. Er ist ein frühneuzeitlicher Warlord. Ja, Hofer wollte die Tiroler ‚Eigenständigkeit‘, er hat die sogenannten Feinde, v.a. die Franzosen, bekämpft. Aber das war eine Eigenständigkeit, in der er Frauen eingeschnürte Kleidung befohlen, Juden aus der Stadt verjagt und das von den Bayern bereits eingeführte Steuerwesen wieder abgeschafft hat. Das war die Eigenständigkeit einer selbsternannten Elite auf Kosten der breiten Bevölkerung, auch der Innsbrucker BürgerInnen, die den Hofer gar nicht wollten. Besonders aufgeklärt ist das nicht, vielmehr die etwas harmlosere Variante eines Taliban.

3.) Applaus für eh alle. Musikvereine, friedliche Trachtengruppen, ein paar hundert alte besoffene Schützen, die niemandem mehr etwas zu Leide tun? Nicht nur. Da waren deutschnationale Burschenschaften, die andauernd knapp am Verbotsgesetz vorbeischrammen oder manchmal eben auch nicht. Da waren Sängervereine, die dem Deutschtum in ihren Liedern huldigten. Da waren Terroristenverbände, die sich als Opfer darstellen durften. Da waren, man glaubt es kaum, die ‚Monarchisten‘, die die Wiedervereinigung Tirols in einem neuen Kaiserreich wollen. Was sie alle gemeinsam haben? Die Leute am Straßenrand und auf den Tribünen haben applaudiert, die meisten aus naheliegendem Unwissen. Was zum Teufel haben diese Verrückten auf einem offiziellen Landesumzug zu suchen? Wie komm ich dazu, Kellernazis ihre Sonntagsjause mit meinen Steuern zahlen zu müssen?

Also von meiner Seite: Nichts für Ungut an all jene, die für ihren Gefühlshaushalt ein bißchen tschimmbumm-trara brauchen. Aber an die Veranstalter, das Land Tirol: Das ist eben nicht nur ein bißchen Folklore. Dass der vielleicht reaktionärste aller Tiroler der Landesheld ist, für dessen Verehrung man 2 Mio. Euro raushaut und nebenbei den rechtesten aller Rechten eine Bühne gibt, ist zum schämen. Zum Glück verbindet mich mit diesem Land nur mein Wohnsitz.