warum die grünen in innsbruck gewinnen

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Foto: Jan Hetfleisch

Wir haben’s am Wahlabend schon gewusst: So bürgerlich ist diese Stadt nicht, so studentisch ist diese Stadt nicht, dass jede/r Vierte quasi als milieubedingte Unmutsäußerung grün wählt. Da ist ein bißchen mehr passiert in den letzten Jahren, dass die Grünen in Innsbruck einen Homerun landen und 2013 bei beiden Wahlen – bei der Landtagswahl und bei der Nationalratswahl stärkste Partei sind, zuletzt mit 24,2% der Stimmen. Dank der exzellenten Daten des Statistik-Amts der Stadt Innsbruck kann man einen ganz speziellen Blick in die Wahlergebnisse werfen.

Die These war: In Innsbruck regieren die Grünen mit, machen gute Arbeit und punkten deshalb auch in Gegenden, in denen Grüne normalerweise kaum einen Fuß auf den Boden bringen. Gute Politik, die BürgerInnen beteiligt und gleichzeitig transparent macht, warum das wo nicht geht und welche übergeordneten Interessen dagegen sprechen, im Sinne Betroffener zu entscheiden, ist auch resistenter gegen die rechten PopulistInnen. Die Tiroler Grünen haben bei der Nationalratswahl 2013 am meisten Stimmen von der FPÖ dazugewonnen: Das sagen die Zahlen von Erich Neuwirth. Er sagt, dass 60,5% der Grün-Stimmen von 2013 von den Grünen 2008 kommen, 14,3% der Stimmen von der FPÖ, 11,4% der Stimmen von letztmaligen NichtwählerInnen, 8,8% vom Liberalen Forum und 5% von der SPÖ.

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Zahlen sind dehnbar, aber was wir etwa über das Wahlverhalten in Innsbrucker Stadtbezirken wissen, legt nahe, dass die statistische Beobachtung Neuwirths stimmt. Die Innsbrucker Stadtbezirke werden von den StatistikerInnen des Stadtamts in 7 Wohngebiets-Typen unterteilt: 

  1. studentisches Mittelschicht-Stadtzentrum
  2. Industrie- und Gewerbegebiet
  3. akademische Hanglagen
  4. statushohe Bobo-Gegenden
  5. sozialen Wohnbau mit hoher Dichte
  6. in Wohngebiet „einfacher Leute“ mit niedrigem formellen Bildungsgrad und in die
  7. klassische Wohlhabenden-Gegend.

Vereinfacht gesagt gibt es 4 grün-affine Statustypen (1, 3, 4 und 7) und 3 weniger grün-affine Wohngegenden (2, 5 und 6). Netto sind die Grünen natürlich auch in den vier klassischen Grün-Gegenden stärker, als in den drei anderen. Aber im Saldo haben die Grünen in folgenden Gebieten bei der Nationalratswahl 2013 am stärksten dazugewonnen:

+29,8% in sozialen Wohnbau mit hoher Dichte (absolut: 11,4% Grün-Stimmen)

+25,3% im Wohngebiet „einfacher Leute“ (19,3%)

+23% im Industrie- und Gewerbegebiet (13,7%)

+20,3% in statushohen Bobo-Gegenden (24,1%)

+19,5% im studentischen Stadtzentrum (31,2%)

+16,8% in der Wohlhabenden-Gegend (29%) 

+12,9% in akademischen Hanglagen (23,2%)

Diese Tendenz wachsender grüner Stimmenanteile nicht klassisch grün-affinen Gegenden unterstreicht auch das Wahlverhalten in Parteihochburgen: Das Statistik-Amt der Stadt Innsbruck wählt dafür 10 Hochburgen je Partei aus und schaut sich die Ergebnisse der Parteien in diesen Hochburgen aus. Die Grünen Stimm-Gewinne in den Hochburgen der Parteien: ÖVP-Hochburgen: +3,8%, SPÖ-Hochburgen: +4,5%, FPÖ-Hochburgen: +4,8%, Grüne Hochburgen: +5,6%

Warum verliert die FPÖ in Innsbruck Stimmen, während die Grünen kontinuierlich stärker werden? Ich glaube, das hat auch etwas mit der erfolgreichen Integrationsarbeit zu tun. Die Stadt Innsbruck bietet wöchentlich in verschiedenen Stadtteilen gemeinsame Spaziergänge für MigrantInnen und sogenannte Einheimische an. Die Stadt veranstaltet jedes Jahr ein dreitägiges, gut besuchtes Fest der Vielfalt, bei dem Multikulti im Mittelpunkt steht. Die Stadt vergibt seit 5 Jahren einen Preis der Kulturen für besonders hervorhebenswerte interkulturelle Arbeit. Es gibt einen äußerst lebendigen interreligiösen Dialog, den vor allem die christlich-muslimische Dialoggruppe pflegt, die u.a. einen eigenen Stadtplan herausgibt. Und nicht zuletzt gibt es ein buntes Umfeld vom Integrationsbüro der Stadt Innsbruck über die Integrationsstelle bis zu zahlreichen Initiativen, die Brücken zwischen den Kulturen schlagen. Kebab neben Gröstl – bei Stadtteilfesten ist es selbstverständlich, dass neben traditionellen Tiroler Essens-Standeln auch Küche aus aller Welt angeboten wird.

Klingt alles sehr soft und vermutlich gibt es ähnliche Projekte in anderen Städten auch. Die Umfrage „Meine Stadt, meine Meinung“ der Landeshauptstadt vom Jänner diesen Jahres zeigt aber auf jeden Fall ein deutlich positives Bild von Multikulti und Vielfalt, das auch mit den beschriebenen Aktivitäten zu tun haben dürfte: 77,5% der 500 Befragten empfinden die Vielfalt in Innsbruck als „große Bereicherung“, 17,9% stimmen dem weniger zu, nur 4,6% sehen das ganz anders. Sechs von zehn InnsbruckerInnen finden, dass Integrationsbemühungen von Seiten der sog. Einheimischen und der Zugewanderten ausgehen müssen, 25% sehen die Bringschuld bei MigrantInnen. Mir liegen keine Vergleichswerte vor. Aber ich halte diese deutlich mehrheitliche positive Stimmung gegenüber Multikulti in Innsbruck für einen der ausschlaggebenden Gründe für die stärke der Grünen in der Tiroler Landeshauptstadt.

Und noch einen nicht zu vernachlässigenden Grund gibt es: Die Innsbrucker ÖVP ist seit 1994 gespalten. Und die Bürgermeisterinnenpartei „Für Innsbruck“ deklariert sich deutlich gegen eine Kooperation mit den Rechten. Dass eine liberale ÖVP-Liste sich deutlich zu aktiver Multikulturalität bekennt und keine Spielchen mit der FPÖ spielt, macht einen großen Unterschied in der politischen Kultur einer Stadt. Beleg: Dieses Inserat im Gemeinderatswahlkampf 2012. 

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Ein Gedanke zu „warum die grünen in innsbruck gewinnen

  1. wobei ich jetz die Frage spannend find, welche real existierenden Gegenden in welche Kategorie einsortiert wurden. Einfach weil ich halt ein neugieriger Mensch bin.

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