hinter den kulissen eines wahltags

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In 120 Stunden werden sich im Grünen Büro in Innsbruck wieder ein paar Zahlen-Junkies treffen, die es nicht mehr bis zu den ersten Hochrechnungen im Fernsehen aushalten. Die warten dann mit der Maus ständig auf dem „Aktualisieren“-Button darauf, dass die ersten Wahlergebnisse aus Gemeinden hereinkommen, die schon früh ihre Wahllokale zusperren und deshalb auch schon früh ausgezählt sind. Das ist nicht nur bei den Grünen, sondern bei allen Parteien so. Interessant ist dabei für die Zahlen-Junkies nie das absolute Ergebnis der bereits ausgezählten Stimmen. Auch kommenden Sonntag nachmittag wird die ÖVP bei den bereits ausgezählten Stimmen in Führung liegen, bevor die Ergebnisse aus Wien, Graz und Linz ausgezählt sein werden. Das ist auch immer der größte Aufreger: Wenn irgendwo im Büro ein ausgezählter Zettel herumliegt, in dem die Grünen nach 58 ausgezählten Landgemeinden bei 3,7% liegen und wenn den Zettel jemand in die Hände bekommt, der oder die nicht so bewandert mit dem Modalitäten des Wahltags ist.

Wenn es laut wird. Was dagegen schon relevant ist, sind die Plusse und Minusse vor und hinter den Gemeinde-Ergebnissen. Dabei kann eine einzelne Gemeinde immer ein Ausreißer sein, weil die Bürgermeisterin mit dem Landeshauptmann über Kreuz liegt, gerade eine große Familie auf Urlaub ist oder die Gemeindefeuerwehr mit der Bezirksfeuerwehr und die mit der Landesfeuerwehr streitet. Aber wenn von 20 beliebigen kleinen Gemeinden im Vergleich zur letzten Wahl 18 ein Minus vor dem Ergebnis einer Partei stehen haben, kann man sich ziemlich sicher sein, dass bei dieser Partei auch am Ende des Abends im Gesamtergebnis ein Minus stehen wird. Diese gefühlte Methode der Annäherung an ein wahrscheinliches Szenario verwenden auch die Meinungsforschungsinstitute für ihre Hochrechnungen. Nur, dass die ausgezählte Gemeinden auf unendlich komplizierte und streng geheime Art und Weise mit statistischen Erfahrungswerten und historischen Daten kombinieren mit unveröffentlichten Umfragedaten kombinieren, die in den letzten Tagen vor der Wahl gesammelt werden. (Die dienen ausschließlich der Motivforschung, wie mir eine Mitarbeiterin eines Meinungsforschungsinstituts sagt.) Was da um 16, um 17 oder um 18 Uhr über die Fernsehschirme flimmert, ist eine Annäherung an das echte Ergebnis auf der Grundlage der bereits ausgezählten Gemeinden und auf Grundlage der Umfragen der Tage vor der Wahl.

Von wegen Entspannung. Am späten Nachmittag, während in großen Gemeinden noch BürgerInnen wählen, wissen die Parteien schon relativ genau, wie die Wahlen ausgehen werden. Deswegen gibt es einen relativ klaren Indikator für das Wahlergebnis einer Partei: Ist es in den Büros leise, geht es schlecht aus. Kommen laufend gute Ergebnisse herein, herrscht aufgeregtes fröhliches Treiben. Die SpitzenfunktionärInnen bekommen im Laufe des frühen Nachmittags, während sie vermeintlich immer mit ihren Familien spazieren gehen, mit ihren Kindern am Spielplatz sind, auf ihren Lieblingsberg wandern oder den Stall ausmisten, Informationen aus ihren Parteizentralen. Das macht auch Sinn, damit sie sich darauf vorbereiten können, wie sie den Wahlausgang kommentieren, wenn sie unmittelbar nach den TV-Hochrechnungen vor die Kameras treten müssen. Da sind nämlich spontane emotionale Ausbrüche eher Fehl am Platz: Mit dem ersten Interview beginnen nämlich die Koalitionsverhandlungen. Davor sprechen die ParteichefInnen mit ihren ParteikollegInnen, mit anderen EntscheidungsträgerInnen und BeraterInnen darüber, wie sie im Sinne der Partei (und nicht nur in ihrem eigenen) das Ergebnis kommentieren sollen.

Offene Fragen. Medien haben immer Interesse daran, gegen Ende des Wahlkampfs eine Zuspitzung zustande zu bringen. Irgend etwas Spannendes finden Sie immer: Schließlich wollen sie ja auch ihre Zeitungen verkaufen oder viele WählerInnen dazu bringen, ihre Fernsehgeräte einzuschalten. Nächsten Sonntag gibt es aber tatsächlich einige große Unbekannte, die bis spät in die Nacht für Spannung sorgen wird. Und dabei geht es fast um die Kleinen:

  • Fällt die große Koalition? Wenn das BZÖ und die Neos den Einzug in den Nationalrat schaffen, wird es schwierig für eine Mehrheit der Kanzler- und der Vizekanzlerpartei. Dann brauchen sie nämlich annähernd 50% der Stimmen, die sie in den letzten Umfragen nicht geschafft haben. Kommen die Kleinen nicht rein, sind 6-8% der Stimmen nicht relevant für die Mandatsvergabe. Und das heißt, dass rot und schwarz gemeinsam nur 46-47% der Stimmen brauchen, um mehr als die Hälfte der Mandate zu bekommen.
  • Schaffen es BZÖ und Neos? Beides ist momentan fraglich. Ob das BZÖ eine Chance hat, wird früher im Laufe des Wahltags vorherzusagen sein – denn hier ist das Kärntner Ergebnis relevanter, als das Wiener Ergebnis. Was die Neos betrifft, wird man auf die ersten Sprengel aus schicken Wiener Westbezirken warten müssen. Hier hat das LIF seine stärksten Ergebnisse eingefahren, hier liegen die Hoffnungen von Hans Peter Haselsteiner und Co. Allerdings fürchten sich die Kleinen vor dem Fallbeil-Effekt – also davor, dass WählerInnen Angst davor haben, ihre Stimme einer Partei zu geben, deren Einzug fraglich ist. Und das ist nach dem Scheitern von FDP und AfD im nördlichen Nachbarland begründet.
  • Wer wird Zweiter? Wird die ÖVP Dritte, so wie es einige nicht veröffentlichte Umfragen der letzten Tage nahelegen, werden der alte Pröll und seine Landeshauptmann-Kollegen nicht lange fackeln. Dann wird die Partei groß umgebaut und muss wieder zurück an den Start des Perspektivenprozesses und einer Liberalisierung der Partei.
  • Wird Stronach das Zünglein an der Waage? Kommen BZÖ und Neos nicht rein, dürfte das Team Stronach eine Mehrheit von Rot-Grün und Schwarz-Blau verhindern. Verlöre gleichzeitig auch die große Koalition ihre Mehrheit (was in diesen Fall eher unwahrscheinlich ist), müsste es auf jeden Fall eine Dreierkoalition geben. Dann gäbe es eine Fülle von Varianten und damit würde eine Regierungsbildung noch im Laufe des Herbst sehr unwahrscheinlich.

In Summe wird der Wahltag also gleichermaßen spannend und schwer prognostizierbar: Für MeinungsforscherInnen, für JournalistInnen, für PolitikerInnen und für deren BeraterInnen. Ein Freund von mir hat einmal gesagt, dass Wahltage seine Champions League Finali sind. Dem ist eigentlich nichts mehr hinzuzufügen.

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