so geht zivilgesellschaft

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Nuran Ekingen und Katharina Lang von der Plattform Rechtsberatung                                                 (Foto: Christian Niederwolfsgruber)

Ich war einige Male dabei, als Asyl-BeraterInnen ihren KlientInnen ohne gemeinsame Sprache versucht haben, die Verfahrensschritte durchzubesprechen. Mit Händen und Füßen ist da teilweise erklärt worden, was im Zynismus des österreichischen Fremdenrechts oft unerklärlich bleibt. Das sind Situationen, in denen die Flüchtlinge unter großem Druck stehen. Es geht in allen Fällen um eine drohende zwangsweise Ausweisung, in vielen um die bloße Existenz, in manchen um das Leben der Klientinnen und Klienten. Es gibt zu wenig BeraterInnen, weil die öffentliche Hand die Flüchtlingsberatung heruntergewirtschaftet hat. Dieses Herunterwirtschaften ist aber nicht passiert, es ist gemacht worden: Von willfährigen Mitte-PolitikerInnen, die nicht verstanden haben, dass sie die Rechten stärken, wenn sie ihnen nachgeben. Und von verantwortungslosen JournalistInnen, deren Texte sich nicht von FPÖ-Plakaten unterscheiden.

Autonomie wahren. Diese Beratungs-Situationen, in denen die gemeinsame Sprache fehlt, sind Vertrauenssache. Es braucht enormes Vertrauen der Flüchtlinge zu ihren BeraterInnen, die sie in den meisten Fällen erst vor kurzem kennengelernt haben. Sprachbarrieren sind in dieser prekären Situation kaum überwindbar. Wer schon einmal eine Beziehung mit einem Menschen mit einer anderen Muttersprache geführt hat, weiß, zu welchen Missverständnissen Sprachnuancen führen können. Wer schon einmal im Ausland einen Meldezettel beantragt hat oder im Urlaub von der Polizei aufgehalten wurde, kennt das unangenehme Gefühl, Behörden sprachlich unterlegen zu sein. Wer in Österreich in einem Asylverfahren steht, braucht die wesentlichen Informationen in seiner/ihrer Muttersprache. Nur dann können eigene Entscheidungen getroffen werden, nur dann bleiben Menschen auch als Flüchtlinge Subjekte.

„Du spinnst ja“. Innsbruck wäre nicht Innsbruck, wenn es nicht engagierte BeraterInnen gäbe, die sich gemeinsam mit Flüchtlingen dieses Problems annehmen. Und so hat die Plattform Rechtsberatung 330 Minuten Video in sechs Sprachen mit hunderten gezeichneten Bildern produziert, das in jeweils einfacher Sprache das neunstufige Verfahren erklärt. Über 250 Interessierte haben sich am Dienstag im Haus der Begegnung am Innsbrucker Rennweg die Präsentation angeschaut. Der Videowegweiser durch das Asylrecht ist ein wahnsinnig aufwändiges Projekt geworden. „Du spinnst ja“, habe sie immer wieder gehört, als sie von der Idee erzählt habe, sagt Initiatiorin Katharina Lang bei der Präsentation: Zeichnungen, Schnitt, Ton, Sprachen, Storyboard und immer wieder die juristische Abklärung, ob die Vereinfachungen in den Texten den Ablauf des Asylverfahrens trotzdem präzise und korrekt darstellen. Es ist ein Projekt, das eine österreichische Behörde niemals machen würde. Und wenn doch, dann würde es drei Jahre dauern und hunderttausende Euro kosten, die in die Hände einer Werbeagentur gingen.

Rückblende. Vor zweieinhalb Jahren gab es die letzte große Projektpräsentation der Innsbrucker FlüchtlingsberaterInnen der Evangelischen Diakonie in Kooperation mit dem Studiengang „Soziale Arbeit“ der Innsbrucker FH. Es war der gleiche Saal im Haus der Begegnung, er war gleich voll bis vor die Türen hinaus. Aber es waren andere Leute, die letzte Woche bei der Präsentation des Video-Wegweisers waren: Ich habe wenige Gesichter wieder erkannt. Das hat mich anfänglich irritiert. Aber eigentlich ist es erfreulich dass es heute andere Leute sind, die sich bei solchen Veranstaltungen für Flüchtlingsanliegen engagieren und für Asylpolitik interessieren. Die vielen Engagierten, die vor zweieinhalb Jahren da waren und diese Woche gefehlt haben, werden sich nach wie vor für Flüchtlingsanliegen engagieren – nur halt an einem anderen Ort oder in einer anderen Einrichtung. Sie arbeiten in Flüchtlingsheimen, in Jugendzentren, beim Roten Kreuz und als JournalistInnen.

Neuer Mut. Ich hab mich mit einer Angestellten eines Flüchtlingsheims am Land unterhalten – sie hat davon erzählt, dass sie von den engagierten RechtsberaterInnen mitgerissen worden ist. Dass sie immer schon gefunden hat, dass ihre Schützlinge unter schwierigen Bedingungen leben. Aber sie hat den Anstoß der RechtsberaterInnen gebraucht, um von der unzufriedenen, empathischen Verwalterin zur politischen Aktivistin zu werden, die es jetzt auch als ihre Aufgabe sieht, sich öffentlich einzubringen, wenn wieder einmal gegen AsylwerberInnen gehetzt wird. Das tut sie und es erfüllt sie mit großer Zufriedenheit, hat sie mir gesagt.

Es ist ein kleiner Marsch durch die Institutionen, die die RechtsberaterInnen vor vier Jahren begonnen haben, als sie ehrenamtlich die Aufgaben der gestrichenen staatlichen Flüchtlingsberatung übernommen haben. Das Besondere daran ist, dass sie ihre Schützlinge nicht nur nicht gehen lassen wollen, sondern dass sie sie mitnehmen, einbinden und ihre Autonomie fördern. Und dass sie es schaffen, den Menschen in den Institutionen wieder Mut zu machen, für ihre Sache einzustehen und Veränderungen in der Politik einzufordern.

Zivilgesellschaft ist ein viel missbrauchtes Wort geworden. Aber die Form der politischen Arbeit, die ich bei Katharina Lang, Ralf Niederhammer und ihren KollegInnen kennengelernt habe, ist bürgerlich im besten, im französischen Sinn des Wortes: Die RechtsberaterInnen sind Citoyens. Und dafür haben sie ein lautes „Chapeau“ verdient.

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