35 liberale hochburgen und ein märchen

Bildschirmfoto 2013-05-16 um 13.25.46Da, wo es Seen, Einfamilienhäuser und Latte Macchiato gibt, sind besonders viele Liberale. Das gilt für Grüne genauso. Deshalb ist die einfache Rechnung, die in den Medien dieser Tage aufgestellt wird: Wenn Liberale wieder ernsthaft bei einer Nationalratswahl antreten, so wie das die „Neos“ gemeinsam mit dem „Liberalen Forum“ im Herbst planen, werden die bei den Grünen knabbern.

Fact Check. Ich hab in die Zahlen geschaut: Auf der Karte sind 35 liberale Hochburgen von der Nationalratswahl 1995 eingezeichnet (namentliche Anführung der Gemeinden unten). 1995 war die einzige Wahl, bei der das LIF mit 5,5% bundesweit vor den Grünen (4,8%) lag. Wohlgemerkt: Das sind nicht die 35 stärksten LIF-Gemeinden, sondern die jeweils stärksten in den Bundesländern. Damit ist ein Blick über den Wiener Tellerrand gewährleistet.

Die Wahlforschung hat 1999 beim Absturz des LIF eine deutliche Einschätzung abgegeben. Sowohl das SORA-Institut, als auch der Statistiker Erich Neuwirth konstatierten mit verschiedenen Methoden eine massive Wanderung vom LIF zu den Grünen.

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SORA-Wählerstromanalyse 1999

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Wählerstromanalyse 1999 von Erich Neuwirth

Diesem Befund widerspreche ich gar nicht: Es macht auch Sinn, dass WählerInnen Ende der 1990er-Jahre zwischen den als stärkste Opposition zur wachsenden FPÖ wahrgenommenen Parteien wandern. Der starke WählerInnenaustausch zwischen Grün und LIF ist allerdings – das ergibt zumindest meine Berechnung – nicht exklusiv und nicht dauerhaft. Ich hab die 35 liberalen Hochburgen 13 Jahre nach dem besten LIF-Ergebnis untersucht: bei der letzten Nationalratswahl 2008.

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Lesehilfe: Die Grünen haben 2008 in LIF-Hochburgen 2,23 Mal so viele Stimmen bekommen, wie 1995.

Die Grünen haben ihren bundesweiten Stimmenanteil von 1995 bis 2008 mehr als verdoppelt – der genaue Faktor ist 2,16. In den 35 LIF-Hochburgen haben die Grünen 2008 genau 2,23 Mal so viele Stimmen geholt, wie 1995. Der Unterschied ist mit freiem Auge kaum sichtbar: Ob eine Gemeinde eine LIF-Hochburg war, ist für den Erfolg der Grünen unermesslich. Bei der ÖVP ist der Unterschied größer. Sie hat dort, wo das LIF stark war in den 13 Jahren zwischen der Nationalratswahl 1995 und 2008 noch mehr verloren, als bundesweit.

Wichtige Schlussbemerkung. In jeder dieser Gemeinden mag es eigene, regionalspezifische Gründe geben, warum ehemalige LIF-WählerInnen da oder dort hin gewechselt sind. Die Gemeinden sind nicht repräsentativ für die Bevölkerungszahlen nach Bundesländern. Aber das große Bild anhand dieser 35 Hochburgen ist deutlich: Das LIF und seine Nachfolgepartei „Neos“ sind kommunizierende Gefäße in mehrere Richtungen. Es wird vom Programm der neuen Gruppierung abhängen, wer sich vor ihnen in Acht nehmen muss.

Die ausgewerteten Gemeinden: Eisenstadt, Bad Sauerbrunn, Globasnitz, Feistritz/Bleiburg, Sele, Maria Anzbach, Tulln, Eichgraben, Gießhübel, Hinterbrühl, Maria Enzersdorf, Wilhering, Ried, Puchenau, Mondsee, Seewalchen, Fuschl, Henndorf, Salzburg, Graz, Hart bei Graz, Stattegg, Gleisdorf, Thal, Innsbruck, Natters, Sistrans, Sautens, Bregenz, Schwarzach, Hard, Röthis, Mariahilf, Neubau, Josefstadt – hier ist das File, wenn jemand nachrechnen mag. 

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4 Gedanken zu „35 liberale hochburgen und ein märchen

  1. Es gibt noch eine andere Interpretation oder Theorie, was die stärksten LIF Gemeinden betrifft (zumindest für Oberösterreich): Gemeinden wie Ried oder Seewalchen haben traditionell einen hohen Anteil an FPÖ WählerInnen. Eine Nebeneffekt der Abspaltung von der FPÖ kann die Mitnahme des liberalen Flügels sein (oder die, die sich dafür gehalten haben bzw. mit Haider nicht zufrieden waren). Dies würde dann nicht mit den GrünwählerInnen korrespondieren.

  2. So sehr neue, ernsthaft agierende Parteien der politischen Landschaft in Österreich gut tun: Fürchten wird sich niemand müssen, Neos wird es zwar ins Parlament schaffen, aber deutlich mehr wird nicht zu holen sein, man hat m.E. mit der liberalen Ausrichtung einen schweren strategischen Fehler gemacht (unbenommen davon, dass man seine Prinzipien natürlich vertreten soll; aber auch da habe ich meine Zweifel, was den Liberalismus, aber nicht Freiheit an sich, betrifft).

    • Ich habe weder meinen Zweifel, was den Liberalismus, noch die Freiheit betrifft, denn ich bin links liberaler Pirat und das ist meine Art. Der Staat ist zu üppig und muss beschnitten werden und die einzigen Parteien, die das sagen sind: Piraten, Neos, Stronach (in der Reihenfolge politisch von links nach rechts)
      Ich finde Österreicher zahlen zu viel Steuer, wobei ich gerne Steuern zahle für Dinge, wie Spitäler, Schulen, Universitäten, Sozial- und Arbeiztslosenversicherung, ASVG Pensionen, Pflegefonds, Infrastruktur, Kinderbetreuung, Kindergeld, Wirtschaft, Umwelt, Politik und Verwaltung inkl. Polizei, Justiz.
      Allerdings zahle ich mit höchstem Widerwillen Steuern für u.a. fürstliche Ruhegenüssen von Beamten, Kämmerern jehenseits der 3.000€, Lobbyistenverträge ohne klaren Auftrag und klare Leistung, marode Bankenrettung, €urofighter, Haartests der Polizei, Kosten für die Voratsdatenspeicherung.

  3. @Paul Aigner: Kluge und interessante Analyse – zudem ein spannender Blickwinkel! In der Tat geht es NEOS in der Partnerschaft mit dem Liberalen Forum in erster Linie um eine integere Positionierung. NEOS als politisches Startup, als Gründung von unten aus der Mitte der Gesellschaft … ohne Parteiförderung: kein leichtes Unterfangen! Normalerweise müsste sich die Partei schon drei mal gespalten haben. Hier passiert jedoch das Gegenteil: NEOS integriert Kräfte, was dem neuen Stil, Politik miteinander zu entwickeln, geschuldet sein dürfte. Allemal ein Angebot: Die Wähler_innen werden entscheiden.

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