game changer gesucht

Bildschirmfoto 2013-09-08 um 20.11.17

Franz Vranitzkys PensionistInnenbrief 1995, Wolfgang Schüssels Lüge aus dem Jahr 1999, als Dritter in Opposition zu gehen. Der Coup mit Karl-Heinz Grassers Kandidatur für die ÖVP im Jahr 2002, Alfred Gusenbauers „Reden’s kan Lavendel“ im TV-Duell mit dem bis dahin ungeschlagenen Schweigekanzler oder Werner Faymanns Fünf-Punkte-Programm gegen die Teuerung 2008. Österreichische Nationalratswahlkämpfe kennen sogenannte „game changers“: Momente, in denen die Geschichte eines Wahlkampfs umgeschrieben werden muss. Entscheidungen, durch die sich die gesamte Dynamik einer Wahl verschiebt. 2013 hat noch keinen „game changer“ erlebt. Seit den ersten belastbaren Umfragen, die Frank Stronachs Partei mit einbeziehen, gibt es keine größeren Verschiebungen. Im Wahlkampf selbst fehlen die großen Momente.

Freilich, es gibt sich verstärkende Trends: Der Wahlkampf der SPÖ ist solide und gut gemacht, hat einen klaren Fokus und verknappt auf die wesentlichen Kerngruppen-Botschaften der Sozialdemokratie. Die ÖVP strauchelt und kämpft mit sich verstärkenden schwachen Momenten – Beatrix Karls katastrophaler ZIB-Auftitt zu den Zuständen in Österreichs Gefängnissen, niedrigere Frauenpensionen, Entfesselung der Wirtschaft, das „abgesandelte“ Österreich. Die FPÖ scheint knapp unter 20% auf ihre erschreckend große KernwählerInnenschicht reduziert und hat noch keine eskalative Debatte angefacht. Die Grünen machen den professionellsten Wahlkampf ihrer Geschichte und klettern dank ihrer bestens aufgelegten Spitzenkandidatin langsam aber sicher in den Umfragewerten. Frank Stronach ist trotz Todesstrafen-Forderung wie Teflon und liegt stabil knapp unter 10%. Das BZÖ ist weg, die Neos so verzweifelt, dass sie den hochriskanten Hans-Peter Haselsteiner als letzten Aufreger in die Arena werfen müssen, PiratInnen und KPÖ spielen keine Rolle.

Was könnte ein Aufreger sein, der neue Dynamik in die letzten drei Wochen vor einer Wahl bringt?

  • Promis oder andere Personalüberraschungen: Othmar Karas soll schwarzer Europaminister werden. Hermann Maier kandidiert als Spindeleggers Mann für den Sport, die SPÖ kontert mit Mirna Jukic. Vera Russwurm wird Familienministerin. Heide Schmidt lässt sich doch noch von den Neos überzeugen. Alexander van der Bellen wird als Minister für ein Super-Bildungsressort ins Spiel gebracht. Stronach bringt Felix Baumgartner. Menschen interessieren Menschen mehr, als Programme. Delikate Personalangelegenheiten haben das Potenzial für einen „game changer“.
  • Strategische Ansagen: Die SPÖ sagt definitiv jede Dreierkoalition ab. Spindelegger schließt in der Zielgeraden doch noch eine Koalition mit der FPÖ definitiv aus. Deren Parteichef kündigt seinen Rücktritt an, wenn es weiter eine rot-schwarze Mehrheit gibt. Die Grünen schließen eine Koalition mit einer der mutmaßlich stärksten Parteien SPÖ und ÖVP aus. Gamezentriertheit macht Politik zum Wettrennen – dem zu folgen ist einfacher, als sich komplizierte Programme anzuschauen. Deswegen haben strategische Ansagen Potenzial als „game changer“.
  • Koalitionsbedingungen: „Rot-Schwarz nur mehr ohne Fekter“, „Ohne Studiengebühren gehen wir nicht mehr in eine Koalition“, „Nur mit einem FPÖ-Innenminister“, „Nur mit einer grünen Vizekanzlerin“, „Ohne Flat Tax keine Koalitionsbeteiligung“. Wer sich in einem Wahlkampf der Ausmachmanöver festlegt, macht Schlagzeilen. Ob die jeweiligen Positionen angesichts des vermutlich komplizierten Ausgangs der Wahl zu halten wären, ist allerdings fraglich und deswegen auch ihre Ansage gefährlich. Trotzdem: Hohes „game changer“ – Potenzial.

Generell gilt: Wer gut spielt, muss die Spielregeln nicht ändern. Deshalb werden rot und grün einen Teufel tun, eine der genannten Varianten ins Spiel zu bringen. Denn wer (siehe Haselsteiner) versucht, kurz vor der Wahl noch einmal einen Coup zu landen, setzt sich dem Verdacht aus, in Nöten zu sein. Und der sogenannte „bandwagon effect“ könnte sich als das wichtigste in einem so verschwommenem Wahlkampf herausstellen. WählerInnen wählen eher die Partei, der Erfolg herausgesagt wird, weil sie lieber zu den SiegerInnen als zu den VerliererInnen zählen. Insofern kann ich nur hoffen, dass die sich verfestigenden Tendenzen weiter entwickeln. Vielleicht kriegt dieses Land ja doch einmal eine Reformregierung ohne ÖVP, ohne alte Millionäre und ohne rechte Fundis.

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2 Gedanken zu „game changer gesucht

  1. Gut analysiert, aber ich habe trotzdem ein Problem: Seit wann hält sich die SPÖ an ihre eigenen Aussagen. Die geht, wenn es sein muss, sogar mit Stronach oder H. C. eine Zusammenarbeit ein.
    Um das zu verhindern ist eine starke GRÜN-Ansage gefragt. Da könnte GRÜN noch viel stärker auf das fadenscheinige Abdrehen des U-Auschusses durch SPÖ und ÖVP eingehen.

  2. Wäre es nicht vermessen eine Grün-Ansage zu machen, wenn diese keine rechnerische Chance hat? (Ich mach Scarlett Johansen auch keinen öffentlichen Heiratsantrag…)

    In Wien haben die Roten ja bewiesen, dass sie lieber mit grün zusammenarbeiten.

    Ansonsten sehr treffend argumentiert.

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