nachts im railjet

Ich höre erste lauter werdende Wortfetzen aus dem Speisewagen. Die Türe geht auf, bleibt hängen. Die Wortfetzen werden lauter. Mehrere Männer unterhalten sich mit der Speisewagen-Kellnerin. Zuerst sind sie freundlich, dann bemerken sie ihren Akzent. Ob sie aus Italien komme fragen sie die Frau. Dass sie ihnen schon gefalle und spät sei es ja auch schon. Sie fragt die Männer, ob sie noch etwas trinken wollen. Wenn sie sich auf seinen Schoß setze, bekomme sie ein gutes Trinkgeld, sagt einer der Männer. Ich stocke. Überleg mir, aufzustehen. Aber sie hat die Situation im Griff, fragt noch einmal nach weiteren Bestellungen. Die kommen nicht mehr.

Und dann geht’s los. Jedes Mal, wenn sie vorbeigeht, muss sie sich einen beleidigenden Kommentar anhören. „De Hur versteht eh ka deitsch net“ ist noch eine der harmloseren Varianten, wie die vier Betrunkenen die nüchterne Kellnerin beleidigen. Wenn sie grad nicht verbal über die junge Frau herfallen, reden sie über Politik. Die Todesstrafe finden sie zu harmlos, mit den kriminellen „Ausländern“ solle man ganz anders abfahren. Stronach finden sie beschissen, ein Hosenscheißer sei der, während Strache die Wahrheit sage. Sie steigern sich in ihren Gewaltfantasien darüber, wie mit kriminellen „Ausländern“ verfahren werden sollen im Gleichschritt mit sexualisierten, sexistischen Bemerkungen gegenüber der Kellnerin.

Irgendwann reicht’s mir: Ich steh auf und bitte die Männer, damit aufzuhören, die Frau zu beleidigen. Was das mich angehe und ob ich überhaupt ein „Doiger“ sei, fragt mich der Rädelsführer. Ich frag ihn, was das damit zu tun habe. Sonst dürfe ich mich nicht aufregen, meint der Zweitlauteste. Ob ich „ein Jud“ sei, will er wissen. Die Kellnerin habe ihm schon zwei Mal ein dreckiges Glas gebracht, rechtfertigt der Dritte die Beleidigungen. Der Vierte schweigt. Ich soll mich wieder auf meinen Platz setzen, mit mir habe keiner geredet, sagt der Wortführer wieder. Ich erkläre, dass es mich angehe, wenn andere Menschen aufgrund ihrer Nationalität und ihres Geschlechts diskriminiert werden. Wenn ich nicht sofort aufhöre, müsse er gewalttätig werden, sagt der Rädelsführer. Ein zweiter Mann steht auf und gibt mir recht, sie sollen sich zusammenreißen. Und die Jungs werden leiser.

Zwanzig Minuten später steigen die vier Männer aus. Der vierte, der Schweigsame bleibt kurz bei mir stehen. „Host eigentlich recht“, sagt er. Ich hoff, er sagt es ihnen auch.

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12 Gedanken zu „nachts im railjet

  1. Na ja, die Story juckt mich nicht besonders. Es gibt nämlich eine ganz einfache Reaktion darauf, nämlich sie schlicht und einfach als „deppert“ oder als „Dummköpfe“ zu bezeichnen. Es hat wenig Sinn mit solchen Figuren sich auf Diskussionen einzulassen, außer man will als Weltverbesserungsprediger durch die Lande ziehen.

    • Das seh ich völlig anders und mein Erlebnis von gestern zeigt, dass es doch einen Funken Hoffnung gibt, mit Argumenten zwar nicht die lauten RädelsführerInnen, aber die leisen MitläuferInnen zu erreichen. Und ohne deren Unterstützung und Zuspruch sind auch die lauten RädelsführerInnen nichts.

      • Zustimmung 🙂 (siehe unten – hatte deinen Kommentar noch gar nicht gesehen)

        Grüsse, Peter

    • Wenn du sie als „deppert“ und „Dummköpfe“ bezeichnest machst du sie noch aggressiver und bestärkst sie und ziehst entsprechend als argumentationsfauler Weltenverschlechterer durch die Lande. Und nicht selten hast eine picken oder noch mehr und das für nix.

  2. Es geht um Maß und Ziel. Keine Art von Extremismus ist gut. Weder das, was du erlebt hast, ist in Ordnung, noch, dass z.B. die Gäste des Burschenschafterballs ausgebuht, beleidigt und bespuckt werden. Think of it.

  3. Ich find’s gut, dass Sie nicht geschwiegen haben. Wäre ich die betroffene Frau gewesen, hätte mir das gut getan und mich bestärkt. Schweigen ist keine Alternative. Und die Reaktion des Ruhigen aus dieser Männerrunde zeigt auch, dass er (so vermute ich) froh war, dass Sie sich eingemischt haben.

    p.s. der Link zur denkwerkstatt lautet http://www.denkwerkstattblog.net/
    (unter ‚wen ich verfolge‘ auf Ihrem Blog falsch gesetzt) Bitte ändern!!!

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