scheibchenweise

Es gibt einen, genau einen einzigen Grund, warum die ÖVP Karlheinz Töchterle zum Wissenschaftsminister gemacht hat: Studiengebühren. Man muss sich das einmal vorstellen: In den Landes-ÖVPen streiten sich normalerweise Wirtschaftsbund, ÖAAB und Bauernbund um jedes pimpfige Gemeinderatsmandat. Jahrelang haben sich die Tiroler ÖVPlerInnen lautstark beschwert, dass Westösterreich nicht in der Bundesregierung vertreten ist. Dann kriegt die Tiroler ÖVP kurz nach dem Pröll-bedingten Remler-Intermezzo einen MinisterInnenposten. Und setzt statt eines altgedienten Parteifunktionärs einen als liberal, gebildet und weltoffen bekannten Rektor in diese Funktion.

galaterbrief, von hinten

Töchterle hat in Innsbruck abgeschaffte Studienrichtungen wieder eingeführt, einen ernsthaften Dialog mit der ÖH begonnen, die Besetzung des größten Hörsaals der Innsbrucker Uni über 2 Monate protegiert. Und dann hat er den größten Fehler seiner Laufbahn begangen: Er hat sich, ohne strategische Vorbereitung, ohne Hausmacht in der Partei und offenbar auch ohne Bedingungen in ein Ministeramt hinaufloben lassen. Und dann war’s schwupps vorbei mit einem geisteswissenschaftlichen Zugang in einer von neoliberalen ManagerInnen dominierten Hochschullandschaft. Töchterle durfte nicht einmal eine/n einzige/n eigene/n MitarbeiterIn zum Minoritenplatz mitnehmen.

ein gefundenes fressen

Die Öffentlichkeit hat Minister Töchterle ab Tag eins geliebt: Ein Experte, ein politischer Seitenwechsler, ein hochgebildeter, fließend lateinisch sprechender Talbewohner, der würde die heruntergewirtschaftete österreichische Hochschullandschaft weiterbringen. Was sie alle nicht verstanden haben: Töchterle war nie in einer politischen Organisation aktiv und er kennt die Fallstricke der Macht nicht. Der Minister ist in diesem Sinn politisch ungebildet. Töchterle mag gemeint haben, die Kraft seiner Überzeugung würde reichen, um bei der Schottermitzi neue Forschungsstellen und Lehrendenposten herauszuschlagen. Er hat sich dramatisch verrechnet.

widerstand? fehlanzeige

Geblieben ist von einem Rektor, bei dessen Wahl an der Innsbrucker Uni die Herzen von Linken und Liberalen höher schlugen, ein gelähmter Studiengebührenminister. Für deren Einführung hat ihn die ÖVP, wider jede bündische Logik der Partei, nach Wien geholt. Für diesen symbolischen Sieg über die SPÖ hat Günther Platter den Grant von schwarzen Hundertschaften im heiligen Land eingehandelt. Und langsam, ganz langsam, scheibchenweise kommen wir dem näher, was aus der Sicht der ÖVP von Anfang an Töchterles einziger Zweck war. Wo nur mehr die Jugendorganisationen gegen weitere Zugangsbeschränkungen protestieren, sind Studiengebühren nicht mehr weit. Der Probelauf hat funktioniert.

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3 Gedanken zu „scheibchenweise

  1. Es spricht für Paul Aigner, dass er Minister Töchterle für „politisch ungebildet“ hält. So viel Freundlichkeit halte ich allerdings für übertrieben. Wer Rektor einer Universität war, also zumindest in der Hochschulpolitik aktiv, kann nicht naiv sein.
    Und wer so schnell seine Meinung ändert – war der Mann nicht einmal sogar für die Gesamtschule? – , ist politisch SEHR gebildet, allerdings im Sinne österreichischer Parteipolitik. Dort lautet die Devise bekanntlich „Hände falten, Goschn halten“. Oder, wenn’s sein muss, die „Meinung“ ändern.

  2. Lieber Querschreiber!
    Glänzend formuliert, ein „fließend lateinisch sprechender Talbewohner…“, aber an Studiengebühren, v.a. als Regulativ dessen, dass jetzt Reich und Arm gleich viel, nämlich gar nix, zahlen müssen, unterstützt durch ein neues Stipendienfördersystem, das den Einkommensschwächeren wirklich hilft – an dieser Sache führt kein vernünftiger Weg vorbei. Ebenso an sinnvollen Zugangsregelungen, dort, wo es nötig ist, die die Gestrandeten, Unentschlossenen und die mit völlig falschen Erwartungen auf einen anderen, für sie besseren Weg zu schicken in der Lage sind. So etwas gibt es. Europaweit. Und es funktioniert. Zumindest allemal besser als die heillos überlaufenen Massenfächer. Dort wird nämlich kein offener Hochschulzugang (den es wegen vorheriger Selektionen auch nie gab), sondern qualitätslose Massenabspeisung betrieben. Notgedrungen.

    Aber dass Töchterle (sich selbst?) für die ÖVP zu schade ist, das ist ein anderes Thema. Er ist eben ein „Talbewohner“, ein Heimatverbundener mit all den traditionalistischen Bindungen, die an sich noch nichts Verwerfliches sind, die aber einen Konservativen ausmachen, wenn er ÖVP-naher Funktionär oder gar Minister wird. Als ehemaliger grüner Gemeinderat in Telfes teilt er allerdings Konservativismen mit vielen anderen Grünen, die aus bildungsbürgerlichen Elternhäusern und katholischen Familien kommen, vielleicht sogar mit der Mehrheit der Grünen, auch wenn wir und diese selbst das vergessen haben….

    Daddy cool!

  3. Pingback: vom ende der bildungspolitik | querg'schrieben

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