vor der zweiten debatte

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Trumps Vize Mike Pence (R-Indiana) und Clintons Vize Tim Kaine (D-Virginia)

Heute Nacht debattieren zum ersten und einzigen Mal die VizepräsidentInnenschaftskandidaten Tim Kaine (Dem) und Mike Pence (Rep) miteinander. Zeit für ein Update über den Status Quo.

1. Vorsicht: Die Prämisse, die vor allen Analysen und Prognosen zur US-Wahl stehen muss: Es stehen für Analysen nur bisherige Erfahrungen zur Verfügung. Laut bisherigen Erfahrungen hätte ein Rassist und Sexist wie Donald Trump nie die Kandidatur einer der beiden großen Parteien gewinnen können, die in einem komplizierten und sehr basisdemokratischen Prozess gewählt wird. Dementsprechend eingeschränkt ist auch die Aussagekraft von Analysen, die sich vor allem auf bereits widerlegte Erfahrungen stützen.

2. Dennoch: Donald Trump hatte vor der ersten TV-Debatte mit Hillary Clinton in allen Umfragen aufgeschlossen, nachdem er seit dem demokratischen Nominierungsparteitag im August sukzessive an Boden verloren hatte. Die TV-Debatte war dann eine klare Niederlage – aber immerhin kein Fiasko, weil seine eigenen AnhängerInnen viel echten Trump geliefert bekommen haben (‚red meat‘ sagt man ganz unvegetarisch und in Ahnlehnung an die rote Parteifarbe der Republicans). Bei den noch unentschiedenen WählerInnen haben seine Attacken gegen ein ehemalige, spanischsprachige US-Schönheitskönigin und seine selbstgefällige Bemerkung über seine Intelligenz beim Vermeiden von Steuerzahlungen aber nicht weitergeholfen. Er hat sowohl in der Färbung der Berichterstattung, als auch in den Umfragen, verloren.

3. Daten: Auch wenn wir annehmen, dass die Umfragedaten einige Unschärfen beinhalten könnten – etwa Menschen, die nicht zugeben wollen, den unbeliebten Trump oder die fast gleichermaßen unbeliebte Clinton wählen zu wollen – können wir jedenfalls Trends ablesen. Wir nehmen an, dass die gleichen Meinungsforschungsinstitute Umfragen in einem bestimmten Bundesstaat Ende September nach einer ähnlichen Methode machen, wie Mitte September und Mitte August und lesen daraus einen Trend. Wir sagen also nicht: Hillary hat heute wegen einer Umfrage des Insitituts Franklin&Marshall 47 und Trump 38%, also hat sie momentan 47 und er 38%, sondern: Hillary hatte Ende August in der Umfrage des Instituts Franklin&Marshall für Pennsylvania 5 Prozent Vorsprung und hat Ende September beim gleichen Insitut im gleichen Staat 9 Prozent Vorsprung und dieses Bild zeigt sich auch in anderen Umfragen der gleichen Insitute. Hillary scheint also auf dem Vormarsch zu sein. Lose Abfolge von Florida-Umfragen – ein Staat, den Trump unbedingt gewinnen muss: T+1, T+2, C+2, U, C+1, T+4, U, C+3, C+5, T+1, C+4, C+1, C+5. Das muss nicht alles genau stimmen, aber es hat eine Richtung und das sehen wir momentan überall auf der Landkarte.

4. Democrats ‚blue wall‘: Wer das Wahlsystem mit den 270 Stimmen im ‚electoral college‘ als Ticket fürs Weiße Haus einmal verstanden hat, für den/die ist es relativ einfach: Hillary Clinton braucht die sogenannte ‚blue wall‘ aus Staaten mit in Summe 242 Wahlmännern/frauen, die seit 1988 immer demokratisch gewählt haben plus die relative Mehrheit in Bundesstaaten mit in Summe 28 Stimmen. Das könnte zum Beispiel die Blue Wall plus Florida (29 Stimmen) sein, dann könnte sie in allen anderen knappen Staaten verlieren. Die Blue Wall wird momentan um das zu fast 50% aus Latino-WählerInnen bestehende New Mexico und um das stark in Richtung Democrats tendierende Virginia erweitert – sollte Clinton wie erwartet diese 18 Stimmen bekommen, steht sie bei 260 Stimmen fehlen nur mehr 10 fürs Weiße Haus. Und für diese fehlenden zehn Stimmen gibt es dann immer noch zumindest sieben momentan knappe Staaten mit in Summe 87 Stimmen. Soll heißen: Nach allen konventionellen Annahmen hat Clinton auf der Landkarte zahlreiche Kombinationen, die ihr zum Sieg verhelfen. Trump dagegen muss aus einer ganzen Reihe von knappen Staaten alle gewinnen und darf einige große, stimmenstarke Staaten wie Florida, Ohio oder North Carolina keinesfalls verlieren.

5. Drop the October surprise: Der republikanische US-Politikberater Roger Stone hat für morgen eine Wikileaks-Veröffentlichung angekündigt, die Clintons Kampagne beenden werde. Höchstwahrscheinlich ist das eine mittelmäßig spannende Info aus den gehackten E-Mails von Hillary oder der Democrats. Oder Stone wollte einfach zwei Tage lang in der Zeitung stehen und Zweifel über die momentan in den Umfragen davoneilende Kandidatin säen. Wäre die Veröffentlichung wirklich so dramatisch, wie Stone sie ankündigt, hätte es wahrscheinlich gar keiner Ankündigung bedürfen, die noch dazu Clintons Lager Vorbereitungszeit auf etwaige Troubles einräumt. Aber der mutmaßliche PR-Stunt steht dafür, dass immer wieder kurz vor den traditionell im November stattfindenden Präsidentschaftswahlen eine Überraschung im Oktober entscheidenden Einfluss auf den Wahlausgang nimmt. Auch das sei als relativierende Klammer um die Thesen 2, 3 und 4 gestellt, die das nach menschlichem Ermessen höchstwahrscheinliche abbilden: Nämlich dass die haushohe Favoritin auf den Einzug ins Weiße Haus Hillary Clinton heißt.

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