„ich hab hier das mikro“

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Die Online-Gemeinde feiert Sigmar Gabriel. Mich macht dieses Abfeiern skeptisch. Was ist passiert? Der deutsche Vizekanzler wurde bei einer Rede auf einer Energieeffizienz-Veranstaltung von Greenpeace-AktivistInnen gestört, die sich mit Klimaschutz-Plakaten auf die Bühne neben Gabriel gestellt hatten. Soweit, so unoriginell, so effektiv: Die Fotos waren schnell gemacht, die Logos gut sichtbar, da hätten 10 Sekunden gereicht, die Bodyguards waren unterwegs. Aber Gabriel war schlauer: Der nutzte die Gelegenheit für einen 15-minütigen Exkurs darüber, warum er recht habe und Greenpeace nicht. Und er stellte sich vermeintlich vor die DemonstrantInnen: er verstehe nicht, warum die von der Bühne geräumt werden, die Proteste seien wichtig und legitim in einer Demokratie.

Wichtiger als diese vermeintliche Akzeptanz der Proteste ist aber das „Ich hab das Mikro“ kurze Zeit später. Denn als Gabriel zu seinem inhaltlichen Rundumschlag gegen Greenpeace ausholt, bleibt er nicht bei der Wahrheit. Das stört offenbar Publikum in den ersten Reihen, es gibt Zwischenrufe. Davon lässt sich Gabriel, erst einmal in Fahrt, nicht mehr aufhalten. „Wissen Sie, das ist zwar blöd, aber ich hab nun mal das Mikro“, sagt er und fährt mit seinen Ausführungen fort, in denen er für sich reklamiert, das Allgemeinwohl und die Arbeitsplätze im Braunkohlesektor im Auge zu haben. Den AktivistInnen dagegen unterstellt er, sie würden sich nicht trauen, mit BetriebsrätInnen großer Energiekonzerne zu sprechen. („Ich treff jetzt dann die Betriebsräte von Vattenfall, trauen Sie sich da mal hin.“) Das ist legitim, das ist gute PR, da hat Gabriel aus einer verzwickten Situation für sich das Beste gemacht. Aber beim Abfeiern dieser guten Reaktion muss es sich um eine Verwechslung handeln: um die Verwechslung von guter PR und guter Politik nämlich.

Was Gabriel gezeigt hat, war eine gute Reaktion: Er hat die Intervention umgedreht und zu seinem Nutzen verwendet. Was Gabriel hier nicht gemacht hat, war gute Politik. Denn sich unter dem Vorwand der Offenheit für Proteste in Spott und Unwahrheiten über die Protestierenden hinreißen zu lassen, ist eine bewusste Irreführung. Es ist eben nur der Vorwand einer ernsthaften Auseinandersetzung mit deren Argumenten. Auf diese Auseinandersetzung muss sich Gabriel auf diesem Podium auch nicht einlassen, keine Frage. Aber so zu tun, als ob er die Auseinandersetzung suchte, um dann einen Vortrag von der Kanzel zu halten, gegen den sich die durch die Tatsachenverdrehungen des Vortragenden mutwillig Missinterpretierten nicht wehren können, ist für meinen Geschmack eben schlechte Politik. Aber vielleicht hat da ja Wolf Biermann abgefärbt.

Was Gabriels Abkanzeln der AktivistInnen betrifft wundere mich jedenfals, warum dafür von so vielen JournalistInnen und BürgerInnen Applaus kommt, die normalerweise zurecht gegen das Abkanzeln, gegen den Show-Charakter und gegen die symbolische Politik anschreiben.

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2 Gedanken zu „„ich hab hier das mikro“

  1. Zustimmung und Einspruch!
    Ja, auch mir hat vieles von dem was Gabriel an Argumenten vorgebracht hat, inhaltlich nicht gefallen. Vor allem gefällt mir nicht, dass er Kohle-Kondensationskraftwerke den Gas-KWKs, die ein Viertel der CO2-Emissionen verursachen, vorzieht.
    Was mir aber gefallen hat: Der weiß genau wovon er spricht! Er hat die Argumente parat und zwar sowohl die strategischen Argumentationslinien aber auch die technischen und ökonomischen Details. Welcher österreichische Politiker wüsste z.B. wieviel MW bis 2020 dazu gebaut werden oder aus dem Markt genommen werden. Bis auf wenige Ausnahmen wissen die meisten öst. Politiker, deren Mitarbeiter (und Journalisten) nicht mal den Unterschied zw. MWh und MW. Und ein Gefühl für kWh vs. GWh haben sie auch nicht. Als gelernter Ösi muss man Gabriels Kompetenz, die dieser Spontanauftrit (ohne Manuskript) offenbart hat, einfach beeindruckend empfinden.

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