uncle joe needs you

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Brayden Harrington, dem Joe Biden Tricks gegen das Stottern zeigte, ist einer der Stars des virtuellen demokratischen Parteitags

Joe Biden und Kamala Harris sind nominiert, der viertägige virtuelle Parteitag vorbei. Was ist da passiert? Wie wollen die Dems ihren schrumpfenden Vorsprung über die Ziellinie bringen? Ein paar Hintergründe: vier Mal zwei Stunden gratis Prime Time, das ist der Traum aller ProduzentInnen. Aber die Erwartungshaltung an die modernere und technikaffinere der beiden Parteien im bevölkerungsreichsten Industriestaat der Welt, die ist auch nicht ohne.

Die Biden-Kampagne hat sich für ein Format entschieden, bei dem RednerInnen und DiskutantInnen in unterschiedlichen Settings – in der Küche sitzend, an einem symbolischen Ort stehend oder vor amerikanischen Fahnen platziert – Beiträge liefern. Sie haben dabei viele Parteipromis und Legenden zu Wort kommen lassen, aber bewusst auch viele Normalos aufgenommen: einen stotternden Burschen, dem der Stotterer Biden beim nicht mehr stottern geholfen hat, einen Geschäftsmann aus Pennsylvania, die Tochter einer deportierten Mutter, alle möglichen Geistlichen verschiedener Religionen und Promis von den ModeratorInnen (Eva Longoria) bis zur Familie des NBA-Stars Steph Curry.

Und dann waren da noch viele RepublikanerInnen mit mehr oder weniger expliziten Biden-Wahlempfehlungen, darunter auch Schwergewichte wie Ohios ehemaliger Gouverneur John Kasich, Bushs Verteidigungsminister Colin Powell und die Cindy McCain im Namen ihres verstorbenen Ehemanns, dem 1. Obama-Gegner und (im Vgl zu Trump) gemäßigten Republikaner John McCain.

Aber langsam:

  1. Die große Erzählungen: die Dems sind ein bunter und sympathischer Haufen von Happy Warriors, die sich optimistisch um den liebenswerten Opa Biden versammelt haben. Sie sind nett zueinander, sie lachen miteinander, sie trösten einander und Joe Biden ist der einzige, der Senatorin Klobuchar nach einer Rede vor dem leeren US-Senat angerufen hat, als sie höchstens mit einem Anruf ihrer Mutter rechnete (sagt Klobuchar) und Joe Biden ist der erste, der beim Jahrestag des Attentats auf den Boston Marathon direkt auf den Schmerz der Hinterbliebenen einging (sagt Warren) und Joe Biden ruft dich auch wirklich fix an, wenn du ihm seine Nummer gibst (sagt seine Tochter). Das alles inmitten von fröhlichen, gut gelaunten Menschen aller Altersgruppen und Hautfarben, die sich des Ernstes der Lage bewusst sind und einen empathischen Leader brauchen. Der kann das deswegen besonders gut, weil er seine erste Frau und Tochter bei einem Autounfall und einen Sohn an eine Krankheit verloren hat: „Heal this Nation“, sagt Biden und man glaubt ihm das. Die offene Freundschaft mit rassistischen Republikanern und ein ihm vorgeworfener sexueller Übergriff sollen hier nicht verschwiegen werden, sie waren aber naheliegenderweise nicht Teil der demokratischen Inszenierung am Parteitag.

    2) Der Inhalt: diese Erzählung hat neben dem Fokus auf Bidens Stärken den großen Vorteil hat, dass sie keine verbindlichen inhaltliche Ansagen in irgendeine Richtung notwendig machen. Biden ist ein sympathischer und erfahrener Mann und er ist nicht Donald Trump (den kaum jemand am Parteitag namentlich erwähnt hat), das ist die größtmögliche Klammer um potenzielle demokratische WählerInnen. Das sind im besten Fall 55%, im schlechtesten Fall nur knapp über 45% und dazwischen spielt sich die Frage ab, wer Präsident wird und wer die beiden Häuser des US-Parlaments kontrolliert. Mit jeder inhaltlichen Ansage darüber hinaus, wäre die WählerInnenkoalition der DemokratInnen kleiner geworden, so das vermutlich evidenzbasierte Kalkül der demokratischen StrategInnen. Statt Gesundheitsversicherung für alle Covid zum wichtigen Thema Health Care. Statt Reparationszahlungen an NachfahrInnen von SklavInnen viel Black Lives Matter Spirit. Statt Green New Deal viel Save the Auto Industry: ja, die DemokratInnen setzen auf die stark industriell geprägten Staaten des Mittleren Westens, das wird am Programm des Parteitags offensichtlich. Biden verlässt die leere Halle, in der er seine Nominierungsrede hält, in Richtung eines Parkplatzes, auf dem US-Fahnen schwenkende PKW stehen, die sich die Rede im Autokino-Format angeschaut haben.

    3) Der Weg in den November: Zwei Trümpfe haben die DemokratInnen jetzt ausgespielt: die Vizepräsidentschaftsnominierung und der Parteitag geben üblicherweise kleine positive Bounces in den Umfragen. Biden&Co brauchen das auch, denn wie zu erwarten war, werden die Umfragen werden knapper. Das liegt (immer) daran, dass AnhängerInnen der weniger beliebten Partei sich in Richtung Wahltag dann doch deklarieren – und zwar meist in Richtung ihrer eh immer schon Partei. Umso wichtiger wäre eine Unterbrechung dieses Trends der sich schließenden Umfrage-Lücke. Denn schon nächste Woche steht der republikanische Parteitag an, bei dem Trump erzählen wird, dass mir Biden ein Mob das Land übernimmt, der Vorstädte zu Ghettos umwandeln, die Polizei und das Militär abschaffen und allen Menschen ihre private Krankenversicherung nehmen will. Dass diese Erzählung nicht greift, dafür haben die Dems mit ihrer Happy Warrior/Grandpa Joe – Inszenierung alles ihnen Mögliche getan. Die nächste Chance, wichtige Punkte vor Massenpublikum zu machen, sind die TV-Debatten ab 29. September. Stand heute: 3x Trump vs Biden, 1x Pence vs Harris.

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