chronologie einer projektion

1. Dezember 1966, Bonn: Kurt Georg Kiesinger wird Bundeskanzler, der erste einer großen Koalition. Das Problem daran: Kiesinger war hochrangiger Beamter im Reichsaußenministerium gewesen und bereits 1934 NSDAP-Mitglied geworden. Das sieht auch Günther Grass so: „Wie sollen wir der gefolterten und ermordeten Widerstandskämpfer, wie sollen wir der Toten von Auschwitz und Treblinka gedenken, wenn Sie, der Mitläufer von damals, es wagten, heute hier die Richtlinien der Politik zu bestimmen?“ 40 Jahre voller politisch-moralischem Engagement später gibt Grass zu, dass er selbst SS-Mitglied gewesen war. Drei Tage später erscheint sein Roman „Beim Häuten der Zwiebel“.

7. März 1991, Tel Aviv/Ramat Gan: Scud-Raketen aus dem Irak schlagen in Wohngebieten ein. Saddam Hussein versucht verzweifelt, Israel in den Zweiten Golfkrieg hineinzuziehen, um die arabische Koalition seiner Gegner zum Bröckeln zu bringen. In Berlin fragt der israelische Friedensaktivist Yaram Kaniak bei einer Diskussionsveranstaltung den über den Weltfrieden referierenden Günther Grass, warum er bei den Demonstrationen vor deutschen Firmenzentralen fehle, in denen das Gift für die irakischen Scud-Raketen hergestellt wird, die auf Ramat Gan und Tel Aviv fliegen. Grass redet von da an nur mehr an Kaniuk vorbei ins Publikum, redet von „Blut für Öl“ und von der Unterdrückung der PalästinenserInnen. Kaniuk erinnert sich: „…nach etwa zwanzig Minuten also kam der Junge zum Vorschein, der einst der Hitlerjugend angehört, jener junge Mann, der tief fliegende amerikanische Flugzeuge beschossen hatte; die Blechtrommel verwandelte sich in jemand anderen, in eine Stahltrommel vielleicht … Zum Schluss fiel alles ab und wurde vom Winde verweht, wir blieben dort nackt, ich war mein Großvater, er sein Großvater, der Deutsche gegen den Juden.“

26. August 2011, Tel Aviv: In einem Interview mit dem deutschen Historiker Tom Segev spricht Grass von 6 Millionen (!) Deutschen, die im Zweiten Weltkrieg als Kriegsgefangene liquidiert (!) worden wären – im Original: Grass: „My book ‚From the Diary of a Snail‘ also deals with the Holocaust, and I am happy to say that my grandchildren are taking an interest in the period of Nazism.“ – Segev: „In the Holocaust?“ Grass: „Also. But the madness and the crime were not expressed only in the Holocaust and did not stop at the end of the war. Of eight million German soldiers who were captured by the Russians, perhaps two million survived and all the rest were liquidated.“ Tatsächlich haben von etwa 3 Millionen deutschen Kriegsgefangenen etwa eine Million nicht überlebt. Die deutschen Kriegsgefangenen sind großteils, ebenso wie die sowjetische Zivilbevölkerung in diesen Regionen, verhungert.

4. April 2012, München: Ein in der „Süddeutschen Zeitung“ veröffentlichtes Gedicht bezeichnet Israel als die Bedrohung für den Weltfrieden und als atomare Vernichtungsbedrohung für den Iran. Verantwortlich dafür sei ein von Deutschland nach Israel zu lieferendes U-Boot, von dem aus auch Atom-Sprengköpfe abgeschickt werden können. Die „Dolphin“-Boote besitzen allerdings nur Zweitschlag-Kompetenz. Den iranischen Präsidenten Mahmud Ahmadi-Nejad, der Israel mehrmals mit der physischen Vernichtung gedroht hatte und dessen autoritäres Regime gerade an der Entwicklung von Atomwaffen arbeitet, verharmlost der deutsche Dichter Günther Grass als „Maulhelden“.

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