
Zwei Aufgaben hatte Kamala Harris in der TV-Debatte der US-PräsidentschaftskandidatInnen, die eben nach 100 Minuten zu Ende gegangen ist: Trump mit harten Fakten zu provozieren und gleichzeitig selber wie eine gute zukünftige Präsidentin auszusehen. Ich habe eine Debatte gesehen, in der beides gelungen ist.
Trump dagegen hatte die Aufgabe, sich nicht provozieren zu lassen – er vermied es dazu konsequent, Harris in die Augen zu schauen und ihren Namen zu nennen. Ungezählte Male zeigte er ohne einen Blick auf die andere Seite der Bühne und sagte „she“. Der Rat seiner Berater*innen, er möge „Happy Trump“ zeigen, ging trotzdem ins Leere: Trump war 100% Trump: Wütend, lügend, genervt, auf jede Frage eine Antwort zu einem anderen Thema gebend.
Man muss die Voraussetzungen sehen: Eine exzellent vorbereitete, disziplinierte, hochintelligente Frau und ein um sich schlagender, in einer Tour lügender Mann standen sich da gegenüber. Sein Job war nur, nicht zu böse und gemein zu sein. Ihrer war, in 90 Minuten Live-Fernsehen keinen einzigen Fehler zu machen und ihn aus der Reserve zu locken. Harris hat ihren viel schwierigeren Job gemacht. Er seinen nicht.
Wir werden das nicht gleich in den Umfragen sehen. Aber es gibt ein paar Stories, die neben bekannten Positionen und dem Eindruck einer sehr starken Präsidentschaftskandidatin, aus dieser Debatte hervorgehen.
1) Trump hat nicht nur genervt ignoriert, als Harris von Frauen erzählt hat, die verbluten, weil ihnen die Behandlung einer Schwangerschaftskomplikation verweigert wird. Trump hat auch, im Gegensatz zu seinem Vize auf die gleiche Frage, offen gelassen, ob er ein Veto gegen eine Ausweitung des Schwangerschaftsabbruchs-Verbots auf alle Bundesstaaten einlegen würde, oder nicht. Hier ist der Großteil der Öffentlichkeit auf Seite der Demokrat*innen und die offen gelassene Frage zieht eine Debatte weiter, die Trump und Vance schadet.
2) Trump hat auf keinen einzigen Vorschlag, den Harris ausgeführt hat, reagiert: Nicht auf die Pläne, mehr Häuser für junge Leute zu bauen. Nicht auf die Steuergutschrift für kleine Unternehmen. Nicht auf ein millionenschweres StartUp-Paket. Großer Bogen: Trump verlässt sich auf die Wahrnehmung seiner Präsidentschaft, Harris blickt nach vorne. Das sind gezielte Botschaften, die Harris auch immer direkt in die Kamera geliefert hat. Diese Punkte dürften eher etwas bewegen, als das Austauschen bekannter Positionen zur Außenpolitik und zur wechselseitigen Wahrnehmung der Misserfolge des Gegenübers.
3) Die Metaebene zählt: Natürlich ruft diese Debatte die letzte Debatte zwischen Biden und Trump in Erinnerung. Viel wird deshalb darüber gesprochen werden, wieviel besser Harris als Biden war. Und wieviel undisziplinierter und aggressiver Trump gegenüber Harris aufgetreten ist. Wir werden viele Daten dazu bekommen, ob die Debatte Harris bei jenem Drittel der Bevölkerung, das sie laut Umfragen noch nicht gut genug kennt, bekannter und beliebter gemacht hat. Und weil das viel leichter zu berichten ist, als komplexe inhaltliche Fragen, wird das einen guten Teil der Berichterstattung ausmachen. Und diese generellen Haltungsnoten dürften in der politischen Mitte gut für Harris ausfallen. Erste Hinweise haben wir: Ein etwas stärker republikanisches Publikum als die allgemeine Bevölkerung, hat bei einer CNN-Umfrage gefunden, Harris habe die Debatte mit über 60:40 gewonnen. Das ist deutlich.
Diese Debatte wird, entgegen der medial gefütterten Erwartungshaltung, keine Massen bewegen. Amerikanische Präsidentschaftswahlen sind seit 30 Jahren immer knapp, innerhalb weniger Prozent. Es wird auch dieses Mal so sein. Aber es kann gut sein, dass wir in ein paar Tagen sehen, das Harris ihre Führung in den Umfragen ausbaut und dass noch einmal ein Ruck zu Gunsten von Harris durch das Land geht, was Spendenaufkommen und Mobilisierung angeht.