
Ok, aufgepasst: Das ist für die Mehrheit der in und um die Politik und in und um Medien arbeitenden Menschen ein harter Schlag.
Das Leben der meisten Menschen dreht sich nicht um Politik, Zeitungen und Magazine. Sie sind auch keine full-blooded Fans von Partei A, Zeitung B oder Kolumnistin C. Die meisten Menschen wählen ihre Partei oder lesen ihr Medium auch nicht aus voller Überzeugung und finden alles super, kleben sich ein Plakat von der Spitzenkandidatin oder vom Chefredakteur ins Schlafzimmer und freuen sich schon auf den morgigen Newsletter oder den Leitartikel.
Politik & Medien sind für sie mehr oder weniger Beiwerk. Sie würden Politik & Medien auf einer Liste der wichtigen Dinge in ihrem Leben auf Platz 7-9 reihen, hinter * mein Kind schießt das erste Tor im U9-Halbfinale * die Oma kriegt endlich einen Platz im guten Pflegeheim * wir haben bei den 25%-Wochen in unserer Stammunterkunft zugeschlagen * der Wirt im Dorf hat endlich einen neuen Pächter gefunden * der Kassenarzt hat schon nächste Woche Zeit für den schmerzenden Zahn * der Kindergarten hat eine Sommergruppe aufgemacht und vielen weiteren viel alltäglicheren, unmittelbareren und einem weniger komplex ausgestalteten Entscheidungsmechamismus folgenden Dingen.
Die Mehrheit der Wähler*innen liest nicht nur keine Wahlprogramme. Sie würden auch keine unterstützen. Sie finden Punkt 3, 5 und 7 der Konservativen super aber Punkt 2 und 8 richtig reaktionär. Sie stimmen der Präambel des grünen Programms zu aber spinnen die im Verkehrskapitel komplett? Die Blauen haben schon auch recht bei Punkt 4, 7 und 9 und wenn die Sozis nur mehr endlich wieder Sozis wären. Und die Liberalen sind zwar weird, aber die Spitzenkandidatin, die taugt ihnen einfach schon und manche wählen sie nur deshalb.
Long Story Short: Wahlmotive sind komplexer, unübersichtlicher, irrationaler und spontaner, als das jeder Parteizentrale recht sein kann. The proof is in the pudding: Sarah Longwell und Tim Miller sind Republikaner*innen und sie tun seit Jahren kaum etwas anderes, als Wechselwähler*innen zuhören. Und sie erzählen im „Pod save America“-Podcast die für Politik- und Medienbetriebsleute verrücktesten Geschichten, wie Menschen zu ihren Wahlentscheidungen kommen.
Aber sie haben einen zentralen Punkt, an dem alle einhaken könnten, wenn sie wollten. Spiel dein Thema nach vorne, dann gewinnst du. Nicht das der anderen. Nicht deine Position zum Thema der anderen. Nicht deines als perfekte Symbiose zwischen Themen A, B und C. Sie sagen, mit viel Evidenz ausgestattet: Wenn die Wechselwähler*innen in den USA im November beim Wählen an die Selbstbestimmung von Frauen und an den Putschversuch vom 6. Jänner denken, gewinnen die Demokrat*innen. Wenn die gleichen Wähler*innen beim Wählen mehrheitlich an die Wirtschaftslage und Amerikas Platz auf der Welt denken, dann gewinnen die Republikaner*innen.
Das deckt sich mit der jahrelangen Arbeit zu Value Shifters in Österreich, die „Foresight“, früher „Sora“, macht: Stärkste Evidenz – im zu zwei Dritteln ÖVP & FPÖ wählenden Oberösterreich war während der starken Zuwanderung aus Syrien sowohl die Zustimmung zu klassisch rechten Thesen dazu, als auch jene zu klassisch linken Thesen dazu, mit einer deutlichen Mehrheit ausgestattet.
Was heißt das in der Ableitung? Parteien haben einen starken Markenkern, daran wird ihre Glaubwürdigkeit gemessen, da müssen sie stabil sein, da dürfen keine Fehler passieren, wenn sie da was verbocken, tut das richtig weh. Blaue, die Champagner auf Staatskosten saufen? Schädigt den Markenkern. Rote an der Cote d‘ Azur oder mit protzigen Uhren? Tut weh. Grüne überholen mit 170 auf der Autobahn oder betrieben Rufmord an Journalist*innen? Just don‘t. Schwarze haben Nebenfamilien und Nebenkinder? Stramme Republikaner pflegen erotische Beziehungen zu Einrichtungsgegenständen? Demokratinnen tun Selbiges mit Praktikant*innen? Geht gar nicht.
Umgekehrt gesehen: Wenn die öffentliche Debatte in den Wochen vor der Wahl auf dein Leibthema schwenkt, dann gewinnst du das auf jeden Fall. Spielst du auf fremdem Feld und versuchst, als Konservative*r der/die bessere Linke*r zu sein oder du meinst, als Linke*r nur weit genug nach rechts rutschen: Das geht nicht auf, das geht sich nicht aus.
Die Herausforderung besteht also darin, weniger missionarisch bei den Themen der Anderen zu sein, als die eigenen Themen so kreativ, geistreich, scharf, evident untermauert und mutig zu bringen, dass die dafür zu habenden Wähler*innen zu dir aufspringen, auch wenn sie eigentlich mehr Überschneidungen mit jemand anderen haben oder große Teile deines Programms nicht unterschreiben würden.
Das klingt so banal: Aber mit Blick auf die Wahlen in Österreich und Deutschland, hab ich nicht den Eindruck, dass das irgendwer verstanden hat. Die Evidenz ist klar, die Massen sind bewegbar, die Mehrheiten verschiebbar. Man muss nur – und ich weiß, schwierige Übung – konsequent, bei sich und sehr klar formulieren und vorgehen. Dann sind absurderweise in Mehrparteiensystemen die tollsten oder die schrecklichsten Verschiebungen möglich – und in den USA verschiebt der richtige Fokus die Präsidentschaft und den Kongress mit nur 3% Swing komplett nach ganz rechts oder in die linke Mitte.
Totally unrelated: Wir können das nicht alleine lösen, aber wir haben einen klaren Blick auf die Evidenz & ein paar gute Werkzeuge. One voice can change a room & wir können helfen, das Ziel im Auge zu behalten & die Komplexität von Wahlentscheidungen abzubilden & zu beeinflussen.