was wir wissen und was wir nicht wissen

Viele fragen mich „und gewinnt der Biden das jetzt“. Menschen, die die Umfragen nicht kennen, gehen fast automatisch davon aus, dass Trump trotz allem wiedergewählt wird. Und viele von denen, die die Umfragen kennen, glauben sie nicht. Deswegen ein kurzer Überblick über Dinge, die wir wissen und die wir nicht wissen.

  1. 1. Umfragen: Wir wissen, dass Joe Biden das ganze Jahr über hohe Führungen in fast allen Umfragen hat. Das Ausmaß verhält sich proportional zu den Covid-Zahlen: am stärksten waren Bidens Zahlen am Höhepunkt der ersten Welle und als Trump selbst mit Covid im Spital war. Die Umfragen waren 2016 nicht so weit weg, wie im Nachhinein behauptet und man kann davon ausgehen, dass die Institute aus ihren Fehlern gelernt haben. Deshalb sagen uns die Umfragen: Joe Biden wird das mit einer Wahrscheinlichkeit von 90%+ gewinnen.
  2. 2. Die Wahlbehinderung: Je weniger Menschen wählen, desto besser für die RepublikanerInnen: sie haben nämlich mehr StammwählerInnen, die auf jeden Fall hingehen. Ihre Wählerschaft ist grundsätzlich älter, Weißer und lebt am Land. Es macht deswegen Sinn, den StädterInnen das wählen nicht allzu leicht zu machen. In republikanisch regierten Bundesstaaten gibt es deshalb in den Städten sehr wenige Wahllokale und sehr strenge Regeln, was die Korrektheit von Briefwahlstimmen betrifft. Da gibt es stundenlange Schlangen vor Wahllokalen und da gibt es tausende Briefwahlkarten, die wegen verrutschter oder nicht genau mit der amtlichen Aufzeichnung zusammenpassenden Unterschrift, nicht gezählt werden. Wir wissen noch nicht, wie viele WählerInnen das vom Wählen abhält. Aber wir wissen, dass solche Methoden knappe Rennen entscheiden können. Deshalb haben beide Seiten eine Armee von AnwältInnen in den wichtigsten Bundesstaaten, die den Wahlprozess begleiten und Einsprüche machen bzw. zurückzuweisen versuchen. In einem klaren Rennen, so wie die Umfragen aussehen, spielt das keine Rolle. Ein knappes Rennen kann die Wahlbehinderung – voter supression – entscheiden.

3. Auf welche Staaten schauen? Die ersten umfangreichen Ergebnisse werden aus Florida kommen: denn dort gibt es keine Nachzählfrist für Briefwahlstimmen und die dürfen schon vor Wahlschluss gezählt werden. Weil Florida noch dazu in der frühesten Zeitzone ist, wäre das der frühestmögliche entscheidende „Call“ der Wahlnacht: Wenn Joe Biden bei 70% ausgezählten Stimmen in Florida um 3 Uhr morgens unserer Zeit so weit vorne läge, dass die Medien Florida als für ihn entschieden sehen, dann ist sein Einzug ins Weiße Haus bei einer Wahrscheinlichkeit von 95%. Aber Achtung, auch das sind noch keine 100%. In normaleren Wahljahren haben die Bundesstaaten eine recht klare Reihenfolge ihres Kippens in die eine oder andere Richtung. Wenn Florida blau ist, dann muss Michigan auf jeden Fall auch blau sein, weil Michigan normalerweise blauer ist als Florida. Das ist dieses Jahr nicht so: Das früher tiefrote Texas könnte blau werden und das tiefblaue Minnesota ist noch nicht fix für Joe Biden gebucht. Also ein schwerer zu überblickendes Feld in diesem Jahr.

4. Wahlbeteiligung: wir wissen, dass 10-15 Millionen Menschen mehr als 2016 wählen werden. Das sind über 10% mehr Wahlbeteiligung. Das werden ja wohl Menschen sein, die den Ernst der Lage für die Demokratie erkannt haben und Trump abwählen wollen? Oder doch Menschen, die durch Trump erst politisiert worden sind und die USA jetzt great lassen wollen? Das wissen wir nicht, weil bei weitem nicht alle Bundesstaaten eine Registrierung nach Parteizugehörigkeit vornehmen. Die Trends einer ganz starken Zunahme junger WählerInnen unter den Neuen ist ein Hinweis auf eine demokratische Welle innerhalb der Neu-WählerImnen. Aber wir haben auch in manchen ländlichen Regionen der Swing States im Mittleren Westen besonders große Sprünge in der erwarteten Wahlbeteiligung. Wir wissen also nicht verlässlich, wie sich diese 10% zusätzlichen WählerInnen auswirken – aber wir wissen, dass die Frage, ob sie sich 6:4 oder 4:6 aufteilen, über die Kontrolle des Weißen Hauses und des Senats entscheiden kann.

Es bleibt also spannender, als viele gerne hätten. Wer etwas über die letzteren Gegenden wissen will und darüber, warum die einst demokratisch-gewerkschaftlich kontrollierten Gegenden jetzt Trump Country sind und was die DemokratInnen dagegen tun können – der Kurier hat mich in seinem Podcast dazu befragt: https://kurier.at/podcasts/daily/podcast-das-ende-des-american-dream/401075865?fbclid=IwAR15F45Qe19oKycdRrfl41hzYHdMDdmrnmrq8F54bksiMET6T3nfYgcGvJw#click=https://t.co/0tmOeogQFB

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