wann zur hölle ist „vorkämpferin“ ein schimpfwort geworden?

serena

Man kann von Serena Williams harter Auseinandersetzung mit dem Schiedsrichter, von dem sie sich am Samstag mehrmals ungerecht behandelt und schließlich nach Punkt- und Game-Abzug um ihre Chance auf den US Open gebracht fühlte, halten, was man möchte. Man kann ihren Zorn über die ihrer Meinung nach falsche Unterstellung, sich am Spielfeld coachen haben zu lassen, verstehen oder nicht. Man kann ihr Bemühen um einen guten Verlauf der Siegerinnenehrung sehen oder nicht. Man kann hinhören, wenn Serena Williams bei der Pressekonferenz erklärt, männliche Spieler wären trotz schlimmerer Beschimpfungen eines Schiedsrichters als „Dieb“ nicht bestraft worden. Man könnte sich zur Sicherheit Männer-Spiele wie das Finale heute Nacht anschauen und feststellen, dass Novak Djokovic ununterbrochen und ohne Verwarnungen die Aufschlag-Zeit überschreitet und Blick- und Zeichenkontakt mit seinen Coaches hat.

Man könnte fragen, ob die Rolle des Unparteiischen neben Regeleinhaltung auch in Deeskalation und im Bemühen darum besteht, dass der Sport und die Sportlerinnen im Mittelpunkt stehen und nicht der Schiedsrichter selbst. Man kann Serena Williams Geschichte in seine Überlegungen mit einbeziehen und ihren Erläuterungen, warum sie die ihrer Meinung nach unfaire Unterstellung, geschwindelt zu haben, so rasend macht. Man kann berücksichtigen, dass der Veranstalter der US Open Serena Williams das Tragen ihrer aus medizinischen Gründen angefertigten Catsuit verboten und sie zum Röckchen tragen gezwungen hat. Man kann die folgende Diskussion über absurde Bekleidungsvorschriften für Frauen im Profisport bei gleichzeitiger Wurschtigkeit gegenüber Männerbekleidung relevant finden für die Auseinandersetzung der besten Tennisspielerin aller Zeiten mit einem schon mehrmals negativ aufgefallenen Schidsrichter. Man kann nach dem allen immer noch finden, das Serena Williams sich nicht wie ein Champion verhalten hat.

Nur eines kann man nicht: Man kann Serena Williams nicht mit Mesut Özil in einen Topf werfen, wie im Leitartikel der heutigen Tiroler Tageszeitung geschehen. Serena Williams hat keinen Despoten getroffen. Serena Williams hat in dieser Auseinandersetzung keinen Rassismus beklagt, sondern Sexismus. Wer das nicht zu unterscheiden mag, sondern den einen („Herr Özil“) und die andere („Frau Williams“) und ihre so unterschiedlichen Kämpfe despektierlich („geriert sich als Vorkämpferin für Frauenrechte„) in einen Topf wirft, will Rassismus und Sexismus nicht unterscheiden, sondern versteigt sich als von beiden Diskriminierungen nicht Betroffener zu einem Urteil. Da passt es, dass der Autor als Überschrift zu seinem Verriss „Wenn Vorbilder zu Vorkämpfern werden“ wählt und das offensichtlich betrauert. Als schweigende Bilder sind die beiden einer Minderheit angehörenden SportlerInnen offenbar akzeptiert. Als sprechende KämpferInnen nicht.

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