von chefreportern und werbefuzzis

Man könnte es als Provinz-Farce abtun, wenn’s nicht gar so symptomatisch wär für den Umgang von Medien und Politik und für das Selbstverständnis der samt und sonders männlichen Chefreporter und Chefredakteure, die ich in meiner Zeit als Pressesprecher bei den Tiroler Grünen kennenlernen musste. Seit Tagen schreibt die Tiroler Tageszeitung, dass der Tiroler SPÖ-Chef Hannes Gschwentner das Handtuch werfen, den Parteivorsitz zurücklegen und damit wohl ein anderer oder eine andere 2013 versuchen wird, das magere Wahlergebnis von 15% der letzten Landtagswahl zu verbessern. Und siehe da, nach einer Woche Namedropping und jeden Tag neuen Gerüchten, die dem Chefreporter der Tiroler Tageszeitung zu Ohren gekommen sind, eine self-fulfilling prophecy: Gschwentner zieht tatsächlich die Reißleine. Fragt sich nur, ob’s der Druck aus der SPÖ war. Oder der, den Bestimmte aus den eigenen Reihen gemeinsam mit der größten Zeitung des Landes aufgebaut haben.

Lustig ist das nämlich schon: Chefreporter Nindler fallen immer nur Männer ein, auf die die SPÖ nicht verzichten kann und immer nur Frauen, die auf der Abschussliste stehen. Hans-Peter Bock und Lisa Jenewein sind außerhalb des Tiroler Landtags-Sitzungssaals wohl nicht bekannt, sie stehen auch fast nie in der Zeitung. Trotzdem ist der Mann laut Nindler unverzichtbar und hinter der Frau steht ein großes Fragezeichen. Landtagspräsidentin Gabi Schiessling kennt der Tiroler und die Tirolerin außerhalb der Schreibstuben schon eher. Trotzdem muss sie laut Nindler an der Spitze der Innsbrucker SPÖ demnächst für den unverzichtbaren Besitzer einer eher unauffälligen Werbe-Agentur Platz machen. Außerdem auch noch unverzichtbar laut Chefreportage: Der rote SPÖ-Bürgermeister von Absam. Als wäre es nicht Job genug, eine 7.000-EinwohnerInnen-Gemeinde gut zu regieren.

Letzten Dienstag startet Nindler mit einer sogenannten Analyse in sein Special zur SPÖ-Krise. Gschwentner müsse entweder gestärkt aus dem Parteivorstand herausgehen, oder den Parteivorsitz und damit die Spitzenkandidatur für 2013 abgeben, so die Ankündigung des Chefreporters. Auf Seite 4 gleich unauffällig mit großem Foto platziert: Der unverzichtbare Kandidat der unauffälligen Werbeagentur. Thomas Pupp, optisch eine Mischung aus gealtertem Hinterseer und jungem Jagger und Chef jener Fraktion, ohne die man schon seit Jahrzehnten in der SPÖ nichts mehr werden kann: der Naturfreunde. In den nächsten Tagen folgen weiteres Namedropping und Spekulationen ohne Ende. Heute, finale Print-Meldung vor dem Parteivorstand: Auf der Titelseite steht, Gschwentner könnte gehen, will aber auf jeden Fall neue Gesichter. Wer das sein könnte: Richtig erraten: Der Chef der unauffälligen Werbe-Agentur. Der hat übrigens ein Hobby: Er veranstaltet jedes Jahr ein Polit-Film-Festival in Innsbruck. Das einzige Medium, das finanziell unter die Arme greift, ist die Tiroler Tageszeitung. Und Stammgast als Moderator am Podium bei der Veranstaltung von Pupp ist Peter Nindler.

Gschwentner hat im Trommelfeuer der letzten Woche irgendwann gesagt: Ja, zehn Jahre regieren ist anstrengend. Ich weiß nicht, ob ich mir das noch weiter antun will. Vielleicht hält er auch die Chefreporter und Chefredakteure nicht mehr aus. Ich könnt’s ihm nicht übel nehmen.

Mit der Tiroler Tageszeitung und ihren Alphawölfen hab ich mich übrigens schon einige Male angelegt, etwa hier, hier und hier. Sie haben’s gedankt, in dem sie mir aus dem Weg gegangen sind und sich bei meinen Chefitäten ausgetobt und ausgejammert haben. Große Chefs, ganz klein.

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2 Gedanken zu „von chefreportern und werbefuzzis

  1. „Genosse“ Gschwentner und die TT haben etwas gemeinsam: Sie werden immer weniger beachtet. Bei beiden nicht verwunderlich. Gschwentner geht endlich. Wann folgt die TT?

  2. Gschwentner geht – wann folgt die TT (Tiroler Tageszeitung)?
    Beide sind höchst überflüssig. Gschwentner ist kein Sozialist, nicht mal ein Sozialdemokrat (nicht vergessen: „Jetzt aber flott“ hieß sein Slogan bei den letzten Wahlen, auf einem Motorrad).
    Und die Tiroler Tageszeitung hat mit einer Zeitung so viel zu tun wie ein Murmeltier mit einem Landeshauptmann – nein, noch weniger.

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